22.01.2013

Spirituell, aber nicht religiös?

Kommentar von Alan Miller

Spiritualität ist gerade Mega-In: Für Alan Miller, Direktor des New York Salon, ist die Phrase „Ich bin spirituell, aber nicht religiös“ bloß eine faule Ausrede dafür, sich nicht zwischen dem Glauben an Gott und dem Vertrauen in Aufklärung und Wissenschaft entscheiden zu müssen

Die immer öfter zu hörende Aussage „Ich bin spirituell, aber nicht religiös“ steht für einige der rückständigsten Entwicklungen der modernen Gesellschaft. Die Spirituell-aber-nicht-religiös-„Bewegung“ – ein im Grunde genommen unangemessener Begriff, da er in gewisser Weise so etwas wie eine kollektive Organisationsform suggeriert – wirft ein Schlaglicht auf die Implosion des Glaubens, die die westlichen Gesellschaften in ihrem Grundfesten erschüttert.

In den USA verstehen sich vor allem junge Menschen als „spirituell, aber nicht religiös“, obwohl eine aktuelle Studie zeigt, dass die Zahl derer, die an Gott glauben, nicht abnimmt. Offenbar entfernen sich aber immer mehr Menschen von den klassischen Institutionen. 

Es scheint so, als löse das bloße Mitwirken in einer religiösen Institution heute bereits Negativassoziationen aus – vom jüngsten Missbrauchsskandal bis zu den mittelalterlichen Kreuzzügen und natürlich dem heutigen Terrorismus.

Die heutigen Spirituellen-aber-nicht-Religiösen hausieren mit der Auffassung, wonach es ihre Ungebundenheit ist – also die selbstgetroffene Wahl ihrer „individuellen Beziehung“ zu einer Art „höheren Macht“, Energie, Quelle der Erleuchtung oder auch etwas gänzlich undefinierbaren – die eine tiefere und umfassendere spirituelle Beziehung ermöglicht als die Zwangsmitgliedschaft in einer großen Institution wie der Kirche.

Diese Haltung wird von einer mächtigen kulturellen Botschaft unterfüttert, die wir heute immer wieder zu hören bekommen; nämlich der, dass etwas zu „fühlen“ sowieso irgendwie viel reiner und unverfälschter, womöglich sogar „wahrer“ sei, als sich an überlieferte Glaubenssätze, Lehrmeinungen, Praktiken und Regeln althergebrachter Institutionen zu halten.

„Zentral für die Haltung der nichtreligiösen Spirituellen ist die mangelnde Bereitschaft, wirklich für etwas Position zu beziehen.“

Das Problem dabei: Leider liefert die Spirituell-aber-nicht-religiös-Haltung keinerlei positive Ansatzpunkte, Erklärungen oder Interpretationen für irgendwelche Glaubenssysteme oder Grundsätze: Was genau ist diese „spirituelle“ Identität als solche? Was wird praktiziert? An was wird geglaubt?

Diesem Vorwurf wird häufig damit entgegnet, dass bereits eine derartige Fragestellung auf ein verknöchertes Weltbild und eine leicht dogmatische und altmodische Haltung schließen lasse.

Aber wenn die zeitgenössische Mode für einen Überfluss an relativistischen „Wahrheiten“ steht und wenn die Frage, wie sich jemand „fühlt“, so einen zentralen Stellenwert gewonnen hat, dass sogar Regierungen in ihrem verzweifelten Versuch, die geistige Leere im Herzen der Zivilgesellschaft zu füllen, meinen, auf eine „Glücksagenda“ zurückgreifen zu müssen (Die Cameron-Regierung in Großbritannien mit einer „happiniess agenda“ – Anmerk. d. Üb.), dann wäre „altmodisch“ vielleicht ja gar kein so übler Vorwurf.

Tatsächlich konnte die neue Form der Spiritualität ohne Religion nur in unserem heutigen gesellschaftlichen Klima so gedeihen: Wir sind skeptisch gegenüber jeglichen großen Ideen, wir lehnen Disziplin ab und scheuen Herausforderungen. Dazu kommt eine allumfassende therapeutische Kultur, die uns lehrt, dass jedes Problem durch Achtsamkeit gegenüber meinem inneren, existentiellen Selbst schon irgendwie gelöst werden kann.

Jene die sich unserer multi-kulturellen, von multiplen Identitäten bestimmten Welt besonders zugehörig fühlen, identifizieren sich häufig durch die Wahl einer bunten Mischung von spirituellen Auswahl-und-Kombinationsmöglichkeiten.

Ein wenig Yoga hier, eine Zen-Idee dort, dann noch ein taoistisches Zitat und ein Kabbala-Kurs, ein wenig Sufismus und eventuell noch etwas Feng Shui, aber bitte grundsätzlich nicht das Lesen und verstehen der Bhagavad Gita, der Kamasutra oder des Koran, geschweige denn des Alten oder Neuen Testaments.

Man könnte sich jetzt fragen „Und, was soll’s“?

Das Christentum beispielsweise ist grundlegend in der westlichen Geschichte und Kultur verankert. Wie Harald Bloom in seinem Buch über die King James Bibel bemerkt: Alles – von den bildenden Künsten, zu Bach und unserem Überfluss an Literatur - wäre ohne dieses enorm wichtige Werk nicht möglich gewesen.

Tatsächlich führten beispielsweise das breite Interesse und das allgemeine Verlangen danach, die Bibel zu lesen, zu kennen und zu verstehen, dazu, dass immer mehr Menschen das Lesen lernten – ein wirklich radikaler Einschnitt mit enormen Konsequenzen für die Menschheit.

Auch steht die Spirituell-aber-nicht-religiösen-Bewegung für den Ich-Kult einer Generation, die nach der Vorstellung lebt, wonach Wahrheit immer das ist, „was mein Bauch mir sagt“. Große, geschichtlich gewachsene und fordernde Institutionen, die Verhaltensregeln aufstellen, konkrete Verhaltensweisen voraussetzen und strikte Anforderungen artikulieren, werden verworfen - allerdings ohne ein positives Gegenmodell zu präsentieren.

Sogar das Konzept der Sünde ging immer auch mit einer Vorstellung einher, was jemand zu tun hatte, um sich selbst weiter zu entwickeln und Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen.

Die spirituell-aber-nicht-religiös-Bewegung hingegen sieht den Menschen bloß als ein Wesen, das „schöne Erfahrungen“ sammeln und sich „besser fühlen“ möchte. Es geht hier nicht um große Veränderungen und nichts verweist auf eine Art von Projekt, das die Menschheit inspirieren oder verändern könnte.

Zentral für die Haltung der nichtreligiösen Spirituellen ist die mangelnde Bereitschaft, wirklich für etwas Position zu beziehen. Auch bedingt durch den Einfluss der modernen Naturwissenschaft gibt es eine weit verbreitete Abneigung, sich für eine lückenlose Entschlüsselung der Geheimnisse der Welt stark zu machen. 

Aber diese Menschen wollen und werden ihre Glauben an das Übernatürliche „irgendwo da draußen“ nicht aufgeben. Deshalb fühlen sie sich auch nicht wohl mit rationalen und materialistischen Erklärung der Welt, denen zufolge Menschen für sich selbst und andere verantwortlich sind – für ihre Handlungen und für ihre Zukunft.

Sie urteilen nicht, sie wissen nicht, ja sie versuchen es noch nicht mal. Bezieht endlich Stellung, sage ich Euch! Was ist das Richtige? Der Glaube an Gott oder das Vertrauen in die auf Wissen, Vernunft und Handeln basierenden Ideale der Aufklärung? Spirituell-aber-nicht-religiös zu sein, bewahrt einen letztlich nur vor anstrengendem Denken und davor, sich irgendwann einmal entscheiden zu müssen.