12.10.2015

TV-Dokus: Zum Abschalten einseitig

Kommentar von Christoph Lövenich

Viele Dokumentarfilme auf öffentlich-rechtlichen Sendern bestechen durch Einseitigkeit und pflegen immer dieselben Feindbilder. Man weiß schon vorher, dass nicht mit ausgewogenen Informationen zu rechnen ist. Christoph Lövenich präsentiert aktuelle Beispiele

Man spart sich Zeit, wenn man sich eine TV-Doku gar nicht erst anschauen braucht. Und da machen es einem die Öffentlich-Rechtlichen oft leicht, indem die Ankündigung schon deutlich ersehen lässt, was einen mal wieder erwartet. So etwa der Film Unsere schöne nukleare Welt, der kürzlich auf ARTE lief und dieser Tage nochmals wiederholt wird, damit die Botschaft auch wirklich ankommt. Wer „mehr oder minder kritiklos und technologiegläubig“ Atomkraft zur Energieerzeugung einsetzt, schreibt der Sender, kreiert u.a. „ein ungelöstes Problem und eine höchst gefährliche Erblast für die gesamte Menschheit“. [1] Zumindest im deutschen ARTE-Sendegebiet ist eine solche Auffassung nicht zuletzt dank ‚engagierter‘ massenmedialer Behandlung bereits zum unhinterfragten Dogma geworden, jetzt müssen noch die Franzosen ‚bekehrt‘ werden, die derzeit drei Viertel ihres Stroms aus Kernenergie gewinnen (aber nach deutschem Vorbild bereits reduzieren wollen). [2]

Und deutlich wird auch, dass es nicht nur um die einseitige Betrachtung einer einzelnen Technologie geht, sondern gleich um eine ganze Weltanschauung: „Der Traum vom Menschen als Beherrscher der Technik ist ausgeträumt.“ Nun bringen menschliche Erfindungen wie das Kabelfernsehen auch ihre Schattenseiten hervor, etwa die Produktion solcher Sendungen, aber es zeugt schon von einem bemerkenswert tief gesunkenen Menschenbild, uns als Weltgestalter und Verbesserer unserer Lebensbedingungen mitsamt dem Fortschritt und dem aufklärerischen Impetus gleich beerdigen zu wollen.

Zum Inhalt heißt es: „Historiker, Philosophen und Schriftsteller äußern sich“ – da fehlen noch die Lehrer und Kabarettisten. Beim Thema Atomkraft sollte man auf Physiker, Ingenieure und Energieexperten auch tunlichst verzichten, von Ökonomen, die die Kosten der Energiewende durchrechnen, ganz zu schweigen.

„Panik wird gesät, Angst wird gestreut, irrationale Vorurteile werden geschürt“

Mit vergleichbarer Objektivität und Neutralität muss diese Woche bei Die große Zuckerlüge – ebenfalls auf ARTE gerechnet werden. Die Doku dreht sich selbstredend nicht um die WHO – die kürzlich ihren Zuckergrenzwert gesenkt hat, ohne dass dafür eine wissenschaftliche Grundlage bestünde [3] –, die Profiteure von Ernährungspaniken oder den Unsinn New Yorker Süßgetränkregulierung [4]. Mittels „mit einer geheimen PR-Kampagne“, so die Ankündigung, „hat ‚Big Sugar‘ es geschafft, sein milliardenschweres Imperium auszubauen und die Ernährung der Welt zu verzuckern.“ [5]

Das enthält alle Elemente, die den besorgten Gutbürger zur Weiß(mehl)glut treiben: Eine heimtückische Verschwörung, böse Konzerne von unermesslichem Reichtum als Urheber, und eine gefährliche Dekadenz als verheerende Folge. Hat diese Argumentationsschiene nicht beim Tabak schon so prima funktioniert? So nimmt es denn auch nicht Wunder, dass Stanton Glantz, der große kalifornische Zahlenkünstler der Rauchbekämpfung, im Film zu Wort kommen soll. Als Miterfinder des widerlegten ‚Herzinfarktwunders‘ – staatliche Rauchverbote sollen zu weniger Infarkten führen – [6] dürfte es ihm ein Leichtes sein, einen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Fußpilz oder Herpes herzuleiten.

Die dritten Programme sind mit derartig ‚informativen‘ Sendungen auch gerne zur Stelle. So strahlte der WDR kürzlich Die Wahrheit über Pelz aus. Gut, dass man diese für sich gepachtet hat und so zur Schau stellt. Selbstverständlich sorgt sich Filmemacherin Antonia Coenen nicht nur um das Schicksal der pelztragenden Nutztiere, wie wir der Ankündigung entnehmen können, es geht um viel mehr, nämlich „um Verbraucherschutz, Arbeitsschutz und, nicht zuletzt, auch um unsere Gesundheit.“ [7] In dieser Aufzählung fehlen noch Umwelt- und Jugendschutz, dann sind alle großen Themen beisammen, anhand derer man sich gewöhnlich zum Retter der Menschheit aufschwingt.

„Wer sich auf dem moralisch hohen Ross wähnt, kann die Fakten zertrampeln“

Nächsten Monat abschalten kann man bei Gift im Acker: Glyphosat, die unterschätzte Gefahr? [8], wo ein Herbizid an den Pranger gestellt wird, das keine reale Gefahr für den Menschen bedeutet, aber von verschreckten Käufern womöglich durch gefährlichere Alternativen ersetzt wird – wie bei Novo bereits mehrfach dargelegt.[9] Denn solche Dokus wirken. Panik wird gesät, Angst wird gestreut, irrationale Vorurteile werden ein ums andere Mal geschürt. Darin unterscheiden sich die – überwiegend grün-rot angehauchten [10] – Journalisten kein bisschen von primitiven Xenophoben, über die sie sich gerne erheben.

Diese Filmemacher und ihre zuständigen Redakteure sehen sich als postmoderne Robin Hoods im Kampf gegen böse Ausbeuter. Dabei gilt: Wer sich auf dem moralisch hohen Ross wähnt, kann die Fakten zertrampeln. Konformismus und politische Korrektheit verhindern eine kritische Selbstreflexion. Es fehlt der Mut, dem Zeitgeist ein ausgewogeneres Programm entgegenzusetzen. Denn dieses wird längst nicht allen Gebührenzahlern gerecht, sondern vor allem denjenigen, die solche Dokus gerne für bare Münze nehmen, weil sie das eigene Weltbild so schön bestätigen. Mein TV-Tipp: In der Freizeit einfach mal abschalten.

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