01.05.2007

Von Holocaustrevisionisten und Klimawandelleugnern

Essay von Frank Furedi

Wie eine säkulare Inquisition vollzogen wird, um das freie Denken zu stigmatisieren.

Gelegentlich besuche ich den Campo di Fiori in Rom. Ich liebe diesen Platz: das geschäftige Treiben an den Marktständen und das allgemeine Chaos, das hier herrscht, wenn kleine Kinder und Liebespärchen um freie Plätze konkurrieren. Die Statue von Giordano Bruno, dem Ketzer, der am 17. Februar 1600 verbrannt wurde, weil er das Glaubensdogma der „unbefleckten Empfängnis“ leugnete, ist sein Wahrzeichen.

Bis vor kurzem fand ich es nützlich, zum Campo die Fiori zu pilgern, um mich daran zu erinnern, wie die alten Mächte mit Freidenkern umgingen. Doch leider kann ich die Statue heute nicht mehr anschauen, nur um an die Vergangenheit zu denken. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen die westlichen Gesellschaften unter mächtigen antiliberalen, intoleranten und undemokratischen Einflüssen. Diejenigen, die die vorherrschenden kulturellen Glaubensgrundsätze hinterfragen, werden nicht selten wie unmoralische oder schlechte Menschen behandelt. Ihre Vorstellungen werden als eine moderne Form der Häresie dargestellt. Zu viele einflussreiche Persönlichkeiten gehen mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung sehr salopp um und sprechen sich für ein Verbot „gefährlicher“ Ideen aus. Wer herkömmliche Wahrheiten infrage stellt, wird als „Leugner“ bezeichnet, und die Leugnung gilt allzu häufig als eine kriminelle Tat, die bestraft werden muss.
Den Anfang machte die Holocaustleugnung, die später auch auf andere Genozide ausgeweitet wurde. Plötzlich gab es auch die „Aidsleugner“ und die „Klimaleugner“. Bei der Auswahl der Themen, um die hier gestritten wird, geht es nicht so sehr um die Inhalte einer realen, hoch emotionalen Debatte. Hier sind tief greifende, intolerante Grundeinstellungen am Werk, die diese Tendenz vorantreiben.

„Freies Denken ist nicht möglich, ohne vorherrschende Dogmen zu hinterfragen.“


Das freie Denken provoziert schon seit jeher den Zorn dogmatischer Moralisten. Aus diesem Grund wurden Leute, die sich der Erforschung neuer Ideen widmeten, wie Philosophen oder Wissenschaftler, immer wieder als Häretiker gebrandmarkt. Freies Denken ist nicht möglich, ohne vorherrschende Dogmen zu hinterfragen.
Viele der führenden Köpfe Europas wurden wegen Ketzerei verfolgt. Galileo Galilei wurde wegen seiner Kritik an der kosmologischen Lehre der Kirche 1633 Opfer der römischen Inquisition. Er wurde mit Tod und Folter bedroht und gezwungen, seiner Überzeugung abzuschwören.
Was kann man also tun, wenn man ernsten Zweifel an einer herkömmlichen Lehre hegt, aber gleichzeitig weiß, dass man als Ketzer verfolgt werden wird? Der Wissenschaftler Isaac Newton stand in einem solchen Dilemma: Sollte er öffentlich zugeben, nicht an die Existenz von Teufeln oder Dämonen zu glauben? Einer Überlieferung zufolge entschloss sich Newton, seine Meinung für sich zu behalten, weil Häretiker als religiös subversiv, sozial gefährlich und in jedem Falle moralisch minderwertig galten. [1] Nikolaus Kopernikus, der bestritt, dass die Erde im Zentrum des Universums liegt, umging die Bestrafung, indem er die Veröffentlichung seines Buches bis zu einem Zeitpunkt nach seinem Tod hinauszögerte. Doch nicht jeder war bereit mitzuspielen. Giordano Bruno war der mutigste Leugner des kirchlichen Dogmas und Unterstützer von Kopernikus. Selbst nach sieben Jahren Haft weigerte er sich, seine Überzeugungen zu widerrufen. Er wurde von der römischen Inquisition zum Tode verurteilt.


Häretikerjagd im 21. Jahrhundert
Die alte Inquisition ist heute längst diskreditiert. Möchtegern-Inquisitoren können sich nicht mehr auf die Macht der Kirche und die Autorität der Religion verlassen, um ihre Gegner zum Schweigen zu bringen. Der westlichen Gesellschaft fehlt es sogar an allgemeingültigen, moralischen Richtlinien, die vorgeben, welche Ideen „richtig“ oder „falsch“ sind. Wir sprechen lieber von Werten (im Plural) als von einzelnen, konkreten Anschauungen, die von jedermann akzeptiert werden können. Wir fühlen uns sicherer, über Wahrheiten zu diskutieren, statt sie anzuerkennen. Wir dürfen uns weitgehend aussuchen, was wir glauben und wem wir uns zugehörig fühlen. Studenten bekommen an den Universitäten, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften, gesagt, dass es so etwas wie eine richtige oder falsche Antwort nicht gibt. Statt über eine Moralkodex versucht die westliche Gesellschaft, das individuelle Verhalten durch eine diffuse Rhetorik über „richtiges“ und „falsches“ Verhalten zu beeinflussen. Schwierige Fragen werden einfach umgangen.
Doch paradoxerweise befördert das Fehlen moralischer Klarheit ein unfreies Klima, das durch intolerantes Verhalten gekennzeichnet ist. In einer Situation, in der es für Moralisten schwer ist, zwischen „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden, ist es wichtig, eine Trennlinie zwischen einem akzeptablen und einem inakzeptablen Verhalten zu ziehen. Die wenigen eindeutigen Beispiele für das wirklich „Böse“ – Pädophilie, Holocaust, Umweltverschmutzung – werden uns ständig als Ausdrücke moralischer Überschreitungen vorgeführt. Neue Tabus zu schaffen, ist eine der wichtigsten Tätigkeiten moderner Inquisitoren. Das am meisten ritualisierte und institutionalisierte Tabu unserer Gesellschaft ist wahrscheinlich die Leugnung des Holocausts. In zahlreichen Ländern gibt es hierfür harte Strafen. In Österreich können Holocaustleugner zu bis zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt werden. Die Bestrafung von Holocaustleugnern ist ein kulturell akzeptiertes Unterfangen, und es erlaubt Politikern, sich selbst als moralisch erhaben zu präsentieren. So forderte die deutsche Justizministerin Brigitte Zypries im Januar dieses Jahres, dass das Leugnen des Holocausts sowie das Tragen von Nazi-Symbolen innerhalb der gesamten EU verboten werden sollte.

„Während der vergangenen zwei Jahrzehnte ist der Tatbestand der Leugnung zu einem der wichtigsten Symbole der modernen Häresie im 21. Jahrhundert avanciert.“


Im Westen ist der Holocaust zu einer moralischen Metapher umfunktioniert worden, die auf alles übertragen werden kann und dazu genutzt wird, so ziemlich jedes Interesse und jede Kampagne zu rechtfertigen. Dieses „Markenprodukt Holocaust“ wurde angepasst und auf andere Ereignisse übertragen. Es gibt den „afrikanisch-amerikanischen Holocaust“, den „serbischen Holocaust“, den „bosnischen Holocaust“ und den „ruandischen Holocaust“. Abtreibungsgegner protestieren gegen den „größten Holocaust aller Zeiten“, und Tierrechtler verurteilen den „Holocaust an Robben“ in Kanada. Durch derartige Manipulation wird aus einer geschichtlichen Tragödie eine Karikatur, oder sie verkommt zu einer kleinlichen Zänkerei.
Moralapostel bedienen sich des Holocausts, um ihren eigenen Anliegen eine besondere Rechtfertigung zu verleihen. Hinzu kommt, dass sie darauf bestehen, jeden, der ihre Version der Geschehnisse anzweifelt, ähnlich zu behandeln wie die Leugner des wirklichen Holocausts. „Verdienen die armenischen Bürger Frankreichs nicht den gleichen Schutz wie ihre jüdischen Landsleute?“, fragte ein armenischer Fürsprecher, der die Leugnung des Genozids an den Armeniern unter Strafe gestellt sehen möchte. [2]
Während der vergangenen zwei Jahrzehnte ist der Tatbestand der Leugnung zu einem der wichtigsten Symbole der modernen Häresie im 21. Jahrhundert avanciert. Jemandem vorzuwerfen, er betreibe Holocaustleugnung, scheint auszureichen, um ihm das Recht, eine spezielle Version des Geschehenen infrage zu stellen, abzusprechen. Die Bestrafung von Holocaustleugnern diente als Vorbild für ein neues Gesetz in Frankreich. Im Oktober 2006 wurde von der französischen Nationalversammlung ein Gesetzesvorschlag angenommen, der eine Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr für die Leugnung des Genozids an den Armeniern im Jahr 1915 vorsieht.
Die Verwandlung des Tatbestandes der Leugnung hin zu einem allgemeingültigen, alles überragenden Bösen wird am deutlichsten, wenn man sich vor Augen führt, dass sich die Stigmatisierung nicht mehr nur auf historische Kontroversen beschränkt, sondern längst auch auf aktuelle Debatten übertragen wird. Leugnung hat heute den Status einer über alles schwebenden Blasphemie, die auf eine ganze Reihe von Problemen übertragen werden kann. In der Debatte über die globale Erwärmung wird seit einiger Zeit von „Klimaleugnern“ gesprochen. Ein Gegner dieser sogenannten „Klimaleugner“ stellte fest, dass schon die Verwendung von sprachlichen Ausdrücken wie „Klimawandel“, „globale Erwärmung“, „menschlicher Einfluss“ oder „Anpassung“ eine Art Leugnung darstelle und insofern ähnlich zu behandeln sei wie andere Formen von Menschenrechtsverletzungen. [3]
Es scheint, als hätten sich die Moralapostel so sehr auf den Tatbestand der Leugnung versteift, dass sie nicht mehr wissen, was Meinungsverschiedenheit bedeutet. Hinzu kommt, dass das Leugnen stigmatisiert wird und so die Form einer säkularen Blasphemie erhalten hat. Das Buch eines Autors, der die weit verbreiteten Weisheiten der Umweltschützer nicht teilen wollte, wurde mit der Begründung verworfen, mit dem Werk verfolge er die gleiche Strategie wie diejenigen, die behaupten, Schwule stürben nicht an Aids und Juden wären nicht durch die Nazis verfolgt worden usw. [4] Die Assoziation mit diesen hoch emotionalen Themen übermittelt die Botschaft, dass Leugnung eine Blasphemie sei, die auf jedes Anliegen übertragen werden könne.
Die Stigmatisierung von Leugnung geht dem Ruf nach Zensur voraus. Ein Beispiel ist der Versuch, jeden mundtot zu machen, der Zweifel an der offiziellen Darstellung der katastrophalen Folgen des Klimawandels äußert. Solche Skeptiker werden häufig als „globale Klimaschutzleugner“ bezeichnet und ihr Benehmen mit dem antisemitischer Holocaustleugner gleichgesetzt. Manche Moralprediger vertreten eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber ihren Widersachern. „Ich habe sehr wenig Geduld mit allen, die die menschliche Verantwortung für die Verschmutzung der oberen Atmosphäre und die Zerstörung der Ozonschicht leugnen“, sagte ein Kreuzritter für die Umwelt, bevor er dann verkündete: „Es gibt keinen intellektuellen Unterschied zwischen den Björn Lomborgs, die sich unerschütterlich weigern, die überwältigenden Beweise für eine durch Menschen verursachte globale Erwärmung – wie sie durch Wissenschaftler mit unanfechtbarem Ruf erbracht wurden – und den faschistischen Holocaustleugnern. [5] Diese Sprache dient dazu, die Häretiker zu verurteilen. Sie appelliert an eine über alles schwebende Autorität, die niemand anzweifeln darf. Die „überwältigenden Beweise“ erhalten den gleichen Status wie religiöse Offenbarungen. Diejenigen, die es wagen, „Wissenschaftler von unanfechtbarem Ruf“ (das ist die neue priesterliche Kaste) infrage zu stellen, machen sich der Blasphemie schuldig. Der scheinheilige britische Journalist George Monbiot vertritt diese konformistische Haltung und schreibt auch, dass „die Leugner des Klimawandels heute fast überall als ebenso dumm gelten wie die Holocaustleugner“. [6]

„Die heutigen Inquisitoren bestehen darauf, dass die Unterdrückung anderer Meinungen ein Ausdruck verantwortungsbewussten Verhaltens sei, da die Öffentlichkeit vor dem Unglauben geschützt werden müsse.“


Inquisitoren, die ihre Gegner gerne auch der „ökologischen Leugnung“ beschuldigen, warnen davor, dass es nur noch wenig Zeit zur Umkehr und Vernunft gäbe. [7] Es scheint, als würden sich diejenigen, die sich der ökologischen Weltsicht nicht öffnen wollen, einer ganzen Reihe von „Öko-Straftaten“ schuldig machen. Die Widersacher der neuen „Häretiker“, können oft der Versuchung nicht widerstehen, die Debatte abzuwürgen. Manche Journalisten fordern, dass Klimaskeptikern, die die heiligen Glaubensrichtlinien zur globalen Erwärmung nicht teilen, kein Platz in den Medien eingeräumt werden solle. „Irgendwann kommt der Punkt im Journalismus, an dem es unverantwortlich ist, an einer ausgeglichenen Berichterstattung festzuhalten“, schrieb der CBS-Reporter Scott Pelley. [8]
Aktivisten gegen die „Leugnung“ haben nicht nur ein Interesse daran, ihre Gegner mundtot zu machen. Ganz in der wahren Tradition der Inquisition stehend, möchten sie sie auch bestrafen: Wenn Holocaustleugner bestraft werden, dann auch Aidsleugner, forderte ein Befürworter staatlicher Verbote jüngst, und fügte hinzu: „Es ist an der Zeit, dass afrikanische Regierungen endlich das Leugnen der Aids-Epidemie unter Strafe stellen und all diejenigen verfolgen, die Fehlinformationen über die Krankheit verbreiten.“ [9] Ähnlich gehen die Gegner der „Leugner des Klimawandels“ vor. Ein australischer Journalist schrieb z.B.: „David Irving wurde in Österreich als Holocaustleugner verurteilt“, vielleicht „ist es möglich, das Leugnen des Klimawandels ebenfalls strafbar zu machen“. [10]
Die Argumentationslinien der Moralapostel legen nahe, dass das Leugnen die gleiche Funktion erfüllt wie die Ideen, die von der Religion einst als sündig oder gefährlich eingestuft wurden. Vor langer Zeit hatten Theokraten festgestellt, dass die Autorität ihres Glaubenssystems gestärkt würde, wenn sie darauf bestünden, dass Gott den Unglauben bestraft. [11] Auch wegen des schlimmen Einflusses der Blasphemie auf andere war eine Bestrafung unabänderlich. Die heutigen Inquisitoren haben diese Einsicht aufgegriffen und bestehen darauf, dass die Unterdrückung anderer Meinungen ein Ausdruck verantwortungsbewussten Verhaltens sei, da die Öffentlichkeit vor dem Unglauben geschützt werden müsse. Die Konstruktion von Tabus in Hinblick auf das Leugnen ist durch kulturelle Einflüsse, die den Konformismus und Dogmatismus befördern, noch beflügelt worden.


Leugnung und kritisches Denken
Dem Oxford English Dictionary zufolge bedeutet das Wort „Leugnung“, einen Tatbestand abzustreiten oder ihn als unwahr bzw. ungreifbar zu bezeichnen. Leugnung steht aus diesem Grund seit Jahrhunderten in einem engen Verhältnis zum kritischen Denken. Diejenigen, die die offizielle Version von Geschehnissen geleugnet haben, erfuhren immer Abweisung und manchmal sogar physische Repression. Heute hat das Wort seinen radikalen und kritischen Grundtenor verloren. Es wird stattdessen häufig als Synonym dafür genutzt, die Wahrheit nicht einsehen zu wollen – wie z.B. bei der Leugnung des Holocausts.
Im umgangssprachlichen Gebrauch wird Leugnung häufig mit unehrlichen und niederen Motiven in Verbindung gebracht. Die Darstellung von Leugnung als einer grundlegend unehrlichen Handlung stützt sich auf den psychoanalytischen Sprachgebrauch. In der Psychoanalyse spricht man von Leugnung, wenn jemand schmerzvolle oder beschämende Vorfälle nicht wahrhaben möchte bzw. verdrängt. [12] Die Erkenntnisse der Psychoanalyse wurden dazu genutzt, bestimmte Verhaltensmuster auch auf gesellschaftlicher Ebene zu kennzeichnen. In einer Zeit, in der der Einfluss von Therapeuten und Beratern ständig zunimmt, ist es populär, Menschen, die anderer Meinung sind, der „Leugnung“ zu bezichtigen. Es ist eine rhetorische Strategie, unbequemen Kontrahenten vorzuwerfen, sie würden die Realität nicht wahrhaben wollen und diese somit verleugnen.
Wenn Menschen ihre Emotionen öffentlich zur Schau stellen, gilt dies heutzutage als gut. Wir alle werden ermuntert, stets die Gefühle anderer zu berücksichtigen und vorherzusehen. [13] In einer solchen Situation wird alles, was mit leugnen zu tun hat, mit negativen Emotionen assoziiert. Dagegen gilt es als sehr positiv, wenn sich jemand mit seinen erlebten Schmerzen oder sonstigen unangenehmen Themen ausgiebig beschäftigt. In unserer Zeit ist es schick, vor der Öffentlichkeit zu beichten – jedem Drogenabhängigen oder Alkoholiker kann verziehen werden, solange er seine Schuld eingesteht und sich einer Therapie unterzieht. Menschen, die auf etwas bestehen und im „Stadium der Leugnung verharren“, widersprechen den öffentlichen Erwartungen.
Immer häufiger wird die „Leugnung“ als ein destruktiver Charakterzug dargestellt, von dem auch Gefahren für andere ausgehen. Oft wird sogar von einer Krankheit gesprochen, die die Grundlage für destruktives Verhalten bildet. In der Suchtprävention heißt es, Leugnung sei ein fester Bestandteil der Abhängigkeit. Alkoholismus sei „gekennzeichnet durch Kontrollverlust über das Trinken, durch Zentrierung des Denkens auf die Droge Alkohol … sowie durch Denkverzerrung und vor allem Leugnung“. [14] Diese Vorstellung wird in der öffentlichen Wahrnehmung auf andere Bereiche übertragen, und Leugnung gilt als Maßeinheit für einen kranken Geist.
Leugnung als Ausdruck einer destruktiven Persönlichkeit ist eine Sache. Doch wenn Leugnung mit schmerzlichen historischen Ereignissen wie z.B. dem Holocaust assoziiert wird, verliert es seinen persönlichen Charakter und wird als öffentliche Bedrohung wahrgenommen. Die gesellschaftlich-kulturelle Logik, die Leugnung mit einer destruktiven Persönlichkeitsstörung assoziiert, ist weit fortgeschritten. Aus Leugnung wurde eine Straftat, die all diejenigen bedroht, deren Schadensansprüche infrage gestellt werden. Leugnung ist somit nicht nur ein Ausdruck einer individuellen psychologischen Krankheit, sondern zu einer kulturellen Macht geworden, deren Auswirkungen das Wohlbefinden der Bevölkerung bedrohen. In unserem Kulturkreis ist die Leugnung zu einem einflussreichen, physischen und existenziellen Merkmal geworden, mit scheinbar verheerenden Auswirkungen für die Opfer.
Die Kriminalisierung der Leugnung wird am deutlichsten im Zusammenhang mit den Debatten über Genozide. Gregory Stanton, Gründer und ehemaliger Präsident der Organisation „Genocide Watch“, bezeichnet die Leugnung als achtes und letztes Stadium eines Genozids. Er glaubt, dass die Leugnung dem Genozid folge und der sicherste Indikator dafür sei, dass es zu weiteren Massakern an Völkern kommen werde. [15] Dieser Sichtweise zufolge beschränkt sich die Leugnung nicht einfach nur auf das gesprochene Wort, sondern sie führt zu tatsächlichen, gewaltvollen Taten.
In unserer Gesellschaft werden Menschen ermutigt, emotionales Leiden als schmerzvoller zu empfinden als physisches Leiden. Dieser Sichtweise zufolge kann der Schmerz, den die Leugnung hervorruft, als außerordentlich schwer und schädlich dargestellt werden. In diesem Sinne bezeichnet Elie Wiesel die Leugnung des Genozids als einen zweiten Mord, da hiermit auch die Erinnerung an die Tötungen vernichtet würde.
Die rhetorische Strategie, Wörter und Metaphern in Massenvernichtungswaffen umzuwandeln, ist nicht auf Moralapostel beschränkt. Es ist eine Strategie, die auch von Unheil verkündenden Umweltpropheten angewandt wird. Psychologisches Gerede darüber, dass viele Menschen die Wahrheit verleugnen, soll erklären, warum es bisher noch nicht zur öffentlichen Panik ob der uns angeblich unmittelbar bevorstehenden Apokalypse gekommen ist. Wir könnten zwar akzeptieren, dass sich das Klima verändert, heißt es, täten uns aber sehr schwer damit, die Verantwortung für unsere klimaschädlichen Handlungen zu übernehmen. [16]


Freie Meinungsäußerung ist „heilig“
Ist es vielleicht doch richtig, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzudämmen? Zweifellos werden Menschen, die den Holocaust leugnen, von niederen Motiven getrieben. Oft glauben sie, die falsche Seite hätte den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Sie möchten die Geschichte umschreiben, den Faschismus legitimieren, und sie sind zutiefst antisemitisch. Es spricht vieles dafür, die Keule gegen Historiker zu schwingen, die die Konzentrationslager und Gaskammern aus der Geschichtsschreibung streichen möchten. Dennoch gibt es auch sehr viele schlechte Gründe, einen Kreuzzug gegen Holocaustleugner zu führen.
Ein schlechter Grund ist die Behauptung, die Leugnung verletze die Gefühle der Überlebenden. Das Recht auf freie Meinungsäußerung setzt voraus, auch die Gefühle anderer Mitmenschen verletzen zu dürfen. Die Forderung, den Schmerz und das Leiden von Opfern anzuerkennen, hat mehr mit moralischer Kontrolle zu tun als mit dem Wunsch, geschichtliche Wahrheiten aufrechtzuerhalten. Der Schriftsteller D. D. Gutterplan, der Aufsätze zum Thema Holocaust veröffentlicht hat, argumentiert, es ginge bei der Debatte nicht um historische Details: „Das Leiden der Holocaust-Überlebenden nicht anzuerkennen und deren Erlebtes zu leugnen oder dieses Leiden als ein speziell jüdisches Problem darzustellen, das sonst niemanden beunruhigen muss, ist gleichbedeutend mit der Leugnung unserer aller Menschlichkeit.“ [17] Vielleicht ist das so, aber die Umwandlung von Geschichte in eine Art Therapie, die dazu dient, die Gefühle der Opfer anzuerkennen, stellt eine ganz eigene Gefahr dar, die in der sozialen Konstruktion der Debatte liegt.
Manche meinen, die Leugnung des Holocausts sei ein Problem, weil immer mehr Überlebende sterben und es somit niemanden mehr gebe, der den Behauptungen, diese schreckliche Straftat sei ein Mythos, entgegentreten könne. Andere machen sich Sorgen, dass junge Menschen, die im Internet surfen, auf antisemitische Interpretationen des Holocausts stoßen und mangels historischer Kenntnisse auf die Propaganda hereinfallen könnten. Bürokratische Intervention und Zensur können jedoch nicht verhindern, dass solche Ideen von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Selbst aus einer engstirnigen, pragmatischen Sicht kann die Kontrolle und Unterdrückung der freien Meinungsäußerung nicht funktionieren. Im Zeitalter des Internets können Ideen nicht einfach ausgelöscht werden.
Die freie Meinungsäußerung ist jedoch nicht nur eine pragmatische Bequemlichkeit, sondern ein grundlegendes demokratisches Prinzip. Die französische Nationalversammlung hat dies 1789 konstatiert, als sie bekanntgab, dass die freie Darlegung der eigenen Gedanken und Meinungen eines der kostbarsten Rechte eines jeden sei und jeder Bürger deshalb frei sprechen, schreiben oder veröffentlichen dürfe. Dieses Recht ist unteilbar. Westlichen Gesellschaften fällt es schwer, nach diesen Prinzipien zu leben. Pragmatische Politiker und juristische Theoretiker möchten uns ständig belehren und uns mitteilen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht absolut sei. Andere behaupten, die freie Meinungsäußerung sei ein überschätzter Mythos. Wir verbringen mehr Zeit damit, darüber zu diskutieren, wie wir die freie Meinungsäußerung einschränken können, als damit, sie auszuweiten. Jede Einschränkung, die bestimmten Äußerungen auferlegt wird, dient als Vorstufe für weitergehende Zensurmaßnahmen. Aus diesem Grund ist auch die Kriminalisierung der Leugnung des Holocausts eine Vorstufe für die Unterdrückung anderer Formen des Unglaubens.
Besonders bedenklich ist, dass auch die Wissenschaften genutzt werden, um das freie Denken zu kontrollieren. Teile des wissenschaftlichen Establishments behaupten, dass die Debatte über globale Erwärmung beendet sei. Sie fordern, all diejenigen, die den sogenannten wissenschaftlichen Konsens hinterfragen, aus ihren Kreisen zu verbannen. Aber die Wissenschaft kann nicht rechtmäßig dafür herhalten, eine Debatte abzuwürgen. Wissenschaftliche Forschung kann bestenfalls wichtige Informationen liefern – wie diese Fakten von der Gesellschaft interpretiert werden, ist abhängig von kontroversen Debatten. Die Interpretation hat politische, moralische und kulturelle Dimensionen. Jede Kultur hat eine andere Vorstellung davon, was noch als akzeptables Risiko gelten könne, oder wie viel Schmerz einem Menschen zugemutet werden dürfe oder was als sicher gälte. Sicherer Sex, der Schutz von Kindern, Umweltschutz usw. sind Ideale, die kulturell geprägt sind. Das Gleiche gilt für unsere Interpretation der zahlreichen Zukunftsrisiken. Die Wissenschaft kann uns Wichtiges über diese Probleme mitteilen. Aber sie kann uns nicht sagen, was diese Probleme für die Gesellschaft bedeuten und wie wir damit umgehen sollten. Aus diesem Grund darf kein Thema tabuisiert werden. Ebenso wenig darf die Wissenschaft dazu missbraucht werden, eine Diskussion zu unterbinden. Bei unserem Streben nach Erkenntnis dürfen wir streiten und debattieren und unsere Meinung zu allem frei äußern. In unserem Zeitalter des Konformismus ist ein gutes Maß an Ungläubigkeit nichts Schlechtes.