07.04.2015

Triumph der Maternalisten

Essay von Nancy McDermott

Die Männlichkeit steht unter kulturellem Beschuss. Der Angriff hat eine feminisierte Variante des Paternalismus hervorgebracht. Dieser neue „Maternalismus“ richtet sich gegen Grundwerte der Aufklärung und wichtige individuelle Rechte

„Nanny und Sammy folgten den Anweisungen ihrer Mutter ohne jedes Murren; vielmehr waren sie richtiggehend eingeschüchtert. All jenen ganz originellen Unternehmungen ihrer Mutter wohnte für sie eine gewisse unheimliche, geradezu übermenschliche Qualität inne. Nanny ging hin und her mit ihren leichten Lasten, derweil Sammy mit ruhiger Kraft schleppte.“ (aus: Mary E. Wilkins: „The revolt of mother“)[1]

 

Die Idee zu diesem Essay keimte vor etwa einem Jahr in mir auf, als ich Hanna Rosins Buch Das Ende der Männer: und der Aufstieg der Frauen [2] rezensierte. Sie stellt die These auf, dass Frauen mit den Männern gleichziehen und sie in vielen wichtigen Bereichen sogar überflügeln. Obwohl mich nicht alle ihre Argumente überzeugen konnten, so gefiel mir doch ihr Buch. Zu meinem Bedauern taten es zahlreiche Rezensenten einfach so ab, indem sie auf dem Fortbestand der Frauenunterdrückung herumritten. Ich hielt Rosins Betrachtungen für vernünftig; wichtiger fand ich allerdings, dass sie etwas über Gender-Rollen Hinausgehendes skizzierten. Erst als ich mich der Frage des Paternalismus zuwandte, dämmerte mir, was dies wohl sein mochte.

Der Paternalismus hat sich als die beherrschende Form des Autoritarismus in unserer Gesellschaft herauskristallisiert. Auf der ganzen Welt arbeiten die politischen Entscheidungsträger hinter den Kulissen still und leise daran, uns vor uns selbst zu schützen und selig machen - sei es mittels kleinerer Getränkebecher, durch eine Architektur, die uns zu vermehrt zum Treppensteigen bringen soll, oder durch Entbindungsstationen, die die Mutter-Kind-Verbindung und das Stillen fördern sollen. Eine solche Politik wird selten diskutiert und oft nicht einmal wahrgenommen. Und wenn dies mal der Fall ist, dann steht nicht etwa zur Diskussion, ob die Idee überhaupt etwas taugt, sondern nur, wie „hart“ das Vorgehen sein soll, d.h. inwieweit sie offenen Zwang beinhalten soll. Warum auch sollte man Autonomie überhaupt wertschätzen, wenn die Menschen aus eigenem Antrieb ständig Fehlentscheidungen treffen, die ihren eigenen Zielen entgegenstehen, und dadurch der Allgemeinheit Lasten aufbürden?

Paternalismus und Maternalismus

Diese Abwertung der menschlichen Vernunft kann jeden nur ernüchtern, der in der Autonomie den moralischen, intellektuellen und philosophischen Kern des Menschseins sieht. Es ist jedoch auch interessant zu sehen, dass dieser neue, ‚schubsende‘ Paternalismus eben jene Form annimmt. Dabei handelt es sich nicht um den direkten Paternalismus nach dem Motto „Vater hat immer recht“ aus früheren Zeiten. Sondern um einen indirekten und manipulativen Paternalismus, der nichts beweisen muss und keine moralische Autorität beansprucht. Ganz im Gegenteil: Paternalisten treten ausgesprochen konfrontationsscheu und antiideologisch auf. Sie scheinen nur zögerlich einen moralischen Standpunkt einzunehmen; ihre Eingriffe sind lediglich „evidenzbasiert“.

„Der Maternalismus zeigt sich unter anderem in einer kulturellen Abwertung des Männlichen“

Es ist ein Modus operandi, den man kaum noch „väterlich“ zu nennen vermag. Um eine Metapher aus der traditionellen Familie zu verwenden: Der Stil zeitgenössischer Paternalisten entspricht eher dem einer Ehefrau, die sich in der Öffentlichkeit ihrem Manne unterordnet, während sie hinter den Kulissen stillschweigend alle Aspekte des Familienlebens regelt. Dieser neue Stil des Paternalismus, nennen wir ihn einmal „Maternalismus“, gehört zu einer besonderen Gemengelage, die sich im Abstieg des Mannes, im Aufkommen eines „Zombie-Feminismus“, und in einer weit verbreiteten kulturellen Abwertung des Männlichen zeigt.

Werte – weiblich oder männlich?

Der „Aufstieg der ‚weiblichen Werte‘“ wird gemeinhin in einem positiven Licht gesehen. Endlich nimmt die Gesellschaft die weiblichen Ideale der Zusammenarbeit, der Fürsorglichkeit, der Inklusion und der Flexibilität wahr. Endlich ist uns klar geworden, dass Frauen viel besser wissen, wie sich die Welt drehen muss. Doch diese Sicht ist so verzerrt wie ahistorisch. Selbst ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Zivilisation zeigt uns, dass Menschen keine eindimensionalen Kreaturen sind, die nur maskuline oder feminine Werte aufweisen. Das Erbe der westlichen Zivilisation feiert ganz besonders die Tugenden der Mäßigung, der Besonnenheit, der Gerechtigkeit, und der Standhaftigkeit, die aus heutiger Sicht als ‚weiblich‘ gelten, und doch praktisch alle von Männern propagiert werden. In Wahrheit hat kein Geschlecht ein Monopol auf diese Eigenschaften, und sowohl Frauen als auch Männer passen sich den historischen Gegebenheiten an.

Keiner könnte Johanna von Orléans vorwerfen, sie sei inklusiv oder flexibel in ihren Überzeugungen, friedfertig oder fürsorglich gewesen. Genauso wenig kann man Thomas Jefferson unterstellen, er sei unflexibel oder ausgrenzend gewesen, als er diese Worte zu Papier brachte: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen sind […]“.

Doch wenn es keine weiblichen Werte sind, die die Gesellschaft so schätzt, worum geht es dann? Ich glaube, wir stehen nicht am Ende der Männer oder am Aufstieg der Frauen. Vielmehr erleben wir, wie die historischen Errungenschaften der Aufklärung demontiert werden – im Namen der Mutter.

In der Moderne basiert politische und gesellschaftliche Autorität auf den Werten der Aufklärung, nämlich Universalismus, Freiheit, Vernunft, Gleichheit und Fortschritt. Männer verkörperten diese Autorität in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger, und auch Frauen haben dies angestrebt. Der Kampf um gesellschaftliche Veränderung entsprechend dieser Ideale ist gewissermaßen die treibende Kraft der modernen Geschichte. Doch heutzutage können wir mit gutem Grund annehmen, dass der Kampf für die Umsetzung der aufklärerischen Ideale an einem Ende angelangt ist.

Das Ende von Liberalismus und Universalismus

1989 veröffentlichte Francis Fukuyama seinen berühmten Essay Das Ende der Geschichte, in dem er argumentierte, dass „die vollständige Erledigung machbarer Systemalternativen zum westlichen Liberalismus“ das „Ende der Geschichte“ mit sich brächte. Durch den Triumph des Liberalismus, so führte er aus, würde der Kampf für die Schaffung einer Welt gleicher und gleichwertiger Menschen überflüssig werden. Die „Bereitschaft, sein Leben für ein rein abstraktes Ziel zu riskieren“, würde abgelöst durch „ökonomische Berechnung, das beständige Lösen technischer Probleme, Umweltfragen und die Befriedigung anspruchsvoller Verbraucherwünsche“. Fukuyama lag nicht so falsch. Doch zwei Jahrzehnte später, in der Ära von kognitivem Lernen, Energiesparlampen und „Mayonnaise-Boutiquen“, ist es der westliche Liberalismus, der sich erledigt zu haben scheint.

„Nur wenige haben die Energie, die kulturellen und politischen Ideale des Westens zu verteidigen“

In Ermangelung eines jeden alternativen Gesellschaftssystems, und sei es auch nur eines so degenerierten wie der alten Sowjetunion, und ohne jede Vorstellung eines erstrebenswerten Zieles – außer bloß immer mehr vom Bestehenden –, richtet sich die Gesellschaft gegen sich selbst. Selbst angesichts gewalttätiger, nihilistischer Ausbrüche wie den Angriffen des 11. September, haben nur wenige die Energie, die kulturellen und politischen Ideale des Westens zu verteidigen. Stattdessen haben sich wesentliche Teile der Eliten Gefühlsduselei, Diversitätskonzepte, Authentizität und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben.

Der Kampf um allgemeingültige menschliche Werte, die über das eigene persönliche Erleben hinausweisen, ist dem Verlangen gewichen, als Angehörige kultureller Gruppen anerkannt zu werden, die über den Lifestyle, die Abstammung, das Geschlecht oder gar traumatische Erfahrung definiert werden. Jeder Ausdruck des Universalen ist potentiell anstößig. Selbst Weihnachten, vor nicht lange Zeit ein weitgehend säkulares Fest, das von Millionen gefeiert wurde, provoziert heute bei denjenigen, die es feiern, Unbehagen und Abwehrhaltung, und Ablehnung bei denjenigen, die es nicht tun.

Fortschritt wurde von einem menschenorientierten Großprojekt zu bloßen wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften herabgestuft, die ihre Wertschätzung nicht aus sich selbst, sondern im Rahmen dieser oder jener Vorhaben beziehen. Moral und politische Probleme werden auf den technischen Aspekt eingeengt, wodurch sich Armut auf das Problem einer „schwachen Gehirnarchitektur“, und Gewalt auf das Produkt übermäßigen Testosterons reduziert.

Ganz besonders problematisch geworden sind Meinungs- und Pressefreiheit. Einst als die wichtigste Freiheit überhaupt betrachtet, so wird sie heute fast durchweg im Lichte des Schadens, den sie anrichten kann, diskutiert. Feministen engagieren sich regelmäßig für Verbote angeblich anstößiger Äußerungen an Universitäten und in sozialen Medien. In Großbritannien wollen Aktivisten die Pressefreiheit auf diejenigen beschränken, die sie ihrer würdig erachten: Lizensierte Journalisten und Fachzeitschriften mit Expertenbegutachtung.

Maternalistischer Autoritarismus

Genauso verhüllt die heutige Obsession mit Ungleichheit einen Angriff auf einheitliche Standards und Gleichberechtigung. Einigen Aktivisten zufolge verdeckt die Gleichheit vor dem Gesetz lediglich die gesellschaftliche Diskriminierung, welche als Erbe der Unterdrückung fortbesteht. Angehörige geschützter Gruppen sollen demzufolge anders behandelt werden, um diese historische Unterdrückung zu bekämpfen. So soll beispielsweise bei Vergewaltigungsvorwürfen den vermeintlichen Opfern eine Sonderbehandlung zugebilligt werden, etwa ein Recht auf Anonymität, oder gar – wie es jetzt in Kalifornien der Fall ist ­– das Recht, Anträge der Verteidigung auf Befragung, Vereidigung von Zeugen oder Beweisaufnahme abzulehnen.

„In einem solchen Klima werden die Motive von Männern äußerst misstrauisch beäugt“

Der neue Maternalismus wird in vielen unterschiedlichen Formen des Autoritarismus sichtbar. Er hat den Umgang an den US-amerikanischen Universitäten dermaßen durchdrungen, dass Studenten, denen sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wird, regelmäßig ihre Rechte vorenthalten werden, dass sie bis zum Beweis ihrer Unschuld für schuldig betrachtet werden, dass ihnen anwaltliche Vertretung verwehrt wird und dass sie keine Beweismittel in eigener Sache vorlegen dürfen. Das Bürgerrechtsamt, die Aufsichtsbehörde der US-Regierung für die Umsetzung des Artikel IX (der Regelung, die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verbietet), hat vor Kurzem die Definition von sexueller Belästigung seitens der Universität von Montana gelobt; eine Definition, die dermaßen weit gefasst ist, dass sie sich auf verbale Äußerungen unabhängig davon erstreckt, was die Absicht dahinter war, oder ob sich überhaupt jemand angegriffen gefühlt hat. Das Bürgerrechtsamt hat dies als „Blaupause“ für andere Maßnahmen im ganzen Land bezeichnet.

Die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit vor gefährlichem oder anstößigem Material zu schützen, gilt heute als Grundkonsens. Schwedische Kinos nehmen bereits eine Filmbewertung zur Geschlechterrollendarstellung vor. In Großbritannien verhüllen Einzelhändler von sich aus die Titelblätter von Männermagazinen. Aktivisten haben gar schon die Entfernung von Zeitungen mit Oben-ohne-Fotos von Frauen sowie von Zeitschriften, die fragwürdige alternative Gesundheitsinformationen verbreiten, aus den Läden gefordert. Und normalerweise bekommen sie, was sie wollen, ohne jeden oder unter nur ganz geringem Widerstand.

In einem solchen Klima werden die Motive von Männern, insbesondere von weißen europäischen Männern, in zunehmendem Maß – von vornherein – äußerst misstrauisch beäugt. Männer können einfach keine soziale Autorität mehr verkörpern, wie sie es einst taten. Frauen mögen nicht exakt die gleiche Macht, das gleiche Prestige genießen wie in der Vergangenheit Männer, ihr Status erscheint aber automatisch in dem Maße höher zu sein, wie der alte ‚maskuline‘ Autoritätsstil im Schwinden begriffen ist.

Geschlecht und Autorität

Während der wechselnde Status von Männern und Frauen sich landauf, landab verbreitet, ist es nur zu leicht, die sich ändernden Geschicke der Männer irgendeinem natürlichen Makel der Männlichkeit zuzuschreiben, als wären wirtschaftliche Stagnation und Niedergang ein natürliches Phänomen, ganz wie der Komet, der die Erde traf und damit das Schicksal der Dinosaurier besiegelte. Gleichermaßen könnte man sich zu der Annahme verführen lassen, dass Frauen derzeit obenauf schwimmen, weil sie mit den heutigen Bedingungen besser zurechtkommen. Nichts von beidem trifft zu. Tragischerweise profitiert niemand vom Ende der Männer und den dazugehörigen Entwicklungen. Die Männer nicht, die Frauen nicht, und die Gesellschaft auch nicht. Was eine Statusangleichung von Männern und Frauen zu sein scheint, schwächt tatsächlich nur das menschliche Potential beider Seiten.

Für Männer bedeutet das nicht nur, dass sie keine Autorität mehr verkörpern; ihre Männlichkeit selbst ist zum eingebauten Problem geworden. Man macht sie für alles verantwortlich, von Gewalt und Vergewaltigung bis hin zur fehlenden Entwicklung Afrikas. Bestenfalls heißt es noch, Männlichkeit mache zu unflexibel, schlimmstenfalls bringt sie gefährliche Gefühlsroboter hervor, isoliert von sich selbst und einander, anfällig dafür, Frauen als Objekte zu betrachten, und stark zu sexueller Gewalt neigend. Männlichkeit gilt zunehmend als etwas, das man jungen Buben aberziehen muss: Man muss ihnen beibringen, nicht zu vergewaltigen. Dem gegenüber werden Frauen als von Natur aus schutzlos erachtet. Sie sind stets gefährdet, sei es durch Männer, die sie beim Rendezvous mit Hilfe von Alkohol vergewaltigen, sei es durch Bilder in Modemagazinen, die eine Essstörung hervorrufen.

„Feministen stehen an der Spitze der Attacken gegen die Errungenschaften der Aufklärung“

Solche Zerrbilder von Männern und Frauen zerstören die Basis für eine gleichberechtigte Partnerschaft und gemeinsame Zusammenarbeit. Wenn Männer als nutzlos oder gefährlich, und Frauen als von Männerprivilegien untergebuttert gelten, muss man sich nicht wundern, wenn die Ehe als diejenige Institution, innerhalb derer die lebenslange Partnerschaft von Mann und Frau stattfand, heutzutage mehr Ärger mit sich bringt, als es die Sache wert ist.

Die Einzigen, die von diesem Stand der Dinge zu profitieren scheinen, ist eine neue Generation der Zombie-Feministen. Wie der Name schon sagt, sind ihre Ideen weder neu noch originell – sie käuen im Wesentlichen groben akademischen „Gender-Feminismus“ wieder, wie er vor 30 Jahren populär war. Ihre Botschaft, dass in der Männlichkeit das Problem liege, bringt die Ambivalenz der kulturellen Elite gegenüber ihrer eigenen liberalen Vergangenheit zum Ausdruck. Es ist kein Zufall, wenn Feministen an der Spitze der Attacken gegen die historischen Errungenschaften der Aufklärung stehen, gegen die Meinungsfreiheit, gegen die Pressefreiheit und gegen die Rechte von Beschuldigten. Sie bleiben weitestgehend unwidersprochen, nicht etwa, weil sie die Mehrheit auf ihrer Seite hätten – tatsächlich zeigen Umfragen, dass sich viele Frauen aktiv von feministischen Aktivisten distanzieren –, sondern wohl deswegen, weil man nicht als „frauenfeindlich“ bezichtigt werden möchte.

Wenn die Frauen ihre neugewonnene Autorität nicht dazu nutzen, dem Verfall der Männlichkeit – und der humanistischen Tradition, die sie verkörpert – Einhalt zu gebieten, überlassen sie es letzten Endes den Maternalisten, die Männer vor sich selbst und die Frauen vor den Männern zu retten. In diesem Fall besser nicht Mutti fragen.

 

Dieser Artikel ist zuerst in der Novo-Printausgabe (#118 - II/2014) erschienen. Kaufen Sie ein Einzelheft oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.