06.10.2021

Sozialer Klimawandel statt grauer Männer

Von Kai Rogusch

Das neue Bühnenprogramm von Matthias Heitmann entsperrt im Lichtspielhaus Ginsheim-Gustavsburg unseren mentalen Corona-Lockdown.

Am 19. September war es wieder einmal soweit: Der Frankfurter Journalist, Buchautor und Kabarettist Matthias Heitmann alias „FreiHeitmann“ präsentierte sein neues Bühnenprogramm „Entcoronialisiert Euch!“. Der forsche Klar- und Geradeausdenker trat hierbei im renovierten Lichtspielhaus Ginsheim auf, das selbst bei voller Publikumsbesetzung die Atmosphäre eines geräumigen Freiluftkinos atmet. Eine Location also, die prädestiniert ist für Heitmanns erfrischendes und humanistisches Antidepressivum für den Ausbruch aus düsteren Zeiten.

Anders als die coronakritischen Querdenker verliert sich FreiHeitmann nicht in fatalistischen Spekulationen über geheime Dunkelmächte um Klaus Schwab, der zusammen mit grauenhaften Männern die Weltherrschaft anstrebe. Doch auch Heitmann muss feststellen, dass die Anti-Corona-Maßnahmen wenigstens zeitweilig nicht nur das wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Leben ausgetrocknet, sondern auch das menschliche Streben nach Freiheit zu einem kriminellen Akt erklärt haben.

„Wir sind dabei, unsere Gesellschaft aus Angst vor dem Tod präventiv umzubringen“, stellt er im Rahmen seiner Auftritte unmissverständlich fest. Gesundheit existiere in unseren Zeiten kaum noch: Man rede stattdessen von unentdeckten Infektionen und symptomlosen Erkrankungen. Dabei gälten die sich gesund fühlenden Symptomlosen mittlerweile als die größte Gefahr. Anders als behauptet geht es laut Heitmann der Anti-Corona-Politik schon lange nicht mehr darum, Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung effektiv zu schützen. Denn ein solches Sicherheitsgefühl sei der „Todfeind der Angstpolitik“. Dies erkläre auch, warum die Menschen einerseits mit Warnungen überhäuft, andererseits aber dringend notwendige Warn-Infrastrukturen abgebaut oder aber nicht benutzt werden. 

„FreiHeitmann veranschaulicht in seinen Auftritten und Texten immer wieder die reale Chance auf einen ‚sozialen Klimawandel‘, der unser gesellschaftliches Leben neu beleben kann.“

„Wir leiden am Locked-in-Syndrom: Wir schließen uns ein und verbieten uns gegenseitig den Mund, und das bei vollem Bewusstsein.“ Gleichzeitig lasse sich in der Gesellschaft aber auch ein „Stockholm-Syndrom“ feststellen, bei dem Opfer von Entführungen Sympathien mit ihren Kidnappern entwickeln. Dieses Zusammentreffen nennt Heitmann „Lockholm-Syndrom“ und weist auf den Umstand hin, dass wir uns mit unserem freiheitsfeindlichen Präventionsdenken, das auch den Fluss freier Meinungen austrocknet, in eine scheinbar ausweglose Sackgasse manövriert haben. Dass aber der Ausbruch aus diesem mentalen Lockdown dennoch möglich ist, zeigen die abwechslungsreichen, kritischen und zugleich optimistischen Denkanstöße, die das Publikum zum Selbstdenken anstacheln. 

FreiHeitmann veranschaulicht in seinen Auftritten und Texten immer wieder die reale Chance auf einen „sozialen Klimawandel“, der unser gesellschaftliches Leben neu beleben kann. Dabei lockert er seine Darbietungen und Vorträge, in denen es im Übrigen nicht nur um Corona geht, mit teils slapstickartigen und multimedial präsentierten Gedichten, Poetry-Slams, Liedern und Gesangseinlagen auf. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Das Resümee des kurzweiligen und an Überraschungen reichen Abends lautet jedenfalls: „Gegen Veränderungsangst gibt es keinen Impfstoff. Aus der kindischen Kultur der Angst können wir nur ausbrechen, wenn wir wieder anfangen, uns unsere Freiheiten aktiv zu nehmen.“

Weitere Informationen und Termine finden Sie auf www.freiheitmann.com sowie auf www.zeitgeisterjagd.de.