27.06.2014

Talken übers Trinken

Kommentar von Christoph Lövenich

Kürzlich nahm sich die Talkshow Menschen bei Maischberger in der ARD des Themas Alkohol an. Christoph Lövenich kommentiert reißerische Aufhänger, fehlende Argumente für restriktive Regulierung und das fragwürdige Menschenbild der Alkoholfeinde

Anfang des Monats hatte die ARD-Talksendung Menschen bei Maischberger wieder ein Genussmittel ins Visier genommen. Unter dem Titel „Unsere liebste Alltagsdroge: Warum brauchen wir Alkohol?“ diskutierten Gäste über Alkoholismus und Alkoholregulierung.[1] Derartige Sendungen liefern meist die mediale Begleitmusik für bevorstehende neue Verbote und Einschränkungen, und die sensationsheischende Einleitung der Moderatorin ließ in dieser Hinsicht Arges befürchten: Ein Fußballnationalspieler, der betrunken in eine Hotellobby uriniert, Jan Ullrich, der unter Alkoholeinfluss einen Autounfall verursacht und eine WHO-Zahl über Alkoholtote. [2]

Derartige Stimmungsmache will den Eindruck erwecken, als seien solche Vorfälle geradezu typische Folgen des Alkoholkonsums. So saßen auch einige trockene Alkoholiker in der Maischberger-Runde – mit dem Ex-Fußballer Uli Borowka sogar jemand, der ebenfalls alkoholisiert die Kontrolle über sein Auto verlor. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen sind das eher Einzelfälle. Die breite Masse der Zuschauer vor den Empfangsgeräten, von denen mancher während der Sendezeit wohl auch das ein oder andere Glas Bier oder Wein zu sich genommen haben wird, kann sicher nicht von solchen Erfahrungen berichten.

„Ein größerer Denkfehler liegt aber darin, dass individuelle Verantwortung auf das Wirken einer Substanz geschoben wird.“

Die ungebührliche Blasenentleerung des Fußballers Großkreutz in einem Beherbungsbetrieb wiederum mag den ein oder anderen an eigene Dummheiten erinnern, die man nach einem Vollrausch begangen hat, und die zumeist (jedenfalls die anderen) eher zum Schmunzeln einladen. Die Begleichung des Sachschadens dürfte dem Sportmillionär kein Problem bereiten, und das Hotel wird dadurch eher mehr Interessierte anlocken. Im Gegenteil, angesichts des braven Saubermann-Images, das der DFB heutigen Profis verordnen will, wirkt solch eine nahezu rockstarartige Exzentrik geradewegs erfrischend.

Ein größerer Denkfehler liegt aber darin, dass individuelle Verantwortung auf das Wirken einer Substanz geschoben wird. Nicht die Schuld des Einzelnen an seinen Verfehlungen, hier Unfallverursachung oder Sachbeschädigung, steht im Mittelpunkt, sondern der ‚böse Alkohol‘ sei das Problem, als steuere er die Menschen fern. Das erinnert an die christlichen Frauenverbände, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den USA auf den Alkohol einprügelten, obwohl sie die häusliche Gewalt durch Männer meinten, das aber nicht laut auszusprechen wagten. Dadurch wurden aus Schlägern Opfer, keine Täter. Und generell aus Menschen, die Schaden anrichten, bemitleidenswerte hilflose Kreaturen statt selbstverantwortlicher Individuen, die man auf ihr Handeln ansprechen und zur Verantwortung ziehen kann.

„Sonst muss die kleine Minderheit der Extremtrinker gerne dafür herhalten, Restriktionen für die große Gesamtheit aller Alkoholtrinkenden zu propagieren.“

Die Sendung selbst verlief aber nach diesem Auftakt wenig prohibitionistisch. Erfahrungen von und mit Alkoholikern, Schwerpunkt dieser Ausgabe, wurden nicht in unzulässiger Weise mit alkoholpolitischen Forderungen vermischt. Sonst muss die kleine Minderheit der Extremtrinker gerne dafür herhalten, Restriktionen für die große Gesamtheit aller Alkoholtrinkenden zu propagieren. Ganz kurz wurde sogar angeschnitten, dass den Betroffenen staatliche Verbote nicht bei der Bewältigung ihres Schicksals geholfen hätten. Dieser Punkt gerät meist in Vergessenheit, wenn im Zusammenhang mit Alkohol- oder Spiel„süchtigen“ nach bevormundenden Gesetzen gerufen wird. Wenn ein bestimmtes Handeln so extreme Ausmaße annimmt, dass die Betroffenen, ihr berufliches und privates Umfeld darunter leiden, kann der Gesetzgeber dagegen nichts ausrichten. Es ist vielmehr Sache des beruflichen und privaten Umfelds, den Betroffenen nötigenfalls mit konsequenter Härte die Folgen seines Verhaltens spüren zu lassen, und an ihm selbst. Sich aus dem Elend zu erlösen, kann letztlich nur der Betroffene selbst (auch durch seine Entscheidung für Hilfsangebote) tun.

Freilich war der antialkoholische Aktivismus in der Sendung auch vertreten, in Person von Sebastian Frankenberger, Bundesvorsitzender der Kleinpartei ÖDP, vor einigen Jahren bekannt geworden als Frontfigur des erfolgreichen bayerischen Volksbegehrens für ein totales Rauchverbot in Gaststätten. [3] Im Einspieler zu seiner Person wurde er zum armen Opfer von Hausverboten in bayerischen Lokalen stilisiert statt als Totengräber der bayerischen Wirtshauskultur gewürdigt. Frankenberger ist nicht nur Antiraucher, sondern auch Alkoholabstinenzler und eingefleischter Vegetarier.

Seine Forderung nach höheren Alkoholsteuern wurde nicht diskutiert, sie würde auch keine millionenschweren Sportler vom Vollrausch oder Alkoholismus abhalten. Zur Nullpromillegrenze am Steuer verwies die anwesende Brauerin darauf, dass nur bei 1,7 Prozent der Verkehrsunfälle überhaupt Alkohol im Spiel sei. Dass die vom Psychiater, Theologen, Auftrittskünstler und Buchautor Manfred Lütz als „totalitär“ verurteilte Nullpromillegrenze in der Gästerunde nicht auf breite Zustimmung stieß, ließ den notorisch prohibitionsfreudigen Spiegel in einer Rezension der Sendung sogar gleich am „Verstand“ der Deutschen im Allgemeinen zweifeln. [4]

„Es erscheint aber weit hergeholt, ausgerechnet kommerzielle Werbung als Auslöser eines Trinkgelages heranzuziehen.“

Bei der Werberegulierung sah es etwas anders aus, sogar der ansonsten liberale Lütz verdächtigte die Produktreklame, Besäufnisse auszulösen. Es erscheint aber weit hergeholt, ausgerechnet kommerzielle Werbung als Auslöser eines Trinkgelages heranzuziehen. Positive wie negative Stimmung, das soziale Umfeld, die Atmosphäre, ein zu feiernder Anlass, Neugier bei Jugendlichen und vieles andere liegen da weit näher.

Auch wenn diese Maischberger-Sendung dem Regulierungseifer wenig Futter bot, bleiben Maßnahmen gegen den Alkohol und seine Konsumenten auf der politischen Agenda. Die Rolle der Massenmedien wird dabei weiterhin kritisch unter die Lupe zu nehmen sein.