06.05.2010

Wachstum ohne Grenzen

Von Thomas Deichmann

Mit dem „Alternativen Kopenhagen-Manifest“ in der letzten Ausgabe NovoArgumente105 (3-4 2010) haben wir einen wunden Punkt getroffen.

Mit dem „Alternativen Kopenhagen-Manifest“ in der letzten Ausgabe NovoArgumente105 (3-4 2010) haben wir einen wunden Punkt getroffen. Die Deutsche Umweltstiftung hatte eine Replik zugesagt. Geliefert wurde sie nicht. Andere grün orientierte Institutionen sagten von vornherein eine Diskussionsteilnahme ab. Offenbar interessieren Fragen der Zukunftsgestaltung jenseits ökologistisch-nachhaltiger Phrasen nicht nur in der offiziellen Politik wenig, sondern auch in weiten Teilen der „Zivilgesellschaft“, die in den vergangenen Jahren eine Industrie von Beratern, Gutachtern und anderen Nutznießern populärer Angstfantasien und begleitender Verzichtsdogmen errichtet hat. Deren Öko-Konservatismus boomt. Über seinen morbiden Charakter kann auch nicht hinwegtäuschen, dass er ein grünes Fortschrittsmäntelchen trägt. Zum gesellschaftlichen Konsens konnte das Bild des destruktiven und naturzerstörenden Menschen nur werden, weil traditionell linke wie rechte Kräfte ihre alten Orientierungen verloren haben und lähmende Machbarkeitsskepsis das entstandene geistige Vakuum gefüllt hat. So trommelt in Berlin ein „Progressives Zentrum“ für eine „ökologische Politik der linken Mitte“, während in Frankfurt das „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ mit ganz anderen Wurzeln die reale Wirtschaftsleistung als Maßstab des gesellschaftlichen Erfolgs für obsolet erklärt.

Ein auf Konsumverzicht und wirtschaftlichen Stillstand ausgerichtetes Lebensmodell hat inzwischen fast alle Gesellschaftsbereiche infiziert. Selbst in Industriekreisen finden sich heute nur wenige, die resolut für Wachstum und entsprechende politische Weichenstellungen werben. Die Wertschätzung wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns und technischen Fortschritts ist in der Vergangenheit bereits nachhaltig untergraben worden. Nun geht es unserer Erwartungshaltung gegenüber wirtschaftlicher Aktivität als Unternehmer oder Werktätiger an den Kragen. Darum dreht sich die neue Ausgabe unseres Debattenmagazins.
Alexander Horn beschreibt in seinem Beitrag „Der schleichende Tod des Wirtschaftswachstums“ (S. 58), wie die offizielle Wirtschaftspolitik den schleichenden Niedergang unseres Wirtschaftsstandorts vorantreibt – im Debattenforum „Aufbruch nach vorn!“ ist der Text zur Diskussion freigegeben. Dass es auch andere Ansätze gibt, verdeutlicht Brendan O’Neill mit seinem Artikel „China: Kohle fördern, Kreide fressen?“ (S. 52). Daniel Ben-Ami relativiert mit „Es gibt kein Wohlstands-Paradoxon“ die banale These, wirtschaftliches Wachstum allein mache Menschen nicht glücklich (S. 63). Und Thilo Spahl räumt mit dem gebetsmühlenartig vorgetragenen Märchen auf, wir müssten angesichts begrenzter natürlicher Ressourcen unser materielles Anspruchsdenken ad acta legen – der Titel seines Beitrags lautet „Natürliche Ressourcen gibt’s endlos!“ (S. 26).

Mit „Missbrauch als Epidemie“ von Sabine Beppler-Spahl, „Widerrechtliche Jagd auf Steuerhinterzieher“ von Kai Rogusch, „Südafrika 2010: optimistische Ernüchterung“ von Barbara Off, „Scheinmoral gegen den freien Kapitalverkehr“ von Radu Golban und zahlreichen weiteren Artikeln widmen wir uns in der neuen Ausgabe mit gewohnt scharfsinnigen Beiträgen jenseits des Mainstreams dem aktuellen Zeitgeschehen.