23.05.2011

Volksfeste sind keine Atomkraftwerke

Kurzkommentar von Thilo Spahl

Die Reaktionen auf die Ergebnisse der "Stresstests" für AKWs zeigen, wie sehr die Risikowahrnehmung dieser Technologie von irrationalen Ängsten bestimmt wird. Technische Lösungen werden ebensowenig sachlich diskutiert wie die Folgen des Ausstiegs.

Die Reaktionen auf die Ergebnisse der „Stresstests“ für Kernkraftwerke in der letzten Woche waren nicht wirklich überraschend. Da Erdbeben und Tsunamis in Deutschland nicht wirklich als Bedrohung der Kernkraftwerke erscheinen, ist man wieder bei den Flugzeugen angekommen. Flugzeuge könnten, was extrem unwahrscheinlich ist, im Falle eines Absturzes ausgerechnet auf ein Kernkraftwerk prallen. Und sie könnten, was angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 möglich erscheint, entführt und absichtlich auf eine Atomanlage gestürzt werden.

In der FAZ vom 18. Mai wies Stefan Dietrich darauf hin, dass auch Volksfeste und Fußballstadien nicht gegen Abstürze von Flugzeugen gesichert seien. Das Gleiche gilt bekanntlich für Hochhäuser, Chemiefabriken und überhaupt jedes erdenkliche Ziel. Das Argument zeigt einem die Grenzen der Sicherheit auf. Die Zahl der in Deutschland vor Flugzeugabsturz besonders schützenswerten Orte dürfte leicht in die Tausende gehen. Das Argument ist aber kein resignatives und impliziert auch nicht eine generelle Forderung nach Verzicht auf geeignete Maßnahmen zum Schutz gegen den Aufprall von Verkehrsflugzeugen. Gerade weil Kernkraftwerke freistehend und von überschaubarer Größe sind, könnte man sie im Gegensatz zu vielen anderen möglichen Zielen schützen -  etwa durch Stahlseilpyramiden, die ein anfliegendes Flugzeug in kleine abgebremste Stücke zersägen würden.

Welchen Grund kann es geben, dass der Schutz vor Flugzeugabstürzen einzig in Hinblick auf Kernkraftwerke diskutiert und von manchen als unverzichtbar bezeichnet wird? Es hat offenbar mit einer sehr speziellen Risikowahrnehmung zu tun. Ein in der FAZ vom 20. Mai abgedruckter Leserbrief bringt in bemerkenswerter Klarheit eine Haltung zum Ausdruck, die in der Debatte kein Außenseiterstandpunkt zu sein scheint. Gerlind Schabert aus Bonn erkennt in Dietrichs Argument eine „Wisch-und-weg-Mentalität“. Sie fragt sich ob, „Stefan Dietrich ganz ernsthaft der Meinung“ sei, „ein Flugzeugabsturz auf ein Fußballstadion lasse sich mit dem auf ein Atomkraftwerk vergleichen.“ Sie selbst ist ganz anderer Ansicht. Und zwar folgender: „Es wäre eine Tragödie, wenn Tausende von Zuschauern in einem Stadion Opfer einer solchen Katastrophe würden. Kilometerbreite Evakuierungen und die Verseuchung von Luft und Boden mit Radioaktivität wären aber nicht zu erwarten. Das Gleiche dürfte für Volksfeste gelten.“

Gerlind Schabert hat recht: Tausende von menschlichen Todesopfern sind nicht vergleichbar mit der vorübergehenden Verseuchung von einigen Quadratkilometern Land. Die Selbstverständlichkeit, mit der vielen hierzulande das Zweite als die offenbar weitaus größere Katastrophe erscheint, ist erschreckend.

In ihrem 2002 erschienenen Buch „RISK. A Practical Guide for Deciding What’s Really Safe and What’s Really Dangerous in the World Around You“ stufen die Autoren David Ropeik und George Gray von der Harvard University eine Vielzahl öffentlich diskutierte Risiken, von Brustimplantaten bis Ozonloch, auf einem „Risk Meter“ in zwei Kategorien ein: Wahrscheinlichkeit (der Exposition auf gefährlichem Niveau) und Konsequenzen (Schwere, Opferzahlen). Beim Thema Kernenergie fügen sie bemerkenswerterweise eine dritte Kategorie hinzu: „Einzigartige Konsequenzen (psychologische, wirtschaftliche und soziale Folgen)“. Ihre Einstufung lautet: Wahrscheinlichkeit – sehr gering, Konsequenzen – gering, einzigartige Konsequenzen – sehr hoch).

Die einzigartigen Folgen der spezifischen Risikowahrnehmung der Kernenergie sehen in Deutschland offenbar so aus, dass die psychologische Wirkung in Gestalt der Atomangst zu erheblichen wirtschaftlichen Folgen führt (Stilllegung), wobei die sozialen Folgen einer konsequent an der Pflege grüner Identität ausgerichteten Energiepolitik sich wohl am deutlichsten in sinkendem Lebensstandard bei Geringverdienern sowie einem Anstieg der Arbeitslosigkeit zeigen werden. Die politischen Konsequenzen der Strahlenangst zeigen sich im Einheitsbekenntnis „Atomkraft. Nein danke!“, das uns wenig Hoffnung lässt, dass es mit den Parteien irgendwann wieder bergauf geht.