22.07.2009

Vorsicht, Fremde?

Von Hans-Jörg Jacobsen

Gegenwärtig läuft in Europa eine Debatte über „invasive“ Tier- und Pflanzenarten, die schon EU-Projekte und letztlich auch einen Artikel von Josephina Maier in der Wochenzeitung Die Zeit hervorgebracht haben.

(Siehe Die Zeit, 10.6.09, http://www.zeit.de/2009/25/N-invasive-Arten). Dabei geht es um die Tatsache, dass Reisen, Klimawandel oder die internationale Seeschifffahrt zu einem Ansteigen der Biodiversität in unseren Gefilden führen. Aber warum soll das bedrohlich sein?

Der Artikel von Maier und die ganze darin zitierte DAISIE-Initiative (Delivering Alien Invasive Species in Europe) leiden unter einem fundamentalen Denkfehler: Beide gehen davon aus, dass die Einwanderung exotischer Arten etwas Neues sei, das plötzlich über uns hereinbricht und angeblich unsere Existenz gefährdet. Als Vergleich wird die Situation von Neuseeland angeführt, wo das Einschleppen von neuen Arten in der Tat zu gravierenden und allein vom Menschen verursachten Veränderungen der Ökosysteme geführt hat. Denn in diesem Inselstaat (wie auch Australien) hatte sich eine ganz eigene Biodiversität entwickelt, die nun unwiederbringlich verschwunden ist.

Für Europa sieht es dagegen gänzlich anders aus: Wenn man die Geschichte der Biodiversität in unseren Breiten in den vergangenen Epochen betrachtet, so war Europa nach der letzten Eiszeit, die mit dem Schmelzen der Eismassen vor etwa 15.000 Jahren begann und etwa 8.000 v. Chr. zu Ende ging, biologisch betrachtet „leer“. Mittel- und Nordeuropa sind seither ein Einwanderungskontinent für Tier- und Pflanzenarten. Diese kamen auf „natürlichem“ Wege, d.h., sie breiteten sich aus ihren ursprünglichen Habitaten südöstlich oder südwestlich der Verbreitungszonen der eiszeitlichen Gletscher mit dem sich verändernden Klima einfach aus, oder sie wurden bewusst oder unbewusst durch die Menschen, von denen die nun wieder wärmer werdenden Gebiete besiedelt wurden, als Kulturpflanzen hereingebracht.

Einen besonderen Schub in der Anreicherung unserer Flora erfolgte dann durch die Einführung neuer Kulturpflanzen in Folge der Entdeckung neuer Kontinente und Kulturen ab der Mitte des vergangenen Jahrtausends. Mit dem neuen Saat- und Pflanzgut kam oft auch die entsprechende „Ackerbegleitflora“, die auch von manchen Zeitgenossen mit dem eigentlich politisch unkorrekten Begriff „Unkräuter“ belegt werden. Wer macht sich schon klar, dass Kartoffeln, Tomaten, Bohnen, Gurken, Kürbisse, Mais und vieles andere Pflanzen der „Neuen Welt“ sind, die vor der Entdeckung der Amerikas bei uns unbekannt waren?

Gefolgt wurde diese Phase vornehmlich im 18. und 19. Jahrhundert von den „Pflanzensammlern“ („plant hunters“), die oft im Auftrage der Fürsten und Könige Europas aufbrachen, um neue Pflanzen zu suchen und in die Gärten einzuführen. So kamen etwa Rhododendron, Fasan und manch anderes Gehölz, Kraut und Getier zu uns nach Europa und wurden Bestandteile unserer Flora und Fauna. Auch der zu Zwecken des „biologischen Pflanzenschutzes“ von gutmeinenden Menschen eingebrachte asiatische Marienkäfer Harmonia axyridis wurde so lange als hilfreich angesehen und hatte ein überaus positives Image, bis er zu einer Plage wurde.

Grundprinzip aller Veränderungen unserer Landschaften (die längst keine Natur-, sondern Kulturlandschaften waren) ist, dass die neuen Arten sich nur dann festsetzen konnten, wenn dies biologisch und klimatisch möglich war, wenn sie sich also vermehren konnten und ihre Nachkommen fertil waren. Mit anderen Worten: Irgendwann waren alle unsere Pflanzen, Tiere, Pilze, Flechten, Moose „invasive Arten“, nur wurde das als Bereicherung angesehen und nicht als Gefahr. Warum kann ein kontinuierlicher, gelegentlich schubweiser auftretender natürlicher Prozess mit einem Mal etwas Schlimmes sein?

Ein zweiter, aus dem ersten Denkfehler ableitbarer weiterer Denkfehler besteht darin, anzunehmen, dass man dagegen etwas tun könne. Das mag punktuell möglicherweise gelingen, wird in Zeiten des Klimawandels den Prozess aber kaum aufhalten. Unsere Landschaften haben sich immer verändert und werden sich fortwährend verändern, denn die Natur lässt sich nicht vorschreiben, was sie darf und was sie nach Meinung ihrer selbsternannten Schützer nicht darf, und das ist beruhigend. Es ist daher schon erstaunlich, dass mit einem Mal die Kosten angeführt werden, die ein „Neophyt“ wie Ambrosia artemisifolia verursacht. Dieses Argument ist gar zu billig und sollte nicht ernst genommen werden, zielt es doch vor allem auf Politiker, die sich nicht mit der Sache an sich auseinandersetzen, sondern nur Aktivitäten demonstrieren wollen. Wollte man alle giftigen oder allergenen Pflanzen entfernen, sähe es bei uns ziemlich trostlos aus.

Dabei haben wir in Mitteleuropa bereits mehrfach bewusst Arten aussterben lassen: So diente etwa das Trockenlegen der Moore im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur der Landgewinnung, sondern auch der Ausrottung der Malaria, die noch bis in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts etwa in Ostfriesland als „Marschenfieber“ Todesopfer forderte. So soll im Jahre 1826 in Ostfriesland jedes zweite Kind daran gestorben sein. Dann aber verdrängte in den entstehenden Kulturlandschaften der kultivierten Moore und der begradigten Flusslandschaften die Mücke Anopheles maculipennis typicus die den Malariaparasiten übertragenden Anopheles maculipennis messeae und Anopheles atroparvus.

Was nun aber weiterhin stutzig machen sollte, ist die Tatsache, dass diejenigen, die uns seit Jahren gebetsmühlenhaft weis machen wollen, dass angeblich „jeden Tag 1000 Arten aussterben“ mit einem Mal die Zuwanderung von Arten und damit die Erhöhung der Biodiversität als Problem verkaufen wollen Was stimmt denn nun? Nimmt die Biodiversität nun ab oder nimmt sie zu? Und wer bestimmt, was eine „invasive Art“ ist und was nicht, was bleiben darf und was als „unerwünscht“ ausgemerzt werden muss? Bekommen wir jetzt eine Pflanzenpolizei, die unsere Gärten daraufhin inspiziert, ob wir darin nicht geduldete Arten kultivieren? Müssen wir dann die örtlichen Blockwarte vom NABU, BUND oder ähnlichen Organisationen um Erlaubnis fragen, wenn wir eine Pflanze in unseren Gärten einsetzen wollen?