18.06.2013

Skeptizismus: Nicht Sünde, sondern Pflicht

Von Brendan O’Neill

Der Skeptizismus ist eine Grundlage des modernen Denkens. Wir sollten ihn als festen Bestandteil des öffentlichen Lebens verteidigen. Aber heute droht das Wort Skeptiker zu einem Schimpfwort zu werden, meint Brendan O’Neill, Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked.

Können Sie sich noch an jene Zeiten erinnern, in denen Skeptisch-Sein als gut galt? Als das Aufstechen ideologischer Blasen und das Stellen unangenehmer Fragen zu überlieferten Denkweisen als ehrbarer Zeitvertreib angesehen wurden? Als Zweifeln und gründliches Hinterfragen für ernsthaftes intellektuelles Streben gehalten wurden?

Nostalgie für vergangene Zeiten

So groß war die Liebe zum Skeptizismus in vergangenen Zeiten, dass der im 19. Jahrhundert lebende englische Biologe Thomas Henry Huxley ihn problemlos als „die wichtigste aller Pflichten“ und den blinden Glauben, das Gegenteil des Skeptizismus, als „die unverzeihliche Sünde“ bezeichnen konnte. John Stuart Mill, Huxleys Kollege und ein schmerzender Dorn im Auge von Anti-Liberalen allerorts sagte, dass die Menschheit die Pflicht habe, skeptisch zu sein, weil nur die „vollkommene Freiheit (der allgemein geltenden Meinung) zu widersprechen und (die allgemein geltende Meinung) abzulehnen“ uns näher an die Wahrheit heranführen könne. Diese Tage sind lange vorbei. Jetzt ist Skeptizismus ein Schimpfwort. Jemanden als Skeptiker zu bezeichnen, ist nicht mehr als Auszeichnung, sondern eher als Bezeichnung für diejenigen zu verstehen, die töricht genug sind, Experten, vor allem Klimatologen, in Frage zu stellen. Das S-Wort kommt der heutigen Gesellschaft mit einem süffisanten Lächeln über die Lippen und ist damit weit davon entfernt, als „die höchste aller Pflichten“ zu gelten. Es lässt sich kaum noch von einem anderen, ähnlich klingenden S-Wort unterscheiden, „septisch“: Beide bedeuten krank, infiziert, potenziell gefährlich. Ein Beispiel für die modische Ablehnung des Skeptizismus ist eine von Prinz Charles gegen die Klimaskeptiker gerichtete Bemerkung. Er sagte, das Volk habe mit seinem lästigen Zweifel an der Klimaforschung schamlos dazu beigetragen, den Planeten in einen „sterbenden Patienten“ zu verwandeln. Er fand dabei Zuspruch von Lord Stern, dem Autor eines Berichtes über die Ökonomie des Klimawandels. Er beschrieb Klimaskeptiker als „Mächte der Finsternis“.

„Die Gleichstellung von Skeptizismus mit Teufelswerk nimmt die Bezeichnung der Skeptiker als ‚Mächte der Finsternis‘ vorweg.“

Wahnsinn. Was für eine beeindruckende Kehrtwende weg vom Verständnis des Skeptizismus im 19. Jahrhundert. Damals wurde er noch für ein Mittel gehalten, das die öffentliche Debatte durch Abschütteln der Fäulnis von den Gehirnen der Menschen aufklären und beleben konnte. Die Tatsache, dass eine komplett neue Generation in dem Glauben aufwachsen wird, dass Skeptizismus ein boshaftes, hinterhältiges, dem Planeten schadendes Streben darstellt, ist das Resultat der weiten Verbreitung des Begriffs „Klimaskeptiker“. In den Worten des Ethikexperten der BBC, Justin Rowlatt: „Das Wort Skeptiker läuft Gefahr, zu einer Beleidigung zu werden“ – was unpassend sei, da Skepsis „tatsächlich ein gesunder Instinkt“ wäre. Die Verwandlung des Wortes „Skeptiker“ in ein Schimpfwort, das denjenigen an den Kopf geworfen wird, die gewisse etablierte Weisheiten oder Expertise hinterfragen, geht aus der vormodernen Einstellung gegenüber dem Skeptizismus hervor. „Skeptiker“ ist schon einmal eine Beleidigung gewesen – in den frühen Jahren der Aufklärung, als einige (meist religiöse) öffentliche Persönlichkeiten in Panik gerieten bei der Vorstellung, die Menschen könnten zu kritisch werden und die Autorität in Frage stellen. So wird dem Skeptizismus in Gangreana, einem Werk aus dem 17. Jahrhundert über die vermeintlichen Gefahren der Ketzerei, nachgesagt, zur „Laxheit des Lebens“ zu führen. Ein Pamphlet aus dem Jahre 1707 mit dem Titel Two Treatises on the Christian Priesterhood beschreibt Ketzer als diejenigen, deren „Gedanken von Skepsis und vom Teufel beherrscht“ werden. Diese Gleichstellung von Skeptizismus mit Teufelswerk nimmt die Bezeichnung der Skeptiker als „Mächte der Finsternis“ durch Lord Stern bereits vorweg. Bis in die Moderne hinein setzte sich die Tendenz, den Skeptizismus als gefährlich darzustellen, in den konservativen Schichten der Gesellschaft durch. Ein religiöser Schriftsteller behauptete zum Beispiel im 18. Jahrhundert, dass „man giftige Luft atmet, wenn man den Argumenten eines Skeptikers Gehör schenkt“, als Huxley, Mill und andere den Skeptizismus tapfer als Quelle der Vernunft priesen. Die Verteufelung des Skeptizismus ist im 21. Jahrhundert mit aller Gewalt zurückgekehrt. Allerdings haben heute sogar diejenigen, die sich selbstbewusst als „Skeptiker“ bezeichnen, ein Problem mit Skeptizismus, der zu weit geht. So geben sich die Richard Dawkins liebenden und wissenschaftspreisenden „Neuen Atheisten“ zwar gerne als überaus skeptisch, aber dennoch werden sie alle in der Luft zerreißen, die den Klimawandel oder Expertenwissen im Allgemeinen in Frage stellen. Der ehemalige Fernsehmoderator Johnny Ball wurde bei einem Treffen von „Skeptikern“ ausgebuht, weil er die Klimaforschung verspottete. Außerdem kann jeder, der sich unabhängig vom Thema über die populärsten Vertreter der Trend-Skeptiker – vom Darwinismus bis zur Drogenpolitik lustig macht – davon ausgehen, als begriffsstutzig, kindisch, gar gefährlich bezeichnet zu werden – eben als eine unaufgeklärte „Macht der Finsternis“. Dieser traurige Abklatsch von Skeptikern versteht die wissenschaftliche Autorität genauso wie die früheren Kritiker der Skeptiker die religiöse Autorität verstanden haben – als unantastbar.

Wohin mit dem Skeptizismus in der Zukunft?

Jeder Mensch, der etwas auf seine kritische Gesinnung hält, sollte jedoch über den Scharfsinn des wahren und aufgeschlossenen Skeptizismus verfügen. Und er sollte vor allem gegen die Ideen und Weisheiten eingesetzt werden, die die Autorität stützen und von denen uns gesagt wird, dass wir nicht in ihnen herumstochern oder in sie hineinstechen dürfen. Durch Skeptizismus können wir uns am besten davor schützen, wenn uns einfältige Ideen, fadenscheinige Ideologien und abgeschmackte Gemeinplätze als gesunder Menschenverstand verkauft werden sollen. Er hinterfragt alles – vor allem das, von dem man uns sagt, dass es nicht in Frage gestellt werden darf.