21.04.2009

Warum die „Free Tibet“-Bewegung die Kinderseelen anspricht

Von Sabine Beppler-Spahl

Was hat Naivität mit Mut zu tun, und ist das Deutsche Kinderfernsehen der Free-Tibet Bewegung beigetreten? Der ARD-Kinder-Reporter Willi Weitzel jedenfalls gab im März der Berliner Zeitung ein großes Interview „über den Mut, naiv zu sein“. Hierfür ließ er sich mit einem „Free Tibet“-Anstecker ablichten.

Das hat Tradition: Ein Jahr zuvor, im März 2008, strahlte die WDR Kinder-Nachrichtensendung „neuneinhalb“ eine Reportage mit dem Titel „Tibet – warum wird dort gekämpft?“ aus. Das Bild, das die Sendung vermittelte, war eindeutig: Die Chinesen waren die Schlagstock schwingenden, tötenden, identitätslosen Soldatenhorden, die Tibeter die freundlichen, lachenden Mönche. Die Sendung, schrieb ein Kritiker auf der WDR Homepage zutreffend, sei gründlich misslungen. Trotz kindgerechter Darstellung sei sie zu einer Propagandaschau gegen China und die Chinesen missraten und könne nur dazu dienen, Hass auf eine Nation zu schüren.

Gibt es einen Grund für die Tibet-Affinität (und China-Feindlichkeit) deutscher Kindernachrichtenstars? Hier eine These: Vielleicht wird kindgerecht mit kindisch-naiv verwechselt? Statt zu überlegen, wie man Kindern komplexe Zusammenhänge nahe bringt, ohne sie zu überfordern, reduziert man das eigene Denken auf ein einfaches Schwarz-Weiß Schema. Die Kinderfernsehmacher glauben wirklich, Tibet sei ein magisches Königreich. Sie identifizieren sich mit den Tibetern, weil sie in ihnen tatsächlich die kindlich, unschuldigen Wesen sehen, die noch nicht von der Welt der Erwachsenen und der Zivilisation verdorben wurden. Der idealisierte tibetische Feudalismus mit seiner Mystik und Spiritualität ist schon lange eine Projektionsfläche für all diejenigen geworden, die von der Moderne desillusioniert sind. Diese metaphorische Bedeutung Tibets, die wenig mit der tatsächlichen Realität und der Geschichte des Landes zu tun hat, ist umso stärker und populärer, da China als der Inbegriff des rücksichtslosen Kapitalismus und der gottlosen Modernen gesehen wird.

Die Tragik ist, dass man damit unseren Kindern nicht nur Vorurteile mit auf den Weg gibt: Auch den Tibetern nützt es für ihren Kampf für Selbstbestimmung wenig, wenn sie infantilisiert und zu reinen Objekten des Mitleids abgestempelt werden. Der große Erich Kästner, der immer Wert darauf legte, dass seine Kinderbücher einen Bezug zum realen Leben hatten, warnte einst davor, die Kinderliteratur den Kinderbuchautoren zu überlassen. Ich glaube, er hatte recht: Wer Bücher oder Sendungen für Kinder macht, sollte sich genau überlegen, wie er als Erwachsener zu den Themen steht.