20.09.2013

Virtuelles Wasser fließt nicht

Analyse von Christian Strunden

Titelbild

Foto: Sam Beebe via Flickr / CC BY 2.0

Zunehmend werden im Zusammenhang mit der persönlichen Wassernutzung Ausdrücke wie virtuelles Wasser oder Wasser-Fußabdruck verwendet. Was steckt hinter diesen Begriffen, und wieso werden sie so gepusht? Droht uns eine Bewirtschaftung des Wassers durch supranationale Institutionen? Soll es gar besteuert werden?

In den 1990er-Jahren, während einer Studienreise im Nahen Osten und Nord Afrika, erfuhr Tony Allan, Professor für Geographie, zwei Dinge: Zum einen importiert die Region ein Drittel ihrer Nahrungsmittel. Zum anderen erfordert der Anbau eines einzigen Kilos Weizen eine Tonne Wasser. Diese Tonne Wasser nannte er "virtual Water"(virtuelles Wasser), um anzudeuten, dass es wie ein Schatten an jedem Kilo Weizen haftet.

Anschließend multiplizierte er die gesamten Nahrungsmittelimporte des Nahen Ostens und Nordafrikas (ca. 40 Millionen Tonnen) mit dem Wasserbedarf zum Anbau dieser Menge. Das Ergebnis der Multiplikation waren 40 km3 Wasser (40 Milliarden Tonnen Wasser), die Allan "importiertes virtuelles Wasser" nannte. Diese 40 km3 Wasser fehlten der Region, und deshalb würden sie in Form von "virtuellem Wasser" importiert. Nur durch den Import dieser Mengen an "virtuellem Wasser" hätte der Nahe Osten bis heute Wasserkriege vermeiden können.

Als grober Indikator und zur Visualisierung der Dimension des Wasserdefizits des Nahen Ostens ist Allans Ansatz hilfreich, wenn auch nicht wirklich neu. Schon lange vor Allan war jedem im Nahen Osten klar, dass das verfügbare Wasser nicht zum Anbau aller Nahrungsmittel reicht, weshalb diese in großen Mengen importiert werden. Neu ist nur die Wortschöpfung "virtuelles Wasser". Problematisch, weil irreführend, wird es, wenn von "Importen virtuellen Wassers" im gleichen Sinne wie von Weizen-, Heu-, Sojaöl- und Zuckerimporten gesprochen wird.

Deutlich aussagefähiger wäre das Konzept des "virtuellen Wassers", wenn die Wasserkosten des Importlandes mit den Wasserkosten des Exportlandes verglichen würden, also das ökonomische Prinzip der komparativen Kostenvorteile als Erklärungsansatz ins Spiel gebracht würde. Vereinfachend gesagt bedeutet dieses Prinzip, dass es vorteilhafter ist, billige Waren zu importieren als sie zu höheren Kosten selber zu produzieren. Während das Prinzip der komparativen Kostenvorteile die Kosten aller Produktionsfaktoren berücksichtigt, verkürzt das Konzept des "virtuellen Wassers" die Betrachtung auf einen einzigen Produktionsfaktor, das Wasser. Trotz seiner Schwächen entwickelte sich das von Tony Allan eingeführte "virtual Water" über die Jahre zum Schlagwort der Wasserknappheitsthese.

Arjen Y. Hoekstra, Bauingenieur und heute Professor für Multidisciplinary Water Management an der Universität Twente 1, ging noch einen Schritt weiter. Er konzentriert sich nicht wie Allan auf den Wasserbedarf der landwirtschaftlichen Produktion, sondern auf das hinter dem Nahrungsmittelkonsum verborgene (virtuelle) Wasser. In der Aggregation der Einzelverbräuche erhält man dann den "Water Footprint" (Wasser Fußabdruck) z.B. eines Menschen, einer Katze oder eines Landes. Hoekstra ist Urheber der Website www.waterfootprint.org. Dort findet sich ein "Water Footprint Calculator" 2, den es auch als App für das iPhone gibt. Mit dem "Water Footprint Calculator" kann jeder in Sekunden ausrechnen, wie viel Liter "virtuelles Wasser" er am Tag indirekt "konsumiert", differenziert nach Vegetariern, Fleischessern und sogar in Funktion des Einkommens. Demnach verbraucht der typische Fleischesser bis zu 5000 Liter "virtuelles Wasser" am Tag. Der Vegetarier verbrauche dagegen lediglich die Hälfte des "virtuellen Wassers" eines Fleischessers. Allein durch den Verzicht auf das Frühstücksei "spare" der Vegetarier gegenüber dem Fleischesser 200 Liter virtuelles Wasser 3. Mittlerweile haben viele Menschen eine persönliche Herausforderung darin gefunden, ihren "Water Footprint" zu verringern, um der vermeintlichen Wasserknappheit entgegenzutreten.

Nachdem das Konzept des "virtuellen Wassers" und des "Wasser Fußabdrucks" in den Sozialwissenschaften und einigen internationalen Organisation gut ankam, ging Hoekstra noch einen Schritt weiter. Er unterteilte das "virtuelle Wasser" in grünes, blaues und graues "virtuelles Wasser".4 Dabei steht "grünes virtuelles Wasser" für Regen, "blaues virtuelles Wasser" für Grund- und Flusswasser und "graues virtuelles Wasser" für vom Menschen verschmutztes Wasser. Damit nicht genug, unterteilte er den Regen (grünes virtuelles Wasser) weiter in "produktives grünes virtuelles Wasser", das per Photosynthese zur Produktion von Biomasse beitrüge und "unproduktives grünes virtuelles Wasser", das ungenutzt aus dem Boden verdunste.

Auf unzähligen Workshops und Konferenzen werden die Konzepte des "virtual Water" und des "Water Footprints" als neuer Ansatz verkauft und mit allen möglichen Themen wie "Nachhaltigkeit", "Wassergerechtigkeit", "Vegetarismus" befrachtet. Stiftungen wie die "waterfootprint.org" 5, das "Stockholm International Water Institute" 6 und die "Alliance for Water Stewardship" 7 bieten in alarmistischer Sprache einen verwirrenden Mix aus Tatsachen, Fehlinterpretationen, Meinungen und moralischen Appellen. Am Ende wird dem Laien unterschwellig eine kausale Verbindung von Wassermangelsituationen in permanenten oder saisonalen Trockengebieten mit der Wassernutzung der wasserreichen Industrienationen insinuiert.

Was hält der Bauer von "virtuellem Wasser" und dem "Wasser Fußabdruck"? [Inhalt]

Für Landwirte und Bewässerungsingenieure ist der Begriff "virtuelles Wasser" irrelevant, da es schon längst einen eindeutigen und klaren Begriff gibt: den "Wasserbedarf einer landwirtschaftlichen Kultur". Es ist kaum zu erwarten, dass die verschiedenen Farbzuweisungen Eingang in das Vokabular der professionellen Landwirtschaft finden werden. Kein Landwirt nennt den Regen auf seine Felder "virtuelles grünes Wasser" oder sein Grundwasser "virtuelles blaues Wasser". Und "graues virtuelles Wasser" wird je nach Lage weiterhin Abwasser, kontaminiertes Wasser, Schadstoffeintrag etc. bleiben.

Bisher hat sich die Berufsgruppe der Landwirte, Agraringenieure und Agrarökonomen mit dem Wasserbedarf der Landwirtschaft vor allem dann befasst, wenn der Produktionsfaktor Wasser knapp war und deshalb Kosten verursachte, bzw. prioritären Verwendungen wie der Trinkwasserversorgung entgegenstand. Wo der Produktionsfaktor Wasser im Überfluss vorhanden ist, besteht keine Veranlassung ihn gesondert zu erfassen und vor allem nicht, ihn zu sparen.

Der vorliegende Beitrag erörtert den systematischen Unterschied zwischen der Regenlandwirtschaft und den verschiedenen Systemen der Bewässerungslandwirtschaft, um die Diskussion auf den Bereich der echten Wasserknappheit zu konzentrieren. 8

Eckdaten zu Wasser und Landwirtschaft [Inhalt]

Ohne eine zumindest ungefähre Kenntnis der komplexen agrarischen Zusammenhänge können die Konzepte des "virtuellen Wassers" und des "Wasser-Fußabdrucks" nicht befriedigend beurteilt werden. Deshalb seien an dieser Stelle zunächst einige Eckdaten zum Thema Landwirtschaft und Wasser vermittelt: 9

  • Eine Tonne Wasser zur Produktion eines Kilos Weizen ist eine Art Naturkonstante. In Norddeutschland beispielsweise regnet jedes Jahr ca. 1 Kubikmeter (= 1000 Liter) Wasser auf jeden Quadratmeter, auf dem ein Landwirt 1 kg Weizen produzieren kann. In der trockeneren Ukraine dagegen betragen die Niederschläge nur ca. 0,4 Kubikmeter Wasser pro Quadratmeter, und dementsprechend kann dort auch nur 0,4 kg Weizen pro Quadratmeter produziert werden. Der Kubikmeter (m3) ist die einzig sinnvolle Einheit zur Messung des Wasserbedarfs in der Landwirtschaft.
  • Die Spannbreite der Niederschlagsmenge für den Weizenanbau reicht von 3500 m3 pro Hektar 10 (Ukraine) bis 12.000 m3 pro Hektar (Irland).
  • In den typischen Tropenregionen wie z.B. dem Amazonasbecken, Zentralafrika und den Seychellen betragen die Niederschläge zwischen 20.000 - 35.000 m3 pro Hektar und Jahr. Dort sind drei Ernten pro Jahr problemlos möglich.
  • Alles Trink-, Brauch- und Bewässerungswasser stammt direkt und indirekt aus Regen. Wasser aus Flüssen, Staudämmen, Seen, Gletschern und Grundwasser ist nichts anderes als früherer Regen.11
  • Der Wasserkreislauf ist ein geschlossenes System, in dem die Summe allen Wassers immer gleich bleibt.
  • In diesem Kreislauf kann man Wasser vielleicht nutzen (oder auch nicht) aber niemals verbrauchen. Es erfordert einiges an Vorstellungsvermögen, sich zu veranschaulichen, dass jede Minute 1 Kubikkilometer Regen auf die Erde niedergeht (Meere und Festland). Auf das Festland der Erde, also die Kontinente, fällt alle 5 Minuten ein Kubikkilometer Regen. Die jährlichen Niederschläge auf die Kontinente der Erde summieren sich auf: 111.000 km3. Angesichts dieser quantitativen Dimension des Wasserkreislaufs ist die einzig sinnvolle Maßeinheit für die Niederschläge der Kubikkilometer (1 km3). Andere Schreibweisen für 1 km3 sind 1.000.000.000 m3, 1 Milliarde Kubikmeter, 1000 MCM (1 MCM = 1 million cubic meter), 1 billion m3 (USA), 1 Gm3 (Hoekstra et. al.).
  • Niederschläge sind nicht erschöpfbar. Zwischen Verdunstung und erneutem Niederschlag liegen maximal 2 Wochen.
  • Angesichts der praktisch unbegrenzten Regenmengen ist es erstaunlich, mit wie wenig Wasser die weltweite Landwirtschaft tatsächlich auskommt: 7400 km3(12)
  • Die ungefähr drei Liter Wasser, die der Mensch täglich trinkt, addieren sich zu einem Kubikmeter Wasser im Jahr, also die gleiche Menge die auch zur Produktion von 1 kg Weizen benötigt wird. Diese vergleichsweise winzige Menge gibt es überall, wo Menschen leben. Dass dieses Wasser oft verschmutzt ist, ist kein Ausdruck von Wassermangel, sondern hat mit fehlender Filterung zu tun. Der reine Trinkwasserbedarf der Welt ist ca.: 7 km3
  • Fehlende sanitäre Anlagen sind in erster Linie ein Mentalitätsproblem, und erst in zweiter Linie ein Infrastrukturproblem. Beides hat nichts mit Wassermangel zu tun. In Indien benutzen nur 5% der Bevölkerung ein WC. In vielen Ländern Afrikas ist das ähnlich. Jeder Regenfall führt sofort zur Kontamination der Wasserstellen. Die Lösung dieses Problems kann nur in der Verantwortung der Länder selbst liegen.
  • "Wassersparen" in regenreichen Regionen bewirkt keine höhere Wasserverfügbarkeit in regenarmen Gegenden, woran auch die Slogans "globaler Ansatz", "globale Lösungen" etc. nichts ändern können. Dies ist aufgrund der lokalen Natur sowohl der Niederschläge als auch der landwirtschaftlichen Produktion nicht möglich. Vegetationszonen sind nun einmal das Resultat regional unterschiedlicher Niederschläge und Temperaturen.
  • Manche Prognostiker prophezeien, dass Wasser irgendwann so teuer werde wie Öl. Dieser Tag wird nie kommen, insofern sich die 83 Millionen Barrel Erdöl, die die Menschheit am Tag verbraucht, auf 5 km3 Öl pro Jahr summieren. Denn während Öl wegen steigender Förderkosten tendenziell zunehmend teurer werden wird, werden die jährlichen 111.000 km3 Regen auch weiterhin völlig umsonst auf die Kontinente niedergehen.
  • Während viele Gegenden Niederschläge im Überfluss verzeichnen können, weisen andere Zonen geringe Niederschläge auf. Als logische Konsequenz wird in den Überflussregionen intensive Regen-Landwirtschaft betrieben. So kann es kaum überraschen, dass die wichtigsten Weizenexporteure der Welt die relativ regenreichen Standorte der USA, Frankreichs, Kanadas und Südost-Australiens sind. Auf der Importseite dominieren regen- und flächenarme Länder. Ägypten ist weltweit der Hauptimporteur von Weizen und Japan der Hauptimporteur von Mais. Gebiete mit niedrigen Niederschlägen erfordern eine Anpassung an ein Leben mit geringem Wasserverbrauch. Agrartechnisch ist dort eine Konzentration auf höherpreisige Produkte wie Obst und Gemüse sinnvoll, da diese einen deutlich höheren Verkaufswert als beispielsweise Weizen haben und somit die Kosten der Bewässerung leichter abdecken.
  • Die Regenlandwirtschaft (und nicht die Bewässerungslandwirtschaft) dominiert die Nahrungsmittelproduktion der Welt: Nicht nur werden praktisch aller Weizen, Mais und sämtliche Futtergräser unter Regen angebaut, auch die Weidewirtschaft, deren Fläche weltweit zweimal größer ist als die der Landwirtschaft, findet ausschließlich unter Regen statt. Tropenprodukte wie Bananen, Kaffee oder Kakao entstammen Regionen mit absolutem Wasserüberschuss. In der Regenlandwirtschaft wird das Wasser dort (und nur dort) verwertet, wo es sowieso und umsonst niedergeht. Der Ort der Wasser-Nutzung ist identisch mit dem Ort des Niederschlags. Es kann nicht mehr Wasser genutzt werden als vorher als Regen gefallen ist, sodass eine Übernutzung von vornherein ausgeschlossen ist. In den allermeisten Fällen gibt es keine andere Nutzungsalternative als die landwirtschaftliche Produktion. Außerdem verändert die Regenlandwirtschaft den Wasserhaushalt nur geringfügig. Denn unabhängig davon, ob eine landwirtschaftliche oder die ursprüngliche Vegetation aufsteht, bleibt der Boden ein offenes System, aus dem die Niederschläge entweder ins Grundwasser einsickern oder verdunsten. Wie jeder Gärtner weiß, handelt sich hier weder um virtuelle Verluste noch um virtuelle Verbräuche, sondern vielmehr um notwendige Bedingungen für die Erhaltung der Bodenfeuchte, die die Basis des Pflanzenwachstums ist. Aus rein ökonomischer Sicht sind die Produktionskosten der Regenlandwirtschaft um ein vielfaches geringer als die der Bewässerungslandwirtschaft, da keine Investitionen in teure Bewässerungssysteme anfallen und das Wasser kostenlos kommt.
  • Die Bewässerungslandwirtschaft wird auf ca.15 Prozent der weltweiten Ackerflächen praktiziert. Je nach Quelle wird die Summe allen Bewässerungswassers auf 890 km3 (Hoekstra) – 1250 km3 (FAO) geschätzt. Überwiegend stammt das Bewässerungswasser aus Hochebenen, Gebirgen und Gletschern, und fließt als Fluss auf dem kürzesten Weg ins Meer. Damit ist die Bewässerungslandwirtschaft genaugenommen eine Unterform der Regenlandwirtschaft. Die am weitesten verbreitete Bewässerungstechnik ist die Überflutung der Felder mit umgeleitetem Flusswasser, wie z.B. die kniehoch unter Wasser stehenden Reisterrassen Asiens. Diese Überflutungslandwirtschaft kommt ohne großen Einsatz von Energie und Technik aus und hat sich seit Jahrtausenden kaum verändert. Die Überflutungslandwirtschaft ist sehr ertragreich und zeichnet sich durch hohe Anbausicherheit aus. So werden geschätzte 30% der Weltproduktion an Grundnahrungsmitteln, vor allem Reis, auf diese Art erzeugt. Die größten Flüsse Indiens, der Indus und der Brahmaputra liefern das Wasser, mit dem ein Großteil der indischen Reis- und Weizenflächen unter Wasser gesetzt werden. Das erlaubt die Ernährung von schätzungsweise 400 Millionen Menschen. Beide Flüsse führen Niederschläge ab, die an den tausenden Bergen des Himalaya-Massivs abregnen. Ägypten wird zu fast 100% vom Nil versorgt, dessen Wasser zu 90% aus dem 2500 km entfernten regenreichen äthiopischen Hochland stammt. Wie in Indien, wird dieses Wasser größtenteils zur Überflutung der Felder eingesetzt. In Indien wie in Ägypten liegen somit zwischen Niederschlag und Verwendung des Wassers hunderte bis tausende Kilometer. 13 Die Bewässerungslandwirtschaft nutzt in diesen Fällen eine Ressource, die sowohl an verschiedenen Orten als auch zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden kann. So erfordert die Versorgung einer Millionen Städter mit Trink- und Brauchwasser nach europäischem Standard die gleiche Wassermenge, die zur Bewässerung von lediglich 6500 Hektar Weizen benötigt würde. Die Bewirtschaftung einer Ressource mit derart unterschiedlichen Verwendungsmöglichkeiten ist enorm schwierig. Verteilungskonflikte sind dabei vorprogrammiert, vor allem wenn sie sich großräumig oder gar länderübergreifend manifestieren.
  • Landwirtschaft ist ein komplexes System, das in mannigfaltigsten Ausprägungen praktiziert wird. Während in England GPS-gesteuerte, 500 PS starke Traktoren ohne Zutun des Fahrers zentimetergenau pflügen, säen und ernten, lässt der reiche Bauer in Burkina Faso seinen Holzpflug von einem Ochsen ziehen. Der arme Bauer in Burkina Faso bewirtschaftet sein Feld mit der Handhacke. Dem handarbeitsintensiven Terrassen-Reisanbau Asiens, seit tausenden von Jahren praktisch unverändert, entspricht der per Computer automatisch bewässerte Reisanbau unter Kreisberegnungsanlagen in den USA. Am extremsten ist der Kontrast in der Tierhaltung: während die Nomaden in Mali, Kenia und Niger mit ihren Rinderherden, wie zu Urzeiten, dem Regen folgend, ganzjährig über fremdes Land wandern, dominiert in Europa die stationäre, intensive Rinderhaltung. Mit einem RFID Transponder am Hals oder im Ohr nähert sich das Tier in seinem Boxenlaufstall zweimal am Tag einem Futterautomaten, der ihm eine individuell portionierte Kraftfutterration serviert.
  • Neben der modernen, mechanisierten und spezialisierten Landwirtschaft existiert die informelle Subsistenzlandwirtschaft, die mehr als einer Milliarde Menschen in Afrika, China, Indien, Osteuropa und Südamerika ein prekäres Überleben als Selbstversorger ermöglicht. Obwohl die Subsistenzlandwirtschaft kaum Überschüsse erwirtschaftet und deshalb wenig zum weltumspannenden Agrarhandel beiträgt, spielt sie jedoch eine überragende soziale Rolle als Überlaufventil für die Volkswirtschaften aller Schwellenländer, deren Wirtschaftswachstum nicht mit der Bevölkerungsentwicklung mithalten kann.

Wird Wasser wirklich "zunehmend knapp"? [Inhalt]

Die Konzepte des "virtuellen Wassers" und des "Wasserfußabdrucks" beziehen ihre Daseinsberechtigung aus der Behauptung, dass Wasser eine knappe und schwindende Ressource sei und deshalb gespart werden müsse. Aber wie kommen die Aktivisten auf diese Behauptung? Wie verträgt sie sich mit der Tatsache, dass die gesamte Landwirtschaft der Welt nur 7% des Regens beansprucht?

Die folgende Tabelle offenbart, wie die Wasseraktivisten den tatsächlichen Wasserüberfluss der Weltlandwirtschaft in sein Gegenteil verkehren:

  These: Wasser ist knapp.
(Hoekstra et al.)
Realität: Wasser im Überfluss.
(Ableitung des Autors)
jährliche Wassernutzung aller Landwirtschaft, weltweit 7404 km3 7404 km3
jährliche Wassernutzung Weidewirtschaft und Tierhaltung, weltweit 959 km3 959 km3
jährliche Wassernutzung aller Industrie, weltweit 400 km3 400 km3
jährliche Wassernutzung der Haushalte, weltweit 324 km3 324 km3
Gesamte Wassernutzung der Menschheit"Water Footprint of Humanity" 9087 km3 9087 km3
Jahresniederschläge auf Festland, weltweit Bleibt unerwähnt 111.000 km3
Methodik Jährliche Wassernutzung der Landwirtschaft wird mit der Gesamtwassernutzung der Menschheit korreliert (Water Footprint of Humanity 14) Jährliche Wassernutzung der Landwirtschaft wird mit dem Gesamtniederschlag korreliert.
Rechenweg
7404 km3 x 100 = 80%
9087 km3
7404 km3 x 100 = 7%
111.000 km3
Schlussfolgerung "80% des (vom Menschen entnommenen) Wassers wird von der Landwirtschaft verbraucht. Die Frischwasservorräte der Welt sind knapp und stehen unter zunehmenden Druck." Die weltweite Landwirtschaft kommt mit weniger als 7% der Niederschläge aus. Außer in der MENA Region gibt es keine großräumige Wasserknappheit.

Daten zur Wassernutzung unverändert übernommen aus: Hoekstra, A., Mekonnen, M., The water footprint of humanity, 2012. Daten zur Regenmenge: wissenschaftliche Konsensmeinung zum Wasserkreislauf.

An erster Stelle fällt auf, dass die Denkschule des "virtuellen Wassers" die 111.000 km3 Jahresniederschläge einfach ausblendet. Anstatt dessen vergleicht sie den Wasserbedarf der Landwirtschaft mit der Gesamtwassernutzung der Menschheit (Water Footprint of Humanity). Sie vergleicht also zwei Wasserverbräuche, anstatt die Wasser-Nachfrage mit dem Wasser-Angebot in Relation zu setzen. Entsprechend folgert die "Virtual Water"-Schule:

  • "die Landwirtschaft verbraucht 80% des vom Menschen entnommenen Wassers"
  • In den Medien wird dieser Satz mittlerweile durchgehend verkürzt wiedergegeben:
  • "die Landwirtschaft verbraucht 80% des Wassers".

Diese Verkürzung ist eine klare Irreführung, die der Öffentlichkeit suggeriert, dass 80% allen verfügbaren Wassers von der Landwirtschaft verbraucht wird. Es kann aber nur auf den ersten Blick erstaunen, dass dieses Missverständnis von den Vertretern der "Virtual Water"-Schule nicht korrigiert wird. Denn ohne die Illusion einer real existierenden Wasserknappheit fällt das Konzept des "virtuellen Wassers" und des "Water Footprints" in sich zusammen.

Ob Wasser tatsächlich "knapp ist" und "zunehmend unter Druck gerät" kann nur durch den Vergleich der Wassernachfrage der Landwirtschaft mit dem Wasserangebot aus Regen beurteilt werden (siehe Spalte rechts). Da die Landwirtschaft aber nur 7% des Angebots aus Regen nachfragt, kann von Wasserknappheit nicht die Rede sein. Im Gegenteil, wir haben es hier mit einem besonders eindrucksvollen Beispiel eines Überangebots zu tun. Die Folgerung kann nur sein:

Die weltweite Landwirtschaft nutzt nur einen Bruchteil des Regens, die Erde ist trotz ihrer vielen Wüsten, Trockengebiete und Dürreperioden per Saldo ein Wasserparadies. Von Knappheit kann keine Rede sein.

In welchen Regionen ist Wasser wirklich knapp? [Inhalt]

Jede Art von Knappheit ist zunächst einmal ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage nach Wasser das Wasserangebot aus Regen, Flüssen und Grundwasser übersteigt, s pricht man von "Wasserknappheit". Die Makroregion, die in diesem Sinne am ausgeprägtesten unter Wassermangel leidet, ist der einleitend erwähnte MENA Raum 15, der die Länder des Mittleren Ostens und Nordafrikas umfasst. 16

Quelle: U.S. Energy Information Administration, EIA

Der limitierende Faktor für die Nahrungsmittelproduktion der MENA Region ist Wasser, weswegen nur 3,9% der gesamten Landfläche kultiviert werden können. Das jährlich verfügbare Regenangebot der MENA Region schwankt um einen Mittelwert von ca. 1100 km3.

Jährlicher Niederschlag in den Ländern der MENA Region (1 mm = 100 m3/ha). Quelle: M. Solh, The Outlook for Food Security in the Middle East and North Africa, ICARDA, 2012.

Diese Menge wäre mehr als ausreichend, wenn sie nicht fast gänzlich innerhalb kurzer Zeit verdunsten würde.17 Lediglich Marokko, Algerien, Syrien und der Iran können in nennenswertem Umfang Regenlandwirtschaft betreiben. 12 Länder der MENA Region verfügen über weniger als 1000 m3 Wasser pro Person und Jahr und gelten deshalb als "wasserarm". Als Konsequenz importiert die Region ca. 50% ihres Nahrungsmittelbedarfs. Dafür gab die MENA Region 2008 geschätzte 61 Milliarden US$ aus.18

Das effektiv jährlich nutzbare Wasserangebot der MENA Region (Flüsse (Euphrat, Tigris, Nil), Grundwasser, Regen) beträgt laut FAO ca. 220 km3, dem eine Wassernachfrage von ca. 270 km3 (2000) entgegensteht. Bei gleichbleibender demographischer Entwicklung bis zum Jahr 2050 wird die Wassernachfrage auf 460 km3 ansteigen. Der Wasser-Fehlbetrag betrüge dann weit über 200 km3. 19

Wassernachfrage und -angebot MENA unter den aktuellen klimatischen Bedingungen. Quelle: "Middle East and Northern Africa Water Outlook", "FutureWater", 2011, Seite 72.

Der MENA Raum war aber nicht immer so wasserarm wie heute: "Über hunderte von Jahren schwankte die Bevölkerung des MENA Raums um 30 Millionen, und erreichte erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts die 60 Millionen Marke. In der Mitte des 20. Jahrhunderts nahm das Bevölkerungswachstum zunehmend Fahrt auf. Die Bevölkerung stieg von ca. 100 Millionen im Jahr 1950 auf ungefähr 380 Millionen im Jahr 2000. Damit hatte MENA, die wasserärmste Region der Welt, das höchste Bevölkerungswachstum der Welt, das sogar dasjenige von Indien und China übertraf."20

Nur fünf Jahre später, 2006, schreibt der arabische Wissenschaftler Hichem Karoui aus Abu Dhabi 21: "Die Bevölkerung (von MENA) ist heute weit jenseits von 415 Millionen, und (...) wird sich bis 2050 erneut verdoppeln auf dann mindestens 833 Millionen. In dieser Zeit wird sich die Bevölkerung von Saudi Arabien von 22 Millionen auf 91 Millionen mehr als vervierfachen, ähnlich wie diejenige des Jemen, die im Falle annähernd gleichbleibender demographischer Progression von 18 auf 71 Millionen wachsen wird."

Die Wasserknappheit der MENA Region ist also keine Folge von ausbleibendem Regen oder aus sonstigen Gründen schwindender Wasserreserven, sondern die Folge eines steilen Bevölkerungswachstums. Dieses Bevölkerungswachstum hat dazu geführt, dass eine auch nur annähernde Selbstversorgung der MENA Region mit den verfügbaren Wasserressourcen nicht mehr möglich ist.

Aktuell wird das Ungleichgewicht zwischen Wasserangebot und Wassernachfrage vor allem durch stetig zunehmende Importe von Agrarprodukten aller Art ausgeglichen, angeführt von Weizen, Tierfutter, Speiseölen, Zucker etc. Allein Ägyptens Weizenimporte von 10 Millionen Tonnen hätten ca. 10 km3 Wasser beansprucht.

Die MENA Region steht vor folgenden Handlungsalternativen, die schon jetzt in unterschiedlichem Umfang praktiziert werden:

Option I:
Modernisierung der Landwirtschaft
Option II:
Vermehrte Importe
Option III:
Agrarproduktion außerhalb MENA
Option IV:
Auswanderung
Modernisierung der Landwirtschaft:
  • Wassereffizienz der Landwirtschaft steigern
  • Moderne Kanalsysteme im Nildelta
  • Recycling von Abwässern
Erschließung neuer Wasserquellen:
  • Grundwasser
  • Meerwasser-Entsalzung
Beispiele für Einfuhren von wasserintensiven Nahrungsmitteln in die MENA Region:
  • Weizen 30 Mio. t
  • Gerste, Mais und andere Getreide 22: 35 Mio. t
  • Zucker (MENA): 10,4 Mio. t (Nettoimporte, also Gesamtimporte abzgl. Exporte) 23
Auslagerung der Agrarproduktion in wasserreiche Gegenden außerhalb der MENA Region: diese Option, von Kritikern als "Landgrabbing" gebrandmarkt, ist bis jetzt, entgegen anders lautender Propaganda, kaum erschlossen. Auswanderung: MENA ist traditionell eine Auswanderungs-region. Dieser Trend dürfte sich in der Zukunft noch stark intensivieren.

Quelle: der Autor

Die MENA Region leistet sich den Luxus einer archaischen, ertragsschwachen Landwirtschaft, die auf den technischen Fortschritt der vergangenen 100 Jahre und leistungsfähige Mechanisierung weitgehend verzichtet. Daraus resultieren Erträge, die bei Weizen bei ca. 2 Tonnen pro Hektar liegen, also ca. bei einem Viertel des Ertrags der europäischen Landwirte. Optimistische Stimmen gehen davon aus, dass bei konsequenter Modernisierung der Landwirtschaft ungefähr 40 km3 Wasser durch Effizienzsteigerung mobilisiert werden könnten. Dafür müssten aber erst drei Voraussetzungen erfüllt werden: professionelle Ausbildung der Landwirte, ein Mentalitätswechsel der ländlichen Bevölkerungen, und eine dynamische Wirtschaftsentwicklung, die die freiwerdenden Arbeitskräfte absorbieren könnte. Es handelt sich also eher um ein Generationenprojekt.

Fest steht dagegen, dass Wassersparen in den regenreichen Ländern Europas keine Option zur Steigerung der Wasserverfügbarkeit in der MENA Region darstellt. Es ist eine bestenfalls rührende, aber auf jeden Fall vollkommen sinnfreie Solidaritätsbekundung.

Wasserverwendung der Landwirtschaft in anderen Teilen der Welt [Inhalt]

Aber wie geht die Landwirtschaft außerhalb der MENA Region mit ihrem Wasser um? Ist ihre Wassernutzung "nachhaltig", oder greift sie auf endliche Ressourcen zu und gefährdet somit die Ernährung zukünftiger Generationen? Worüber sorgen sich die Wasseraktivisten derart? Die Antwort auf diese Fragen liefert eine Betrachtung der verschiedenen Produktionssysteme:

Regenlandwirtschaft: "nachhaltiger" geht es nicht [Inhalt]

Bei der Regenlandwirtschaft von virtuellem Wasser zu sprechen und damit eine Knappheit zu suggerieren, ist schlichtweg falsch. Die Regenlandwirtschaft folgt dem Regen und erlaubt dabei praktisch keine alternativen Verwendungsorte oder Verwendungsarten. Der Regen fällt ungefragt, ob vom Menschen genutzt oder nicht. Regenwasser sparen geht nicht. Es wäre genauso vergeblich, wie den Schatten aufzusuchen, um Sonnenlicht zu sparen. Oder das Radio abzustellen, um Musik zu sparen.

Da man also bei der Regenlandwirtschaft nicht von Wasserknappheit reden kann, und somit die Konzepte des "virtuellen Wassers" und des "Wasser Fußabdrucks" nicht greifen, sollte die Regenlandwirtschaft konsequenterweise als "Wasserverbraucher" gestrichen werden:

Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte, weltweit

  Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte (ohne Obst) weltweit
Regen ("grünes Wasser") 5780 km3
Bewässerungswasser ("blaues Wasser") 890 km3
Abwasser der Landwirtschaft ("graues Wasser") 740 km3
Gesamtmenge Wasser für die Landwirtschaft, Welt 7400 km3

Datenmaterial Wasserverbrauch Landwirtschaft: M.M. Mekonnen und A.Y. Hoekstra, A.Y 24. Zahlen gerundet. Unterteilung des Bewässerungswassers nach den Herkünften Fluss, Grundwasser, fossiles Grundwasser durch den Autor.

Damit bleiben als Zielmenge für die Bemühungen und Sorgen der Anhänger des "virtuellen Wassers" und des "Wasserfußabdrucks" nur noch das Bewässerungswasser und das Abwasser der Landwirtschaft, die nach Hoekstra et al. zusammengenommen eine Menge von etwas über 1600 km3 ausmachen:

Bewässerung mit Flusswasser: Ägypten und Kalifornien [Inhalt]

Die Landwirtschaft Süd-Kaliforniens 25 und Ägyptens, beides Quasi-Wüsten, wird überwiegend mit Flusswasser betrieben. Ägyptens nutzbares Nilwasser beträgt ca. 55 km3, Südkalifornien nutzt ca. 40 km3 Schmelzwasser der Sierra Nevada und Abflusswasser des regenreichen kalifornischen Nordens. Ägyptens landwirtschaftlich genutzte Fläche (zu 100% bewässert) beträgt ca. 3 Millionen Hektar, Südkalifornien bewässert 3,6 Millionen Hektar. In beiden Fällen handelt es sich um eine "nachhaltige" Wassernutzung, da die jeweiligen Flusssysteme durchgehend von Regen gespeist werden.

Die Hauptwertschöpfung der Landwirtschaft Süd-Kaliforniens stammt aus der Produktion hochpreisiger Produkte wie Tafeltrauben, Nüssen, Orangen, Pfirsichen, Erdbeeren und Salaten, die in die restlichen amerikanischen Bundesstaaten und ins Ausland exportiert werden. Die Exportquote beträgt bei vielen Produkten 90% und mehr.

Von dieser Exportorientierung ist Ägyptens Landwirtschaft weit entfernt. Sie produziert zu 95% für den heimischen Markt. Beispiele für Exportprodukte sind Frühkartoffeln und grüne Bohnen, die von den moderneren Betrieben und Kooperativen angebaut werden.

Auch wenn die Bewässerung mit Flusswasser in Ägypten schon seit den siebziger Jahren an ihre Grenzen gestoßen ist, und in Südkalifornien ebenfalls an einigen Standorten die Kapazitätsgrenze erreicht ist, wird das Flusswasser doch zuverlässig und ausschließlich aus Regen nachgeliefert. Die Regenmenge bleibt über die Jahre annähernd gleich, von Ressourcenverschwendung, zunehmender Knappheit oder "nicht nachhaltiger" Nutzung kann keine Rede sein. Deshalb ist das Bewässerungswasser aus Flüssen ebenfalls kein "Wasserverbraucher":

Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte, weltweit

  Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte (ohne Obst) weltweit
Regen ("grünes Wasser") 5780 km3
Bewässerungswasser aus Flüssen ("blaues Wasser") 710 km3
Bewässerungswasser aus Grundwasser ("blaues Wasser") 180 km3
Bewässerungswasser aus fossilem Grundwasser (Saudi Arabien, Libyen, Ägypten) 25 km3
Abwasser der Landwirtschaft ("graues Wasser") 740 km3
Gesamtmenge Wasser für die Landwirtschaft, Welt 7400 km3

Datenmaterial Wasserverbrauch Landwirtschaft: M.M. Mekonnen und A.Y. Hoekstra. 26 Zahlen gerundet. Unterteilung des Bewässerungswassers nach den Herkünften Fluss, Grundwasser, fossiles Grundwasser durch den Autor.

Bewässerung mit Grundwasser [Inhalt]

Die Bewässerung mit Grundwasser ist teurer als die Bewässerung mit Flusswasser und deshalb weniger verbreitet als diese. Es dürfte sich hier um ca. ein Fünftel des gesamten Bewässerungswassers handeln, also um ca. 180 km 27 Grundwasser ist normalerweise alles andere als eine knappe Ressource. Im Idealfall befindet sich die Entnahme des Grundwassers im Gleichgewicht mit dem Wassernachschub durch Niederschläge. Übernutzung wird durch sinkende Grundwasserspiegel und daraus resultierende steigende Pumpkosten unbarmherzig bestraft.

Sobald die Grundwasserentnahme in einer bestimmten Region den natürlichen Nachschub durch Niederschläge überschreitet, kann eine regionale Wasserbewirtschaftung in Form von Quoten oder Nutzungsgebühren durchaus sinnvoll sein. Denn auch wenn der einzelne Bauer eine verantwortungsvolle Wasserentnahme betreibt, wird er nicht tatenlos zusehen, wenn sein Nachbar nun umso mehr Grundwasser pumpt.

Die real existierende, vielfältige Übernutzung von Grundwasserreserven ändert nichts an der Tatsache, dass Grundwasser durch Regen nachgefüllt wird. Insofern ist Grundwasser per Definition eine dynamische Wasserquelle, die permanent von Regen nachgeladen wird.

Deshalb ist Grundwasser, ebenso wie das Flusswasser, keine "zunehmend knapp" werdende Ressource und fällt ebenfalls als "Wasserverbraucher" aus:

Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte, weltweit

  Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte (ohne Obst) weltweit
Regen ("grünes Wasser") 5780 km3
Bewässerungswasser aus Flüssen ("blaues Wasser") 710 km3
Bewässerungswasser aus Grundwasser ("blaues Wasser") 180 km3
Bewässerungswasser aus fossilem Grundwasser (Saudi Arabien, Libyen, Ägypten, Jordanien) 25 km3
Abwasser der Landwirtschaft ("graues Wasser") 740 km3
Gesamtmenge Wasser für die Landwirtschaft, Welt 7400 km3

Datenmaterial Wasserverbrauch Landwirtschaft: M.M. Mekonnen und A.Y. Hoekstra.28Zahlen gerundet. Unterteilung des Bewässerungswassers nach den Herkünften Fluss, Grundwasser, fossiles Grundwasser durch den Autor.

Bewässerung mit fossilem Grundwasser: Landwirtschaft in der Wüste [Inhalt]

Saudi Arabien bietet ein interessantes Beispiel für einen irrationalen Umgang mit endlichen Wasserressourcen. Dort gab es vor 35 Jahren knapp 10 Millionen Einwohner und geschätzte 500 km3 fossiles Wasser im Wüstenboden. Die steigenden Ölerlöse der siebziger Jahre verführten die Saudis zum großflächigen Einstieg in die Bewässerungslandwirtschaft. Zwischen 1980 bis 1993 stieg die Weizenproduktion von knapp 260.000 Tonnen auf 5 Millionen Tonnen, weit mehr als zur Versorgung der Bevölkerung benötigt wurde. Der jährliche Wasserbedarf der Landwirtschaft stieg von 7 km3 auf 18 km3, der Gesamtverbrauch auf 20 km3. Dadurch erreichte Saudi Arabien nicht nur eine hohe Nahrungsmittelautarkie (zumindest bei Weizen), sondern stieg sogar über mehrere Jahre zum sechstgrößten Getreideexporteur der Welt auf. Nachdem in der Zwischenzeit die Bevölkerung auf 30 Millionen angewachsen ist, die fossilen Wasserreserven unwiederbringlich auf unter 100 km3 abgesunken sind und hunderte Milliarden Dollar zur Subventionierung dieses Experiments ausgegeben wurden, hat die Regierung die Notbremse gezogen. Bis 2016 wird die Weizenproduktion auf null zurückgefahren. Ab dann werden nur noch die Milchproduktion, der Futtermittelanbau, der Obstbau, die Gewächshausproduktion von Gemüse, Hühnermast und Tierhaltung toleriert und subventioniert. Der Wassereinsatz bleibt dabei zwar ungefähr gleich, aber immerhin steigt der Wert der lokal erzeugten Produkte. Gleichzeitig wird die Entsalzungskapazität weiter ausgebaut. Mittlerweile entsalzt Saudi Arabien jedes Jahr ca. 1,7 km3 Wasser, genauso viel wie alle restlichen Länder der Welt zusammen. Hätte Saudi Arabien die hunderte Milliarden Dollar an Agrarsubventionen als Einmalinvestition in Agrarunternehmungen der Regenlandwirtschaft im Ausland gesteckt, könnte es heute den gesamten Nahrungsmittelbedarf des Nahen Ostens ohne weiteres decken, ohne einen einzigen Dollar für Bewässerung ausgeben zu müssen.

Fossiles Grundwasser ist das einzige landwirtschaftlich genutzte Wasser, wo der Wasseraktivist von nicht-"nachhaltiger" Wasserentnahme reden könnte. Nur hier, wo das Wasser während der letzten großen Eiszeit deponiert wurde, wird es nicht durch Regen wieder aufgefüllt. Das fossile Wasser behält deshalb seinen Platz als nicht ersetzbare Ressource:

Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte, weltweit

  Wasserbedarf zum Anbau aller Feldfrüchte (ohne Obst) weltweit
Regen ("grünes Wasser") 5780 km3
Bewässerungswasser aus Flüssen ("blaues Wasser") 710 km3
Bewässerungswasser aus Grundwasser ("blaues Wasser") 180 km3
Bewässerungswasser aus fossilem Grundwasser (Saudi Arabien, Libyen, Ägypten) 25 km3
Wasserbelastung durch Landwirtschaft ("graues Wasser") 740 km3
Gesamtmenge Wasser für die Landwirtschaft, Welt 7400 km3

Datenmaterial Wasserverbrauch Landwirtschaft: Mekonnen, M.M. and Hoekstra, A.Y 29. Zahlen gerundet. Unterteilung des Bewässerungswassers nach den Herkünften Fluss, Grundwasser, fossiles Grundwasser durch den Autor.

Abwasser der Landwirtschaft [Inhalt]

Landwirtschaftliche Aktivitäten bedeuten immer eine mehr oder weniger starke Veränderung des abfließenden Wassers. In den Regionen intensiver Tierhaltung, wie z.B. den Niederlanden oder Oldenburg, kann Nitrat aus Gülle in das Grundwasser eingetragen werden. In der französischen Bretagne führen die Abwässer der Tierhaltung zu zunehmend großflächigen Algenplagen ("grüne Pest") entlang der Küstenstreifen.

Starke Regenfälle auf offene Äcker außerhalb der Vegetationsperioden können zur Abschwemmung von Boden beitragen, weswegen Flüsse nach starken Regenfällen eine braune Farbe annehmen. Ebenso führt exzessive Düngung zur Auswaschung von Nährstoffen ins Grundwasser sowie in Seen und Flüsse und letztendlich ins Meer.

Wassertechnisch handelt es sich hier immer um eine Deplazierung nährstoffreicher Elemente, also eine ungewollte Düngung anderer Biotope (z.B. Algen) oder Ernährung von Lebewesen (z.B. Bakterien).

Genauso wie Hoekstra et. al. die Landwirtschaft auf ihren Wasserbedarf reduzieren, haben sie die Abwasserthematik der Landwirtschaft einzig auf den Stickstoffeintrag reduziert. Sie postulieren pauschal, dass 10% der Stickstoffdüngung ungenutzt ins abfließende Wasser gelangt und dieses verschmutzt. Dementsprechend folgern sie, dass 10% des weltweit von der Landwirtschaft genutzten Wassers mit Stickstoff verunreinigt wird, also die o.g. Menge von 740 km3. An dieser Methodik ist sehr viel auszusetzen, da eine Überdüngung ein kostspieliger Luxus ist, den sich die meisten Landwirte gar nicht leisten können. Am ehesten trifft diese Überdüngung auf das relativ flächenarme Europa zu, wo auf maximale Flächenerträge Wert gelegt wird. In den Flächenstaaten USA, Kanada und Argentinien dagegen sind die Agrarflächen viel eher unterdüngt als überdüngt. Von Indien, China und Afrika ganz zu schweigen.

Deshalb ist die angegebene Zahl von 740 km3 stickstoffbelastetem Wasser deutlich übertrieben. Und nicht zuletzt ist die Abwasserbelastung immer ein temporäres Phänomen, da die Nährstoffe immer in die verschiedenen Nährstoffkreisläufe integriert werden, indem sie beispielsweise als Nahrung für Pflanzen und Algen dienen, von denen sich später wiederum die Wassertiere ernähren. Und sobald die Abwässer wieder im Wasserkreislauf verdunsten, wird aus Abwasser wieder reiner Regen.

Wasser ist nie gleich Wasser [Inhalt]

Die oben dargestellten Beispiele verdeutlichen, dass Wasser nie gleich Wasser ist. An jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit hat es einen unterschiedlichen Wert. In Überflussregionen kostet Wasser nichts, in Knappheitsregionen teilweise so viel, dass eine rentable Landwirtschaft unmöglich ist.

Was kostet ein Kubikkilometer Regen? [Inhalt]

Je nach Standort der Regenlandwirtschaft sind unterschiedliche Flächen notwendig, um einen Kubikkilometer Regenwasser zu ernten. In Deutschland, wo im Schnitt ca. 75 cm Regen pro Jahr fällt, sind 130.000 ha (= 1300 km2) nötig, um einen Kubikkilometer Regen pro Jahr zu erhalten. Diese Fläche stellt knapp 1% der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland (170.000 km2) dar. Die Kosten dieses Kubikkilometers Regen liegen bei genau Null Euro. Anders ausgedrückt: Die deutsche Landwirtschaft arbeitet mit ca. 125 km3 Regen, für die keine Kosten anfallen.

Was kostet ein Kubikkilometer Flusswasser? [Inhalt]

In der mit Flusswasser betriebenen Landwirtschaft wird das Wasser über weitverzweigte Kanalsysteme zu den Farmen geleitet. In Süd-Kalifornien berechnet der Staat für dieses Bewässerungswasser je nach Region und Jahreszeit zwischen US$ 10-140 pro acre-foot (1 acre foot = 1233 m3). Dementsprechend kostet ein Kubikkilometer Wasser in Südkalifornien normalerweise zwischen US$ 8 - 114 Millionen, wobei alles über US$ 50 Millionen pro km3 im internationalen Vergleich eine Obergrenze darstellt.

In San Diego, das direkt an der Grenze zu Mexiko liegt, hat die zunehmende städtische Nachfrage den Wasserpreis im Sommer auf US$ 1600 pro acre foot (US$ 1,3 Milliarden pro km3) hochgetrieben, wodurch die dortigen Farmer zur Aufgabe gezwungen werden.

Was kostet ein Kubikkilometer Grundwasser? [Inhalt]

In der mit Grundwasser betriebenen Bewässerungslandwirtschaft sind die Kosten eines Kubikkilometers Wasser eine lineare Funktion der Tiefe des jeweiligen Grundwasserspiegels. Solange die Grundwasserspiegel lediglich einige Meter unter der Oberfläche liegen, sind die Energiekosten überschaubar. Der Sprung von 10 m auf 50 m erfordert aber schon den 5-fachen Energieeinsatz. In Libyen wird das fossile Grundwasser für den Great Man Made River aus 11.000 Brunnen gewonnen, in die Tauchmotorpumpen 400-500 m tief abgehängt werden. Das Wasser wird dann vor Ort in Rohren von mehreren Metern Durchmesser quer durch Libyen in die Ballungszentren und Agrarzentren gepumpt. Bisher hat das Gesamtprojekt weit über 20 Milliarden gekostet. Trotz dieses riesigen finanziellen Aufwands werden auf diese Weise nur 2,7 km3 pro Jahr gewonnen. Die reinen Energiekosten 30 für das Hochpumpen eines Kubikkilometers Wasser aus 500 m Tiefe liegen bei maximaler Effizienz bei ca. US$ 700 Millionen, in der Realität aber eher bei US$ 1,4 Milliarden. 31 Der jährliche Wasserertrag des Man Made River-Projekts von 2,7 km3 Wasser kostet also am Ende (inkl. Abschreibung der Gesamtanlage) über US$ 6 Milliarden, jährlich.

Man versteht, warum Libyen lange Jahre das Eldorado internationaler Projektentwickler und Hersteller von Pumpen, Bewässerungsanlagen, Rohren, Wasseraufbereitungsanlagen, Dieselgeneratoren etc. war. Der Nahrungsmittelsicherung ist Libyen jedoch keinen Schritt näher gekommen, denn zu diesen Kosten ist eine rentable Landwirtschaft auch nicht annähernd möglich.

Was kostet ein Kubikkilometer entsalztes Meerwasser? [Inhalt]

Die Entsalzung von einem Kubikkilometer Meerwasser kostet je nach Größe und Alter der Entsalzungsanlage ca. US$ 1,5-4 Milliarden. Während urbane Verbraucher ohne weiteres Kosten von US$ 1,5-4 pro Kubikmeter desaliniertem Meerwasser akzeptieren, erübrigt sich jeder Gedanke an eine gewinnbringende Verwendung in der Landwirtschaft.

Landwirtschaft mit fossilem Grundwasser: ein "nicht nachhaltiger" Luxus [Inhalt]

Wäre alle Landwirtschaft so teuer wie die mit fossilem Grundwasser betriebene Bewässerungslandwirtschaft Nordafrikas oder der Arabischen Halbinsel, wäre der Großteil der Menschheit längst verhungert.

Für die betroffenen Völker Ägyptens, Libyens, Saudi Arabiens, Jemens etc. sind die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Tatsache bedrückend. Die Hoffnung auf Nahrungsmittelsicherheit durch hohe Selbstversorgungsgrade aufgrund der Nutzung eigenen Grundwassers werden bitter enttäuscht werden. Die Abhängigkeit Nordafrikas und des Nahen Ostens vom Weltmarkt für Nahrungsmittel wird nicht abnehmen, sondern deutlich zunehmen. Als Alternative zur zunehmenden Abhängigkeit vom Weltmarkt für Agrarprodukte bleibt den arabischen Ländern und Nordafrika nur die Verlagerung großer Teile der landwirtschaftlichen Produktion in regenreiche Länder jenseits ihrer Grenzen.

Deutschland: ungewollte Konsequenzen des Wassersparwahns [Inhalt]

In Deutschland sind bereits die ersten negativen Auswirkungen der Indoktrinierung zum Wassersparen zu verzeichnen: neben den Zuflüssen z.B. des Rheins (die Hälfte der schweizerischen Niederschläge, also 30 km3, werden ab Basel "deutsch") fallen pro Jahr ca. 250 km3 Regen, also pro Kopf und Person täglich ungefähr 8500 Liter. Trotzdem ist die durchschnittliche private Wasserverwendung von täglich 144 Litern in den neunziger Jahren auf mittlerweile 122 Liter pro Kopf gesunken. Das ist zu wenig, um die Abwassersysteme durchzuspülen, und führt in Großstädten wie Berlin und Köln zunehmend zu ernsten hygienischen Problemen mit der Kanalisation, gefolgt von Geruchsbelästigungen. Die Wasserwerke fluten deshalb die Kanalisation regelmäßig mit Trinkwasser, um diese unerwünschten Nebeneffekte der privaten Wassereinsparungen zu kompensieren.

Tragisch wäre es, wenn der Hype um die Wasserknappheit dazu führen würde, dass zum Beispiel der Kaffee-, Schokoladen- und Bananenkonsum der Industrieländer spürbar verringert würde: Millionen von Kleinbauern der Tropen, deren Haupteinkommensquelle ihre mageren Erträge aus ihren wenigen Kaffee- oder Kakaobäumen oder ihren kleinen Bananenfeldern darstellt, wären ihrer Lebensgrundlage beraubt. Angesichts der tropischen Niederschläge, die leicht doppelt bis vierfach so reichlich wie die europäischen ausfallen, wäre es interessant mitzuerleben, wie der Wasseraktivist dem Tropenbauern erklärt, dass sein Kaffee-, Kakao-, und Bananenboykott aus Sorge um Wassermangel ausgerechnet in den Tropen geschieht.

Was will der Wasseraktivist erreichen? [Inhalt]

Vor der Öffentlichkeit bisher weitgehend verborgen, hat sich ein ausuferndes Netzwerk von Wasser-Aktionisten in Hunderten von Initiativen, Non-Governmental-Organisations, Pressure Groups und internationalen Organisationen formiert. Alle eint ein starkes Sendungsbewusstsein und ein unbefriedigter Tatendrang, der nur darauf wartet, die neuen Ideen in gutgemeinten Projekten umzusetzen. Beispielsweise soll die Tröpfchenbewässerung, ein technisch und finanziell aufwendiges Verfahren zur Bewässerung von Dauerkulturen (Obst, Gemüse) großflächig zur Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Weizen subventioniert werden. Dieser Irrweg wurde schon vor 20 Jahren in arabischen Ländern mit Getreide erprobt. Abgesehen von absurden Produktionskosten waren weder Bodenbearbeitung noch die Ernte mit Mähdreschern möglich, weswegen dieses Verfahren umgehend fallengelassen wurde.

Ebenso kritisieren die Aktivisten den hohen Wasserbedarf des asiatischen Reisanbaus, der sortenbedingt ausschließlich per Überflutung praktiziert werden kann. Auch hier wartet die Fachwelt voller Spannung auf die alternativen Produktionsansätze, die da kommen mögen.

Auf Politikebene sind die Konzepte noch weitaus abenteuerlicher. So meinen etwa Verkerk und Hoekstra, dass die Wasserressourcen der Welt "unfair" verteilt seien, und die reichen Industrienationen dadurch einen ungerechten Wettbewerbsvorteil gegenüber wasserärmeren Ländern genössen. 32 Der daraus resultierende Welthandel mit Agrarprodukten bedeute "eine Gelegenheit für einige, aber Abhängigkeit und Verwundbarkeit für andere." 33

Nach Hoekstra sind die unterschiedlichen "Wasser Fußabdrücke" verschiedener Länder weder "fair" noch "nachhaltig". Die Bewohner der westlichen Industrienationen verantworteten "Wasser Fußabdrücke" von deutlich über 2000 m3 pro Kopf und Jahr, während arme Länder wie Indien und China bei unter 1000 m3 lägen. 34 Das Ganze gipfelt in der Vorstellung, dass es einen weltweiten "maximalen, nachhaltigen Wasser Fußabdruck" von knapp 9000 km3 gäbe, der, gleichmäßig durch die Anzahl der Erdbewohner geteilt, bei 1240 m3 pro Jahr liege. 35 Jeder, der mehr verbrauche, verhielte sich unfair gegenüber dem benachteiligten Rest. Um eine "gerechte" und "effiziente", weltweite Wasserverteilung zu ermöglichen, schlägt Hoekstra die Ausgabe von handelbaren, personenbezogenen "Wasser-Fußabdruck-Kontingenten" vor 36.

Andere Aktivisten bemängeln, dass diejenigen Nationen, die Nahrungsmittel importieren, die produktionsbedingten Umweltschäden auf die Exportländer abwälzen, andere verlangen einen Rücktransport von Düngemitteln an die Produzenten als Kompensation für den Verlust von Bodennährstoffen.

Wie man es auch dreht und wendet, am Ende ist den Wasseraktivisten jeder Handel mit "virtuellem Wasser" in irgendeiner Weise wirtschaftlich, moralisch oder ökologisch verwerflich, weswegen sie nach regulativen Eingriffen und Kompensationen verlangen. Die Verteilungsfrage einem dynamischen und anpassungsfähigen freien Markt zu überlassen wird verworfen, da dieser implizit "ungerecht" und "ineffizient" sei.

Zunehmend verlangen die Aktivisten, Wasser als "Major Public Good" anzusehen, dessen Verwendung im Rahmen einer "Global Water Governance" geregelt werden sollte 37. Das Ziel ist die planwirtschaftliche Verwaltung und Kontingentierung der Handelsströme von "virtuellem Wasser", um die "Wassersparpotentiale" auf "globaler Ebene" realisieren zu können 38. Die Rede ist von der Messung des Wasserverbrauchs auf allen Ebenen, Kompensationszahlungen, Transferbehörden, zentralistischen Planungen und vielen neu zu gründenden Behörden mit nie dagewesener Machtfülle.

Es geht also um nicht viel weniger als die zentrale Lenkung der Weltlandwirtschaft. Man fragt sich, für wen Hoekstra sich hält, wenn er fordert "In trockenen Regionen sollte es keine Agrarwirtschaft mehr geben (sondern Agrarimporte = virtuelles Wasser, Anm. des Autors)"? 39 und dann weiter ausführt: "Diese wasserarmen Regionen (gemeint sind der Nahe Osten, Nord-West Indien, Nord-China, Kalifornien; Anm. des Autors) müssen eine neue Vision für die Zukunft entwerfen. Genauso wie es die ölproduzierenden Länder machen mussten, bei denen das Öl anfängt knapp zu werden."

Die genannten Ideen sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der aktuellen Wasserdiskussion. Sie vermitteln einen Eindruck dessen, worüber in den internationalen Wasser- und Nachhaltigkeitskonferenzen geredet wird und in welche Sphären sich die Diskussion mittlerweile verstiegen hat.

Die deutschen Ökonomen Erik Gawel und Kristina Bernsen stellen in ihrer Studie What is wrong with Virtual Water resignierend fest: "Wenn Import, Export und sogar der nationale Verbrauch virtuellen Wassers verurteilt werden, dann stößt das ganze Konzept an die Grenzen der menschlichen Vernunft".40

Man ist versucht, den Wasseraktivisten zuzurufen: "Leute, macht mal Pause!"

Denn eigentlich sollte man Mitleid mit dem Wasseraktivisten haben. Er lebt in einer deprimierenden Gedankenwelt. Sein Universum ist grau, eindimensional, statisch und beherrscht von einem Gefühl der Knappheit. Essen, Trinken, Zähneputzen bereiten Gewissensbisse und Sorgen.

Wie viel besser ginge es ihm, wenn er die Urgewalt des Wasserkreislaufs verstünde. Er wüsste dann, dass die Sonne Wasser im Überfluss destilliert und der Regen solange fallen wird, wie es die Sonne gibt. Ein Blick auf den Globus würde ihm vermitteln, dass neben den Trockengebieten Nordafrikas und Arabiens hunderte Millionen Hektar unerschlossenes Ackerland in regenreichen Regionen bereitstehen. Und dass sein Nahrungsmittelkonsum das Überleben von hart arbeitenden Bauern sichert.

Auf Einsicht der Wasseraktivisten zu zählen, bleibt jedoch wahrscheinlich ein Traum. Zu viele Mannjahre "Forschung" sind in die Entwicklung der verschiedenen Ideen geflossen, zu viele Karrieren hängen an der Illusion der Wasserknappheit, zu viel Geld und Einfluss hängt an der "Global Water Governance".

Neues Geschäftsfeld: Zertifizierung der Wassernutzung [Inhalt]

Die Forderung nach einer buchhalterischen Erfassung des virtuellen Wasserverbrauchs und einer Zertifizierung der Nachhaltigkeit der Wasserverwendung findet sich in der Agenda fast aller Player. Auch die Industrie zieht nach. So bewirbt ein Zusammenschluss europäischer Hersteller von Sanitäranlagen ein neues "water label", wobei die jeweiligen Geräte anhand ihres Wasserdurchlaufs pro Minute klassifiziert werden. 41

Die Organisation Carbon Disclosure Project (CDP), die seit 10 Jahren den Kohlenstoffausstoß von vorgeblich 3000 Unternehmen auditiert, hat vor kurzem ein neues als Water Disclosure 42 bezeichnetes Geschäftsfeld erschlossen. Dafür soll ein 7-seitiger Fragebogen 43 ausgefüllt werden, in dem viel von water related risks und water related stresses die Rede ist. Ohne professionelle Hilfe kann der Fragebogen kaum ausgefüllt werden, weshalb sich der Wirtschaftsprüfer Deloitte, der als Partner von CDP auftritt, als Dienstleister empfiehlt. Laut CDP ergeben sich für die Firmen eine Reihe von Vorteilen aus einer freiwilligen Selbst-Auditierung, etwa die "Ermittlung von Risiken, die sich aus Wasserknappheit, Verschmutzung und Überflutung ergeben", die "Exploration von Geschäftsgelegenheiten" oder "der Aufbau des Vertrauens der Shareholder, der Kunden und der breiten Öffentlichkeit". Schon die Fragestellung suggeriert, dass unabhängig vom jeweiligen Produkt oder Firmenstandort, ein objektiver Wassermangel bestünde.

Man fragt sich, ob diejenigen Firmen, die tatsächlich unter Wassermangel leiden oder überdurchschnittliche Wasserverschmutzer sind, sich dieser Problematik nicht auch ohne einen Fragebogen des CDP bewusst sind, und deshalb auf Ratschläge und Belehrungen verzichten werden. Für alle anderen bringt der Fragebogen aber keinen Nutzen. Den vagen Versprechen eines CDP stehen neue Bürokratien, Zeitverluste und Kosten gegenüber, die am Ende auf die Produktpreise aufgeschlagen werden müssen.

Wo permanent von Wert und Kosten eines öffentlichen Gutes wie Wasser gesprochen wird, ist der Gedanke an eine Besteuerung der Nutzung nicht mehr weit. Angesichts der Tatsache, dass die Landwirtschaft der größte Nutznießer des kostenlosen Regenwassers ist, sollte man denken, dass diese als erste ins Visier der selbsternannten, globalen Wassermanager geraten würde. Es sieht jedoch ganz danach aus, als sollten die Bewohner der Industrienationen, die Wasser naturgegeben im Überfluss und deshalb auch keine objektive Veranlassung zum "Sparen" haben, das Ziel von Wasserbewirtschaftung und Wasserbesteuerungen werden. Und dies zugunsten derjenigen, deren Wasserknappheit entweder naturgegeben oder selbstverschuldet ist. Diese würden durch die wahrscheinliche Umverteilung davon abgehalten, mit eigenen Konzepten auf die Wasserknappheit zu reagieren und intelligente Wasser-Management-Methoden umzusetzen.

Bevor die Öffentlichkeit und Firmen aber bereit sind, Abgaben zu leisten und sich dem bürokratischen Apparat zu unterwerfen, muss der Glaube an die Wasserknappheit fest verankert werden. Das ist der Hintergrund der aktuellen Wasserdebatte, die die quantitative Dimension des Wasserkreislaufs unterschlägt und im Widerspruch zur Faktenlage eine generelle Wasserknappheit herbeiredet. Eine riesige Zertifizierungsbürokratie, gekoppelt an staatliche und supranationale Organisationen, steht bereits in den Startlöchern.

Wie steht das Ausland zum "virtual Water"? [Inhalt]

Insgesamt fällt auf, dass die Konzepte "virtuelles Wasser" und "Water Footprint" von Fachkreisen außerhalb Europas fast komplett ignoriert werden. Von der University of California Davis (UC Davis), weltweit führend in Bewässerungsfragen, gibt es keine einzige Veröffentlichung zu dem Thema. Universitätsangehörige, angesprochen auf "virtual Water", antworten gereizt, dass ihre Zeit zu knapp sei um sie auf solche "unwissenschaftlichen Konzepte" zu verschwenden, andere brummen nur "Trash Science".

In Australien hat das Victorian Department of Primary Industries die international tätige Consultingfirma Frontier Economics mit einer Analyse beauftragt, um festzustellen, ob das Konzept des "virtual Water" als Planungsinstrument der öffentlichen Hand (Policy Making) taugen könnte. Das Ergebnis ist eine 20-seitige, exzellent recherchierte und gut lesbare Studie mit dem Titel The concept of virtual water - a critical review deren Ergebnis nicht klarer ausfallen könnte:

"Der entscheidende Mangel des Konzepts virtuellen Wassers ist die fehlende Berücksichtigung der Opportunitätskosten der Wassernutzung – also des Werts der für dieses Wasser bestehenden alternativen Nutzungsmöglichkeiten – sowie anderer Eingangsgrößen der Produktion. Aufgrund standortbedingter und zeitlicher Unterschiede sowie der Beziehung des Wassers zu anderen Eingangsgrößen der Produktion variieren die Opportunitätskosten des Wassers erheblich.

  • Daher liefert das Konzept virtuellen Wassers prinzipiell keinen Beitrag zu solchen Strategien der Nutzung von Wasserressourcen, die auf die Maximierung der Vorteile der Wassernutzung abzielen.
  • Daher hilft das Konzept virtuellen Wassers auch in Fragen des Umweltschutzes nicht weiter, denn auf dieser Grundlage ist nicht entscheidbar, ob sich die Nutzung von Wasserressourcen im Rahmen nachhaltiger Grenzen bewegt oder nicht.
  • Generell würde die Orientierung am Konzept virtuellen Wassers auf politischer Ebene zu beliebigen und ineffizienten Strategien sowie zu nicht wünschenswerten Regierungsentscheidungen führen.

Außerdem zieht die Konzentration auf die Weiterentwicklung und Anwendung des Konzepts virtuellen Wassers sehr wahrscheinlich wertvolle intellektuelle Kapazitäten und andere Ressourcen von der Beschäftigung mit den tatsächlich zielführenden Strategien ab." 44

Die Reduktion hochkomplexer agrarischer, ökonomischer und sozialer Zusammenhänge auf ein einziges, und dazu unzureichend verstandenes Element (Wasser) macht die Konzepte des "virtual Water" und des "Water Footprints" zu einem prototypischen Beispiel für Unwissenschaftlichkeit.

Wieso sind die Konzepte "virtual Water" und "Water Footprints" bei Laien so populär? [Inhalt]

Wie kommt es aber, dass "virtual Water", ein in den Augen von Fachleuten untaugliches Instrument, bei vielen europäischen Verbrauchern so populär geworden ist? Der Grund dürfte genau in der Unwissenschaftlichkeit und Schlichtheit liegen, die das Konzept bei Fachleuten disqualifiziert.

Dem Laien kommt aber die Reduktion der Komplexität der landwirtschaftlichen Produktion auf einen einzigen Faktor, den Wasserbedarf, entgegen. Dass ein so aussagebegrenzter, monokausaler Bewertungsfaktor wie das "virtuelle Wasser" nur einen kümmerlichen Beitrag zum Verständnis und zur Bewertung möglicher Alternativszenarien leisten kann, stört ihn nicht. Die Ausblendung aller anderen Produktionsfaktoren wie Kapital, Natur, Arbeit, Boden zugunsten des Wassers als einzig begrenzendem Produktionsfaktor entbindet den Wasseraktivisten von der Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Materie.

Durch diese Simplifizierungen kann sich jeder Laie als Experte fühlen und durch "Wassersparen" meinen, den "Planeten zu retten".

Solange die wenig differenzierten und eher weltfremden Empfehlungen nur von einer Minderheit gutmeinender und leichtgläubiger Konsumenten der Industrieländer angenommen werden, ist der Schaden begrenzt. Ob diese ein paar Tassen Kaffee mehr oder weniger trinken, kürzer duschen oder anstatt eines Steaks einen Tofu-Burger essen, macht keinen messbaren Unterschied.

Eine zwangsweise Erfassung des Wasserverbrauchs einzuführen und den "Dry Areas" pauschal das Recht auf Landwirtschaft abzusprechen, wäre aber eine ganz andere Sache. Die Bevölkerungen und Entscheidungsträger in den "trockenen" Ländern" haben jedoch ganz andere Sorgen, und so kann es kaum verwundern, dass sie die Konzepte des "virtuellen Wassers" und des "Wasser Fußabdrucks" komplett ignorieren. Es bleibt abzuwarten, wann sich auch die Bewohner der "Wet Areas" dieser Haltung anschließen werden.

Entwarnung [Inhalt]

Die Menschheit nutzt für Landwirtschaft, Haushalte und Industrie gerade einmal 8% 45 der Niederschläge, die auf das Festland abregnen. Genauer: 7% des Regens reichen, um alle Landwirtschaft der Welt zu betreiben 46, und nur 0,6% der Niederschläge reichen für die gesamte Industrie und alle Haushalte der Welt 47.

Von einer weltweiten Wasserknappheit kann deshalb keine Rede sein. Vor allem die Einwohner des regenreichen Mitteleuropas können deshalb ab sofort guten Gewissens mit der Wassersparerei aufhören. Denn: Regenwasser ist und bleibt der erneuerbare und unerschöpfliche Rohstoff par excellence.