27.06.2012

Vorsicht Teenies!

Analyse von Lea Sophie Preußer

Wieso Jugendliche aktuell so sehr als potenzielle Gefahrenquelle für sich selbst und andere angesehen werden. In der Jugend geht es doch vor allem darum, Entdeckungen zu machen und eigene Grenzen auszuloten. Sie plädiert für mehr Freiräume und Gelassenheit

Wenn ich Kinder beim Spielen zuschaue, erwische ich mich oft dabei, dass ich sie beneide. Nicht, weil sie noch die Zeit haben zu spielen und sich keine Sorgen machen brauchen. Sondern einfach, weil sie sich die Zeit nehmen und so unbeschwert sind. Sobald der Ernst des Lebens einen aber eingeholt hat, wird da nicht das Kind-Sein zurück ersehnt? Und wünschen sich nicht alle Eltern, dass ihre Kinder für immer so unbeschwert und sorgenfrei bleiben? Wie sind dann aber viele aktuelle gesellschaftliche Phänomene einzuordnen, die im Grunde nur den Schluss zulassen, dass Jugendliche heutzutage vor allem als potenzielle Gefahrherde betrachtet werden?

Jugendliche müssen geschützt werden

Alkohol? Computerspiele? Parkanlagen? Frei zugängliche Hauswände? Unbeaufsichtigte Bahnhöfe? Um Himmels Willen – dann könnten wir die Jugendlichen ja auch gleich vor einen Zug werfen! Wenn Alkohol nicht verboten werden kann, dann muss er wenigstens für Menschen unter 25 Jahren so unzugänglich wie möglich vertrieben werden. So darf in Baden-Württemberg nach 22 Uhr nur noch Alkohol verkauft werden, wenn auch eine Ausschenkgenehmigung vorliegt, was vor allem Kioske ausschließt. Aber wer weiß, was Jugendliche so im Vollrausch alles anrichten? Die kennen ihre Grenzen nicht, wissen nicht, was sie tun, und rutschen am Ende doch nur in den Alkoholismus ab. Auch bei Computerspielen ist es immer besser die Altersfreigabe so hoch wie nur möglich anzusetzen, so zensierte die für die Alterseinstufung von Computerspielen verantwortliche Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USW) das Kriegsspiel „Gears of War“ so stark, dass die in Deutschland vertriebene Version durch die weggelassenen Features keinen Spaß mehr macht und im Grunde nicht gespielt werden kann. Aber ohne solche Organisationen kämen die Jugendlichen ja auch nur auf dumme Gedanken und ließen ihre Aggressionen am Ende noch an anderen aus. Ist ja schon oft genug passiert. Stellen Sie sich doch mal vor, Jugendliche könnten einfach so – abends, wenn niemand auf die aufpasst – alleine durch Städte, öffentliche Parkanlagen oder gar auf Bahnhofssteigen spazieren. Die machen da doch nur alles kaputt und dreckig oder sprayen Graffiti irgendwo hin. Wahrscheinlich sind die dann auch noch alkoholisiert. Und wenn sie nicht alles kaputt machen, fallen sie mit Sicherheit von den Gleisen, essen giftige Pflanzen, schnüffeln an den Spraydosen und verprügeln sich gegenseitig. Jugendliche alleinzulassen oder sie gar mit Gleichaltrigen zusammenzubringen, kann nur böse enden. Logisch: Es liegt in der Hand des Staates, den Jugendlichen vor sich selbst zu schützen. Was die Eltern nicht schaffen, muss nun mal eben durch Gesetzte geregelt sein. Oder ist das nicht so? Weshalb sonst gibt es an vielen Bahnhöfen, zum Beispiel in Wiesbaden oder Mainz, sogenannte „Teenager-Vertreibungsmaschinen“, die durch die Wiedergabe eines extrem hohen und unangenehmen Tons, den nur Hunde und Menschen bis durchschnittlich 25 Jahre hören können, Jugendliche von diesen Plätzen vertreiben sollen?

Wer will geschützt werden?

Ich selbst bin zwar aus meiner Teen-Phase raus und streite zielstrebig durch meine Zwanziger Jahre. Auch muss ich Miete zahlen und so haushalten, dass ich am Ende des Monats noch etwas zu essen habe, doch meine Jugendzeit ist noch nicht lange genug her, als dass ich mich nicht mehr daran erinnern würde. Ja, ich bin schon an Tagen aufgewacht und habe mich nicht mehr an gestern erinnern können. Und ja, ich habe auch mal öffentliches Eigentum mit – zugegeben schlechten – Witzen beschmiert. Und ja, so cool ist das in der Retroperspektive nicht. Mit 14 Jahren hatte ich meinen ersten Rausch, mit 15 habe ich die Sommerferien fast ausschließlich mit Computerspielen zugebracht. Und zwar: „Need for Speed“, ein Autorennspiel, und „Sims“, einem Spiel, bei dem man virtuelle Personen betreut, ihnen Häuser baut, sie füttert usw. Quasi meine erste, kleine Sucht. Heute weiß ich, wie viel ich abends trinken kann, um am nächsten Tag noch arbeiten zu können. Heute bin ich in der Lage, mich selbst von zeitraubenden Spielereien loszueisen, wenn Arbeit anliegt. Und – ich rase auch nicht.

Woher kommt diese panische Angst davor, Jugendliche einfach ihre Erfahrungen machen zu lassen? Laut einer Studie von 2010 [1] spielt fast die Hälfte aller Jugendlichen Computerspiele. Seit 2002 haben sich aber „nur“ sechs Amokläufe ereignet [2] – wobei einer der Täter zum Zeitpunkt der Tat bereits 22 Jahre alt war. Woher kommt der Glaube, Computerspiele für unter 18-Jährige zu verbieten, würde solche Amokläufe oder auch andere Gewalt an Schulen verhindern? Wenn ein Jugendlicher wirklich solche Probleme hat, dass er in einem Amoklauf den für ihn einzigen Ausweg sieht, dann ändert daran das Spiel – gespielt oder nicht gespielt – reichlich wenig. Auch bevor es Computerspiele gab, haben Kinder Aggressionen gezeigt. Dann wurde eben ein Frosch gequält und nicht auf Figuren auf dem Bildschirm gefeuert. Weder das eine noch das andere, ist des Problems Grund oder dessen Lösung.

Das Ausprobieren zu überspringen ändert nichts an den Grenzen

Die Phase der Jugend ist die Fortsetzung der Entdeckungsphase von kleinen Kindern. Während sie bei kleinen Kindern noch süß ist, scheint sie bei Jugendlichen als gefährlich und außer Kontrolle wahrgenommen zu werden. Aber nur weil Alkoholkonsum nach 22 Uhr erschwert wird, ändert das nichts daran, dass jeder irgendwann doch mal seine Grenzen austesten wird. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Verbot nur selten den Konsum wirklich einstellt. Irgendwie bekommt man immer das, was man will. Es gewinnt so nur noch zusätzlich den Reiz des Verbotenen. Und wenn der Verkauf von Alkohol ab 22 Uhr – wie in Baden-Württemberg – untersagt ist, dann sind alle eben um fünf schon blau.

Sind Jugendliche wirklich ein Risiko für sich selbst? Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, dass ich mich selbst oder andere in Gefahr bringe. Höchstens vielleicht in die Gefahr des Hausarrests. Ich wollte es einfach mal wissen – schauen, was mir so Spaß macht, was ich so kann und was so alles passiert. Und ganz ehrlich gesagt, war ich kein allzu reifes Kind, aber heute würde ich mich doch eindeutig als eine reife Erwachsene bezeichnen. Hätte ich das auch erreicht, wenn ich in Watte gepackt gewesen wäre? Ich glaube nicht. Ich durfte viel. Ich habe viel ausprobiert. Und wenn es genug war, habe ich aufgehört. Keine Suizidgedanken, keine Nahtoderfahrungen, keine tragischen Verletzungen. Ich hatte einige Freunde, die zu weit gegangen sind und zum Teil auch heute noch viele Drogen nehmen, aber meistens waren sie die Kinder, die sich immer bei den Eltern ab- und anmelden mussten, sich immer an die Regeln gehalten haben und auch sonst alles richtig gemacht haben. Aber irgendwann wollten sie rebellieren, nicht nur ihre, sondern auch die Grenzen der Gesellschaft austesten. Sie sind in ihrem Kampf gegen soziale Erwartungen zu weit gegangen und abgerutscht. Und das, obwohl sie in Watte gepackt waren. Denn Jugendliche, die in einer völlig freien Welt ohne Regeln die Kontrolle verlieren, werden diese auch in einem Kontrollstaat verlieren. Da ändert sich auch nichts, wenn solche „Jugendschutzregelungen“ auf freiwilliger Basis im Namen der Gesellschaftsverantwortung geschehen. Denn Kioskbesitzer werden nicht den Kindern zuliebe keinen Alkohol an Jugendliche verkaufen, sondern weil es scheinbar gesellschaftlich verpönt ist. Aber warum? Wer fühlt sich von Jugendlichen bedroht? Die Jugendlichen selbst wohl eher nicht. Sind es die Eltern, die mit ihrer Verantwortung nicht mehr zu kommen? Aber wäre es gerade dann nicht sinnvoll, den Jugendlichen früher mehr Verantwortung für ihr Tun einzugestehen? Denn wie lautet das Sprichwort: Probieren geht über studieren. Und ich würde wahrscheinlich heute noch den Schulterblick beim Autofahren vergessen, wenn ich einen Tag nach meiner Fahrprüfung nicht unbedingt alleine in die Stadt hätte fahren wollen und gegen einen Pfosten gefahren wäre. 50 Euro aus eigener Tasche, danach aber erst mal unfallfrei.