24.07.2014

Ukraine-Konflikt: Ein Ort zum Fürchten

Analyse von Stefan Korinth

Der Journalist Stefan Korinth berichtet vom Maidan in Kiew. Die Zivilgesellschaft ist verschwunden. Man sieht fast nur noch Uniformierte. Statt progressiver Reformforderungen gehen vom Zentrum der ukrainischen Hauptstadt heute vor allem Hass und Nationalismus aus

Kiew im Juli 2014: Die ukrainische Metropole flirrt tagelang vor Hitze. Klar, dass eher wenige Menschen im Zentrum unterwegs sind. Viele Kiewer sind gerade sowieso auf ihren Datschen (Nutzgärten mit Sommerhäuschen) außerhalb der Stadt. Auch nur wenige Touristen sind auszumachen, obwohl es hier quasi „Geschichte live“ zu sehen gibt.



Abbildung 1: Noch immer besetzt und verbarrikadiert: Der Maidan im Juli. Foto: Stefan Korinth


Gerade die Innenstadt Kiews erhielt vor einigen Monaten eine Menge internationale Aufmerksamkeit. Noch im Februar tobten hier extrem brutale Kämpfe mit mehr als einhundert Toten, über tausend Verletzten, brennenden Gebäuden und Barrikaden. Der Präsident verließ fluchtartig das Land: Eine „Revolution“ – wie Maidan-Befürworter es nennen.

„In jeder Ecke auf und um den Maidan sind Devotionalien ausgestellt, die an die Kämpfe erinnern.“

Wie ein Freilichtmuseum

Die Ereignisse der letzten acht Monate sind im Stadtzentrum Kiews allgegenwärtig. Die Innenstadt wirkt heute wie ein großes Freilichtmuseum. In jeder Ecke auf und um den Maidan sind Devotionalien ausgestellt, die an die Kämpfe erinnern. Zu sehen sind Helme, Schilder, Gasmasken – als ob die Regierungsgegner sie gerade erst abgelegt hätten. Zahlreiche Barrikaden an den Zugängen des Platzes stehen immer noch teils meterhoch. Nur durch schmale Durchgänge kommen Menschen auf den Platz. Einschusslöcher in Gebäuden und Bäumen oder ausgebrannte Polizeibusse machen nachdrücklich deutlich, dass das Kiewer Stadtzentrum ein Schlachtfeld war.



Abbildung 2: Die Barrikaden stehen noch immer. Teils meterhoch türmen sich die Straßensperren an fast allen Zugängen des zentralen Kiewer Platzes. Foto: Stefan Korinth

„An die 20 Polizisten unter den Todesopfern wird hier nicht erinnert.“

Überall ist die „Himmlische Hundertschaft“

Der blutige Machtkampf in Kiew wird in der Ukraine heute als „Revolution der Würde“ bezeichnet. Dies hört sich recht harmlos an. Dass die Vertreibung der damaligen Machthaber jedoch zahlreiche Leben gekostet hat, ist an vielen Stellen des Stadtzentrums zu sehen. Dort stehen Holzkreuze und Grabsteine und überall hängen Plakate, die an getötete Regierungsgegner gedenken. Freilich nur an sie. An die 20 Polizisten (18 davon in Kiew) unter den Todesopfern wird hier nicht erinnert. An den kleinen Gedenkstätten legen Trauernde Blumen nieder und bekreuzigen sich – manche weinen.



Abbildung 3: Auf der Institutska-Straße kontrollieren Uniformierte vom Maidan die Zufahrt zum Hotel Ukraina. Foto: Stefan Korinth


Hinter dem Hotel „Ukraina“ nahe bei der Stelle, an der am 20. Februar viele der vorrückenden Maidan-Kämpfer von Scharfschützen erschossen wurden, steht nun sogar eine kleine Holzkirche zum Gedenken an die sogenannte „Himmlische Hundertschaft“. Der Ausdruck „Hundertschaft“ bezieht sich auf die paramilitärischen Organisationseinheiten der „Maidan-Selbstverteidiger“. Der Begriff sollte jedoch nicht wörtlich genommen werden. Einerseits gibt es bis jetzt keine einheitlichen Zahlen zu Opfern. [1] Andererseits steigen die Zahlen weiter: Bis heute sterben Menschen an den Verletzungen, die sie in jenen Tagen erlitten haben, oder an deren Folgen.



Abbildung 4: Hinter dem Hotel „Ukraina“ steht nun eine eigens errichtete kleine Holzkirche zum Gedenken an die „Himmlische Hundertschaft“. Foto: Stefan Korinth

Die Zivilgesellschaft ist verschwunden

Die ukrainische Zivilgesellschaft, die von vielen Maidan-Befürwortern immer wieder lobend als Triebfeder der Proteste hervorgehoben wurde, ist vom Platz verschwunden. Künstler, Studenten, Priester oder Menschenrechtsaktivisten sind dort nicht zu sehen. Letztere sitzen stattdessen etwa in der deutschen evangelischen Kirche ein paar Minuten Fußweg weiter. Dort bieten sie Opfern Rechtsberatung oder erstellen medizinische Protokolle. [2]

„Die jetzigen Bewohner der Zeltstadt repräsentierten nicht den wahren Maidan.“

„Heute leben auf dem Maidan vor allem Obdachlose und Alkoholiker“, ist von Einheimischen mehr beschwichtigend als erklärend zu hören. Die jetzigen Bewohner der Zeltstadt repräsentierten nicht den wahren Maidan. Doch ob die dort Lebenden tatsächlich keine Wohnung haben und/oder alkoholkrank sind, ist nicht auszumachen. Verhärmt oder betrunken wirkt dort niemand. Klar zu sehen ist jedoch, dass so gut wie alle Maidan-Bewohner Uniformen tragen – einige auch martialische Holzknüppel oder andere Schlagstöcke. Die überwältigende Mehrheit sind Männer. Fast alle Behausungen sehen aus wie Armeezelte, an denen die Nummern, Namen und Herkunftsorte der darin lebenden Kampfgruppen und Hundertschaften prangen.



Abbildung 5: Armeeartige Groß-Zelte bestimmen das Bild des Kiewer Unabhängigkeitsplatzes. Dass Maidan-Kämpfer diese tatsächlich für Wohnungslose und Alkoholabhängige geräumt haben sollen, ist nicht sonderlich glaubwürdig. Foto: Stefan Korinth

Kämpfer statt Bürgeraktivisten

Es hört sich paradox an: Der Platz im nun wieder friedlichen Stadtzentrum, der eigentlich die politischen Handlungen der neuen Machthaber kontrollieren wollte, beherbergt keine zivilgesellschaftlichen Wächter. Stattdessen tummeln sich dort Kämpfer, die nach ihrem Selbstverständnis doch eigentlich die Unabhängigkeit und Einheit der Ukraine im Osten des Landes verteidigen sollten. Wer durch die Straßen rund um den zentralen Unabhängigkeitsplatz streift, wird auch dort auf vermummte, mit Knüppeln ausgerüstete, junge Männer treffen, die dort patrouillieren. Dass diese „Kämpfer“ die neuen Machthaber kontrollieren, ist schwer vorstellbar.

„Die Zivilgesellschaft des Euromaidan hat die Gewalt von ‚Aktivisten‘ nicht nur hingenommen, sie hat die Gewalttäter im Verlauf der Proteste zuarbeitend unterstützt.“

Doch so paradox, wie die Situation auf dem Maidan heute wirkt, ist sie gar nicht. Denn eine Trennung in friedliche Zivil-Aktivisten und gewaltbereite Regierungsfeinde war spätestens seit Mitte Januar Makulatur. Die Zivilgesellschaft des Euromaidan hat die Gewalt von „Aktivisten“ nicht nur hingenommen, sie hat die Gewalttäter im Verlauf der Proteste zuarbeitend unterstützt und von ihnen erstürmte Gebäude von Beginn an mitgenutzt. Nach einigen Aufrufen zur Gewaltlosigkeit im Dezember hat sich kein führender Kopf des zivilen Maidan von Hooligans, Rechtsradikalen und anderen Schlägern distanziert. Diese waren auch keine „gewalttätige Minderheit“, die sich an den Barrikaden einschmuggelte. Die Maidan-Kämpfer, die auch heute noch auf dem Platz leben, waren und sind der „Sicherheitsdienst“ im arbeitsteiligen Mikrokosmos der Zeltstadt.



Abbildung 6: Auf dem Maidan stellen die „Selbstverteidiger“ in einer Schautafel in einem Zelt Patronenhülsen und andere Geschossreste aus. Die Tafel ist überschrieben mit: „Die friedlichen Waffen Berkuts“. Foto: Stefan Korinth

Nationalismus regiert auf dem Platz und in den Köpfen

Wer sich derzeit in der Ukraine aufhält, erlebt eine ungebrochene Welle des Patriotismus. Im Fernsehen etwa ist auf allen Kanälen die Rede von Banditen, Parasiten und Terroristen, wenn es um Regierungsgegner im Osten des Landes geht. Regierungstreue Soldaten hingegen lesen an der „Front“ für die TV-Kameras Briefe vor, die ihnen Kinder zur Motivation und Unterstützung geschickt haben. Sympathie für die eine Seite, für den bewaffneten Kampf und für die Nation wird immer wieder geschürt. Der Hass auf die Gegner im Osten des Landes natürlich auch.

„Der Maidan ist nur das sichtbarste Zeichen für diesen kampfbereiten Nationalismus.“



Abbildung 7: Wem ihr Herz gehört, wird an anderer Stelle deutlich. Der ukrainische Nationalist Stepan Bandera wird mit einem großen Plakat mitten auf dem Maidan geehrt. Foto: Stefan Korinth


Der Maidan ist nur das sichtbarste Zeichen für diesen kampfbereiten Nationalismus. Abgesehen von den gelb-blauen Nationalfahnen und den zahlreichen Geldsammel-Boxen für „Helden“ und Frontkämpfer ist der Platz gespickt mit Flaggen, Parolen und Symbolen rechter Organisationen. Das rot-schwarze Banner der ukrainischen Nationalisten weht hier überall. Dreizack, Wolfsangel oder das Konterfei des „Nationalhelden“ Stepan Bandera unterstreichen diesen Befund. Die politische Vielfalt der Bewegung, die Unterstützer immer wieder betonten, ist, zumindest was die Symbolik angeht, nicht auszumachen. Einzige Ausnahme ist ein stilisiertes Mitglied der Kommunistischen Partei. Die lebensgroße Figur wurde an einem Mast aufgeknüpft.

„Statt progressiver Reformforderungen oder kritischer Begleitung der aktuellen Machthaber gehen vom Maidan heute vor allem Hass und Nationalismus aus.“



Abbildung 8: Es geht gegen Putin. Auf einem Fähnchen wird der russische Präsident vor dem Zelt der „1. Hundertschaft“ als zweiter Hitler dargestellt. Dazu gesellt sich eine unflätige Beleidigung. Das Ganze ist auf einer Kanone präsentiert. Foto: Stefan Korinth


Hauptfeind der Maidan-Bewegung neben dem früheren Staatsoberhaupt Janukowitsch ist jedoch der russische Präsident Wladimir Putin. Die meisten Parolen, Zeichnungen oder Plakate richten sich gegen ihn. Ein Schriftzug fordert: „Alle zusammen gegen Putin“. Die zahlreichen Souvenirhändler auf und um den Platz versuchen, mit dem Hass ihr Geschäft zu machen. Sie bieten Klopapier und Fußabtreter mit Putins Gesicht darauf zum Kauf an. Für die Europäische Union, gegen Korruption oder gegen Oligarchie finden sich im Übrigen so gut wie keine Schriftzüge.



Abbildung 9: Um Dimensionen größer sind hingegen patriotische Plakate wie das, welches das ausgebrannte Gewerkschaftshaus verdeckt (rechts). Über einer idyllischen Naturszene steht dort der Nationalisten-Gruß „Ehre der Ukraine – Ehre den Helden“. Foto: Stefan Korinth

Desillusionierende Wirklichkeit

Der Maidan heute ist absolut desillusionierend für jeden, der offen für die idealistischen innergesellschaftlichen Reformziele der Maidan-Bewegung ist. Uniformierte überall präsentieren unzweifelhafte Symbolik und lassen auch keinen Zweifel daran, wer hier das Gewaltmonopol hat. Statt progressiver Reformforderungen oder kritischer Begleitung der aktuellen Machthaber gehen vom Maidan heute vor allem Hass und Nationalismus aus. Der Platz ist ein Ort zum Fürchten geworden.