10.12.2012

Trotz Verlängerung – Kyoto ist tot

Analyse von Rob Lyons

Der Mini-Kompromiss zu Abschluss der Klimakonferenz von Doha kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Kyoto-Protokoll endgültig gescheitert ist. Der Klimazirkus zieht zwar weiter, aber die Regierenden der Welt spielen nicht mehr mit. Eine positive Entwicklung.

Die achtzehnte Klimakonferenz der Vereinten Nationen fand in Doha, der Hauptstadt des reichen Öl- und Erdgasproduzenten Katar, statt. Nach dreizehn Tagen endete sie am Samstag mit ihrem „substanziellen Scheitern“, wie es Greenpeace-Chef Kumi Naidoo formulierte [1]. Um überhaupt zu irgendeinem erwähnenswerten Ergebnis zu kommen, wurde am letzten Tag von der Verhandlungsleitung eine formale Verlängerung des Kyoto-Protokolls bis 2020 durchgeboxt – dabei ist das Abkommen de facto aber längst gescheitert.

Das Kyoto-Protokoll wurde vor fünfzehn Jahren mit dem Ziel unterzeichnet, den jährlichen Treibhausgas-Ausstoß von ca. drei Dutzend Industrieländern innerhalb der sogenannten ersten Verpflichtungsperiode (2008–2012) gegenüber dem Stand von 1990 um durchschnittlich um 5 Prozent zu reduzieren. Damit das Protokoll heute überhaupt noch irgendeinen Sinn ergibt, hätten auch die großen Entwicklungsländer, wie China, Indien und Brasilien, auf CO2-Einsparungen verpflichtet werden müssen. Dies wurde auf der Klimakonferenz von Durban, Südafrika, im Vorjahr auch als wichtiges Verhandlungsziel für die diesjährige Konferenz genannt. In Doha sollte deswegen vor allem an den Modalitäten eines neuen weltweiten Klimavertrags gearbeitet werden, der im Jahr 2015 das überkommene Kyoto-Protokoll ersetzen soll. Diesbezüglich ist reichlich wenig passiert. Stattdessen nur Verhandlungen über Verhandlungen, nichts als leeres Gerede.

Doha hatte wenig mit dem Kopenhagener Klimagipfel von 2009 gemeinsam. Damals hatte auch Barack Obama seine Teilnahme ankündigt und so glaubten viele an einen großen Wurf. Doch Obama kam, Obama ging, ohne, dass etwas Substantielles erarbeitet worden wäre. Die Verhandlungen verloren sich in ihren eigenen, weltfremden Bahnen. Und auch die Doha-Konferenz wurde wieder von tausenden jener Menschen bevölkert, die glauben, dass wir durch unsere Vielfliegerei den Planeten zerstören, aber selbst um den halben Globus jetten, um dann ausgerechnet in einem Land zu keinerlei substanziellen Ergebnissen zu kommen, das seinen Reichtum ebenjenen fossilen Brennstoffen verdankt, die sie selbst am liebsten für immer tief im Erdboden verbleibend wissen wollen. Das Ganze erinnert eigentlich an einen absurden Flashmob.

Jeder Klimakonferenz geht eine Reihe erschreckender Reportagen voraus, denen zufolge die Welt vor einer Öko-Apokalypse steht, wenn wir nicht schleunigst etwas gegen den Klimawandel unternehmen. Auch dieses Jahr im Vorfeld der achtzehnten Klimakonferenz war das nicht anders. So veröffentlichte beispielsweise die Weltbank Ende November einen Bericht [2] über den wahrscheinlich verheerenden Zustand der Welt, sollte sie sich um weitere vier Grad Celsius erwärmen – „einem Szenario, das nahezu einstimmig von Wissenschaftlern für das Ende des 21. Jahrhunderts prognostiziert wird, wenn ernsthafte politische Veränderungen ausbleiben.“ Und wie würde die Welt dem Bericht zufolge aussehen? „Überflutete Küstenstädte; zunehmende Risiken für die Nahrungsproduktion, die zu höheren Unterernährungsraten führt; trockene Regionen, die trockener werden, feuchtere Regionen, die feuchter werden; unerwartete Hitzewellen in vielen Regionen, speziell in den Tropen; erheblich verschärfte Wasserknappheit in manchen Regionen; zunehmende Häufigkeit schwerer tropischer Wirbelstürme; und unwiderruflicher Verlust der Biodiversität, darunter Korallenriffe.“ [3] Deshalb – so wird uns berichtet – brauchen wir dringend ein echtes Kyoto-2-Abkommen, ein Nachfolgeprotokoll, das sehr viel ambitionierter ist und zusätzliche Staaten einbezieht. Das sollten wir wohl tun, weil ja bereits die ursprüngliche Kyoto-Einigung so ein schlagender Erfolg war, oder? Wohl eher nicht.

Luftnummer Kyoto-Protokoll

Im Großen und Ganzen haben die beteiligten Länder ihr Ziel, den Ausstoß von Treibhausgasen jährlich um fünf Prozent zu reduzieren, erreicht. Das lag allerdings zu großen Teilen am Zusammenbruch der osteuropäischen Schwerindustrie nach 1990. Unter den EU Ländern, die schon so lange betonen, dass es dringend erforderlich sei, den CO2-Ausstoß zu verringern – und die sich für 2020 neue, ambitiösere Ziele gesetzt haben – sind die Emissionswerte so gut wie gar nicht gesunken. In jenen Ländern, wo sie tatsächlich erheblich gefallen sind, gab es dafür anderweitige, lokal bedingte Gründe. So sank beispielsweise der Ausstoß in Großbritannien um 10 Prozente. Das lag aber in erster Linie am Umstieg von Kohle zu Gas in der Elektrizitätsgewinnung, dem sogenannten ‚Dash for gas‘. Dieser Wechsel wurde bereits lange Zeit vor der Unterzeichnung der Kyoto-Vereinbarung vorgenommen. Wenn man berücksichtigt, dass viele der in Europa verwendeten Güter in Asien produziert werden – was gleichsam bedeutet, dass Europa die bei der Produktion entstehenden CO2-Emmisionen nicht einspart, sondern lediglich nach Asien verlagert –, hat das Kyoto-Protokoll nicht viel bewirkt, denn wachstums- und exportstarke Länder wie China und Indien wurden in das Kyoto Protokoll nicht einbezogen.

Insofern ist – trotz der gleichbleibenden Werte unter den Kyoto-Mitgliedsländern – der weltweite CO2-Ausstoß seit 1990 um 50 Prozent angestiegen. Ein Redakteur des britischen Guardinan kam deshalb zu dem Schluss, dass die nicht sinken wollenden globalen Ausstoßwerte der Beweis für das Scheitern des Kyoto-Protokolls seien. In Anbetracht solch unbefriedigender Ergebnisses wäre es wohl am vernünftigsten gewesen, gleich ganz auf eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls zu verzichten. Ein auf den gleichen Prämissen wie der Vorgänger aufbauendes internationales Vertragswerk erscheint so gesehen nicht unbedingt als die klügste Idee. Doch der UN-Klimagipfel-Zirkus folgt einer eigenen Logik. Er arbeitete weiter an einem globalem Nachfolge-System und rechtfertigte dies mit der Wissenschaft – einer sehr speziellen und erschreckenden Interpretation jener widersprüchlichen und komplexen Realität, die uns die tatsächliche Klimawissenschaft aufzeigt. Diese Wissenschaft „fordert“ von uns einen ganz bestimmten Weg einschlagen. Genau gesagt müssen wir ihr zufolge die Ziele und Fristtermine der Kohlendioxid-Ausstoßminderung bürokratisch vereinbaren, unabhängig von den Kosten und Konsequenzen.

Die meisten teilen diese Ansicht allerdings nicht. Die USA haben das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie irgendeinen Folgevertrag unterstützen, solange nicht auch ihre ökonomischen Hauptkonkurrenten eingebunden werden. China und Indien sind trotz des starken wirtschaftlichen Aufschwungs der vergangenen zwei Jahrzehnte immer noch sehr arme, rückständige Länder. Gemessen am jährlichen Pro-Kopf-Einkommen liegt China im Jahr 2011 nur an dreiundneunzigster Stelle der reichsten Länder der Welt. China hat ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von lediglich 8,387 Dollar. Indien kommt sogar nur auf den hundertdreißigsten Platz und schneidet mit 3,663 Dollar pro Kopf –- also einem Zehntel der Leistung Großbritanniens – sogar noch wesentlich schlechter ab. 

Warum sollten sich solche Länder selbst ihre eigene Entwicklung erschweren, indem sie dem Umstieg von billigen und zuverlässigen fossilen Brennstoffen auf teure und unzuverlässige erneuerbare Energien zustimmen? Das wird einfach nicht geschehen, auch wenn die Gurus der Klimapolitik, etwa der britische Regierungsberater Nicholas Stern, immer wieder genau dies verlangen. Die Antwort vieler UN-Beamter wäre wohl, dass es nur ‚gerecht‘ sei, an erster Stelle von den Entwicklungsländern massive Einsparungen zu erwarten. Bedenkt man aber, dass die westlichen Volkswirtschaften sich nur schwerlich auf den Beinen halten können, ist der Appetit auf solch eine Klimaschutzpolitik nicht sonderlich ausgeprägt.

Ein rationaler Zugang zum Problem des Klimawandels müsste auf einer realistischen Einschätzung des gegenwärtigen Stands der Wissenschaft basieren und akzeptieren, dass es sich bei der zunehmenden Erderwärmung – die man bei steigenden Treibhausgasemissionen erwarten würde – wahrscheinlich nicht um einen planetarischen Notfall handelt, sondern nur um ein weiteres Problem für die Menschheit, dem wir uns einfach anpassen müssen. Weltweit leiden die Menschen bereits jetzt unter Dürren, Fluten, Hitzewellen usw. Um sich diesen Herausforderungen zu stellen, brauchen wir mehr wirtschaftliche Entwicklung – einerlei, ob solche Katastrophen durch den Klimawandel verursacht werden, oder nicht. Das bedeutet auch, neue Quellen erschwinglicher Energie zu erschließen.

Aber Vernunft steht in der überhitzten Atmosphäre der Klimakonferenzen wohl nicht auf der Tagesordnung. Nach Auffassung dieses exklusiven Zirkels muss die Menschheit in ihre Schranken gewiesen und ihr Verlangen nach Wohlstand und Komfort gezügelt werden. Und wenn das nur zu Lasten der Demokratie geschehen kann, dann soll es halt so sein. Das ist eine völlig absurde Auffassung.

Das „oberpeinliche Ende“ [4] der Doha-Konferenz am Samstag mit dem halbherzigen Minikompromiss diente ausschließlich dazu, den Prozess irgendwie am Laufen zu halten. Wir sollten uns über das Scheitern, ein substanzielles Kyoto-Nachfolgeprotokoll auf den Weg zu bringen, freuen. Trotz der heißen Luft, die diese Roadshow erneut erzeugt hat, scheinen die Regierenden der Welt doch noch immer ein Gefühl dafür zu haben, dass das Wirtschaftswachstum weitergehen muss und Armut ausgemerzt werden sollte. Also wie wäre es, wenn wir noch ein wenig CO2 mehr in die Atmosphäre blasen – die Bläschen einiger Flaschen Champagner zum Beispiel? Prost!