19.02.2015

Tierschutz: Prügel und Prozente

Kommentar von Sabine Leopold

Auf dänischen Schlachttransporten wurden Schweine verprügelt. Das ist nichts, worüber man sich lustig machen sollte. Man sollte den Fall aber auch nicht gnadenlos aufbauschen. Sabine Leopold kritisiert das festgefahrene Weltbild der Gegner konventioneller Landwirtschaft.

Die taz – Deutschlands Tageszeitung für den unangepassten Linksintellektuellen mit Weltretterambitionen – befasst sich gelegentlich auch mit dem Thema Landwirtschaft. Dabei kommen dann Schlagzeilen zustande, auf die selbst die taz-Busenfeindin Bild stolz wäre: „Antibiotika in der Massentierhaltung: Nur mit Gasmaske in den Hühnerstall“ [1] oder auch „Pestizide in der Landwirtschaft: Todeszone Raps“ [2]. Anders als die vielgeschmähte Boulevard-Konkurrenz, die wenigstens gelegentlich auch mal Fachleute zu Agrarthemen zu Wort kommen lässt, steht die taz allerdings standhaft wie eine Trutzburg zu ihrem festgemauerten Landwirtschafts-Credo: Konventionell, technisiert und Tierhaltung = böse. Öko, kleinbäuerlich und viehlos = gut. Ist doch praktisch, so ein wohlsortiertes Weltbild.

In die Reihe der besonders „kreativ“ recherchierten Artikel fällt auch jener aus dem Frühjahr letzten Jahres: Unter der Überschrift „Prügelfleisch aus Dänemark: Schläge im Stall“ [3] erklärt Wirtschafts- und Umweltredakteur Jost Maurin (in der taz der „Experte“ für Agrarfragen): „Bei rund 7400 Schlachtschweinen wurden binnen drei Jahren Schlagverletzungen festgestellt. Gewalt gegen Nutztiere ist auch in Deutschland üblich.“ Aha.

Nun ist in der Tat jedes Schwein mit Prellungen und blutigen Schrammen eins zu viel. Aus der Aussage des Autors der dänischen Studie, Søren Saxmose Nielsen, „rund 200 dieser Fälle wurden von den Behörden bestätigt und sanktioniert“, könnte man zwar mit ein bisschen Sachverstand zum Thema Schweineverhalten durchaus schlussfolgern, dass viele der Verletzungen in Wirklichkeit aus Rangeleien zwischen den Tieren selber herrührten. Aber sei’s drum, schuldig bei Verdacht: Dänische Landwirte haben also in drei Jahren 7400 Schlachtschweine unakzeptabel grob auf einen Transporter verfrachtet. Das sind bei den rund 65 Millionen Schweineschlachtungen, die im betreffenden Zeitraum untersucht wurden, genau 0,011 Prozent aller begutachteten Tiere. Und wenn wir schon mal beim Zahlenwälzen sind: Laut dem Informationsnetz Landwirtschaftlicher Buchführungen (INLB) [4] liefert ein dänischer Mäster innerhalb von drei Jahren im Schnitt 14.000 Schweine an den Schlachthof. Es könnte also durchaus sein, dass unter tausenden von korrekten und tierfreundlichen Schweinehaltern nur ein oder zwei brutale Schläger waren (die man hoffentlich mit den erwähnten Sanktionen erwischt hat).

„Es gibt keine Belege, dass Gewalt gegen Nutztiere auch in Deutschland üblich ist.“

Und wie kommt der Autor auf die steile These, dass Gewalt gegen Nutztiere „auch in Deutschland üblich“ sei? Gibt’s dazu ebenfalls Zahlenmaterial? Nein. Macht aber nichts. Zitat taz: „Ähnliche Vorfälle sind aus Deutschland bislang nicht dokumentiert, erklärt die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch. Jedoch sei systematische Gewalt gegen Nutztiere auch in Deutschland an der Tagesordnung.“ Genau. Wird man ja wohl noch behaupten dürfen. Und damit’s irgendwie wissenschaftlich fundiert klingt, folgt noch eine Erklärung aus berufenem Hobbypsychologen-Mund: „‚Die Arbeit in der Tierindustrie und das berufsmäßige Töten von Tieren stellen für die Betroffenen eine starke psychische Belastung dar, die häufig zu gesteigerter Aggressivität führt [...]‘, sagt der Vorsitzende von Animal Rights Watch, Jürgen Foß.“ Foß, das nur fürs Protokoll, ist gelernter Kfz-Mechaniker und hat Physik studiert. Der richtige Mann fürs Tiefenpsychologische also. Aber für ein Urteil über die Arbeit von Landwirten reicht es ja bekanntermaßen aus, wenn man eine Kuh halbwegs sicher von einem Traktor unterscheiden kann.

Man stelle sich spaßeshalber Folgendes vor: Der Vorsitzende eines Aktionsbündnisses gegen Großfamilien erklärt angesichts der Tatsache, dass unter Millionen liebevoller Eltern ein winziger Prozentsatz seine Sprösslinge verprügelt, derlei Brutalität sei Alltag in deutschen Familien. Das käme daher, dass der tägliche Umgang mit Kindern asozial und grausam mache … Die hiesige Presselandschaft würde vor Gegendarstellungen überquellen! Und die taz würde eine Artikelserie über Familienfeindlichkeit in Deutschland starten.

Da drängt sich mir ein Verdacht auf: Ist es möglich, dass das tagtägliche Herumreiten auf einer Ideologie zu einer eingeschränkten Weltsicht und zu mangelnder Realitätsnähe führt? Sollte echt mal einer untersuchen …