02.01.2012

Stoppt die Paffaganda! Zigarettenverbote sind illiberal

Kommentar von Brendan O’Neill

Jeder, sogar der hartgesottenste Propagandist der Tabakindustrie, räumt heute ein, dass Rauchen für Menschen gesundheitsschädlich ist. Dennoch gibt es eine Reihe von Gründen, wieso die immer weiter greifenden Zigarettenverbote zutiefst illiberal sind.

Lediglich einem gerade erst auf der Erde gelandeten Marsianer wäre es nachzusehen, wenn er nicht wüsste, dass Zigaretten einen krank machen können. Der Rest von uns wird tagein, tagaus mit dieser Botschaft bombardiert: jedes Mal, wenn wir eine Zigarettenschachtel erblicken, geschmückt mit den Worten „RAUCHEN TÖTET“, oder ein Plakat des Gesundheitswesens, das die geschwärzten Lungen irgendeines unglückseligen Typen zeigt, der sich zu Tode gequalmt hat. [1]

Deutlich weniger Menschen nehmen in diesem Zusammenhang wahr, dass der Krieg gegen das Rauchen ebenfalls schlecht für die Gesundheit ist: Für unsere moralische, für unsere geistige Gesundheit. Während das Rauchen möglicherweise unsere Lungen ruiniert, hat die Anti-Raucher-Raserei die gleiche Wirkung auf unsere Seelen. Jawohl, das Rauchen kann uns zu vorzeitig gealterten Röchlern machen. Aber der Krieg gegen das böse Kraut, den sämtliche westlichen Demokratien führen, ist nicht viel besser: Es macht aus uns Kinder, Mündel des Staates, deren persönliche Angewohnheiten ständig überwacht und nötigenfalls eingeschränkt werden müssen.

Ich bin kein Marktschreier für Zigaretten. Einst habe ich zwanzig von den Mistdingern am Tag geraucht, doch damit habe ich im Februar 2006 aufgehört. Nun wird mir zwar nicht mehr von den Zigaretten schlecht, aber vom Krieg gegen sie. Antirauchermaßnahmen sind heutzutage ein zentrales Instrument, mit dem der Staat sein Verhältnis zum Individuum reorganisiert – zugunsten des Staates und seiner Kontrollgier, versteht sich.

Ende letzten Jahres haben fünf der größten Tabakfirmen in den USA rechtliche Schritte gegen die US-Regierung ergriffen. Durch den Zwang, auf ihren Produkten schauerliche Bilder kranker Menschen und sogar von Leichen anzubringen, beeinträchtige die Regierung ihr Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Tabakproduzenten haben recht. Viel Sympathie genießen die Tabakkonzerne heute zwar ohnehin nicht, aber stellen Sie sich einmal vor, eine Zeitschrift würde gezwungen, Regierungspropaganda auf ihrem Umschlag zu veröffentlichen, oder eine Müslipackung müsste mit dem Bild eines grinsenden Politikers versehen sein. So etwas würden wir sofort als Einmischung in die freie Meinungsäußerung erkennen. Warum bemerken wir es aber nicht, wenn eine Tabakfirma gezwungen wird, die regierungsamtliche Linie auf ihren Erzeugnissen zu propagieren?

Natürlich sind wir, die Öffentlichkeit, die Hauptzielgruppe der zunehmend krasser werdenden bildlichen Warnhinweise auf Zigarettenpackungen in der westlichen Welt. Wir, die wir für so dumm und selbstzerstörerisch gehalten werden, dass wir Fotos eines kranken Herzens oder eines missgebildeten Babys brauchen, um uns schlechte Gewohnheiten abzugewöhnen. Durch die Beschränkung der Zigarettenwerbung und Kolonisierung der Zigarettenschachteln schwingen sich Regierungen zu allmächtigen Beschützern der auf diese Weise als dämlich präsentierten Bürger auf. Und derselbe Instinkt lauert hinter dem Begehr, Einheitspackungen einzuführen. Von diesem Jahr an werden alle Zigaretten in Australien in olivgrünen Einheitspackungen verkauft, während Antiraucher-Missionare in Großbritannien die Auslage von Zigaretten in Läden verbieten wollen. Zigaretten sollen versteckt werden, ähnlich wie Pornomagazine und andere schmähliche Waren. [2]

Diese intolerante Verwüstung von Zigaretten-Anzeigen, Marken und gar Namen (Winfield und Benson & Hedges könnten bald schon zu Tabu-Begriffen werden, die – wie Voldemort – niemals in der Öffentlichkeit geäußert werden dürfen) ist Illiberalität im Doppelpack. Erstens greift sie das Recht der Firmen an, ihre Produkte als Marken zu vermarkten, und zweitens das Recht der Öffentlichkeit, selbst zu prüfen und zu entscheiden, was sie konsumieren will. Marx etwa würde sich im Grabe umdrehen. Er hielt das Brummen der Konsumgesellschaft, die Art und Weise, in der der Kapitalist „alle Mittel auf[sucht], um […] zum Konsum anzuspornen neue Reize seinen Waren zu geben“ für ein „wesentliches Zivilisationsmoment“.

Indem sie es Zigarettenherstellern verbieten, uns zum Konsum anzuspornen, indem sie ihren Waren durch Werbung und Markennamen „neue Reize“ verleihen, benehmen sich unsere Eliten äußerst unzivilisiert. Der Krieg gegen das Rauchen geht weit über den Versuch einer Beherrschung von Verkaufsflächen und Plakatwänden hinaus: Unsere Regierungen haben ihr Visier auf die Eroberung des öffentlichen Raumes an sich gerichtet. Als die westlichen Staaten in den 2000er Jahren allesamt anfingen, das Rauchen an öffentlichen Orten zu verbieten, wobei sie ihre Illiberalität mit dem brillanten Orwell’schen Konzept der „Förderung der Rauchfreiheit“ zu verbrämen wussten, da haben viele törichterweise geglaubt, mit Kneipen, Restaurants und Verkehrsmitteln würde es sein Bewenden haben. Doch nachdem sie einen Eindruck davon bekommen haben, wie leicht es ist, autoritäre Maßnahmen unter dem Deckmäntelchen des Gesundheitsschutzes durchzupeitschen, drängen Regierungen jetzt danach, das Rauchen nahezu überall zu verbieten.

Im letzten Jahr hat die Stadt New York es in allen öffentlichen Parks, auf Plätzen und an Stränden verboten, einschließlich solcher vormals locker demokratischer Treffpunkte wie dem Times Square und Central Park. Somit erweist sich die Behauptung, Rauchverbote in der Öffentlichkeit dienten dem Schutz der Nichtraucher vor sogenanntem Passivrauch, als Lüge; wie um Himmels Willen sollte das an einem so großen und luftigen Ort wie dem Central Park ein Problem sein?

In den USA und Australien sind einige Bundesstaaten mittlerweile dazu übergegangen, die Wahlfreiheit nicht nur an öffentlichen Orten, sondern auch in privaten Fahrzeugen wie eine Zigarette auszutreten: Von Oregon und Maine bis Queensland und Tasmanien ist es heute verboten, in Gegenwart von Kindern im Auto zu rauchen. In diesem Zusammenhang spielen die Mächtigen die Rolle von Ersatzeltern, die blöde Papas und dämliche Mamis beiseite stoßen, um sich selbst um die gefährdeten Kindlein zu kümmern. Auch gesundheitsbesessene Briten wollen das Rauchen in Fahrzeugen mit Kindern verbieten, da es, in den Worten des obersten Gesundheitsbeamten von Wales, „unfair wäre, die Kinder die Last von anderer Leute Gewohnheiten tragen zu lassen“.

Und was kommt dann nach dem Auto? Natürlich das eigene Heim. In Schottland kann man bereits gezwungen werden, mindestens eine Stunde vor dem Besuch eines Beamten in der eigenen Wohnung das Rauchen einzustellen, da diese Wohnung ja de facto zu dessen Arbeitsplatz wird. Ein Wohnblock in Sydney war vor Kurzem die erste Wohneinheit, in der das Rauchen im ganzen Gebäude verboten wurde. So führt man eine Art von Wohn-Apartheid ein: „Raucher sind hier unerwünscht.“ Und New York drückt gerade ein Rauchverbot für alle Wohnanlagen mit mindestens zehn Wohnungen durch. In einigen Teilen Großbritanniens und Australiens ist das Rauchen gar in psychiatrischen Kliniken verboten worden, in denen natürlich unter anderen viele Menschen leben, für die das Rauchen eine der wenigen Entspannungsmomente und Lebensfreuden ist. Welch grausame und unverhältnismäßige Bestrafung, ihnen das Rauchen zu verbieten. [3]

Diese Invasion in die Privatsphäre, durch die unsere persönliche kleine Welt den (jegliche Wahlfreiheit negierenden) Regeln und Richtlinien von Regierungsbütteln unterworfen wird, ist die logische Folge der Antiraucher-Hysterie. Und weil es so wenig Widerstand gegen die Rauchverbote gibt, drängt der Staat immer weiter, da er im Antiraucher-Kreuzzug eine Gelegenheit sieht, seine große Nase in Bereiche hineinzustecken, in der Staaten traditionell nichts zu suchen haben.

Im Namen der „Rauchfreiheit“ vergrößern autoritäre Regierungen und ihre Claqueure ihre Macht, schmälern die Freiheit des Einzelnen, benutzen Kinder als Waffen gegen ihre eigenen Eltern, verbreiten Afterwissenschaft über Passivrauch [4], und kolonisieren den öffentlichen Raum, Verkaufsflächen und das Privatleben.

Ich würde lieber ein einer verräucherten, aber freien Welt leben als in einer, in der Behörden auf solche Weise in unser Leben eindringen, ohne dass jemand mit der Wimper zuckt.