01.09.2021

Vorsicht, Humor!

Von Ilka Bühner

Titelbild

Foto: Santeri Viinamäki via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Die Satire stößt an Grenzen der Political Correctness. Zunehmend laufen Kabarettisten und Comedians Gefahr, dass ihre Kunstdarbietungen Shitstorms und Reaktionen der Cancel Culture hervorrufen.

Humor kann mächtig sein, denn er entlarvt vermeintlich, was sich unter der Oberfläche des Humoristen verbirgt, und damit sind sich Humor und Kleidung gar nicht so unähnlich. So wie mit Kleidung zeigt man auch im Humor die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Nicht jeder wird Gefallen an der einen oder anderen Art der Darstellung, sie vielleicht sogar abstoßend finden, dennoch sollte niemandem verboten werden, zu sagen oder zu tragen, was er möchte.

Das äußere Erscheinungsbild und die Art des dargebotenen Humors sind aktuell fast untrennbar miteinander verwoben. Nur wer versteht, beides ausgeglichen darzustellen, bekommt von der Öffentlichkeit das Etikett „Einwandfrei“ ans Humor-Revers geheftet und darf seinem Beruf teils mit Lobpreisungen geneigter Kreise nachgehen. Fällt der Humorist allerdings aus der aktuellen Humor-Konvention heraus, macht er sich über tatsächliche oder vermeintlich schützenswerte Inhalte lustig oder über bestimmte Klischees, läuft er Gefahr, dafür verurteilt zu werden.

Humoristen befinden sich dieser Tage auf einem Minenfeld, denn die Humor-Konvention ist teils gnadenlos geworden. Jedes „falsche“ Wort wird abgestraft, und was für wen falsch ist, hängt auch vom Stereotyp des Humoristen ab. Macht ein Weißer Witze über Schwarze, geht das gar nicht, 1 aber wenn ein Afghane (Faisal Kawusi) Witze über Migranten macht, ist das plötzlich urkomisch. Relevant scheint zu sein, dass das Bühnenprogramm der eigenen Erfahrungswelt entstammt oder die eigene Meinung widerspiegeln könnte. Die Vermarktung des eigenen Klischees fällt auf fruchtbaren Boden und vermittelt das Gefühl, man würde gar nicht über Stereotypen lachen, sondern über eine Persönlichkeit.

Guter und schlechter Humor

So hält es auch ein aktueller Star im Kreise der Comedians, Felix Lobrecht. Er gewann den Comedy-Preis 2020. 2 Mit überheblichem Habitus erzählt er von seinen Alltagserfahrungen mit anderen Menschen. Seine Schilderungen ergeben schnell das Bild eines Klischees und in der Pointe folgt die Bewertung des selbigen. Abwertend zieht er über die beschriebenen Stereotypen her, wie in seinem Programm für die „1 Live Comedy Nacht“ 2019: „… schauten die mich an, als hätte ich Holocaust leugnend auf ein schwules Kind eingetreten“ und „… einfach so eine antiautoritäre Fotze“. 3 Das Publikum fand es herrlich und belohnte ihn für diese Art von Humor mit genanntem Preis.

„Fällt der Humorist allerdings aus der aktuellen Humor-Konvention heraus, macht er sich über tatsächliche oder vermeintlich schützenswerte Inhalte lustig oder über bestimmte Klischees, läuft er Gefahr, dafür verurteilt zu werden.“

Für manche seiner Themen erhält auch er Kritik in den sozialen Medien, aber die wirkt eher mahnend als diffamierend. Zum „Sicherheitsrisiko“, zu dem man Lisa Eckhart bereits gemacht hat, 4 worauf später noch einzugehen sein wird, wurde er nicht erklärt. Noch scheint er sich an die ungeschriebenen Gesetze der Humor-Etikette zu halten. Er lässt die Finger von Tabus, insbesondere benachteiligte Minderheiten und Themen, für die in der breiten Öffentlichkeit nur eine korrekte Sichtweise zugelassen ist, etwa Klima oder Corona. Mit diesen Menschheitsbedrohungen ist nicht zu spaßen und Kritik an der korrekten Sichtweise ist mehr als nur unerwünscht. Wer sie dennoch ausspricht, und sei es auch nur in Form von Satire, wird von der Öffentlichkeit mit einem abwertenden Etikett sanktioniert, was ähnlich anhaftet wie flüssiges Pech.

Wie guter von schlechtem Humor zu unterscheiden sei, beschreibt der Spiegel und macht damit klar, wer für was zu sanktionieren ist: „Satire soll nach oben hin austeilen, Missstände aufzeigen – wer hingegen Klischees über Minderheiten verbreitet, tut genau das nicht. Er oder sie tritt dann einfach nur nach unten. Sind das Ziel Juden, Schwarze oder Geflüchtete, ist das nicht länger schwarzer Humor, sondern brauner. 5

So werden benannte Stereotypen nun auch in Disney-Klassikern und der „Muppet Show“ mit einer Warnung gekennzeichnet. Vor 18 Episoden der „Muppet Show“ läuft im Streamingdienst Disney+ ein vorgeschalteter Hinweis, der vor „negativen Darstellungen und/oder falscher Behandlung von Personen oder Kulturen“ warnt. Das geht auf die Stories-Matter-Initiative zurück, wegen der Disney bereits Filme wie das „Dschungelbuch“ oder „Dumbo“ mit diesen Hinweisen versehen hat. 6

Unkorrektes Leugnen

Dass es auch abseits dieser Gruppen Minderheiten gibt, die als Feindbild dienen und die Ziel von Witz und Spott aus allen Lagern sind, davon liest man selten etwas. Wer glaubt, dass Feindbilder als Vorlage für Witz und Spott ausgedient haben, der hat nicht verstanden, warum es Feindbilder gibt. Von Werner Kroeber-Riel stammt der Satz: „Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn“, und so ist das auch mit Feindbildern. Es gibt nicht viel, was Menschen innerhalb weniger Augenblicke so verbindet wie ein gemeinsames Feindbild. Kroeber-Riel: „Feindbilder können eine Andersartigkeit bewusst machen, indem sie bei der Selbst- und Fremdkategorisierung wirken, die von dem Wunsch nach positiver sozialer Identität geleitet wird.“ 7

„Die Vermarktung des eigenen Klischees fällt auf fruchtbaren Boden und vermittelt das Gefühl, man würde gar nicht über Stereotypen lachen, sondern über eine Persönlichkeit.“

Vorbild für die aktuellen Feindbilder sind all jene, die sich nicht dem gesellschaftlichen Konsens anschließen. Die zweifeln, die „leugnen“, die Menschen oder Ideologien anhängen, die kein gutes Image haben. Muss man jede dieser Ansichten teilen? Nein! Aber haben sie es nur aufgrund ihrer Einstellung verdient, jeglichen Respekt aberkannt zu bekommen?

Der Mechanismus der Aberkennung von Respekt folgt einem Muster. Dieter Nuhr schildert es sinngemäß so: Es werden Begriffe gefunden, die diese Person, aufgrund ihrer Meinungen über geschützte Bereiche, in ein Raster schieben. Diese Begriffe tragen bewusst das Beiwort „Leugner“, was an den Begriff „Holocaust-Leugner“ erinnert, und benannte Personen erfahren eine ähnliche Abwertung wie jene, die als Holocaust-Leugner klassifiziert wurden. 8

Der große Unterschied dieser Bezeichnungen besteht im rechtlichen Umgang. Die Leugnung des Holocaust ist in 18 Ländern zu Recht unter Strafe gestellt, in Deutschland nach § 130 StGB. Wissenschafts-Leugner, Corona-Leugner, Klima-Leugner etc. erfahren „nur“ eine öffentliche Ächtung. Allerdings wird eine Person, die das Etikett Leugner trägt, nicht nur für ihre scheinbar merkwürdigen Ansichten, sondern als Ganzes geächtet und aus Teilen des öffentlichen Diskurses von vornherein ausgeschlossen, sowohl in privaten wie auch in beruflichen Bereichen. Das geschieht, um im Zeichen der Political Correctness den eigenen Stall sauber zu halten und nicht mit einem solchen „Subjekt“ in Verbindung gebracht zu werden (Kontaktschuld). 9

Die Political Correctness nimmt vieles recht ernst, außer wenn es darum geht, ihre eigenen blinden Flecken aufzudecken. Die Propagandisten der Political Correctness brüsten sich in den von ihnen aufgestellten Konventionen mit moralischer Reinheit und ziehen sich selbst die Uniform der Tugendpolizei an, um damit ihre Präsenz und Wichtigkeit zu zeigen. Jeder, den sie entdecken und der sich nicht an die von ihnen aufgestellten Konventionen hält, wird an den medialen Pranger gestellt. Dabei ist diese selbst geschaffene Konvention nicht ohne weiteres zu vereinbaren mit dem, was sich im Laufe der Zeit als gesellschaftliche Konvention herausgebildet hat. Diese vermeintlich allgemeingültige Konvention ist meist eine ausgedachte, normative, oktroyierte.

„Wer glaubt, dass Feindbilder als Vorlage für Witz und Spott ausgedient haben, der hat nicht verstanden, warum es Feindbilder gibt.“

Außerdem ist der Umstand, dass es in der Satire nicht darum geht, seine eigene Meinung darzustellen, in Vergessenheit geraten. Dass Satire ein humoristisches Mittel ist, das dazu dient, gesellschaftliche Missstände in den Bereichen der Kultur, der Politik und dem sozialen Leben aufzeigen. Mit den Stilmitteln Ironie, Übertreibung und Verfremdung kann vom Künstler jede erdenkliche Haltung eingenommen werden, um das darzustellen, was in seinen Augen darstellenswert ist. Dabei ist es auch nicht maßgeblich, wie etwas gesagt wird, sondern was.

So musste Serdar Somuncu erst kürzlich einen Sturm der Entrüstung aushalten, da das Wie seines Podcasts bei Radio Eins nicht dem entsprach, was die politkorrekten Dauerempörten für angemessen halten. Zum Thema Cancel Culture sagte er unter anderem: „‚Ob das Zigeunerschnitzel heißt oder Mohrenwirt, ist mir egal. Die Leute sollen sich f***** und stunden- und tage- und wochenlang im Internet diskutieren, ob das berechtigt ist, [sic] oder nicht.‘ Solange es nicht unter Strafe stehe, sage er ‚N****‘“. 10 Diese Wortwahl wurde via Twitter harsch kritisiert, so dass der Sender darauf reagierte und sich bemühte, die Aussage richtig einzuordnen. Die Wortwahl war bewusst provokant und überspitzt gewählt, um einen Denkprozess in Gang zu setzen. Dennoch entschuldigte sich der Sender noch lang und breit für besagten Ausschnitt und ließ den Beitrag überarbeiten, damit die missverständlichen Passagen eingeordnet bzw. gelöscht werden konnten.

Dieter Nuhr im Visier

Im Fall von Dieter Nuhr wird nicht unterschieden zwischen der Privatperson und der künstlerischen Darbietung. So werden die Aussagen, die er in seinen Auftritten macht, auch ihm als Privatperson in den Mund gelegt. Dass Satire nicht zwingend die persönliche Meinung des Satirikers widerspiegelt, wird mutwillig (oder naiv) ignoriert. So wird er beispielsweise bezichtigt, ein „Klimaleugner“ (und damit in tollkühner Verallgemeinerung auch ein „Wissenschaftsfeind“) zu sein, wenn er sich in seinen Beiträgen kritisch mit der Klimapolitik auseinandersetzt oder es wagt, etwas Spöttisches über die heiligen Kinder der Klimaretterbewegung zu sagen.

In den meisten Fällen geht es in seinen Beiträgen um eine übertriebene Darstellung von Sachverhalten und Ironie. Zu den Fridays-For-Future-Demos sagte er beispielsweise folgendes: „Ich werde, weil meine Tochter zu den Fridays-For-Future-Demos geht, in ihrem Kinderzimmer nicht mehr heizen.“ 11 Ob dies den Tatsachen entspricht, tut nichts zur Sache, da es eben nicht um die Realität, sondern um Satire geht.

„Dass Satire nicht zwingend die persönliche Meinung des Satirikers widerspiegelt, wird mutwillig (oder naiv) ignoriert.“

Diese Pointen zielen darauf ab, die Denkweise um diese Thematik in Frage zu stellen. Manche fühlen sich jedoch durch diesen Humor angegriffen, wie etwa Jan Böhmermann: „[Greta] hat drei wichtige Forderungen: Erstens Emissionen senken. Klimafreundlicher leben ist Forderung zwei. Und die wichtigste Forderung von Greta Thunberg: Irgendjemand soll verdammt nochmal endlich Dieter Nuhr die Fresse polieren.“ 12 Er macht damit deutlich, worum es den Empörten geht. Wie kann jemand etwas angreifen, was so ehrbare Absichten habe? In Humor verpackte Kritik trifft manchmal besonders, sogar jene, die selbst als Satiriker gelten.

So hat Dieter Nuhr in den Augen einiger keinen guten Stand. So wurde das Statement, das Dieter Nuhr zum 100. Geburtstag der Deutschen Forschungsgemeinschaft „DFG 2020 – Für das Wissen entscheiden“ verfasste und von der DFG selbst gelobt wurde, kurz nach seinem Erscheinen wieder gelöscht. Selbsternannte Tugendwächter forderten die Entfernung dieses Beitrags und die DFG ist dem willfährig nachgekommen. Das wurde damit begründet, Dieter Nuhr sei ein „Wissenschaftsleugner“ und dürfe nicht Aushängeschild für eine Gesellschaft sein, die sich Wissenschaft auf die Fahne geschrieben hat.

Glücklicherweise führte die allzu schnelle Reaktion der DFG wiederum zu Kritik von Seiten derer, die die Angelegenheit etwas differenzierter betrachteten. Daraufhin bot man Nuhr zunächst an, den Beitrag mit „ergänzender Kommentierung“ wieder aufzunehmen. Das lehnte dieser ab. Sein Kommentar: „Was soll das denn? Alle anderen sagen frei ihre Meinung und meine wird mit einer Warnung versehen wie eine Zigarettenpackung.“ Schließlich wurde der Beitrag dann doch wieder online gestellt. Und die DFG schrieb in einer Stellungnahme, sie „bedauert es ausdrücklich, das Statement von Dieter Nuhr vorschnell von der Internetseite der Online-Aktion #fürdasWissen heruntergenommen zu haben. […] Auch wenn seine Pointiertheit als Satiriker für manchen irritierend sein mag, so ist gerade eine Institution wie die DFG der Freiheit des Denkens auf Basis der Aufklärung verpflichtet.“ 13

Tatsächlich hat der „Wissenschaftsfeind“ Dieter Nuhr in seinem Beitrag ein gravierendes Problem des derzeitigen Umgangs mit Wissenschaft pointiert benannt und diese gegen Vereinnahmung verteidigt: „Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer beständig ruft ‚Folgt der Wissenschaft!‘, der hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

„Lisa Eckhart geht es gerade darum, dass wirklich jeder sein Fett wegkriegt, wozu sie eigens Listen führt, damit auch wirklich kein Klischee vergessen wird.“

Lisa Eckhart unter Verdacht

Der zweite prominente Fall, der im vergangenen Jahr die Debatte um Cancel Culture in Deutschland anfachte, war der der Kabarettistin Lisa Eckhart. Das Harbour Front Festival hatte sie zunächst eingeladen, diese Einladung dann aber später zurückgezogen, da „öffentliche Gruppen“ Stimmung gegen die Einladung Eckharts gemacht hatten. 14 Zudem sollen sich andere Künstler geweigert haben, mit Eckhart aufzutreten. Der Humor der Österreicherin ist in der Tat besonders und ungewohnt. Er schockiert durch das ganze Bühnenprogramm hindurch und genau darauf zielt Lisa Eckhart ab. Sie will schockieren und, ja, vielleicht auch etwas anekeln. Über ihr kürzlich erschienenes Buch heißt es, sie „streichelt mit dem Samthandschuh offene Wunden auf die Haut“ 15 und so kann man auch ihre Bühnenshow verstehen. Dabei geht es ihr gerade darum, dass wirklich jeder sein Fett wegkriegt, wozu sie eigens Listen führt, damit auch wirklich kein Klischee vergessen wird.

Dazu folgende Beispiele: „Ich möchte nicht rassistisch klingen, bitte. Es gibt sehr viele Dinge, die ich am Inder besser finde als an anderen Geräten.“ 16 Oder: „Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.“ 17

Diese Pointen kriegt die Tugendpolizei in den falschen Hals. So wird nicht nur die Satirikerin selbst für diese Art des Humors angegriffen, auch ihr Publikum wird gleich mit diffamiert. „Diese Grenzverletzungen fördern keinerlei Erkenntnis“ schreibt die Zeit, „demaskieren weder Macht noch kulturelle Vorurteile, reproduzieren sie vielmehr. Komisch finden kann das nur ein verklemmtes Publikum, das denkt: Hihi, darüber macht man doch keine Witze. Dieses verklemmte Publikum gibt es natürlich, und wer gelernt hat, seinen Erfolg in Applaus und Aufmerksamkeit zu messen, findet hier gewiss dankbare Goutanten von Gratismut. Satire darf ja schließlich alles, und also muss sie auch auf den Gräbern der Ermordeten und den Nerven der Lebenden rumtrampeln dürfen.“ 18

Unterstellt wird dem Publikum zum einen, selbst keine Diskriminierungserfahrungen haben zu können und diesen Umstand im Kabarett auszukosten, da es sich hier so schön auf Kosten von Minderheiten „durchamüsieren“ kann. Und zum anderen, verklemmt und irgendwie auch dumm zu sein, da es diese Art von Humor unterstütze und unreflektiert alles, was im Bühnenprogramm dargeboten wird, für bare Münze nimmt.

„Humor, der es wagt, die Wunden der Vergangenheit zu benennen, ist nicht zwangsläufig schlecht, er hat sogar eine Aufgabe.“

Tugendpolizei

Doch Humor, der es wagt, die Wunden der Vergangenheit zu benennen, ist nicht zwangsläufig schlecht, er hat sogar eine Aufgabe. Er will verkrustete Denkweisen aufbrechen, darstellen, was es bedeuten kann, in einer solchen Art und Weise zu denken. Er will den Ekel, den Schock evozieren, den diese Art von Darstellung hervorbringt. Denn dieser schockierende Stil hat einen besonderen Nutzen. Er spricht an, was keiner zu sagen wagt, aber eben nicht, um diese Denkweise zu fördern, sondern um sie sichtbar zu machen. Es geht darum, sie aus dem Verborgenen zutage zu fördern und sie plakativ vor Augen zu führen. Es wird schwierig, diese Art der Denkweisen aufzubrechen, wenn der einzige Umgang damit darin besteht, alles totzuschweigen und zu verdrängen, was jemals schlimm gewesen ist.

Eine solche Art der Darstellung kennen wir ebenfalls aus der bildenden Kunst. So wird beispielsweise in Sansibar der Zeit des Sklavenhandels mittels eines Denkmals gedacht, das angekettete Sklaven eingesenkt in den Boden darstellt. Bei solchen Skulpturen oder Gemälden wird aber selten der Vorwurf erhoben, dass sie das, was sie darstellen, dadurch fördern würden.

Aber das scheint der Tugendpolizei nicht aufzufallen, da sie sich im Recht sieht, wenn sie Satiriker, die nicht ihrer Konvention folgen, mundtot machen möchte. Dass sie sich mit diesem Vorgehen prinzipiell auf die gleiche Stufe begibt wie andere Extremisten, die mit Gewalt gegen die Satiriker von Charlie Hebdo vorgegangen sind, scheint ebenfalls nicht aufzufallen.

Denn auch radikal-islamische Fanatiker sehen sich durch Humor in ihrem Weltbild angegriffen und verletzt, sie sehen sich im Recht, die Verbreiter dieses Humors sogar tätlich anzugreifen – nicht nur mit Worten. Damit überschreiten sie das mediale Vorgehen der Diffamierung und greifen die körperliche Unversehrtheit der Künstler und deren Verteidiger an.

Mit Samuel Paty musste ein weiterer Mensch durch islamistischen Terror sterben, der sich am Beispiel von Mohammed-Karikaturen des Satire-Magazins Charlie Hebdo für eine umfassende Meinungsfreiheit eingesetzt hatte. Er war in den Augen der radikalen Eiferer zum Feind ihrer Werte geworden und hatte so sein Leben verspielt. Gleichzeitig wurde an ihm ein Exempel statuiert, dass demonstrierte, was mit den Feinden des „wahren Islams“ geschehen kann.

„Humor sollte alle relevanten Themen einer Gesellschaft thematisieren dürfen. Möglichst aus jeder Perspektive.“

Humor muss manchmal wehtun

Wenn Humor aber nur noch das darstellen darf, was in aller Augen rein und keusch ist, wie soll er dann einer seiner grundlegenden Funktionen nachkommen? Denn es scheint in Vergessenheit zu geraten, dass die Aufgabe der Satire nicht nur darin liegt, nach oben zu treten und moralisch einwandfreie Witze zu machen. Meist ist Humor gerade dann am lustigsten, wenn er unter die Gürtellinie zielt. Nicht für jeden natürlich, aber niemand wird gezwungen, sich etwas anzuhören, was ihm nicht passt. Es aber zu verteufeln und verbieten zu wollen, ist der falsche Weg, wenn eine freie Kultur erhalten bleiben soll und man Fanatikern keinen Raum geben will.

Humor sollte alle relevanten Themen einer Gesellschaft thematisieren dürfen. Möglichst aus jeder Perspektive. Wie gut kann man über ein Thema diskutieren, dessen vielfältige Betrachtungsweisen man nicht kennt? Und der Satiriker kann seine Aufgabe darin sehen, bisher unbeachtete Seiten aufzuzeigen, auch dann, wenn diese Sicht einige schockiert. Auch der Schrecken und das Entsetzen können satirische Mittel sein, die bewusst eingesetzt werden, um beim Publikum auch dort anzusetzen, wo es weh tut.

Da, wo es weh tut, sitzt oft die Seele und auch in der Seele einer Gesellschaft gibt es Wunden und Narben. Es ist verständlich, dass sich manche wünschen, diese Stellen nie wieder zu berühren, da sie mit so viel Schmerz und Leid verbunden sind. Aber wie mit den körperlichen Versehrtheiten so ist es auch mit den seelischen, man tut sich keinen Gefallen, damit, sie einfach zu verdrängen. Und welcher Umgang mit schwierigen Themen ist besser zu ertragen als Humor? Hier kann man Verbundenheit und Trost finden in einer Welt, die immer mehr auseinanderzubrechen droht.

Unbefangener Humor ist ein wichtiger Teil jeder Kultur und jeder Gemeinschaft und sollte gewahrt werden, denn Lachen ist eine unserer wesentlichsten Ausdrucksformen. Lachen führt zu körperlicher Entlastung und ist ebenso Abwehrmechanismus. Außerdem ist es ein wichtiges Mittel des sozialen Miteinanders, da sich durch gemeinsames Lachen ein Gefühl der Verbundenheit und Vertrautheit einstellt. Wenn wir lachen, gehören wir zusammen, auch wenn es manchmal weh tut.