27.12.2011

Verbotokratie: Willkommen im Mittelalter!

Von Zé do Rock

In seiner satirischen Auseinandersetzung mit der zunehmenden Durchregulierung unseres Alltags – von Rauchverboten hierzulande bis zu Hupverboten in Brasilien – nimmt der Antiverbotsaktivist Zé do Rock kein Blatt vor den Mund. Widerstand ist angesagt: Auf zum Champagnerstreik!

Als in Bayern das totale paffverbot vom Landtag beschlossen wurde, hab ich beschlossen, einen champagnerstreik zu machen. Ich machte 2 plakate, auf dem einen stand, “champagnerstreik gegen raucherhetze”, auf dem anderen “X. tag ohne champagner”. Ich nahm die zwei plakate, 2 klappstühle, etwas zu trinken und tingelte los zur innenstadt, 2 km entfernt. Es war ein windiger tag, und ein plakat flog mir auf der münchner Ludwigstrasze weg. Ich musste alles ablegen und auf plakatjagd gehen. Dann wieder heim, ein festeres plakat machen, und mit der hilfe eines freundes wieder lostingeln. Auf der fussgängerzone fixierten wir die plakate auf der wand, setzten uns hin und sofort war ein polizist zur stelle.

“Was tun Sie denn da?”
“Wir trinken kein champagner. Aber wir machen das öffentlich”.
“Haben Sie eine genehmigung?”
“Wie, genehmigung um keinen champagner zu trinken???”
“Ja, aber Sie sitzen da… ähh…”
“Ich hab mich durch ein dutzend stellen in der stadtverwaltung telefoniert, und am ende hat die zuständige person gesagt, ich brauch keine genehmigung um keinen champagner zu trinken. Und eine demo sind wir auch nich, wir sind nur zu zweit.”
“OK, aber wenn noch eine dazu kommt, dann is es eine demo, und dann müssen Sie es melden, gell?”

Mein freund ging wieder, ich wurde mehrmals am tag kontrolliert und ausgefragt. Ich hatte ein par flaschen bier in der tüte, und zwei polizisten sagten mir, es is verboten, bier in der münchner innenstadt ausserhalb der dafür vorgesehenen lokalitäten zu trinken. Das muss man sich vorstellen: es is verboten, in der stadt des Oktoberfestes bier in der innenstadt zu trinken.

Die leute fanden es meistens lustig, vile fotografierten mich. Ein par meter von mir entfernt war der infostand einer gewerkschaft, die protestierte, dass man die zahl der leute, ab der die polizei es als unerlaubte demo sehen durfte, auf zwei reduzieren wollte. Am ende stand auf dem plakat, 11. tag ohne champagner! Manche passanten meinten, das könnten sie auch, aber ich sag euch, das is leichter gesagt als getan!
Bald darauf kam die schwemme der smauchaclubs, dann der weltretter aus Passau, der unterschriften für einen volksentscheid über ein totales shmauchverbot sammelte. Am Rathaus konnte man seine stimme für einen volksentscheid abgeben. So ging ich auch hin und sammelte, mit einem risenplakat auf dem rücken, unterschriften für das totale verbot von BH’s, autos, flugzeugen, alkohol und stülen. Ich gab natürlich auch das relative risiko diser dinge an, im vergleich mit dem passivsmauchen – alles vil schlimmer. Vor allem BH’s, die brustkrebs verursachen: 55 mal gefärlicher als passivsmauchen. Vile leute fanden es lustig und unterschriben. Andre unterschriben aus ignoranz. Vile fragten mich wo’s zum unterschreiben get, und irgendwann war mir das zu blöd, dass ich leute dabei helfen sollte, mein leben zu versaun. Also sagte ich, sie können bei mir unterschreiben. Wenn die leute so blöd sind, dass sie nich einmal lesen was sie unterschreiben, werden sie genauso gut informiert sein über den volksentscheid. Vile glaubten, es get um einen krig zwischen smauchan und nitsmauchan, und sie mussten sofort zur schlacht marschiren. Es gab natürlich auch sympatiebekundungen von nitsmauchan, wie auch schimpfende smaucha, die den witz nich verstanden. Auch smauchen schützt nich vor dummheit. Einmal ham sogar zwei nitsmaucha mit eim smaucha diskutiert, wo die nitsmaucha gegen das verbot waren und der smaucha dafür.

Natürlich wurd ich wider dauernd von polizistis in uniform und in zivil kontrolliert. Ich durfte die prospekte nich verteilen weil ich meinen namen nich drauf hatte – und wenn ich den namen drauf hätte, würden sie warscheinlich sagen, ich mach eigenwerbung und das is verboten. Einer meinte, das plakat auf meinem rücken is ein risiko für die sicherheit – stimmt, eine 1,90 m grosze, halbblinde oma könnte mit dem kopf daran stoszen.

Man schrib ein par artikel über die aktion, aber den debakel beim volksentscheid konnte sie nich verhindern… 23% des walvolkes war für das totalverbot, 14% dagegen, und in Bayern gibt es kein quorum bei referenden – andernfalls wärs vermutlich nich durchgekommen. Als unmittelbare uhrsachen würd ich sagen, ca. die hälfte der raukis besteet aus fisiologischen nitraukis, die einverstanden sind, dass rauken stinkt und ein schlechtes gewissen haben, dass sie raukis sind. Ausserdem sind die meisten raukis jung und wurden schon in der schul indoktriniert, dass die welt rund is und passivrauken zum schnellen tod fürt. Es gab natürlich auch diejenigen, die nich geglaubt haben, dass so was durchkommt, weshalb sie nich zur abstimmung gingen sondern baden. Last but not least, die behörden haben vor dem volksentscheid die raukibewegung blokiert wo sie nur konnten, hatten aber nix dagegen dass die antiraukifraktion vor den wallokalen werbung mit plakaten machten, was schlicht und einfach ilegal is.

Warum die behörden grade so antismökifreundlich sind, liegt vermutlich daran, dass die leuti dort antismökis sind oder wenn sie es nich sind, traun sie sich selten, den tsunami herauszufordern. Wie schon in früheren verfolgus von minderheiten: ca. 1/3 is von anfang an dabei, ca. 1/3 endet als willig oder unwillige mitlaufi, ca. 1/3 is nich einverstanden aber aufmucken tun die wenigsten. Is ja ungünstig und oft sogar lebensgefärlich.

Ein zusätzlicher faktor wird wol sicher die sucht nach sicherheit gewesen sein. Früher war die religion die basis zur moral, etik und den zwischenmenschlichen bezihus, in den letzten zwei jarhunderten waren es die politischen ideologien. Die ham jetz auch ausgedient und ma braucht was neues als basis der moral. Das scheint die persönliche sicherheit zu sein. Man entdeckt jedes jar bei der unmenge neu studien, dass dutzende oder hunderte produkte irgendwelche krankheiten verursachen, nur, aufhören zu essen und zu atmen (3000 gifte) kann ma nich, also fällt die wal auf gewisse punkte, die aus irgendwelchen gründen ein besonderes gewicht bekommen – selten was logisches, sinnvolles. Als paralele könnte man die USA nemen: sie wollen massenvernichtuswaffen bekämpfen wie auch diktaturen. Die meisten massenvernichtuswaffen ham die USA selber, nur, kein presidenti gewinnt walen indem er sein eigenes land bombardiren lässt, und wenn schon diktaturen mit massenvernichtuswaffen bekämpfen, dann müsste man eigentlich mit der gröszten anfangen, China. Das get leider nich, da holt ma sich nich nur eine blutige nase sondern verliert den körper, an dem jene nase hängt, also nimmt ma sich ein leichteres zil, wie z.b. Irak. Nich nur leicht, sondern auch wirtschaftlich interessant (so glaubte es man es zumindest). Und um den krig zu verkaufen, sagen wir wie Iraq gefärlich is. Und kein probleem, in ein par wochen sind wir mit denen fertig. So ein zil is auch die smaukibekämpfu. Der gegni is zu einer schrumpfenden minderheit geworden, und auch wirtschaftlich ham sie kaum eine chance gegen die konkurenz.

Der “Gesundheitsschutz” mag gesundheitsschädlich sein für paffis, die wegen der kälte grippe, lungenentzündungen und artrose erwischen, ganz zu schweigen von der sozialen isolirung, die auch krank macht. Er mag auch ungesund sein für die milionis, die in und für die tabakindustrie arbeiten oder von ir abhängen, wie bauern, fabrikarbeitis, kioskbesitzis, kneipenbesitzis und bedinis, die allesamt verarmen – das armut sichtlich die lebenserwartung is ser leicht ersichtlich, im gegensatz zu den schäden des aktiven, geschweige denn des passiven rauchens. Dafür is er gesund für die milionen angestelltis der konkurenz. Wär interessant, eine gesamtrechnu zu machen, wenn sie überhaupt möglich is, aber eine eigenschaft der interessenwissenschaft is eben, dass sie einseitig is und auch so bleiben möcht.

Der gipfel des tabakkonsums wurde in den 50ern und 60ern jaren erreicht. Die leuti ham wie die weltmastis gepafft, darunter vile fisiologische nitpaffis, die in den letzten jarzenten aufgehört ham und zu paffihassis geworden sind, was die masse der antipaffis deutlich vergröszerte. Sie hätten aber lange nich so vil erreicht, wenn die farmaindustrie nich järlich milionen und abermilionen in die gesundheitsorganisationen investiert hätten – für die tabakbekämpfung. Die farmaindustrie is dreimal gröszer als die tabakindustrie, sie hat rückenwind und jedes mittel is ir wie auch den antipaffis recht – dise weil sie für die “gute sache kämpfen”, farmamanager weil sie zufridene aktionäris wollen. Die farmaindustrie hat vil für die menschheit erreicht, vile krankheiten für uns alle besiegt, aber farmamanager werden nich bezalt, der menschheit gutes zu tun sondern den umsatz zu steigern, und das is in jeder branche so. Das pech der paffis is, dass nikotin ein medikament is, das oft bei beruhigungsmitteln verwendet wird, wie auch bei paffstopphilfen, und militante paffis meinen, die farmaindustrie möchte den nikotinmarkt nich mer mit der tabakindustrie teilen müssen. Das is aber eine lüge, die farmaindustrie agiert nur aus selbstlosigkeit und libe zur menschheit.

Der menschi spart durch moderne verkeers- und komunikationsmittel immer mer zeit, dadurch hat er aber nich mer, sondern immer weniger zeit. Das zeitgewinnen wird zur sucht. So is es auch mit der sicherheit. Noch nie hatten wir so sichere zeiten, noch nie war die lebenerwartu so hoch, pest und cholera sind besiegt, und ma muss nich mer fürchten, das die nachbarstadt oder fremde horden die stadt morgen frü angreifen und alles abfackeln. Richtige krige füren in disem neuen jartausend nur noch die USA, und das mit immer weniger lust. Die angst wird trotzdem immer gröszer, so das vileicht bald die eltis die kindis zur uni faren, weil, ja, die u-ban is nich mer ganz sicher. Und dann später vileicht noch zur arbeit, wenn die kindis kein auto ham. Eine sicherheitssucht, die ich sisu nenn.

Und wenn mal die verbituwelle aus blinder angst ins rollen gebracht wurde, entwickelt sie eine eigendinamik. Wenn ein par leuti sich in den USA über deo oder parfum beschweren, verbiten es behörden und restaurants in iren räumen. Kommt es zu a verbit, traut sich kaum a politiki, dagegen zu stimmen. Die politik hat in der wirtschaft kaum noch was sagen, sie is eine geisel des kapitals geworden, aber wenigstens bei die verbitus kann sie zeigen, das sie noch fleissig arbeitet. In France und Belgie verbitet ma die burka, und das noch dazu im namen der freiheit. Angeblich auch weil ma die leuti nich mer identifiziren kann. Vile bürgis sind einverstanden, aber sie ham sich nie über radfaris mit sturmhaube beschweert. Wenn ma wirklich angst vor selbstmordattentatis hat, sollte ma freien bauch bei jedi fordern, egal ob sommer oder winter – nur so is man auf die sichere seite, wobei ganz sicher is ma nur wenn die leuti nackt rumlaufen. Nun ja, das betrifft ja si selber, das get nich. Ma verbitet was andris betrifft. In der verbituwelle kann ma gleich teile des wortschatzes mitverbiten, sein sie unanständig oder politisch inkorrekt, vor allem in den USA, die die vorreitirolle hatten in der freiheiterkämpfu und jetz die vorreitirolle in der freiheitbekämpfu. Das volk erkämpfte sich jarhundertelang die freiheit, jetz gibt es sie wider ab. In den winer straszenbanen (und sicher auch in andren städten) is das essen verboten, nach dem motto: 1 leberkäsesser, 40 mitriecher! Sicher hat es irgendwelche beschwerus gegeben, und da sie ins sparsamkeitskonzept der winer verkersmittel passten, setzte ma die verbitu sofort um. Wenn ma mit dem tsunami schwimmt, hat man eine gute chance, von der überschwemmten stadt was mitzunemen.

Die brasilis, einst ein tolerantes volk, ham früher als die deutshis die lust am verbiten entdeckt. In Sao Paulo is das smauken nich nur drinnen, sondern auch draussen verboten, z.b. vor dem flughafen oder in einem straszenkafee. Im hochhaus von meine schwesta hängt ein schild “hupen verboten” an der einfart. Im hof im freien himmel hängen 3 smaukuverbituschilder. Neben der aufzugtür, besagt ein schild, das es verboten is, gastis zum pul zu bringen (in Brasil ham die meisten oder wenigstens vile mittelschichtshochhäuser ein pul). Kindis unter 12 dürfen den aufzug nich aleine benutzen. Es is verboten, menschis aufgrund irer rasse oder religion zu diskriminiren. Direkt darunter stet die hotlein für smaukidenunzirus. Nur wenn ma den aufzug betritt, stet ein schild, das kein verbit is: Lächeln Sie, Sie werden gefilmt. Die kriminalität ging stark zurük in den letzten 10 jaren, aber sicher nich weil ma die gastis verboten hat, im pul zu schwimmen. 

Vermutlich hat ma genauso wenig chancen, dise welle zu stoppen, wie die liberalen romis in der antike chancen hätten, die welle des mittelalters zu stoppen. Statt einer antike der geniszis, bekommen wir jetz das mittelalter der gestörtis. Ma kann nur versuchen, es etwas zu bremsen, und hoffen das ma’s überleebt. Und das sie von kurzer dauer sein möge. Wir krigen ein mittelalter mit shopping center, dabei wär für mich das shopping center schon übel genug.