01.09.2004

Von einfühlsamen Eltern und tyrannischen Kindern

Essay von Sabine Beppler-Spahl

Sabine Beppler-Spahl plädiert dafür, dass Erwachsene Kinder erziehen sollten und nicht umgekehrt.

Nicht immer gelingt die Erziehung so, wie es sich Eltern wünschen: „Mehr als die Hälfte der Eltern kleiner Kinder halten ihren Nachwuchs für verhaltensauffällig und klagen über Erziehungsschwierigkeiten“, so eine Meldung der Berliner Zeitung vom Mai 2004. „Verhaltensprobleme sind bereits im Vorschulalter weit verbreitet“, kommentierte Bundesfamilienministerin Renate Schmidt im gleichen Monat eine im Auftrag ihres Hauses erstellte Langzeitstudie, der zufolge 13 bis 17 Prozent der Kinder ernsthafte Schwierigkeiten im Sozialverhalten aufweisen. Die Ergebnisse der Studie bestätigen einen Trend, der seit einigen Jahren von Fachleuten mit Besorgnis beobachtet wird. Professor Klaus Hurrelmann, Leiter des Sonderforschungsbereichs Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter der Universität Bielefeld, schreibt in seinem 1998 erschienenen Buch mit dem Titel Kinder stark machen für das Leben: „Rund 15 Prozent eines Altersjahrgangs sind mittlerweile aggressiv und gewalttätig. Ein Fünftel der Schülerschaft kann Untersuchungen zufolge als sozial verwahrlost gelten – unfähig, die Grundregeln des Zusammenlebens einzuhalten.“
Was ist angesichts dieser erschreckenden Entwicklung zu tun? An Erziehungsratgebern, die sich mit der Problematik auseinander setzen, gibt es keinen Mangel. Der erste Schritt zur Lösung eines Problems ist bekanntlich die Erforschung seiner Ursachen. Umso erstaunlicher ist, dass nur wenige Ratgeber sich überhaupt mit den Gründen kindlichen Fehlverhaltens beschäftigen, sondern stattdessen schnell zu Verhaltensregeln für die Eltern übergehen. Doch es gibt auch Bücher, die diesem Trend etwas entgegenstellen möchten und deshalb durchaus lesenswert und hilfreich sind, etwa das Buch von Didier Pleux, einem in Frankreich praktizierenden Psychologen, mit dem Titel De l`enfant roi à l`enfant tyran.

Das Kind als Tyrann

Pleux ist Direktor des „Institut de thérapie cognitive“. Er befasst sich seit vielen Jahren mit der Therapie schwer erziehbarer Kinder und Jugendlicher, die in der Schule durch schlechtes Sozialverhalten auffallen, sich dem Unterricht und jeglicher Kooperation mit ihren Eltern verweigern und häufig sogar tiefe Persönlichkeitsstörungen sowie Drogenabhängigkeit, Straffälligkeit, Depressionen etc. aufweisen. Pleux kommt dabei zu Erkenntnissen, die zwar mit den Erfahrungen anderer Wissenschaftler übereinstimmen, mit den Tipps vieler gängiger Erziehungsberater jedoch unvereinbar sind. Die zentrale These von Pleux ist, dass das verwöhnte oder, wie er es nennt, „tyrannische“ (Klein-) Kind, das (häufig sehr subtil, stetig und unauffällig) die Macht über die Erwachsenen gewonnen hat, am Anfang einer Entwicklung hin zu tief greifenden Persönlichkeitsstörungen steht. Er möchte in seinem Buch vor einem Trend warnen, den er in den vergangenen Jahren verstärkt wahrgenommen hat: dem zunehmenden Kontrollverlust der Erwachsenen in Hinblick auf die Erziehung ihrer Kinder.

„Um glückliche und zufriedene Jugendliche und junge Erwachsene zu werden, müssten Kinder lernen, auch mit Frustrationen und Niederlagen umzugehen, Verbote zu akzeptieren und sich mit zunehmendem Alter ihrer sozialen (und familiären) Pflichten bewusst zu werden.“

In vielen Familien bestimmen die Kinder und nicht die Eltern das tägliche Leben. Pleux rät daher zum Selbsttest: Sind wir die Eltern, die beobachten, zuhören, bewerten, entscheiden und bestimmen, oder sind wir zum Sprachrohr (porte-paroles) unserer Kinder geworden? Es gehe nicht darum, so Pleux, den Willen der Kinder „zu brechen“, wie man es früher riet, sondern darum, zu erkennen, dass Kinder erzogen werden müssen. Um glückliche und zufriedene Jugendliche und junge Erwachsene zu werden, müssten Kinder lernen, auch mit Frustrationen und Niederlagen umzugehen, Verbote zu akzeptieren und sich mit zunehmendem Alter ihrer sozialen (und familiären) Pflichten bewusst zu werden. Tyrannische Kinder machen diese Erfahrungen zu selten oder zu spät. Anhand zahlreicher Fallbeispiele zeigt er auf, wann ein Kind Gefahr läuft, ein „Haustyrann“ zu werden. Kleine Tyrannen wurden oft bereits als Baby stundenlang spazieren gefahren, um einzuschlafen. Sie essen nur, was sie mögen, weshalb der Familienspeiseplan möglichst nach ihren Wünschen ausgerichtet wird. Als Schulkinder benötigen sie zahlreiche Weckanläufe, um morgens pünktlich aufzustehen. Damit sie nicht zu spät kommen, müssen sie häufig mit dem Auto zur Schule gefahren werden. Nachmittags kommen sie erschöpft heim und müssen sich ausruhen. Ihre Hausaufgaben erledigen sie stets mit Widerwillen. Niemals – oder nur wenn sie sich freiwillig dazu bereit erklären – müssen sie im Haushalt mithelfen, da dies in der Regel ohnehin nur zu Streit und Auseinandersetzungen mit den Eltern führt.
Tyrannen, so Pleux, kommen in allen gesellschaftlichen Schichten vor. Sie sind nicht – wie häufig angenommen – nur Einzelkinder oder Kinder geschiedener Eltern. Oft befinden sich in einem Haushalt mehrere „Tyrannen“. Häufig handelt es sich um „gut bürgerliche Familien“, in denen Kinder eine hohe Wertschätzung genießen. Pleux betont, dass alle Kinder gelegentlich die oben genannten Verhaltensweisen zeigen. Problematisch wird es erst, wenn dieses Verhalten zur Regel wird, mehrere Probleme gleichzeitig und regelmäßig auftreten und die Eltern nicht über die Kraft verfügen, diesen Kapriolen entgegenzuwirken. Kindliche Tyrannen setzen ihren Willen nicht immer nur durch Aggressionen um. Oft manipulieren sie ihr Umfeld auch durch Charme. Nicht selten sind es Kinder, die über eine besonders gute Ausdrucksweise verfügen, da sie lange Debatten mit Erwachsenen gewohnt sind. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie im wirklichen Leben Probleme bekommen, denn:

  • sie beschäftigen sich nur mit Dingen, die ihnen Spaß bereiten. Unliebsame Tätigkeiten (zum Beispiel Arbeiten im Haushalt) haben sie stets vermeiden können. Sie haben somit nicht gelernt, Frustrationen und Anstrengungen auszuhalten (und sind daher häufig Schulversager);
  • sie sind es gewohnt, immer ihren Willen durchzusetzen und können sich nur schwer in soziale Gemeinschaften einfügen (daher oft einsam oder auffällig im Verhalten);
  • sie überschätzen in der Regel ihre Fähigkeiten, weil sie nie an die eigenen Grenzen gestoßen sind (daher nicht kritikfähig und unfähig, Niederlagen durchzustehen);
  • sie haben nicht gelernt, Pflichten zu übernehmen und Verantwortung zu tragen (zögern daher das Erwachsenwerden heraus und leben oft noch viele Jahre nach ihrem 20. Geburtstag bei „Mama und Papa“ – ein verstärkt auftretendes Phänomen).

„Eltern und zunehmend auch Lehrer haben Angst, Konflikte mit Kindern auszutragen und durchzustehen. Dies ist eine Konsequenz des tiefen Misstrauens, das in unserer Gesellschaft gegenüber elterlicher Autorität vorherrscht.“

Die Angst vor Autorität

Die Aussage, verwöhnte Kinder hätten es schwer und bekämen Probleme, mag für wenig Überraschung sorgen. Wozu ein ganzes Buch dem Thema widmen? Warum betont Pleux, dass er sein Werk als Warnung verstanden wissen möchte? Die Antwort lautet: Weil in unserer Zeit der Druck, verwöhnte Kinder großzuziehen, immer stärker wird. Zahlreiche verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche passen in das von Pleux beschriebene Schema. Pleux macht für diesen Trend zum einen den wachsenden materiellen Wohlstand verantwortlich, der vieles ermöglicht, was früher einfach undenkbar war. Das eigentliche Problem – und auch dies spricht Pleux deutlich aus – liegt jedoch darin, dass Eltern und zunehmend auch Lehrer Angst haben, Konflikte mit Kindern auszutragen und durchzustehen. Dies wiederum ist eine Konsequenz des tiefen Misstrauens, welches in unserer Gesellschaft gegenüber elterlicher Autorität vorherrscht. Eltern schrecken häufig vor der Vorstellung zurück, ihre Kinder im erzieherischen Sinne auch disziplinieren zu müssen. Kinder werden niemals als Täter, sondern immer als Opfer dargestellt, deren Rechte es zu verteidigen gilt, weil sie die Schwächeren sind. Die Gefahr, die sich hinter dieser weit verbreiteten Einsicht verbirgt, ist, dass man Erwachsene automatisch in die Rolle der potenziellen Unterdrücker drängt. Viele wohlmeinende Erwachsene möchten aber um jeden Preis vermeiden, ihre Kinder zu unterdrücken. Die Konsequenz dieses verständlichen Vorsatzes ist, dass viele Eltern keine Stärke und Konsequenz gegenüber ihren Kindern mehr zeigen möchten und sich durch gefährliche Passivität auszeichnen. Die Angst vor jeglichem Ausdruck elterlicher Autorität spiegelt sich auch in zahlreichen offiziellen und inoffiziellen Elternratgebern wider, die den von Pleux beschriebenen Trend somit bestärken.

Brauchen Eltern Grenzen?

Paula Honkanen-Schobert, Autorin der Buches Starke Kinder brauchen starke Eltern. Der Elternkurs des Deutschen Kinderschutzbundes liefert ein gutes Beispiel für die Ambivalenz, mit der viele Erwachsene ihre Rolle als Erzieher sehen. In der Einleitung schreibt sie: „Eltern dürfen und sollen Eltern sein, sie sollen und dürfen in ihrer Erwachsenen-Rolle bleiben. Aufgrund ihres Alters und ihres Erfahrungsvorsprungs sind sie für ihre Kinder Autoritäten und Vorbilder, ob sie es wollen oder nicht.“ Auch hier wird deutlich, dass es offenbar keineswegs mehr selbstverständlich ist, eine Autorität zu sein, sondern der Ermutigung und der Erlaubnis bedarf. Doch fast so, als sollten Eltern bloß nicht auf die Idee kommen, ihre Rolle als Autorität und Vorbild zu ernst zu nehmen, schreibt die Autorin weiter: „Kinder brauchen Grenzen – sagt man. Ich sage: auch wir Eltern. Kinder überschreiten sie – Eltern auch.“
Vielleicht laufen tatsächlich Eltern, die den Elternkurs des Kinderschutzbundes besuchen, Gefahr, „ihre Grenzen zu überschreiten”, Kinder zu prügeln oder emotional zu unterdrücken. Wahrscheinlicher erscheint mir allerdings, dass autoritäre Eltern nicht dazu neigen, Kurse beim Kinderschutzbund zu belegen, die Kursteilnehmer und Ratgeberleser also eher zu jenen Eltern zählen, die ohnehin nicht bevormundend sein möchten, sondern davor zurückschrecken, den Kleinen zu sagen, wo es langgeht.
Die Ansätze von Pleux und Honkanen-Schobert sind grundverschieden und fast konträr. Pleux will Eltern dazu ermutigen, das Familienleben bewusst zu lenken und keine Angst davor zu haben, Kindern Grenzen zu setzen. Honkanen-Schobert möchte Eltern davor warnen, zu bestimmend aufzutreten. Die Rechte des Kindes stehen im Mittelpunkt ihres Erziehungsleitfadens: „Wozu sollen Eltern die Kinder anleiten? ... Woher können sie die Rechtfertigung und Begründung für ihre Erziehung nehmen?“, fragt sie. Die Antwort geben die Gesetze, zum Beispiel „die Kinderrechte und die Wissenschaft, wie u.a. Pädagogik, Psychologie und Sozialwissenschaften”, die „neue, durchaus ernst zu nehmende Grundlagen für die Erziehung“ seien. Die Auseinandersetzung mit den dort dargestellten Leitgedanken lohne sich, denn „es könnte vielleicht mittlere Wunder bewirken, wenn die Eltern und andere, die mit Kindern zu tun haben, sich zumindest bemühen würden, Kindern gegenüber mehr Verständnis, Respekt und Toleranz aufzubringen“.
Auch Pleux findet es richtig, über Kinderrechte zu reden. Er fürchtet sich aber vor einer Welt, in der Kinder nicht verstehen lernen, dass Rechte auch mit Pflichten einhergehen und sie Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind. Zur Verdeutlichung seiner Bedenken beschreibt Pleux einen Elternabend an einer ganz normalen französischen Schule. Im Eingangsbereich sieht er ein Plakat, auf dem ein Kind mit „Engelsgesicht“ abgebildet ist. Unter dem Plakat der Schriftzug: „Ich habe ein Recht auf meine Kindheit!” Im Untertitel stehen die Rechte in Schlagwörtern aufgeführt: „gehört zu werden, träumen, spielen, sprechen, lieben, leben“. Während er das Plakat liest, stürmen die kleinen Sechstklässler die Schultreppen zum Versammlungssaal hinauf. Sie stoßen und drängeln und nehmen keine Rücksicht auf ihre Eltern, die vergebens versuchen, mit ihnen Schritt zu halten. Später beobachtet er, wie ein Lehrer von einer Schülerin (unterstützt durch deren eigenen Vater) kritisiert wird, weil er angeblich eine Hausaufgabe zu schnell diktiert habe, so dass das arme „Opfer“ nicht mehr mitkam. Der Hinweis des Lehrers, das Kind müsse lernen, sich zu konzentrieren und solle im Unterricht weniger Gespräche mit ihrer Tischnachbarin führen, stieß auf große Empörung. Der Lehrer wurde zusehends unsicher. Alles scheinbar nicht so schlimm, so Pleux, und dennoch: Wenn wir beobachten, wie machtvoll Kinder manchmal in der Öffentlichkeit auftreten, dann kann man die kleinen Siege, die sie über die Welt der Erwachsenen erringen, besser verstehen.

Anpassung an Kinder

Nichts ist gegen die Forderung einzuwenden, Kindern gegenüber offen und tolerant zu sein. Problematisch wird es, wenn diese Forderung missverstanden wird und sich Erwachsene an Kinder anpassen und sich durch ihr Verhalten bei ihnen beliebt zu machen suchen – bis hin zur Unterwürfigkeit. Geschieht dies, so werden Erwachsene zu dem, was Pleux kritisiert – nämlich zum bloßen Sprachrohr ihres Nachwuchses. Der Vater, der die zur Schau gestellte Empörung seiner Tochter am Elternabend teilt, ist zu einem Handlanger seines Kindes geworden.
Auch Honkanen-Schobert ist gegen die Versuchung, dem Kind „nach dem Mund zu sprechen“, nicht gefeit. Sie schildert eine Szene mit ihrer achtjährigen Tochter Salli (die in ihrem Buch übrigens ständig als Beispiel für eine gelungene Erziehung herhalten darf). Salli möchte eines Morgens nicht in die Schule gehen: „Also fing ich an, einfühlsam zuzuhören, um den Sinn hinter ihren Worten zu erahnen“ (zu beachten ist hier die Betonung auf „einfühlsam“). „Ach du je, du willst nicht in die Schule gehen. Wie kommt das? ... Du machst irgendwie so einen bedrückten Eindruck, kann es sein?“ Nach zahlreichen einfühlsamen Fragen dieser Art erklärt die Tochter endlich: „Hm, da war, da war… so ... so ein Mann.“ Honkanen-Schobert: „Ein Mann! Die Antenne des Kinderschützers fuhr hoch am Nacken. Gerade in den letzten Monaten waren alle wegen der Dutroux-Affaire und wegen der brutalen, teilweise tödlichen Missbrauchsfälle in der Öffentlichkeit hochsensibilisiert.“ Es stellte sich aber heraus, dass die Sachlage ganz anders war, als es die Mutter erwartet hatte. Die Tochter hatte den Mann, gemeinsam mit einer Freundin, auf dem Weg zur Schule immer geärgert. Daraufhin hatte der Mann gedroht: „Passt bloß auf, wenn ich Euch eines Tages erwische, dann werdet Ihr was erleben.“ Die Mutter resümiert: „Die Situation war klar. Johanna, die Schulfreundin, war nach Bonn umgezogen, und nun musste Salli allein den Weg gehen. Es war nun nichts mehr mit diesem mutigen Spielchen, den Mann zu ärgern, und nun hatte sie Angst, zu Recht oder Unrecht, mag dahingestellt sein.“ Die Mutter freut sich, dass es ihr ohne wertende Fragen und Unterstellungen gelungen sei, die Angstgefühle ihrer Tochter ans Tageslicht zu bringen und gibt ihrer Tochter folgenden Rat mit auf den Weg: „Ich kann gut verstehen, dass Du jetzt in der Klemme bist, Menschenskind ... Auf jeden Fall kannst Du ihm schon mal sagen, wenn er was von Dir will, kommt Deine Mutter und die kann brüllen wie eine Löwin, und dass Dein Vater ein alter Karate-Mann ist.“
Honkanen-Schobert fügt hinzu, dass sie diese Sätze unbeholfen dahergesprochen habe und selber nicht überzeugt davon war. Dennoch, plötzlich habe das Mädchen wieder in die Schule gehen wollen. Sie resümiert: „Der wichtigste Punkt, so scheint mir, war, dass ich mich ihres Problems und ihrer Ängste und Untaten angenommen hatte und Salli dadurch, und weil sie sich aussprechen durfte, vom Würgegriff der Angst befreit wurde.“ Besonders gut sei gewesen, dass sie Salli keine Vorwürfe gemacht habe.

„Eltern können ihre Kinder, ohne sie gleich zu bestrafen oder zu beschimpfen, für die Gefühle und Verletzlichkeiten ihrer Mitmenschen sensibilisieren.“

Doch ganz so zufrieden wie Frau Honkanen-Schobert kann ich mit ihrer Reaktion nicht sein. Sich als brüllende Löwin darzustellen, dürfte aus ihrer Sicht wohl eine pädagogisch gelungene, weil besonders „kindgerechte” Mutmachaktion gewesen sein. Doch die Kehrseite solchen Mutmachens ist die Tatsache, dass der Tochter nicht einmal in einem Nebensatz nahe gelegt wurde, ihr eigenes Verhalten zu überdenken. Obwohl das Kind den Mann nach eigenen Angaben ärgerte, wurde in dem Dialog der Mann als das alleinige Problem dargestellt, weil er sich wehrte. Der Lerneffekt für die Tochter war: Ich kann andere ärgern, meine Mutter findet das okay. Wer sich bei mir beschwert, wird von ihr angebrüllt und vielleicht sogar von meinem Vater verprügelt. Alle Kinder ärgern irgendwann fremde Erwachsene, meist handelt es sich um eher hilflose Personen. Eltern können ihre Kinder, ohne sie gleich zu bestrafen oder zu beschimpfen, für die Gefühle und Verletzlichkeiten ihrer Mitmenschen sensibilisieren. Wenn aber die einzig verletzliche Person, der jede Angst und Frustration erspart werden muss, der eigene Sprössling und das einzige Erziehungsziel ist, dessen Selbstwertgefühl zu stärken, fällt dies natürlich schwer. Vielleicht war der alte Mann, der das Opfer kindlicher Späße war, ein einsamer oder kranker Mensch, der einfach nur Ruhe und Entspannung beim Spaziergang suchte? Vielleicht auch nicht. Entscheidend ist, dass Salli keinen Anlass hatte, darüber im Stillen nachzudenken, da ihr Verhalten von ihrer Mutter nicht nur ohne jegliche Einschränkung sanktioniert wurde, sondern diese sogar beim kindlichen Spiel auf der Seite ihrer Tochter mitmischte.
Spätestens hier wird deutlich, warum Pleux sein Buch als Warnung verstanden wissen möchte: Weil selbst Experten davor zurückschrecken, ihre Kinder im eigentlichen Sinne zu erziehen. Im Elternkurs des Elternschutzbundes geht es gar nicht tatsächlich um Erziehung; es geht darum, wie sich Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten sollen. Es geht um Toleranz, Gewaltfreiheit, allseitige Bedürfnisbefriedigung und andere schöne Dinge. Der Knigge der Kinderschützer dokumentiert den Sieg der Form über den Inhalt in der Pädagogik.