13.07.2012

Über die narzisstische Kränkung der Menschheit

Analyse von Hartmut Schönherr

Das große Menschheitsprojekt zur „Zähmung“ der Natur zerbricht. Die irrwitzige Ersatzutopie des 2-Grad-Klimaziels tritt zur Kompensation an dessen Stelle.

Bei Victor Hehn, Kulturhistoriker des 19. Jahrhunderts mit einer Neigung zu unorthodoxen ökologischen Einsichten, finden wir ein bemerkenswertes Zeugnis zur Vorgeschichte des Klimawandeldiskurses. In seinem Standardwerk zur Ausbreitung von Nutzpflanzen und Nutztieren nach Europa von 1842 führt er aus: Ist es nicht auch bei uns ein allgemein verbreitetes Gefühl und hört man nicht oft genug sagen, daß das Klima sich verändert habe, daß in den Jugendtagen des Sprechenden die Menschen kräftiger und gesunder, der Boden ergiebiger usw. war?“ [1] Bemerkenswert ist dieses Zeugnis weniger durch die Feststellung, dass Menschen zu Verfallstheorien neigen, zumal im Alter. Interessant ist vielmehr, dass Hehn sich explizit auf das Klima bezieht – und wie er dies weiter ausführt.

So verweist er auf einen der frühesten und in jüngerer Zeit häufig zitierten Belege ökohistorischer Reflexion bei Platon. Im Fragment gebliebenen Spätwerk Kritias (111a-112d) beschreibt der griechische Philosoph im Bericht einer von Fluten und Erdbeben begleiteten Katastrophe in mythischer Vorzeit den Zusammenhang von Entwaldung, Verkarstung und Wassernot. Und dort zeichnet er, was selten zitiert wird, als kontrastierende Idylle für die Zeit vor der Katastrophe den klugen Landbau, der das Land „gehörig in Ordnung“ gebracht habe, einschließlich der Sorge für „besttemperierte Jahreszeiten“. Mit deutlichen Parallelen zum aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs führt Platon dies an verschiedenen Parallelstellen im Timaios weiter aus.

Hehn charakterisiert Platon distanziert als „elegischen Idealisten“ und hält der Entwaldungsklage entgegen: „Man überschätze auch nicht den Einfluss der Wälder auf das Klima.“ Gegenüber der “Landscape meteorology“ (Kollmorgen 1973), die damals von Amerika nach Europa schwappte, verweist der Kulturhistoriker auf die Bedeutung „weitgreifender meteorologischer Vorgänge“ für das Klima. Was den Wald betrifft, so fordert er, auf Abholzung landbauliche Pflege folgen zu lassen, Kulturleistung also, „agri cultura“, um der Erosion zu begegnen. Damit kommt er allerdings dem geschmähten Platon sehr nahe, der eine sorgfältig, ohne Verschwendung gepflegte Kulturlandschaft als Ideal entwirft, keineswegs die Wildnis unberührter Wälder. Hehn verzichtet lediglich darauf, wohlgesonnene Götter für das Gelingen dieses Ideals mit ins Spiel zu bringen.

1917 hat Sigmund Freud seine Theorien der Libido und des Unbewussten als eine „narzisstische Kränkung“ der Menschheit bezeichnet und diese Kränkung in eine Reihe gestellt mit der kopernikanischen Verstoßung der Erde aus dem Mittelpunkt des Kosmos und dem Sturz des Menschen vom Thron der Schöpfung durch Darwin. [2] Gegen Freuds Kränkungs-Konzept wurden verschiedentlich Einwände vorgebracht, etwa der des Eurozentrismus. Dennoch halte ich das Konzept durchaus für tauglich als ein Werkzeug zum Verständnis kulturhistorischer Prozesse. Vermag es doch, irrationale Züge in den Reaktionen auf bestimmte theoretische Leistungen deutlicher zu kennzeichnen und einen Erklärungsansatz aufzuschließen. [3]

Wenn wir genauer schauen, was bei Freud den Kränkungscharakter ausmacht, so erkennen wir folgende Struktur: Menschliches Erkenntnisvermögen „entdeckt“ einen Zusammenhang, der überlieferte Strategien der menschlichen Selbstauszeichnung attackiert. Wir sind nicht die Herren des Kosmos, stehen nicht jenseits des Tierreichs und sind nicht einmal Herr im eigenen psychischen Haushalt – so die Formulierungen Freuds. Daraus resultieren verschiedene Maßnahmen der Abwehr, die von der Leugnung des Zusammenhanges bis zur übersteigerten Affirmation reichen können. Die aber auch Wege einer fruchtbaren Neupositionierung öffnen können.

Und diese Struktur findet sich wieder in der Klimawandeldebatte, die in ihrer extremsten affirmativen Position sagt: Leute, jeder Atemzug, den ihr tut, erstickt das Leben derer, die nach euch kommen. Das ist die Aufkündigung der christlichen Schöpfungsgeschichte weit über Freud, Darwin und Kopernikus hinaus. Hier geht es nicht mehr nur um (von einem Schöpfer verliehene) „Herrschaft“, hier geht es um Existenzberechtigung – hinweggerechnet in der CO2-Schuld von Neugeborenen. Dazu muss allerdings die historische Konstruktion der Klimaveränderung (qua definiertem Zeitraum plus Bestimmung einer „globalen Durchschnittstemperatur“) um eine Ursachenerklärung erweitert werden, um die anthropogene Bedingung des aktuellen CO2-Anstiegs in der Erdatmosphäre.

Was aber wäre die menschliche Selbstauszeichnung im Sinne Freuds, die hier attackiert wird? Sie verbirgt sich hinter der bei Platon und Hehn propagierten Auffassung vom „guten Landbau“, der die wilde Natur gleichsam „zähmt“. In einer diesem „gärtnerischen“ Strang verwandten Traditionslinie religiös-philosophischer Utopien wird die Selbstauszeichnung prägnanter. Joachim von Fiores hochmittelalterliche Vision vom „dritten Reich“ des Heiligen Geistes, im Zeitalter der Aufklärung umgedeutet zum Reich der Vernunft, entwirft die innerweltliche Versöhnung als endgültigen Bund zwischen Menschheit und Gottheit, „bis zum Ende der Welt“. Die Joachimsche Heilsvorstellung hat auch die Hegelsche Dialektik mitgeprägt und landete so, „auf die Füße gestellt“, in realsozialistischen Entwürfen auf dem harten Boden der jüngeren politischen Realität.

Glaubt man den Mahnern eines katastrophischen anthropogenen Klimawandels, so wurde – in den Kategorien der oben entwickelten Denkfigur formuliert – der Bund von Seiten des Menschen aufgekündigt und es droht von den inzwischen zur „Natur“ säkularisierten Göttern Strafe, wie schon im Gilgamesch-Epos und beim biblischen Noah (aufgehoben jeweils im Bild des Regenbogens). Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich möchte hier nicht gesellschaftliche Fehlentwicklungen, verpasste Modernisierungsschübe in der Energieerzeugung und im Energieverbrauch etwa oder Verteilungsungerechtigkeiten durch kulturhistorische Bezüge relativieren. Es geht mir um die Aufzeigung einer Tiefenstruktur des aktuellen Klimawandeldiskurses, deren Reflexion den Diskurs und auch die Handlungskonsequenzen sachlicher gestalten könnte.

Zur Klimakonferenz von Durban 28. November bis 11. Dezember 2011 bestätigt das Bundesministerium für Umwelt als wesentliches (und nicht erreichtes) Ziel der Bundesregierung und der EU den „Abschluss eines umfassenden rechtsverbindlichen Klimaschutzabkommens für die Zeit nach 2012, das den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau begrenzt.“ [4] Gemeint ist, dass der CO2-Ausstoß durch menschliche Tätigkeit so zu steuern sei, dass die von ihm rechnerisch zu erwartende Erwärmung nicht über den genannten Faktor hinausgehe.

Alle Einwände gegen die damit formulierte Schlichtheit einer unmittelbaren Korrelation von CO2-Ausstoß und globaler Erwärmung, gegen die Aussagekraft einer konstruierten globalen Durchschnittstemperatur, gegen das Vertrauen in die verwendeten Rechenmodelle, die Realitätsferne der Einsparziele und die Orientierung an einem vagen „vorindustriellen Niveau“ schrumpfen vor dem Argument, das von Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und anderen in einem Zeit-Beitrag vom 15. April 2010 vortragen wurde: [5] Der Referenzzeitraum des 2-Grad-Zieles seien die vergangenen 10.000 Jahre, und damit die entscheidende Zeit der kulturell-technologischen Höherentwicklung des Homo sapiens im Ausgang von der sogenannten neolithischen Revolution, die sich dem gemäßigten Klima verdanke. Also, ist hinzuzufügen, die Zeit seit der in Platons Timaios und Kritias beschriebenen Umweltkatastrophe, dem Untergang auch des mythischen Atlantis.

Das 2-Grad-Ziel erscheint so als neue Besiegelung des Bundes – symbolkräftig, aber wohl ebenso wirkungslos wie der Regenbogen, an dessen Ende sich Goldtöpfe nur für die finden, die mit Märchen Geld machen. Und dazu passt, dass am Ende des Zeit-Beitrags verkündet wird: „Der Klimaschutz-Avantgarde bietet sich die Chance, sowohl verantwortlich zu handeln – die Bewahrung der Schöpfung kann dabei durchaus als Richtlinie dienen –, als auch den eigenen Wohlstand zu mehren.“

Narzisstische Kränkungen, so Freud, artikulieren sich zunächst einmal in Versuchen, die kränkende Erkenntnis zu leugnen. Die kränkende Erkenntnis im Klimawandeldiskurs ist nun keineswegs die einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur durch menschlichen Einfluss. Das zeigen die monokausale Verengung der Erwärmungsursachen ebenso wie die grassierenden Vorschläge zu einem erwärmungssteuernden Geoengineering, die meist schlechter Science Fiction entsprungen scheinen, nicht sachlicher Überlegung. Erstes Opfer dieses Reduktionismus und Aktionismus, der gerade die Erwärmung nicht leugnet, sondern sie eifrig affirmiert, ist die Biospritidee, deren von CO2-Einsparprogrammen forcierte Umsetzung großflächig zu enormer CO2-Freisetzungen geführt hat und weiter führt.

Die Kränkung bezieht ihre Stärke vielmehr aus der Einsicht, dass dieser Planet sich als Paradies auch unter avancierten technologischen Bedingungen nur eingeschränkt eignet. Zu schwankend sind nicht nur Erdkruste und Klima, sondern auch die bisher dominierenden gesellschaftlichen Regelungssysteme. Nach dem Zusammenbruch sozialistischer Utopien konnte der westliche Liberalismus keineswegs reüssieren. Ganz im Gegenteil steht er mit seinen eigenen Heilsversprechen da wie der nackte Kaiser, die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander, Rentensysteme und andere Sicherheitsversprechen sind bedroht. Da erscheint der „Klimaschutz“ als willkommenes Modell eines neuen Bundes zur säkularen Heilsversicherung, zumal wenn der Schutz strukturiert ist nach dem Modell eines vergleichsweise leicht zu handhabenden Täter-Opfer-Ausgleiches.

Freuds Antwort auf das Gekränktsein durch Psychoanalyse findet sich in Das Unbehagen in der Kultur von 1930: Man dürfe sich von der Psychoanalyse keine Erlösung, keinen Trost erhoffen, sondern nur einen Fortschritt der Aufklärung, insbesondere bei der Frage, wie individuelles Glücksstreben und die Ansprüche der Gesellschaft zu vermitteln seien. Ein Anspruch, der angesichts einer durch den Klimadiskurs vollendet globalisierten Gesellschaft drängender und zugleich problematischer denn je geworden ist. Soll hier keine Lähmung eintreten oder der Aktionismus einer forcierten „Weltregierung“, steht der Abschied von wie immer säkularisierten statisch-zentralistischen Erlösungsutopien an.

Die Erderwärmung bietet hierzu eine Chance – wenn sie heruntergebrochen wird auf regionale Herausforderungen bei der Ressourcennutzung und der Energieproduktion, auf eine Pluralität von technologischen Entwicklungen und Umsetzungen, welche langfristig flexible Reaktionen auf klimatische und geografische Veränderungen ermöglichen, in steter Interaktion mit den „Reaktionen“ des Planeten und der auf ihm lebenden Gesellschaften, vor allem aber mit seinem und ihrem jeweiligen Eigensinn. Joachim von Fiore habe, so Alfons Rosenberg, das Mittelalter überwunden mit einer Konzeption entwicklungsoffener Utopie. [6] Aktuell scheinen wir uns eher zurück zu einer frühmittelalterlichen Konzeption mit einem großen Problem und einer großen Lösung zu bewegen – oder besser: darin stillzustehen.