22.06.2009

Uni-Streik: für bessere Bildung oder für weniger Stress?

Von Sabine Beppler-Spahl

„Bildung statt Banken“ ist der Slogan, mit dem für den Uni-Streik geworben wurde. Es ist das gute Recht der Studenten zu streiken. Schließlich dürfen die meisten nur auf ein sehr minderwertiges Universitätserlebnis hoffen. Für viele reduziert sich das Studium auf das alleinige Ziel, einen „formellen Abschluss“ zu erreichen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Doch auffällig oft wird über die Strapazen und den Arbeitsaufwand eines Studiums geklagt.

Doch mit welchen Argumenten wird gestreikt? Sich in den Chor derer einzureihen, die auf die „verschwenderischen Banken“ schimpfen, ist medienwirksam – darf und kann aber nicht das Argument für mehr Bildung sein. Vielmehr müssen sich die Studenten auch den kritischen Fragen stellen: Warum sind höhere Ausgaben für die Universität überhaupt wichtig? Wieso sollte (fast) jeder, der ein Bachelor absolviert hat, auch zum Masterstudiengang zugelassen werden? Warum sollte ausgerechnet der Teil der Jugend, der ohnehin schon privilegiert ist, noch stärker subventioniert werden? Zahlreiche Bildungskommentatoren (Alison Wolf, Bruno Preißendörfer) haben darauf hingewiesen, dass eine kostenlose Universitätsausbildung zu einem erheblichen Teil von jenen finanziert wird, die früh ins Berufsleben einsteigen und jahrzehntelang in schlecht bezahlten Jobs hart arbeiten müssen. Ihrer Ansicht nach sind Studiengebühren sozial gerecht und nicht ungerecht.

Ein Bildungsstreik ist nur dann sinnvoll, wenn er von harten Debatten begleitet ist, die dazu beitragen, Klarheit über den Sinn, Zweck und die beste Ausgestaltung von Bildung in einer Gesellschaft zu schaffen. Ist dies nicht der Fall, müssen sich die Studenten den Vorwurf gefallen lassen, es ginge ihnen womöglich nicht wirklich um Bildung, sondern um die Verteidigung ihrer persönlichen Interessen – im Rahmen eines kleinkarierten, engstirnigen Verteilungskampfes.

Der Verdacht, die eigenen kurzsichtigen Wünsche vertreten zu wollen, ohne die größeren Zusammenhänge zu berücksichtigen, liegt nahe, wenn man die Berichte über den Streik betrachtet. Auffällig oft – in vielen Berichten ausschließlich - wird über die Strapazen und den Arbeitsaufwand eines Studiums geklagt. Nicht die Bildung, sondern den persönlichen „Studienstress“ zu lindern (unter dem viele zu leiden glauben), wird als Ziel des Streiks angeführt: „Die Berliner Psychologiestudentin Tina Schneider, 29, ist mit ihrer zweijährigen Tochter zur Demonstration gekommen. `Bachelor ist familienfeindlich`, steht auf ihrem Schild. Wegen der neuen, strafferen Studiengänge mit strenger Anwesenheitspflicht habe sie kaum Zeit für ihre Tochter“ (http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/bildung-statt-banken).

Die Konzentration auf formelle Abschlüsse ist dieser Sichtweise folgend nur deshalb ein Problem, weil den Studenten zu viel zugemutet wird. Doch ein Studium wurde immer schon als ein Privileg gesehen, das auch erkämpft werden muss. Stress aushalten, die eigenen Grenzen überschreiten, merken, dass man doch mehr schafft, als man geglaubt hat – all das gehörte einst zur guten Bildung dazu. Es stimmt zwar: Heute klagen viele Studenten über den zu hohen Arbeitsaufwand – aber auch hier muss gefragt werden: Warum?

Ich bin nicht überzeugt davon, dass das Studium viel härter ist als früher. Vielmehr ist es üblich geworden, mehr über Stress zu klagen und sich selber und anderen weniger zuzutrauen. Wem wenig zugetraut wird, der fühlt sich schneller überfordert. Statt es z.B. als Errungenschaft zu betrachten, dass mehr junge Leute studieren dürfen, wird darüber geklagt, man müsse zusätzlich zum Studium an manchen Abenden oder Wochenenden arbeiten –aber warum sollte dies den Studenten nicht zugemutet werden?

Es ist positiv, wenn Studenten für eine wirklich bessere Bildung eintreten. Doch eine gute Universitätsausbildung bedeutet nicht, den Studenten zu schmeicheln und ihnen das Studium möglichst leicht zu machen, sondern von ihnen das Beste zu verlangen. Schon gar nicht kann es bedeuten, den Hang zu Selbstmitleid zu fördern und den Trend, jede Anforderung als zu viel Druck anzusehen zu unterstützen. Die Opferrolle steht den Streikenden nicht gut und trägt keinesfalls zu einer besseren Bildung bei.