01.07.2004

Von Elfenbeinkugeln und Holztennisschlägern

Analyse von Herbert Uhlen

Herbert Uhlen über die Grünen und die Chemieindustrie.

Das waren Zeiten, als es bei den Grünen noch richtig abging in Sachen Chemiepolitik. Die so genannte Chlorchemie, also die Herstellung und Nutzung von Chlor als eine wertvolle Säule der chemischen Industrie, galt als Sündenfall und sollte abgeschafft werden. Das war absurd, hatte aber immerhin Schwung. Das Chlor, und in besonderem Maße auch das PVC, ein äußerst vielseitiger Kunststoff und Hauptanwendung des Chlors, hatte eine symbolische Bedeutung, ähnlich wie heute die Gentechnik. Die Grünen zogen in den 90er-Jahren übers Land und propagierten den Ausstieg aus der Chlorchemie. Es kam allerdings anders: Chlor ist immer noch wichtige Basis der chemischen Industrie und anderer Industriezweige, und PVC hat weiter an Bedeutung gewonnen.

„Vom naiven Charme engagierter Zeitgenossen, die einst verkündeten, die Natur könne es „besser als die chemische Industrie“, ist wenig übrig geblieben.“

Ein Beschluss der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen vom 27. Januar 2004 mit dem Titel „Wege zu einer nachhaltigen Chemiepolitik“ wirkt vergleichsweise blass. Vom naiven Charme engagierter Zeitgenossen, die einst verkündeten, die Natur könne es „besser als die chemische Industrie“, ist wenig übrig geblieben. Große Teile des neunseitigen Papiers wirken eher wie die nüchterne Stellungnahme zu den Vorgaben anderer.

Die Europäische Kommission veröffentlichte im Februar 2001 das Weißbuch „Strategie für eine zukünftige Chemikalienpolitik“ und verabschiedete am 29. Oktober 2003 den Entwurf einer neuen EU-Chemikalienverordnung. Im Papier der Grünen heißt es dazu:
„Mit dieser Reform eröffnet sich ein immenses Potenzial für eine Weichenstellung hin zu einer nachhaltigen Chemieindustrie, die sowohl dem Ziel eines hohen Schutzniveaus für Gesundheit und Umwelt als auch der Sicherstellung einer innovativen und wettbewerbsfähigen Chemieindustrie verpflichtet ist. Ein vorsorgender Umwelt- und Verbraucherschutz steht dabei keineswegs im Widerspruch zu ökonomischem Erfolg und der Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit.“

Das könnten andere im Bundestag vertretene Parteien auch so sagen. Bei den Grünen ist es aber schon erstaunlich, dass sie der Chemieindustrie in etwa so viel Fürsorge zukommen lassen wie Gesundheit und Umwelt. Sie wünschen diesem Industriezweig ökonomischen Erfolg und gute Chancen im Wettbewerb.

„Bei der Forderung nach einer „sanfteren Chemie“ ging es nicht nur um physikalische Kenngrößen, sondern um eine andere Gesinnung gegenüber der Materie, gekennzeichnet durch Vermeidung unsanfter Produktion und durch Respekt vor der „Langsamkeit und Behutsamkeit der natürlichen Evolution“.“

Ein Eckpunktepapier von 1997, ein Jahr vor der Regierungsbeteiligung, stellte noch an den Anfang, dass sich die Chemieindustrie wandeln solle. Zu dem von den Grünen gewünschten Wandel (auch „Chemiewende“ genannt) gehörte die Hinwendung zu einer „sanfteren Chemie, mit weniger Druck, geringeren Temperaturen und Energien“. Eigentlich eine völlig überflüssige Forderung für eine politische Partei, ist doch die Steigerung der Effizienz, also der Versuch, eine Produktion mit möglichst geringem Einsatz an Energie und Rohstoffen zu betreiben, ohnehin das Eigeninteresse der Industrie. Aber bei der Forderung nach einer „sanfteren Chemie“ ging es nicht nur um physikalische Kenngrößen, sondern um eine andere Gesinnung gegenüber der Materie, gekennzeichnet durch Vermeidung unsanfter Produktion und durch Respekt vor der „Langsamkeit und Behutsamkeit der natürlichen Evolution“. Die Sorge um alles Schwache und Verletzliche dieser Welt gipfelte in diesem mystischen Aufruf:
„Auch wenn es im Zusammenhang mit Stoffpolitik auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag: Wir benötigen ein anderes Verhältnis zur Zeit! Die Zeit kann als der letzte Rohstoff betrachtet werden, der ausgebeutet wird.“

Im Jahr 2004 klingt dies anders. Manche Symbole sind verschwunden und trockenes Verwaltungsdenken macht sich breit. Die Europäische Kommission hat die Chemiepolitik in der Mache, und weite Teile des neuen Positionspapiers der Grünen sind lediglich Kommentar zu dem, was die Kommission vorhat.

Das europäische REACH-Konzept (Registration, Evaluation, Authorization of Chemicals) soll bestehende Richtlinien und Verordnungen zusammenfassen und zu einer Vereinfachung des europäischen Chemikalienrechts beitragen.

Was halten die Grünen davon? Sie erkennen den Ansatz als richtig an, sehen aber in den Details noch gravierende Defizite, die in weiteren Genehmigungsverfahren beseitigt werden sollen. So verlangen sie, dass die Sicherheitsberichte (Chemical Safety Reports) bereits ab einem Produktionsvolumen von einer Tonne pro Jahr und Hersteller und nicht, wie im aktuellen Entwurf vorgesehen, erst ab zehn Tonnen verbindlich werden. Es soll auch ein angemessenes und wirksames System der Qualitätssicherung eingerichtet werden. Selbstverständlich sollen Versuche mit Wirbeltieren minimiert und, wenn möglich, durch computergestützte Struktur-Wirkungsanalysen ersetzt werden. Aber die Grünen sorgen sich auch um die Praktikabilität der künftigen Vorschriften gerade für kleine und mittelständische Unternehmen und um eine weltweite Harmonisierung der Chemikalienpolitik zur Gewährleistung eines sicheren Umgangs mit gefährlichen Chemikalien. Es geht also hauptsächlich um Details der Ausgestaltung.

Ein Symbol hat sich in die neue Zeit hinübergerettet: Unter der Parole „Weg vom Öl“ propagieren die Grünen nach wie vor die weitestgehende Verwendung nachwachsender Rohstoffe als stoffliche Basis der chemischen Industrie, gerade auch als Basis für Kunststoffe.
Gewiss, das Erdöl hält nicht ewig, aber praktisch alle Wirtschaftszweige, auch die Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe, ist heute vom Erdöl abhängig. Der Anteil des Erdöls, der für Werkstoffe verwendet wird, liegt bei gerade mal fünf oder sieben Prozent, während die überwiegende Menge in Motoren und Öfen verbrannt wird.

Wären wir auf Holz als Brennstoff angewiesen, wäre es vernünftig, sich nach anderen Energiequellen umzusehen; es wäre aber nicht vernünftig, von der Herstellung langlebiger Möbel aus Holz abzuraten. Die Verwendung von Erdöl als Rohstoff, vor allem für langlebige Kunststoffprodukte wie Wasserrohre und Fensterrahmen, ist das Sinnvollste, was man mit Erdöl machen kann, und würde es nur als Rohstoff für Kunststoffe, Fasern und Lackbindemittel verwendet, wären die Vorräte nahezu unbegrenzt.

Die Grünen hängen dem alten Vorurteil weiterhin an: im Zweifel ist das, was in der Natur gewachsen ist, besser als das, was mit Menschenkunst synthetisch hergestellt wurde. Es ist die Neuauflage des über 20 Jahre alten Slogans „Jute statt Plastik“. Dabei hätte man aus der Erfahrung lernen können. Jute hat keine Bedeutung erlangt, und es ist auch nicht schade darum. Man muss schon einen Hang zum Hässlichen haben, wenn man zu einer Einkaufstasche aus Jute greift.

Nicht die Herkunft eines Stoffes ist entscheidend, sondern die Eigenschaften, die er tatsächlich hat. Manche Holzstäube sind krebserregend. Dann muss man eben entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen und an den Arbeitsplätzen, an denen durch Sägen und Bohren Feinstaub anfällt, diesen absaugen.

Die Bevorzugung natürlicher Rohstoffe ist kein vernünftiger Grundsatz im Sinne von Verbraucherschutz und -aufklärung.
Früher hatte man Bierkästen aus Holz, ebenso Rollläden, Skier, Sportboote und Tennisschläger. All diese Produkte will heute niemand mehr haben.

Nun sollen die nachwachsenden Rohstoffe nach den Vorstellungen der Grünen durchaus auch chemisch abgewandelt werden, eben Rohstoffe für die chemische Industrie sein, vorzugsweise in kleinen und mittleren Betrieben (Großunternehmen neigen zur unsanften, zur harten Chemie). Aber damit ist auch nicht unbedingt etwas gewonnen.

Die Anregung zur Entwicklung des Schmerzmittels Aspirin kam aus der Natur. Salicylsäure, aus dem Saft der Rinde des Weidenbaums gewonnen, hat eine gewisse schmerzstillende und fiebersenkende Wirkung. Deutlich wirksamer und verträglicher ist eine chemische Abwandlung, die Acetylsalicylsäure. Diese wird aber in effizienter Weise synthetisch hergestellt. Nur noch der Name erinnert an den Weidenbaum (lat. salix = Weide), und das genügt auch.

In dem Papier der Grünen ist weiter zu lesen:
„Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts benutzten die Menschen ausschließlich Farbstoffe mineralischer, tierischer und vor allem pflanzlicher Herkunft. Seit gesundheitsgefährdende Substanzen im Wohnbereich und in Textilien Schlagzeilen gemacht haben, sind Farben auf natürlicher Basis wieder mehr gefragt.“

Früher war also die Welt mit den alten Rohstoffen in Ordnung. Dann kam die chemische Industrie auf, und Gesundheitsgefährdungen waren die Folge. Das in zwei Sätzen fassbare Weltbild ist sehr übersichtlich, nur stimmt es nicht. Zu den Farbmitteln mineralischen Ursprungs gehört auch das giftige Cadmiumsulfid, das technisch beste Gelbpigment für Anstrichstoffe. Es verlieh den Postkutschen der guten alten Zeit die leuchtende gelbe Farbe. Die Verwendung cadmiumhaltiger Pigmente ist heute wegen der Gesundheitsgefährdung nicht mehr diskutabel. Für Weißlacke wurde in der guten alten Zeit ein bleihaltiges Pigment verwendet: Bleiweiß. Blei, ebenfalls Inbegriff für böses Schwermetall, ist für Pigmente auch nicht mehr diskutabel. Die moderne chemische Großindustrie stellt Titandioxid als gesundheitlich unbedenkliches Weißpigment bereit. In der guten alten Zeit stand es noch nicht zur Verfügung. Als man noch Anstrichmittel ausschließlich aus natürlichen Rohstoffen herstellte (Bindemittel, Lösemittel, Pigmente), gab es eine typische Berufskrankheit, die Malerkrätze.

Die Verwendung nachwachsender Rohstoffe ist in manchen Fällen sinnvoll, etwa für Waschmittel (auch Jute mag da und dort nützlich sein). Wo dies der Fall ist, kommt aber die Industrie selber darauf und muss nicht von politischen Parteien überredet werden. Sich aus Prinzip für „nachwachsende Rohstoffe“ stark zu machen, ist eine bloße Geste ohne praktischen Wert.
Nachwachsende Rohstoffe aus Nostalgie zu verwenden, ist dumm. Um Gefahren abzuwenden? Das stimmt nicht, jedenfalls nicht als goldene Regel. Um Ressourcen zu schonen? Auch das stimmt nur in manchen Fällen. So ist die Herstellung von Rapsöldiesel energieaufwändig, und selbst das Umweltbundesamt empfiehlt seine Verwendung nicht. Nachwachsende Rohstoffe, um technische Vorteile zu nutzen? Vorteile nutzt jeder Hersteller aus eigenem Antrieb, dazu muss man ihn nicht ermuntern.

Celluloid ist der älteste formbare Kunststoff, der wirtschaftliche Bedeutung erlangte. 1869 wurde es erstmals in größerem Maßstab hergestellt. Seine Entstehung verdankt es einem Preisausschreiben, in dem ein Ersatzstoff für Elfenbein für Billardkugeln gesucht wurde. Billardkugeln wurden auch die erste Anwendung des Celluloids, das auf diese Weise vielen Elefanten das Leben rettete. Dann wurde Celluloid zum Inbegriff der Filmkunst. Auch viele Gebrauchsgegenstände wie Kämme, Griffe und Beschläge sowie Puppen (heute wertvolle Sammlerstücke) wurden daraus gefertigt. Wegen der leichten Entflammbarkeit und der verhältnismäßig hohen Produktionskosten wurde es von anderen Kunststoffen verdrängt. Es ist ein veralteter Kunststoff, übrigens ein halbsynthetischer, denn der Rohstoff Cellulose wird von Pflanzen erzeugt. Tischtennisbälle gibt es allerdings immer noch aus Celluloid.

Die Anregung durch einen Wettbewerb, die Verwendung eines nachwachsenden Rohstoffs, die erste Karriere zum Schutz einer bedrohten Tierart, die kulturelle Bedeutung für Fotografie und Film, der Gefühlswert für zahllose Puppenmütter, der Abstieg wegen besserer neuer Produkte und das Nischendasein heute in Form von Tischtennisbällen: all diese Stationen bedurften nicht der politischen Begleitung und wohlmeinenden Betreuung. Das könnten die Grünen aus der Geschichte lernen.