30.09.2014

Udo Jürgens: Von Mimosen und Weicheiern

Kommentar von Christoph Lövenich

Der Sänger Udo Jürgens kann heute auf 80 Lebensjahre zurückblicken. Damals wie heute trotzt der populäre Entertainer mit seinen Liedern und seiner Lebensart Spießigkeit und Intoleranz. Christoph Lövenich würdigt den Künstler anlässlich seines Geburtstages

Einen großen Erfolg konnte Udo Jürgens vor vier Jahrzehnten mit seinem Lied „Ein ehrenwertes Haus“ (1975) verbuchen. Darin prangerte er den engstirnigen Umgang mit zusammenlebenden unverheirateten Paaren an und hielt – selbst großbürgerlicher Herkunft – dem Rassismus und der Heuchelei vieler damaliger Kleinbürger den Spiegel vor. Seit dieser Zeit zur Legende geworden ist „Griechischer Wein“, dessen Refrain auf Partys nach dem Genuss ähnlicher Getränke gerne lauthals mitgegrölt wird. Genaueres Hinhören lohnt:  Der Song beschäftigt sich sehr einfühlsam mit Menschen, die damals noch als „Gastarbeiter“ auf Zeit galten – und deren feste Ansiedlung damals nicht wenigen ein Dorn im Auge war.

Sein Liedgut hat nach eigener Aussage viel mit „Freiheit und solchen Gedanken zu tun“. [1] Unter rund 1000 Werken, die er in über 50 Jahren sang bzw. mitverfasste, findet sich freilich Unterschiedliches und so manche Gesellschaftskritik dürfte dem Zeitgeist gehuldigt haben. Und doch eckt vieles an. Ein Lied namens „Jeder so, wie er mag“ (1986) wirkt in der heutigen Phase immer kleinteiligerer Bevormundung und Lifestyle-Regulierung geradezu antiquiert liberal. „Ist man noch frei, wenn man nichts wagt“ [2], möchte man den ein oder anderen risikoaversen Zeitgenossen fragen.

„‚Denn wer brav ist, wird nirgendwo vermisst.‘“

Gefahrenvermeidung und Gesundheitsangst können sogar zum Tode führen, wie er im Titel „Es lebe das Laster“ (2002) leidenschaftlich betont. Die dort beschriebene Figur ging der Sonne, dem Sex, dem Genussessen aus dem Weg. Er war eben so, / war völlig daneben. / Er hat nie geraucht, / ging nie einen heben.“ Und verstarb früh. „Denn wer brav ist / wird nirgendwo vermisst.“ Heute feiert ein solcher Lebensstil, der sein Heil in der innerweltlichen Askese sucht, ein fröhliches (?) Comeback. Es gilt allerorten, was Jürgens an anderer Stelle sang: „Es blühen die Mimosen“. [3] Selbst möchte Jürgens „alles sein, nur niemals brav und bieder“. [4]

 


In seinem Privatleben verlieh er dem durch seine zahlreichen Affären Ausdruck. „Treue ist nicht immer eine Frage des Charakters eines Menschen; es ist eine Frage der Gelegenheit“ [5], sagt er heute in einer Zeit, wo sie bei jungen Leuten wieder ‚in‘ sein soll und als Tugend gilt. [6] Vor einigen Jahren verurteilte Jürgens Monogamie als „Kadavergehorsam“ und verortete sie im Kontext der SS-Losung „‘Unsere Ehre heißt Treue‘“. [7] Dass der Sänger von „17 Jahr‘, blondes Haar“ (1965) nach seiner ersten Scheidung eine Beziehung zu einer vier Jahrzehnte jüngeren 16-Jährigen unterhielt [8], würde im Falle anderer Prominente heute viele Hysteriker auf die Palme treiben.

Der charmante österreichische Frauenheld nahm sich passenderweise im Lied „Weichei“ (2002) die „Müslimachos“, „Schonbezügler“ „Sockenfalter“, „Draußenraucher / und ‚Viagra‘-Braucher“ zur Brust. Und die Sitzpinkler, möchte man ergänzen. Andere Zeiten, andere Männer?

 


Kunst- und Meinungsfreiheit stehen im Mittelpunkt von Jürgens‘ Lied „Sänger in Ketten“ (1989), das mehrfach ausgerechnet von Interpreten des Jürgenscher Weltoffenheit sonst eher unverdächtigen rechtsextremen Spektrums gecovert wurde. [9] Ein Funktionär aus der Pädagogik-gegen-Nazis-Szene schrieb: „zur Melodie des gleichnamigen Schlagers von Udo Jürgens […] hört man: ‚Ganze Völker könnt ihr knechten, unterdrücken und entrechten und dem Freiheitsdrang den Weg der Flucht verbauen. Immer werden Idealisten wagemutig gleich Artisten sich aufs dünne Hochseil ihrer Hoffnung trauen. […] Ihr könnt den Sänger in Ketten legen, aber niemals sein Lied.‘“ Dies stehe für „Ideologeme […] der rechtsextremen Jugendkultur.“ [10] Tatsächlich handelt es sich bei den zitierten Zeilen aber nicht um neue Verse „zur Melodie“ – sondern um den Originaltext des von Jürgens gesungenen Liedes. Das zeigt, wie suspekt Freiheit heute vielen geworden ist.

Udo Jürgens‘ große Beliebtheit hat er auch seinem „Gesang gegen Spießigkeit und Intoleranz“ [11] zu verdanken, dem er sich seit den frühen Nachkriegsjahren widmet. Manches sollte uns – heute mehr denn je – zum Nachdenken über uns und unsere Gesellschaft anregen. Denn die Spießigen und Intoleranten des 21. Jahrhunderts – von denen einige früher naserümpfend auf Jürgens und seine Fans herabgeblickt haben – kommen anders als ihre früheren Vorgänger manchmal im Gewand einer vermeintlichen Avantgarde daher.