19.08.2011

Uni 2.0-815 Kritik der virtuellen Hochschule

Analyse von Tobias Prüwer

Der Abbau von Bildung an den Universitäten schreitet voran. Manche sehen in der virtuellen Hochschule einen Ausweg. Tobias Prüwer wiederspricht: Zwar soll man moderne Techniken nutzen, aber als emanzipative Lebenspraxis bedarf Bildung immer auch eines Ortes der Kritik.

„He was mistakenly allocating the University to the same category as that to which the other institutions belong.“ Gilbert Ryle1

Wo ist die Universität? – Es ist eine zumindest schief gestellte Frage, bei der Universität nach dem Ort im Sinne eines räumlich festen Punktes oder Areals zu fragen. Was hilft es zu wissen, welcher Turm oder Flachbau, welcher postmoderne Komplex oder welches klassizistische Ensemble zu ihr gehören? Eine Universität zeichnet sich im Wesentlichen schließlich durch etwas anderes aus. Noch jedenfalls sind sie Bildungseinrichtungen und damit eben auch Orte der Bildung und gewisser Widerständigkeit, und sei es auch nur im Kleinen. Universitäten sind Räume, in denen das Denken frei und öffentlich ausgeübt, das Erkenntnisstreben möglichst uneingeschränkt verfolgt und unser Selbst- wie Weltverständnis immer wieder überprüft wird. Ob allerdings das, was man als Universität kennt, in den virtuellen Unis noch der Fall sein wird, darf bestritten werden – das ist die hier artikulierte zentrale These.

Hybride Räume nehmen zu, das Lob des Cyberspace ist ein alter Hut. Was liegt da näher, als auch die Universität als virtuellen Raum, als alma mater virtualis zu entwerfen und alle Vorteile digitaler Welten auch hier in Stellung zu bringen? Der Ruf nach der Virtualisierung der Hochschulen ist nicht taufrisch – indessen ist trotz anschwellendem Blog-Gesang in punkto Realisierung wenig passiert. Ohne die Zukunft Neue(re)r Medien an den Universitäten beurteilen zu wollen, darf die Sinnhaftigkeit des Modells virtuelle Universität in toto bezweifelt werden.

Was ist eine virtuelle Universität?

„In 30 Jahren von heute an gerechnet, werden die großen Campus-Universitäten Relikt sein. Sie werden als physisch erlebbare Institutionen, zu denen die Studenten kommen, um ihren Wissens- und Erfahrungshorizont zu erweitern, nicht überleben. Ihre Gebäude sind für diese Aufgabe nicht nur häufig ungeeignet, sie werden in Zukunft gar nicht mehr benötigt. Die Zukunft der Universitäten liegt außerhalb des Campus, sie liegt außerhalb klassischer Hörsäle und Seminarräume.“2 Den Fortschritt fest im Blick orakelte der Managementprofessor Peter Drucker 1997 über die Hochschulperspektiven. „‚Virtuelle Universität’ bezeichnet den Versuch, die akademische Lehre von den Beschränkungen durch Raum und Zeit zu befreien“, heißt es ähnlich unbedarft in einem elektronischen Lexikoneintrag.3 Einmal davon abgesehen, dass eine Universität aus mehr als Lehre besteht: Ein bisschen Technik also soll ausreichen, um die Lehre von Raum und Zeit zu befreien? So voraussetzungslos und unabhängig hätte nicht einmal Jacques Derrida seine unbedingte Universität entworfen, von der noch die Rede sein wird.

Kann man sich Seminarangebote und Mensa-Menü online anschauen oder herunterladen, Texte, Handouts, Power-Point-Collagen via E-Mail-Verteiler darreichen und sich mit der Lerngruppe bei Studi-VZ verabreden, gilt das schon als wichtiger Schritt Richtung virtueller Universität.4 Nun gibt es eine virtuelle Hochschule bereits seit 1974 in Form der Fernuniversität Hagen und ist insbesondere als Weiterbildungsmaßnahme und berufsbegleitendes Studium durchaus praktikabel. Für die komplette Virtualisierung wurde hier lediglich der Postweg auf elektronische Weise ersetzt.

Natürlich macht es keinen großen Unterschied, ob man einer Professorin, die stur ihre Vorlesung hält, nun realiter oder per YouTube folgt – man bleibt im virtuellen Fall sogar vom Laptopklappern der Nachbarin verschont. Chat-Diskussionen oder Videokonferenzen können aber die Intensität wie Direktheit einer Vis-à-vis-Debatte nicht ersetzen. Wie sieht ein Short Cut zur Transzendentalen Einheit der Apperzeption Kants aus? Wer erklärt in wenigen hundert Zeichen, worin das Wesen eines Käsekuchens besteht? Und wie betont man „?????????????????????“ richtig?

Hinter den Elogen auf die virtuelle Uni offenbart sich die bloß unterstellte Annahme, dass in der virtuellen Welt alles automatisch schneller und direkter zugehe und es ein Gut in sich ist, wenn alles immer präsent und gleichzeitig stattfindet. Aber die Simultanitäten bringen ihre eigenen Probleme mit sich. Das fängt dabei an, dass sie eine große Konzentration erfordern, damit man sich nicht ablenken lässt, Orientierungsfähigkeit und auch ein gewisses Vorwissen über das, was man denn sucht.

Das WWW ist nicht per se mit einem Bildungsmedium gleichzusetzen. Es ist letztlich nur Übertragungsmittel, das im günstigen Fall Informationen statt Spam transportiert. Aber es ist nicht selbst Wissen, sondern bloß Bits und Bytes. Laut der ihnen innewohnenden Maschinenlogik wird Kommunikation oft aufs Maschinen-Interface reduziert. Informationen sammeln, speichern, nichts vergessen – die verbreitete Vorstellung von Wissen bewegt sich im Bild der Maschine. Vom Orientieren in verschiedenen Horizonten, dem Handeln unter Unsicherheit, zu dem der Mensch immer wieder genötigt wird, zu dem er aber auch in der Lage ist, bleibt diese Vorstellung weit entfernt. Die Konzentration auf die technische Umgebung verkennt auch die Universität als sozialen Ort. Das Zusammentreffen in realen Lerngemeinschaften und das informelle Gespräch sind wesentliche Uni-Aspekte, schließlich erfolgt Wissensaneignung als kollektive Praxis. Ohnehin liegt im Freundschaften-Knüpfen kein zu gering zu erachtendes Motiv für ein Studium.

Vom Fetisch überprüfbarer Leistungen und allumfassender Quantifizierung getrieben, ist auch an der Hochschule ein kruder Steuerungsgedanke eingezogen. So bedeutet die virtuelle Universität als vollends entkörperlichte Organisation den Siegeszug der verkümmerten Rationalität der Moderne. Als immaterieller, geschlossener Regelkreislauf, gesteuert vornehmlich von Feedbackschleifen per Credit Points, ist die virtuelle Hochschule auf ihre Weise die Krönung des kybernetischen Traums.5 Auch der bereits länger an den Hochschulen zu beklagende Bildungsverlust wird hier absolut, denn hier potenzieren sich bisherige Problemfelder: BA-MA-Reform, schwindende Hochschulautonomie, Aufspaltung in Schulungszentren und professorale Thinktanks, Anmaßungen einer nur an Ergebnissen interessierten Kultur.6

Ort der (Un)-Möglichkeit: Heterotopie Universität?

Der in den virtuellen Hochschulen verkörperten Erziehung zur Nützlichkeit steht die möglichst weitgehend freie Personwerdung des Individuums gegenüber: Bildung. Diese Vorstellung ist seit antiken Denkern wie Sokrates immer wieder gegen das soziale Korsett und dessen Ansprüche formuliert worden. Der Erwerb lebenspraktischer Fertigkeiten ist schlichtweg nicht alles, was Bildung ausmacht. Sie leitet an zu einer unvoreingenommeneren Haltung, zu Distanznahme und -wahrung und verhilft zum differenzierten Denken, zum Ermessen und Prüfen. Eine solche Idee von Bildung hat in der Universität ihren Hort.

In Die unbedingte Universität beschrieb Jacques Derrida das Ideal einer bedingungslosen Hochschule, die „zu einer ganzen Reihe von Mächten in Opposition“ steht: „Zur Staatsmacht (und also zur Macht des Nationalstaats und dem Phantasma seiner ungeteilten Souveränität; darin wäre die Universität von vornherein nicht bloß kosmopolitisch, sondern universal, weil sie noch über das Weltbürgertum und den Nationalstaat im allgemeinen hinausreicht), zu ökonomischen Mächten (den Unternehmen und dem internationalen Kapital), zu medialen, ideologischen, religiösen und kulturellen Mächten, etc., kurzum zu allen Mächten, welche die kommende und im Kommen bleibende Demokratie einschränken.“ Diese ganz der Emanzipation verpflichtete Universität, so Derrida, „müßte also auch der Ort sein, an dem nichts außer Frage steht“ (ebd.)– auch sie selbst nicht.7

Das Phänomen der Universität wird dieser Auffassung nach nicht als Institution an sich, sondern als Raum, Topos, Möglichkeit öffentlicher Vernunft begriffen: „[D]er Ort einer unbedingten und voraussetzungslosen Erörterung all dieser Probleme, der rechtmäßige Raum ihrer Aus- und Umarbeitung muß prinzipiell in der Universität und par excellence in den Humanities offengehalten werden. Nicht, um sie dort einzumauern, sondern um ganz im Gegenteil den bestmöglichen Zugang zu einem neuen öffentlichen Raum zu eröffnen, der von neuen Techniken der Kommunikation, der Information, der Aufzeichnung und Erzeugung von Wissen transformiert wird.“ Das Recht, frei auszusprechen, woran sich der Stachel der Kritik stößt, sich einzumischen und mitzumischen, bedeutet letztlich den Kern dessen, was man in einem emanzipatorischen Sinn Demokratie nennt, mit Autonomie und Öffentlichkeit als Grundprinzipien.

Allerdings ist es – es kann ja nicht immer alles nur negativ ausfallen – unerheblich, ob Universität nun hier oder da stattfindet. Wenn sie eben nicht mehr in jenen räumlichen Gefilden geschieht, die man Universität zu nennen gewöhnt war, ist das nicht so wichtig. Die unbedingte Universität „wird nicht notwendig, nicht ausschließlich, nicht exemplarisch durch die Gestalt des Professors vertreten. Sie findet statt, sie sucht ihre Stätte, wo immer diese Unbedingtheit sich ankündigen mag. Wo immer sie (sich), vielleicht, zu denken gibt.“8

So ist die Universität ein ausgezeichneter Möglichkeitsraum und essayistischer Ort, der Bildung im kritischen Sinn die Gelegenheit gibt: Als offener Prozeß von Welterschließung und Sich-ins-Verhältnis-Setzen, als Befragen von Hinz und Kunz, von Dogmen und scheinbar Selbstverständlichem. Die unbedingte Universität ist eine Heterotopie zumindest in einem schwachen Sinne Michel Foucaults. Er geht davon aus, dass wir keinen einheitlichen und leeren Raum bewohnen, sondern sich dieser als eine Art Netz oder Gebilde aus Orten verschiedener Qualitäten darstellt. In jeder Gesellschaft gibt es demzufolge auch so genannte „wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind.“9 In diesen wirksamen Orten können sich andere Ordnungen als durch die in der Gesellschaft vorherrschenden Diskurse bestimmt verwirklichen. Die unbedingte Universität kann als ein solcher gelten.

Als flächenübergreifendes Prinzip wird die virtuelle Universität noch auf sich warten lassen, der Abbau von Bildung an den Universitäten aber voranschreiten. Umso mehr ist das Netz in seinen Möglichkeiten für die unbedingte Universität gefragt, können die IT-gestützten Telekommunikationstechnologien und Medien helfen, die Informationen aus den Universitäten demokratisch, leicht zugänglich und kostenlos zu verbreiten. Das ist die Chance, die eine vernetzte Universität vom Elfenbeinturm unterscheidet. Privilegierte Zugänge, Exklusionsprinzipien und die Dominanz von Herrschaftswissen werden auf diese Art unterminiert.

So verstanden erfüllt sich in der Rede von Netzwerken, wie sie etwa Foucault auf die veränderten räumlichen Strukturen angewendet hat, tatsächlich ein Sinn, der über das Knäuel von Glasfaserkabeln hinausgeht. Auf mehrere Weisen sind Menschen und Orte demnach in verschiedenen Beziehungen miteinander verbunden und finden in der Heterotopie der unbedingten Universität besonders zueinander. Denn diese existiert wesentlich weder als lokale Einrichtung und schon gar nicht als virtuelle Lernfabrik, sondern als kommunikative Praxis- respektive Lebensform.

„Die bereits alte Welt der Kommunikation bringt unter unseren blinden Augen eine pädagogische Gesellschaft hervor, in der lebenslanges Lernen und Fernstudium, in den weltweiten Netzen überall und jeder Zeit präsent, zu den Bibliotheken, Schulen und Universitäten hinzutreten, diesen abgeschlossenen Gettos für Jugendliche aus besseren Kreisen, in denen Kultur und Wissenschaft konzentriert sind, und begleiten eine immer seltenere, kostbare, auf Evolution bedachte Arbeit. Warum sollte das Wissen, das für die universelle Mobilität der Menschen und Dinge verantwortlich ist und sie hervorbringt, nicht endlich zu uns kommen, statt dass nur einige unter großen Anstrengungen und geprägt von beträchtlicher Ungleichheit zu ihm hin gingen?“10