22.08.2011

Vom Aufstieg der Impfgegner

Kommentar von Michael Fitzpatrick

Es hat schon immer Impfgegner gegeben, aber in der angelsächsischen Welt breitet sich mit Unterstützung von Prominenten eine besonders unerbittliche und fiese Strömung aus. Über gefährlichen Irrationalismus, der auch hierzulande auf dem Vormarsch ist.

Ausbrüche von Masern, Mumps, Keuchhusten und der Haemophilus Influenzae B (HiB) bei Kindern in den USA zeigen, dass Impfgegner dort erfolgreich auf dem Vormarsch sind. Verbreitete Ängste bezüglich der negativen Nebenwirkungen von Impfungen – hauptsächlich hervorgerufen durch die alten Befürchtungen, es gebe einen möglichen Zusammenhang mit Autismus – haben dazu geführt, dass sich Impfmüdigkeit breit macht und Krankheiten zurückkehren, die durch Impfungen vermieden werden können. Der Impfexperte Paul Offit aus Philadelphia schildert anhand dramatischer Fälle aus der letzten Zeit, wie aufgrund von Anti-Impf-Kampagnen Kinder schwer an HiB Meningitis und Keuchhusten erkrankten oder gar zu Tode kamen. Offits jüngstes Buch Deadly Choices: How the Anti-Vaccine Movement Threatens Us All bietet dabei einen guten Überblick über die jüngste Ausbreitung einer Anti-Impf-Stimmung vor allem in den USA, wobei neben den medizinischen und wissenschaftlichen Aspekten auch die Rolle der Gerichte und der Medien beleuchtet wird.

Offit erwähnt, wie ein „neuer Typus von Anti-Impf-Aktivismus“ die Bühne betreten hat, die in den 1980er Jahren von Anti-Keuchhusten-Impfungs-Aktivisten eingenommen worden war. Nach seiner Beobachtung zeichnen sich die in den letzten zehn Jahren neu entstandenen Kampagnen, die auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus abzielen, durch einen dramatisch anderen Stil aus: fieser, derber, unerbittlicher und weniger professionell. Die wohl bekannteste Persönlichkeit dieser Bewegung ist Jenny McCarthy, ehemaliges Playboy-Model, Schauspielerin, Autorin populärer Bücher über Schwangerschaft und Erziehung, und Mutter von Evan, dessen Autismus und Epilepsie sie auf seine MMR-Impfung zurückführt. McCarthy, die nach wie vor den inzwischen nicht mehr ernstzunehmenden britischen MMR-Impfgegner Andrew Wakefield unterstützt, hat sich einen neuen Grad an Berühmtheit dadurch erworben, dass sie immer wieder auf sehr dünner Wissensbasis gegen das Impfen wettert.

McCarthy wird von dem Finanzinvestor J.B. Handle und seiner „Generation Rescue“ Kampagne unterstützt, die die vermeintliche Verbindung zwischen quecksilberhaltigen Impfmitteln und Autismus propagiert und die sogenannte Chelat-Therapie gegen Autismus anpreist. Die neue Welle von Anti-Impf-Aktivisten hat viele prominenten Fürsprecher, wie etwa Schauspieler Jim Carrey oder die Moderatoren Oprah Winfrey und Bill Maher. Dadurch findet diese Kampagne auch Verbreitung über die Medien. So wie es Offit darstellt, werden viele – egal ob Arzt, Autismus-Spezialist, Vertreter des Gesundheitswesens, Journalisten oder auch nur Internet-Blogger -, die die Behauptungen dieser neuen Bewegung in Frage stellen, eingeschüchtert, etwa durch Klageandrohungen oder tätliche Angriffe. Obwohl dies in Deadly Choices diskret verschwiegen wird, wurde auch Offit selbst Ziel einer verleumderischen Schmutzkampagne von Impfgegnern.

Dann wendet sich Offit der Frage zu, was man gegen den wachsenden Einfluss der Impfgegner und den damit verbundenen Rückgang der Impfungen tun kann? Wie begegnet man einem Meinungsklima, was Leid und Tod von Kindern erzeugt, weil manche Eltern mehr Angst vor Impfstoffen haben, als vor den Krankheiten, die sie verhindern?

Als erste Lösung diskutiert Offit offenen Zwang gegen Impfgegner. Also: die Abschaffung aller Befreiungsgründe von Impfungen, die in vielen US-Bundesstaaten zugelassen sind, aus Gründen „religiöser“ oder „philosophischer“ Überzeugung. Gerade erstere Begründung will Offit nicht gelten lassen. Er führt eine Liste von Todesfällen an, bei denen Kinder starben, deren Eltern als Anhänger der so genannten Christlichen Wissenschaft medizinische Behandlung verweigerten. Sein verbitterter Kommentar dazu: „Es gibt Eltern, die schon seit Jahrzehnten ihre Kinder töten.” Der Trend, dass Eltern auf Ausnahmeregelungen pochen, da sie Anhänger von alternativer Medizin oder New Age Gruppierungen sind, hat sich ebenfalls in den letzten Jahren verstärkt. Offit räumt selbst ein, dass man gegen diese Welle von elterlichem Individualismus kaum etwas unternehmen kann. Obwohl er prinzipiell dafür ist, dass Maßnahmen der Gesundheitsbehörden Eltern davon abbringen könnten, ihre Kinder nicht impfen zu lassen, glaubt niemand wirklich, dass dies die Impfzahlen steigern würde.

Nachdem Offit einen Impfzwang als nicht praktikabel verworfen hat, diskutiert er als nächstes die Frage, inwieweit eine verbindliche Impfpflicht zielführend sein könnten. So könnte seiner Auffassung nach die Nichteinhaltung dieser Pflicht zum Entzug bestimmter Privilegien führen, wie etwa dem Besuch öffentlicher Schulen (wie momentan in den USA) oder dem Entzug von Kindergeldleistungen (wie in Frankreich). Als weiteres Beispiel für solch unerquickliche Maßnahmen nennt Offit ein Krankenhaus in Philadelphia (USA), in dem die Impfrate bei gerade einmal 35 Prozent lag, bis die Behörden Ende letzten Jahres, allen Angestellten, die die Impfung verweigerten, zwei Wochen unbezahlten Urlaub „anboten”, um ihre Eintscheidung noch mal zu „überdenken”. Sollten sie sich dann immer noch weigern, würden sie gefeuert. Schließlich ließen sich 99,9 Prozent aller Angestellten impfen. In Bezug auf Impfungen im Kindesalter schlägt Offit eine Maßnahme vor, die von Kinderärzten in Pennsylvania eingeführt wurde. Sie weigerten sich, Kinder zu behandeln, deren Eltern sich gegen das Impfprogramm für Kinder wehrten. Ob eine derartige Strategie, unter der im Endeffekt die Kinder wegen der Ansichten ihrer Eltern zu leiden hätten, wirklich die richtige Lösung sein kann, sei einmal dahingestellt.

Nach dieser bedrückenden Diskussion über Zwangsmaßnahmen aller Art, wendet sich Offit schließlich der weitaus sinnvolleren Frage zu, wie das Vertrauen zwischen Eltern und Ärzten wiederhergestellt werden kann, und wie man mehr Gemeinsinn im Sinne der Unterstützung eines funktionierenden Impfsystems entwickeln könnte. Er möchte, dass führende Personen des Gesundheitssektors stärker als bisher die Öffentlichkeit suchen und so dazu beitragen den vorherrschenden Zynismus und das Misstrauen gegenüber Pharmakonzernen und Gesundheitsbürokratie abzubauen. Das könnte auch helfen, den Verschwörungstheorien der Impfgegner entgegenzuwirken. Er lädt auch Eltern, die positive Erfahrungen mit Impfungen gemacht haben, dazu ein, bei der Aufklärungsarbeit gegen die Impfgegner mitzuwirken. Möglicherweise kommt es erst dann zum Meinungsumschwung, wenn die Eltern selbst beginnen, sich zu Wort zu melden, schreibt Offit in seinem Epilog. Er stellt fest, dass dies „bemerkenswerterweise“ auch geschieht, wie beispielsweise als Reaktion auf einen Masernausbruch in San Diego im Jahre 2008.

Obwohl Offit als großer Vorkämpfer für den Impfschutz von Kindern gelten kann (wie auch als jemand, der Familien von autistischen Kindern in Schutz nimmt, die unter den Folgen irrationaler Impfängste zu leiden haben), schießt er doch mit seinen Forderungen nach Zwangsmaßnahmen gegen Impfgegner weit übers Ziel hinaus und läuft mitunter auch Gefahr, durch Übertreibungen seiner guten Sache zu schaden. Beispielsweise ist es eine beträchtliche Übertreibung, wenn er behauptet, ein „Ausbruch von Masern in Großbritannien und Irland, der zu Hunderten von Krankenhauseinweisungen und vier Todesfällen führte“ sei im Jahre 2000 ein Ergebnis von Andrew Wakefields Kampagne über den angeblichen Zusammenhang von MMR-Impfungen und Autismus gewesen. Dies ist ein Beispiel dafür, wie versucht wird, eine irrationale Angst mit einer anderen zu bekämpfen. Solche Versuche jedoch erscheinen als Instrument von Gesundheitspolitik kontraproduktiv.