04.02.2026
Trump und Thukydides
Von Phil Mullan
Trumps unberechenbare Außenpolitik ist ein Zeichen der Schwäche der USA, nicht ihrer Stärke. Andere westliche Staaten haben daraus bisher keine Konsequenzen gezogen.
Obwohl Donald Trump verkündet hat, dass man sich auf einen „Rahmen für ein künftiges Abkommen“ über Grönland geeinigt habe, ist noch unklar, wie seine Forderungen umgesetzt werden sollen. Auf jeden Fall geht es bei dem Streit um diese eisige Insel um weit mehr als nur die Unberechenbarkeit und den Narzissmus des amtierenden Präsidenten im Weißen Haus.
Die Grönland-Saga hat die Mängel im geopolitischen Verständnis der westlichen Staats- und Regierungschefs – einschließlich Trump – offenbart und gezeigt, wie gefährlich dies für alle sein kann. Internationale Krisenherde geraten eher außer Kontrolle, wenn traditionelle Staatskunst durch reflexartige Megafon-Diplomatie ersetzt wird. Diese Gefahr wird noch dadurch verschärft, dass die Staats- und Regierungschefs der Welt sich längst mit einer gefährlichen Situation auseinandersetzen müssten: einer potenziellen Thukydides-Falle. Aber sie weigern sich, dies zu tun.
In „Der Peloponnesische Krieg“ schrieb der athenische Historiker und Feldherr Thukydides: „Was den Krieg unvermeidlich machte, war das Wachstum der Macht Athens und die Angst, die dies in Sparta auslöste.“ Glücklicherweise ist Krieg niemals unvermeidlich, aber historisch gesehen haben sich die von Thukydides beschriebenen Umstände oft als gefährlich erwiesen. Eine Großmacht, die ihre Blütezeit hinter sich hat, ihren weiteren Niedergang spürt und aufstrebende Mächte ins Visier nimmt, schafft eine Situation, die von allen Beteiligten umsichtig gehandhabt werden muss. Dies übersteigt jedoch die Fähigkeiten der heutigen westlichen Machthaber.
Es ist sinnlos, Trumps launische Ausbrüche einzeln zu interpretieren. Wenn man jedoch sein impulsives Verhalten im Kontext der allgemeinen Inkohärenz der amerikanischen Außenpolitik betrachtet, erhalten andere Staats- und Regierungschefs eine klarere Perspektive. Ein wesentliches Symptom der geopolitischen Schwäche des Westens ist, dass der relative Niedergang Amerikas – und dessen globale Auswirkungen – von den meisten transatlantischen Regierungen nicht richtig erkannt wurde. In Europa sehen viele Politiker die Vereinigten Staaten immer noch als allmächtigen Machtfaktor, der nur durch die mythische „regelbasierte Ordnung” in Schach gehalten werden kann. Sie übersehen dabei, dass es gerade der schwindende Einfluss Amerikas ist, der das Land im Ausland so unberechenbar macht.
„China gibt seit Jahren mehr für Entwicklungshilfe und Kredite aus als Amerika.“
Einerseits vollzieht die USA einen chaotischen Abzug aus Afghanistan und erklärt das Ende ausländischer Militäreinsätze. Andererseits bombardiert sie Syrien oder den Iran, behauptet, Gaza wiederaufbauen zu wollen, oder greift Venezuelas Nicolás Maduro an. Wir sollten nicht vergessen, dass es Trump war, der in seiner ersten Amtszeit dieses schreckliche Rückzugsabkommen mit den Taliban ausgehandelt hat. Trump reduzierte die Zahl der US-Truppen von etwa 13.000 auf 2500, bevor Joe Biden 2021 den demütigenden Fall Kabuls miterlebte.
Der Aufstieg Chinas
Bis zum letzten Jahr herrschte in den USA parteiübergreifend Einigkeit darüber, dass China wirtschaftlich isoliert werden sollte. Verbündeten war es verboten, mit chinesischen Firmen Technologie zu handeln. Dann hob Trump im August das amerikanische Verbot auf, das Technologieexporte an Unternehmen mit Verbindungen zum Staatsapparat in Peking betraf. Chinesische Investitionen in den USA sind nun wieder willkommen. Bezeichnenderweise hat ein aktueller Bericht über Chinas weltweite Kredit- und Finanzaktivitäten gezeigt, dass die Vereinigten Staaten in den letzten zwei Jahrzehnten der größte Empfänger dieser Finanzmittel waren. Darin sind noch nicht einmal alle US-Staatsanleihen enthalten, die China im Laufe der Jahre gekauft hat. Derselbe Bericht verdeutlicht auch die entscheidende Verschiebung des wirtschaftlichen Gravitationszentrums der Welt. China gibt seit Jahren mehr für Entwicklungshilfe und Kredite aus als Amerika. Seine Rolle als globaler Geldgeber erstreckt sich mittlerweile auf alle Regionen und umfasst rund 200 Länder.
Die Studie kam zu einem Ergebnis, das für die meisten Menschen im Westen sicherlich überraschend sein dürfte. Heute gehen mehr als drei Viertel der chinesischen Auslandsdarlehen an Länder mit hohem und mittlerem Einkommen und nicht an die ärmeren Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika, die mit der Seidenstraßeninitiative in Verbindung stehen. Ein Großteil dieser Auslandsdarlehen konzentriert sich auf kritische Infrastruktur, wichtige Mineralien und den Erwerb von Hightech-Vermögenswerten.
„Durch ihr kurzsichtiges und herrisches Handeln haben die Vereinigten Staaten anderen Nationen Raum gegeben, ihren internationalen Einfluss auszuweiten.“
Die Geschwindigkeit und das Ausmaß dieser Veränderung im globalen Machtgleichgewicht sind der Grund für die schwankenden Reaktionen der wechselnden US-Regierungen. Washington weiß einfach nicht, wie es mit der globalen Neuordnung umgehen soll. Der amerikanische Staat befindet sich nun in einer dieser angespannten Beziehungen zu China, in denen beide Seiten nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander leben können.
Die Ursache für dieses Dilemma ist nicht der Aufstieg Chinas an sich. Es liegt vielmehr daran, dass es wechselnden US-Regierungen nach dem Ende des Kalten Krieges nicht gelungen ist, sich mit dem Ende des Status der USA als „Supermacht“ – und mit der Frage, was das Ziel der USA sein sollte – auseinanderzusetzen. Die Sowjetunion war für Amerika ein Feind, dem gegenüber es sich definieren konnte. Aber nachdem das sowjetische Imperium zusammengebrochen war, verloren die amerikanischen Führer und die westlichen im Allgemeinen jegliche strategische Klarheit. Am deutlichsten zeigte sich dies in ihrer Außenpolitik.
Orientierungslosigkeit nach dem Kalten Krieg
Einige in Amerika versuchten, einen Ersatz für die Sowjetunion zu finden, indem sie die Gefahr durch Despoten in der Dritten Welt betonten oder dazu sogar Lügen verbreiteten. Die USA marschierten in Länder ein und zogen sich später wieder zurück. US-Präsidenten versprachen keine Kriege mehr und führten dann Bombenangriffe im Ausland durch. Es ist die eigentümliche Verschmelzung von Amerikas Stärke und Schwäche in den letzten vier Jahrzehnten, die den zunehmend willkürlichen und unberechenbaren Handlungen seiner Regierungen im Ausland zugrunde liegt. Trump ist lediglich ein Symptom dessen, nicht seine Ursache.
Ironischerweise haben die amerikanischen Politiker durch die Vermeidung ihrer größten diplomatischen Herausforderung – die Verlagerung des Machtgleichgewichts nach Osten – die Position der USA in der Welt geschwächt und damit für alle gefährlicher gemacht. Durch ihr kurzsichtiges und herrisches Handeln haben die Vereinigten Staaten anderen Nationen Raum gegeben, ihren internationalen Einfluss auszuweiten.
Es ist tragisch, dass die Dinge mit einem stärkeren Bewusstsein für die langfristigen nationalen Interessen Amerikas anders hätten laufen können. Die US-Regierungen hätten sich an die Spitze der Neuordnung der internationalen Beziehungen stellen können, um den Thukydides-Moment zu glätten. Hätten sie dies getan, hätte Amerika eine wichtige Rolle in einer neuen stabilen internationalen Ordnung behalten können, Seite an Seite mit den aufstrebenden Nationen China, Indien und den anderen.
„Seit Jahrzehnten schlafen die jeweiligen Regierungen der meisten großen europäischen Länder in Sachen Außenpolitik."
Es ist noch nicht zu spät. Auch wenn Amerika nicht mehr dieselbe globale Autorität wie früher hat, bleibt es doch bei weitem das reichste Land der Welt mit beträchtlicher militärischer Macht. Dieses Erbe könnte weiterhin dafür sorgen, dass es unter den anderen großen Ländern eine wichtige Rolle spielt. Um dies zu erreichen, benötigen seine Führer jedoch ein weitaus ausgereifteres Verständnis der Geopolitik.
Europas Lippenbekenntnisse
Washington sollte sich sicherlich nicht über den Atlantik hinweg nach Orientierung umsehen. Eine inkonsequente und verwirrte Macht ist schon schlimm genug für die globale Stabilität. Die Bedrohung wird noch größer, da die meisten anderen westlichen Regierungen sich ähnlich planlos in Bezug auf ihre nationalen Interessen zeigen. Seit Jahrzehnten schlafen die jeweiligen Regierungen der meisten großen europäischen Länder – Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien und die Niederlande – in Sachen Außenpolitik. Sie hielten es für sinnvoll, ihre äußere Sicherheit und militärische Verteidigung an die Vereinigten Staaten auszulagern.
Und sogar heute noch machen sie mit dieser Farce weiter. Die europäischen Staats- und Regierungschefs scheinen in einer Art „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Schleife festzustecken. Immer wieder verkünden sie: „Die Welt hat sich verändert, und wir müssen uns ebenfalls verändern.“ Aber dann ändert sich in ihrem Handeln eigentlich kaum etwas.
Es gab einige wenige solche Aussagen – die früher noch einsichtig waren –, dass sich die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges verändert habe. Sie folgten auf die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, den 11. September und erneut, nachdem Frankreich und Deutschland sich 2003 gegen die von den USA angeführte Invasion im Irak gestellt hatten. In den 2010er Jahren wurden Erklärungen, dass die „alte Welt vorbei“ sei, immer repetitiver und belangloser. Die vermeintlichen Weckrufe kamen Schlag auf Schlag. Russlands Annexion der Krim im Jahr 2014, die autarken nationalen Reaktionen auf die Corona-Pandemie im Jahr 2020, Amerikas überstürzter einseitiger Abzug aus Kabul im Jahr 2021, Putins großflächige Invasion der Ukraine im Jahr 2022, Trumps Drohung, Kanada im Jahr 2024 zu annektieren, und der abfällige Angriff des Oval Office auf den ukrainischen Präsidenten Selenskyj haben die Europäer dazu veranlasst, zu verkünden, dass sich etwas ändern muss, doch wie immer geschieht nichts. In den letzten Wochen haben wir dasselbe als Reaktion auf Trumps Drohungen gegenüber Grönland gehört.
„Die Nato ist seit den 1990er Jahren ein sinnloser Überrest des Kalten Krieges, der ständig nach einer neuen Daseinsberechtigung sucht.“
Es sollte mittlerweile klar sein, dass die „regelbasierte Ordnung“ nie wirklich existiert hat. Die harte Macht ist nie verschwunden. Und die Nato ist seit den 1990er Jahren ein sinnloser Überrest des Kalten Krieges, der ständig nach einer neuen Daseinsberechtigung sucht.
Nachdem sie nun großspurig verkündet haben, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor, machen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs, sobald sich das Drama um Trump etwas gelegt hatte, weiter selbst etwas vor. Sie behaupten, dass Trump dank der beeindruckenden diplomatischen und überzeugenden Fähigkeiten der europäischen Politikerkaste nur einen „Deal“ für Grönland anstrebt und nicht dessen vollständigen Erwerb. In dem Paralleluniversum, in dem die europäischen Eliten leben, wurde das Team im Weißen Haus in Aufruhr versetzt. Erstens durch den britischen Premierminister Keir Starmer, den König der Kehrtwenden, der erklärte: „Ich werde nicht nachgeben“, und zweitens durch seine Angst vor der „gefürchteten europäischen Arbeitsgruppe“, wie sie der US-Finanzminister Scott Bessent sarkastisch nannte.
Von alten Briten lernen
Wenn westliche Staats- und Regierungschefs aus ihrem Murmeltiertag-Zyklus ausbrechen wollen, täten sie gut daran, sich mit der Geschichte früherer Epochen der Staatskunst zu befassen. Nicht nur mit den offensichtlichen Erfolgen von Winston Churchills als Premier während des Krieges, sondern auch mit Viscount Palmerston, einem zweimaligen britischen Premierminister im 19. Jahrhundert, dessen Methode Churchill 100 Jahre später aktualisierte. Wenn sie dies täten, agierten sie vielleicht fundierter und widerstandsfähiger. Sie würden nicht bei jeder kindischen Stichelei des derzeitigen Potentaten im Oval Office in Panik geraten.
Palmerston war ein versierter Praktiker der Diplomatie des Gleichgewichts der Mächte. Als 1848 Revolutionen und Unruhen in ganz Europa wüteten, geriet der damalige Außenminister unter Beschuss seiner politischen Gegner. Als Reaktion darauf legte Palmerston seine Vorgehensweise zur Verfolgung der nationalen Interessen Großbritanniens dar. Er beendete seine fünfstündige Rede im Unterhaus mit seinen berühmten Worten, dass keine Nation „als ewiger Verbündeter oder ewiger Feind Englands bezeichnet werden darf“. „Wir haben keine ewigen Verbündeten und wir haben keine ewigen Feinde“, sagte er. „Unsere Interessen sind ewig und unvergänglich, und es ist unsere Pflicht, diesen Interessen zu folgen.“
Für die heutigen Pseudodiplomaten ist es ebenso lehrreich, zu zitieren, was er als Nächstes sagte:
Wenn wir andere Länder finden, die eine andere Ansicht vertreten und uns bei der Verfolgung unserer Ziele behindern, ist es unsere Pflicht, Rücksicht auf die unterschiedliche Art und Weise zu nehmen, in der sie dieselben Ziele verfolgen. Es ist unsere Pflicht, andere nicht zu hart zu beurteilen, weil sie die Dinge nicht genau so sehen wie wir; und es ist unsere Pflicht, dieses Land nicht leichtfertig in die schrecklichen Verantwortlichkeiten eines Krieges zu verwickeln, weil wir von Zeit zu Zeit feststellen können, dass diese oder jene Macht nicht bereit ist, uns in Fragen zuzustimmen, in denen ihre Meinung und unsere Meinung durchaus unterschiedlich sein können. Das war [...] der Leitgedanke meines Handelns [...]. In einem Satz: Der Grundsatz, der meiner Meinung nach jeden britischen Minister leiten sollte: Die Interessen [Großbritanniens] sollten das Losungswort seiner Politik sein.
„Die einzige sichere Lösung für geopolitische Spannungen und Gefahren besteht darin, den nationalen Interessen zu folgen.“
Die einzige sichere Lösung für geopolitische Spannungen und Gefahren besteht darin, den nationalen Interessen zu folgen. Die derzeitigen Staats- und Regierungschefs haben jedoch das Gespür dafür verloren. Sie sind nicht nur von ihrer Bevölkerung abgekoppelt, sondern haben auch jegliches Gespür dafür verloren, was ihre Nationen brauchen. Das macht ihre außenpolitischen Interventionen willkürlich und unvorhersehbar. Es verstärkt die geopolitische Fragmentierung und die internationale Entfremdung.
Letzte Woche tadelte der besonnene italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto seine europäischen Kollegen subtil für ihre Aktion, eine Handvoll Soldaten nach Grönland zu entsenden. Er wies mit gesundem Menschenverstand darauf hin, dass es im Interesse aller liege, „eine bereits fragmentierte Welt nicht noch weiter zu fragmentieren”.
Wenn Trump also wieder einmal auf einem seiner Streifzüge ist und begeistert über Grönland, Island oder ein anderes Land spricht, das ihm gerade gefällt, wäre es für seine Verbündeten ein guter erster Schritt, die Megafone beiseite zu legen. Stattdessen sollten sie sich auf eine robuste Hinterzimmerdiplomatie einlassen, die auf einer entschlossenen Verteidigung der nationalen Souveränität basiert.