20.09.2013

Virtuelles Wasser fließt nicht

Kommentar von Christian Strunden

Im öfter werden hören wir im Zusammenhang mit unserer Wassernutzung von virtuellem Wasser oder Wasser-Fußabdrücken. Was steckt hinter diesen Begriffen? Droht uns eine Bewirtschaftung des Wassers durch supranationale Institutionen? Soll es gar besteuert werden?

Zunehmend werden im Zusammenhang mit der persönlichen Wassernutzung Ausdrücke wie virtuelles Wasser oder Wasser-Fußabdruck verwendet. Was steckt hinter diesen Begriffen, und wieso werden sie so gepusht? Droht uns eine Bewirtschaftung des Wassers durch supranationale Institutionen? Soll es gar besteuert werden?
 

Inhaltsverzeichnis
Was hält der Bauer von “virtuellem Wasser” und dem “Wasser Fußabdruck”?
Eckdaten zu Wasser und Landwirtschaft
Wird Wasser wirklich “zunehmend knapp”?
In welchen Regionen ist Wasser wirklich knapp?
Wasserverwendung der Landwirtschaft in anderen Teilen der Welt
Regenlandwirtschaft: “nachhaltiger” geht es nicht
Bewässerung mit Flusswasser: Ägypten und Kalifornien
Bewässerung mit Grundwasser
Bewässerung mit fossilem Grundwasser: Landwirtschaft in der Wüste
Abwasser der Landwirtschaft
Wasser ist nie gleich Wasser
Was kostet ein Kubikkilometer Regen?
Was kostet ein Kubikkilometer Flusswasser?
Was kostet ein Kubikkilometer Grundwasser?
Was kostet ein Kubikkilometer entsalztes Meerwasser?
Landwirtschaft mit fossilem Grundwasser: ein “nicht nachhaltiger” Luxus
Deutschland: ungewollte Konsequenzen des Wassersparwahns
Was will der Wasseraktivist erreichen?
Neues Geschäftsfeld: Zertifizierung der Wassernutzung
Wie steht das Ausland zum “virtual Water”?
Wieso sind die Konzepte “virtual Water” und “Water Footprints” bei Laien so populär?
Entwarnung


In den 1990er-Jahren, während einer Studienreise im Nahen Osten und Nord Afrika, erfuhr Tony Allan, Professor für Geographie, zwei Dinge: Zum einen importiert die Region ein Drittel ihrer Nahrungsmittel. Zum anderen erfordert der Anbau eines einzigen Kilos Weizen eine Tonne Wasser. Diese Tonne Wasser nannte er “virtual Water”(virtuelles Wasser), um anzudeuten, dass es wie ein Schatten an jedem Kilo Weizen haftet.

Anschließend multiplizierte er die gesamten Nahrungsmittelimporte des Nahen Ostens und Nordafrikas (ca. 40 Millionen Tonnen) mit dem Wasserbedarf zum Anbau dieser Menge. Das Ergebnis der Multiplikation waren 40 km3 Wasser (40 Milliarden Tonnen Wasser), die Allan “importiertes virtuelles Wasser” nannte. Diese 40 km3 Wasser fehlten der Region, und deshalb würden sie in Form von “virtuellem Wasser” importiert. Nur durch den Import dieser Mengen an “virtuellem Wasser” hätte der Nahe Osten bis heute Wasserkriege vermeiden können.

Als grober Indikator und zur Visualisierung der Dimension des Wasserdefizits des Nahen Ostens ist Allans Ansatz hilfreich, wenn auch nicht wirklich neu. Schon lange vor Allan war jedem im Nahen Osten klar, dass das verfügbare Wasser nicht zum Anbau aller Nahrungsmittel reicht, weshalb diese in großen Mengen importiert werden. Neu ist nur die Wortschöpfung “virtuelles Wasser”. Problematisch, weil irreführend, wird es, wenn von “Importen virtuellen Wassers” im gleichen Sinne wie von Weizen-, Heu-, Sojaöl- und Zuckerimporten gesprochen wird.

Deutlich aussagefähiger wäre das Konzept des “virtuellen Wassers”, wenn die Wasserkosten des Importlandes mit den Wasserkosten des Exportlandes verglichen würden, also das ökonomische Prinzip der komparativen Kostenvorteile als Erklärungsansatz ins Spiel gebracht würde. Vereinfachend gesagt bedeutet dieses Prinzip, dass es vorteilhafter ist, billige Waren zu importieren als sie zu höheren Kosten selber zu produzieren. Während das Prinzip der komparativen Kostenvorteile die Kosten aller Produktionsfaktoren berücksichtigt, verkürzt das Konzept des “virtuellen Wassers” die Betrachtung auf einen einzigen Produktionsfaktor, das Wasser. Trotz seiner Schwächen entwickelte sich das von Tony Allan eingeführte “virtual Water” über die Jahre zum Schlagwort der Wasserknappheitsthese.

Arjen Y. Hoekstra, Bauingenieur und heute Professor für Multidisciplinary Water Management an der Universität Twente [1], ging noch einen Schritt weiter. Er konzentriert sich nicht wie Allan auf den Wasserbedarf der landwirtschaftlichen Produktion, sondern auf das hinter dem Nahrungsmittelkonsum verborgene (virtuelle) Wasser. In der Aggregation der Einzelverbräuche erhält man dann den “Water Footprint” (Wasser Fußabdruck) z.B. eines Menschen, einer Katze oder eines Landes. Hoekstra ist Urheber der Website www.waterfootprint.org. Dort findet sich ein “Water Footprint Calculator” [2], den es auch als App für das iPhone gibt. Mit dem “Water Footprint Calculator” kann jeder in Sekunden ausrechnen, wie viel Liter “virtuelles Wasser” er am Tag indirekt “konsumiert”, differenziert nach Vegetariern, Fleischessern und sogar in Funktion des Einkommens. Demnach verbraucht der typische Fleischesser bis zu 5000 Liter “virtuelles Wasser am Tag. Der Vegetarier verbrauche dagegen lediglich die Hälfte des “virtuellen Wassers” eines Fleischessers. Allein durch den Verzicht auf das Frühstücksei “spare” der Vegetarier gegenüber dem Fleischesser 200 Liter virtuelles Wasser [3]. Mittlerweile haben viele Menschen eine persönliche Herausforderung darin gefunden, ihren “Water Footprint” zu verringern, um der vermeintlichen Wasserknappheit entgegenzutreten.

Nachdem das Konzept des “virtuellen Wassers” und des “Wasser Fußabdrucks” in den Sozialwissenschaften und einigen internationalen Organisation gut ankam, ging Hoekstra noch einen Schritt weiter. Er unterteilte das “virtuelle Wasser” in grünes, blaues und graues “virtuelles Wasser”.[4] Dabei steht “grünes virtuelles Wasser” für Regen, “blaues virtuelles Wasser” für Grund- und Flusswasser und “graues virtuelles Wasser” für vom Menschen verschmutztes Wasser. Damit nicht genug, unterteilte er den Regen (grünes virtuelles Wasser) weiter in “produktives grünes virtuelles Wasser”, das per Photosynthese zur Produktion von Biomasse beitrüge und “unproduktives grünes virtuelles Wasser”, das ungenutzt aus dem Boden verdunste.

Auf unzähligen Workshops und Konferenzen werden die Konzepte des “virtual Water” und des “Water Footprints” als neuer Ansatz verkauft und mit allen möglichen Themen wie “Nachhaltigkeit”, “Wassergerechtigkeit”, “Vegetarismus” befrachtet. Stiftungen wie die “waterfootprint.org” [5], das “Stockholm International Water Institute” [6] und die “Alliance for Water Stewardship” [7] bieten in alarmistischer Sprache einen verwirrenden Mix aus Tatsachen, Fehlinterpretationen, Meinungen und moralischen Appellen. Am Ende wird dem Laien unterschwellig eine kausale Verbindung von Wassermangelsituationen in permanenten oder saisonalen Trockengebieten mit der Wassernutzung der wasserreichen Industrienationen insinuiert.

Was hält der Bauer von “virtuellem Wasser” und dem “Wasser Fußabdruck”? [Inhalt]

Für Landwirte und Bewässerungsingenieure ist der Begriff “virtuelles Wasser” irrelevant, da es schon längst einen eindeutigen und klaren Begriff gibt: den “Wasserbedarf einer landwirtschaftlichen Kultur”. Es ist kaum zu erwarten, dass die verschiedenen Farbzuw