29.09.2015

VW Skandal: Ist sauberer immer besser?

Kommentar von Thilo Spahl

VW hat einen Abgastest mit einer Schummelsoftware ausgetrickst. Damit wollte der Autobauer eine Norm für superultraniedrige Emissionen erfüllen. Diese Norm ergibt keinen Sinn, meint Thilo Spahl. Eine Debatte um Kosten und Nutzen weiterer Abgasreduzierung darf kein Tabu sein

„Es ist an der Zeit, dass Wirtschaftslenker zu bestimmten Dingen ihre Meinung sagen. Wir müssen uns Extremismus entgegenstellen und Haltung zeigen.“ So der neue VW-Chef Matthias Müller. [1] Es ging natürlich um Flüchtlinge. Vielleicht sollten die Industriebosse aber auch zu anderen Dingen einmal ihre Meinung sagen, statt sich darauf zu beschränken, Nachhaltigkeitsberichte und Schummelsoftware produzieren zu lassen. Beim Thema Umweltauflagen fehlt uns eine offene Diskussion.

 

Henry Fords Zitat von 1923, in dem er scherzhaft bemerkte, dass es über die Farbe des Autos keiner Diskussion bedürfe, denn sie sei schwarz, würde heute lauten: „Jeder Kunde kann ein Auto in jeder beliebigen Farbe lackieren lassen, solange sie grün ist.“ Und in dieser Variante enthält der Satz noch nicht einmal mehr einen Widerspruch. Auch ein schwarzes oder rotes Auto ist heute notwendig grün.

Was aber heißt grün? Ganz einfach: Es sollte nicht so viel Dreck in die Luft blasen. Das ist einleuchtend und offensichtlich machbar: In Deutschland haben sich die Stickoxidemissionen aus dem Straßenverkehr, für die hauptsächlich Dieselfahrzeuge verantwortlich sind, laut Angaben des Bundesumweltamts von 1342 Kilotonnen im Jahr 1990 auf 460 Kilotonnen im Jahr 2013 um 65 Prozent reduziert. Beim Kohlenmonoxid betrug der Rückgang 88 Prozent, beim Schwefeldioxid 99 Prozent, beim Feinstaub 52 Prozent. Und das, obwohl die Zahl der Fahrzeuge um 42 Prozent zugenommen hat und der Anteil von Dieselfahrzeugen bei den Neuzulassungen von 11,1 auf 47,4 Prozent gestiegen ist [2] – ein Siegeszug, den der Diesel nicht zuletzt deshalb antreten konnte, weil viele umweltbewusste Käufer den niedrigen Verbrauch zu schätzen wussten. Für europäische Autohersteller wurde er wichtig, um die ständig sinkenden CO2-Vorgaben für die Fahrzeugflotten einhalten zu können. Denn, wie auch bei VW zu lesen ist, galt und gilt: „Oberstes Ziel: Die CO2-Emissionen müssen massiv reduziert werden.“ [3] Und der CO2-Ausstoß liegt beim Diesel um zehn bis 20 Prozent niedriger als bei Benzinern.

„Vielleicht hat sich VW einfach gefragt: Was soll der Quatsch?“

Die beachtlichen Erfolge bei der Reduzierung von Emissionen sind kein Grund, auf weiteren Fortschritt zu verzichten. Aber sie zeigen, dass wir schon Zeiten überlebt haben, in denen Autoabgase ein sehr viel größeres Problem waren. Deshalb sollte heute eine Debatte um Kosten und Nutzen weiterer Schadstoffreduzierung kein Tabu sein. [4]

Der Name der Norm, die zum VW-Skandal führte, zeigt das Problem. Gefordert werden superultraniedrige Emissionen. Um als SULEV (super ultra-low emission vehicle) gelten zu können, hat VW seine Autos mit aufwändiger Technik ausgestattet. Diese funktioniert offenbar durchaus – wenn sie auch im Normalbetrieb eingeschaltet ist und nicht nur dann, wenn die Schummelsoftware feststellt, dass gerade ein Abgastest durchgeführt wird. Warum hat VW die eigene Technologie absichtlich umgangen? Offizielle Angaben dazu gibt es nicht. Gründe schon: um Wartungskosten bzw. Reparaturkosten zu senken, um den Verbrauch zu senken und die Leistung des Autos (Beschleunigungsvermögen) zu erhöhen. Und vielleicht auch, weil die SULEV-Werte für Stickoxide in den USA ziemlich unnötig sind, da nur knapp drei Prozent der PKWs einen Dieselmotor haben. Vielleicht haben sie sich einfach gefragt: Was soll der Quatsch?

Gail Whiteman, Professorin für „Sustainability in Business“ an der Lancaster University weist darauf hin, dass bei Spielen Teilnehmer tricksen, wenn sie die Spielregeln nicht mögen oder langweilig finden. [5] Die Spielregeln für die Automobilindustrie bestehen mehr und mehr aus Grenzwerten. Das findet bestimmt nicht jeder Ingenieur lustig. Grenzwerte sind ein Feind des Automobilbauers. Und so richtig kann einem die Lust vergehen, wenn man sich von Feinden umzingelt sieht. CO2-Werte kommen von links. Stickoxidwerte von rechts und die Verbrauchswerte sitzen einem im Nacken. Was nun? Es ist ja nicht so, dass man mit einer tollen Erfindung an allen Fronten punkten kann. Das Frustrierende ist, dass das Senken der Stickoxidemissionen zu einem Anstieg der Kosten, der CO2-Emission und des Verbrauchs führt.

„Warum müssen Millionen von Autokäufern zusammen Milliarden von Euro ausgeben, um einen relativ geringen Nutzen für Umwelt und Gesundheit zu erreichen?“

Als Käufer ist man natürlich sauer, wenn man bis zu 7000 Dollar Aufpreis bezahlt hat, um ein vermeintlich supersauberes Auto zu erwerben, das nun plötzlich als Dreckschleuder präsentiert wird. Es ist ein bisschen so, wie wenn sich herausstellen würde, dass die Höchstgeschwindigkeit eines Porsche 911 nicht wie angegeben 308 km/h ist, sondern nur 258. In der Fahrpraxis macht es für den Besitzer zwar keinen Unterschied, aber der Imagegewinn ist dahin.

Die Frage ist aber auch, warum Millionen von Autokäufern zusammen Milliarden von Euro ausgeben müssen, um einen relativ geringen Nutzen für Umwelt und Gesundheit zu erreichen. Seit September gilt die Euro-6-Norm für neuzugelassene Dieselfahrzeuge in der EU. Im Vergleich zu Euro 5 wurden die zulässigen Emissionen nochmal auf weniger als die Hälfte gesenkt. Das Spiel heißt clean-cleaner-cleanest. Und es macht offenbar nicht allen Spaß. Wie sinnvoll ist es wirklich?