01.11.2007

Versteckter Angriff auf den Wohlstand

Analyse von Daniel Ben-Ami

Versuche, Wohlstand an anderen Faktoren als dem Bruttosozialprodukt zu bemessen, sind Ausdruck eines tief sitzenden Misstrauens gegen jede Art von materiellem Fortschritt.

Immer mehr Staaten rücken davon ab, Entwicklung und Fortschritt ökonomisch orientiert am Bruttosozialprodukt (BSP) und ähnlichen Indikatoren zu messen; immer häufiger werden soziale Maßstäbe angelegt. Für viele Fachleute ist dies eine erfreuliche Entwicklung hin zu einer humanistischen Sicht von Lebensqualität. Andere halten es für abseitige statistische Erbsenzählerei. Beide Reaktionen gehen am Kern der Sache vorbei. Zwar dreht sich die Diskussion um das Für und Wider verschiedener statistischer Verfahren; ihre Konsequenzen weisen jedoch weit über dieses Feld hinaus. Dass dem BSP immer weniger Bedeutung beigemessen wird, zeigt, dass Wirtschaftswachstum und Wohlstand heute nicht mehr viel zählen. In dem Maße, in dem Faktoren wie der Zustand der Umwelt oder das Glücksempfinden der Menschen an Bedeutung gewinnen, wird das BSP als weniger wichtig gewertet.

Die Abwertung des BSP wurde im Juni 2007 auf dem Istanbul World Forum offiziell. Die Veranstaltung, die unter dem Motto „Measuring and Fostering the Progress of Societies“ stand, wurde von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) organisiert, und auch die Europäische Kommission, die UN und die Weltbank nahmen daran teil. [1] Ein Kernsatz des Abschlussberichts lautet: „Mit Hoffnung sehen wir, dass in zahlreichen Ländern auf allen Kontinenten Initiativen im Gang sind, die den gesellschaftlichen Fortschritt anhand statistischer Faktoren messen wollen … Hier zeichnet sich ein Konsens zu der dringlichen Aufgabe ab, gesellschaftlichen Fortschritt in jedem Land zu erfassen – und zwar jenseits überkommener ökonomischer Messverfahren wie dem BSP.“ [2]

Mit dieser Aussage wurde der Abschied vom BSP als Messgröße besiegelt. Durch ihre Mitgliedschaft in internationalen Organisationen unterstützen die jeweiligen Staaten diesen neuen Ansatz. Einige, darunter Großbritannien, haben bereits damit begonnen, eigene nationale Skalen für Lebensqualität zu erstellen. Überraschend kommt das nicht. Bereits 2004 hatte die OECD eine Konferenz zu diesem Thema organisiert. Und Anfang 2007 wurde auf einer Konferenz in Rom darüber diskutiert, ob Glück messbar sei.[3] Eben dieser Ansatz wurde auch von Unicef in einem Bericht über Kinderarmut in reichen Staaten verwendet. Armut wurde darin nicht anhand des Einkommens bemessen. Stattdessen verwendete man ein Bündel von Faktoren, darunter die materielle Situation, Gesundheit und Sicherheit, Erziehung und Ausbildung, Familie und Freundschaften sowie Risiken und die Selbstwahrnehmung. Der Unicef-Bericht sorgte in Großbritannien für Aufregung, da britische Kinder darin am schlechtesten abschnitten. Kaum beachtet wurde, dass sich der Bericht explizit gegen das BSP als Messgröße wandte. Eine der Hauptthesen lautete: „Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Wohlergehen eines Kindes und dem BSP.“ [4]

Das bekannteste Beispiel für diesen neuen Ansatz sind die „Millennium-Entwicklungsziele“, die im Jahr 2000 von Staats- und Regierungschefs aus aller Welt verabschiedet wurden. Die Regierungen verpflichteten sich, äußerste Armut und Hunger zu besiegen, weltweit Grundschulausbildung für alle zu garantieren und die Kindersterblichkeit zu verringern.[5]
Die Erklärung von Istanbul geht, was subjektive Faktoren für Lebensqualität anbetrifft, noch weiter als die Millennium-Erklärung. Zum einen gilt sie für die reichen Länder gleichermaßen wie für die armen. Zum anderen zielt sie nicht nur auf Armut, sondern auf gesellschaftlichen Fortschritt im Allgemeinen. Es gibt viele weitere Beispiele für den Trend weg vom BSP hin zu anderen Kriterien für Lebensqualität. Schon länger haben Ökonomen darüber diskutiert, ob sich anhand des BSPs Lebensqualität sinnvoll messen lasse. Bereits in den 40er-Jahren stellte Simon Kuznets, später Träger des Wirtschaftsnobelpreises, die Nützlichkeit des BSPs infrage. Auch Herman Daly, John Kenneth Galbraith, Fred Hirsch, Ezra Mishan, Paul Samuelson, Tibor Scitovsky, Amartya Sen und James Tobin schlossen sich in der ein oder anderen Form dieser Kritik an.[6] 1990 erstellte das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) seinen Human Development Index (HDI, Index der menschlichen Entwicklung), in dem Einkommen, Alphabethisierung und Lebenserwartung als Faktoren verwendet werden.[7]

Leicht ist zu übersehen, was an dieser Neubewertung problematisch ist. Kaum jemand würde behaupten, das BSP sei die ideale Maßeinheit dafür, wie gut oder schlecht es Menschen geht. Mit dem BSP wird gemessen, wie viele Güter und Dienstleistungen eine Volkswirtschaft pro Jahr produziert. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, auch weitere Faktoren wie Kindersterblichkeit, Lebenserwartung und Alphabetisierung auszuwerten. Selbst rein subjektive Faktoren wie Glück und Zufriedenheit haben ihren Wert. Psychologen können daraus beispielsweise ersehen, wie Menschen auf bestimmte Ereignisse und Veränderungen reagieren. Die Kritik am BSP hat jedoch andere Hintergründe. Viele Kritiker tun so, als hätten sie soeben das Unglaubliche entdeckt, nämlich, dass sich mit dem BSP überhaupt nicht wirklich messen lasse, wie gut oder schlecht es uns geht. Es ist jedoch sehr schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der dies behauptet – was zeigt, dass es sich um Spiegelfechterei handelt. Die Kritik am BSP ist eine Finte. Was hier wirklich attackiert wird, sind Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Verfolgt man die Diskussion über das BSP als Indikator, wird schnell klar, dass die meisten Kritiker eine Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums grundsätzlich ablehnen. Stattdessen, so hört man wieder und wieder, sollten wir glücklich und zufrieden sein mit dem, was wir haben – besser noch: mit weniger. Die vorgebliche Kritik an statistischen Methoden ist Teil einer fundamentalen Ablehnung von Wachstum. [8]

„Kritisiert wird nicht das BSP als unzureichender Wohlstands-Indikator, sondern die Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums.“

Am deutlichsten wird die Verschiebung beim Blick auf die Dritte Welt. In den 50er- und 60er-Jahren bezeichnete „Entwicklung“ die Verwandlung von armen, meist landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften in reiche, moderne Staaten mit einem hohen Anteil von Stadtbewohnern. Heute hingegen bedeutet Entwicklung bestenfalls, die ärgsten Formen der Armut zu besiegen – so wurde es in den Millennium-Entwicklungszielen definiert. Statt arme Gesellschaften wohlhabend zu machen, lautet das Ziel heute, die Anzahl derjenigen zu reduzieren, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen. Amatya Sen, mittlerweile Professor in Harvard, ist der bekannteste Vertreter dieses Ansatzes. In seinem Buch Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft tritt er dafür ein, Wachstum als Indikator für Entwicklung sehr niedrig zu bewerten und stattdessen der „Freiheit“ zentrale Bedeutung beizumessen. [9] Freiheit jedoch definiert Sen derart vage, dass unklar bleibt, was gemeint ist. Unter anderem ist Freiheit für Sen die Abwesenheit von Unfreiheit (Armut, Diktaturen, Intoleranz), politische Freiheit, die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg, Transparenz, Sicherheit, ja sogar „die Freiheit zu überleben“. Trotz seiner tönenden Rhetorik beschreibt Sen damit vor allem eines: den Abschied von der Idee, Entwicklung könne Gesellschaften verändern. Entwicklung wird stattdessen zu einer Art von Anwartschaft auf Dienstleistungen umdefiniert, die der Staat oder internationale Körperschaften erbringen sollen.

Zwar ist, wenn es um die Industriestaaten geht, die Diskussion weniger pointiert, aber auch hier hat der Abschied von der Idee des Wachstums bedeutende Folgen. Wirtschaftswachstum ist eine treibende Kraft gesellschaftlichen Fortschritts. Ein höherer Lebensstandard bedeutet längeres und gesünderes Leben. Wachstum ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen weniger arbeiten müssen und mehr Zeit für Kultur und andere, nicht materiell notwendige Dinge haben. Mehr Wohlstand zu wollen, ist ein zutiefst humanistischer Impuls und nicht, wie die Kritiker behaupten, menschen- und lebensfeindlich. Die Kritik am BSP als Kriterium für Wachstum ist, wo sie überhaupt trifft, sehr einseitig. Häufig liest man, dass negative Folgen, die Nebenwirkungen von Wachstum, durch das BSP nicht erfasst werden – die Umweltverschmutzung beispielsweise. Die Kritiker übersehen dabei jedoch, dass auch die positiven Effekte technologischen Fortschritts nicht erfasst werden. Die Dynamik, die mit Wachstum einhergeht, beschränkt sich nicht auf Umsatz und Profit. Sie führt zu zahlreichen Neuerungen und Errungenschaften, die sehr vielen Menschen direkt oder indirekt zugutekommen. Der Fortschritt und die enorme Zunahme an Lebensqualität, die in den vergangenen 200 Jahren stattgefunden haben, ist eine Folge des Wirtschaftswachstums.[10]

Es gibt weitere Gründe, subjektive Faktoren zur Messung von Lebensqualität kritisch zu sehen. Wird das subjektive Wohlbefinden zum Ziel staatlicher Politik, eröffnet das dem Staat zahlreiche Möglichkeiten, in unser Leben hineinzuregieren. Ist man für sich selbst glücklich und zufrieden, ist das wunderbar. Betreibt der Staat eine Politik, die uns – ob wir es wollen oder nicht – zu glücklichen Bürgern machen soll, sieht das ganz anders aus. [11]Kritik an Methoden der Wirtschaftswissenschaften ist eine Sache. Wenn sich Kritiker von Wirtschaftswachstum und Wohlstand aber hinter formalen Argumenten verstecken, ist das feige. Ist es ihnen mit ihren Positionen ernst, sollten sie sie offen darlegen. Einer unverhohlenen Diskussion über die Vor- und Nachteile von Wachstum und Wohlstand stelle ich mich gerne.