10.04.2017

Sind ältere Gesellschaften weniger dynamisch?

Essay von Hansjörg Walther

Titelbild

Foto: RitaE via Pixabay / CC0

Deutschland altert. Viele glauben, dass das Land dadurch an Dynamik verliere. Ist das wirklich der Fall?

Mehr noch als die Frage, ob und wie die Renten demnächst bezahlt werden, treibt viele bei der demographischen Veränderung eine düstere Vision um. Eine Gesellschaft durchläuft danach einen Lebenszyklus wie der einzelne Mensch: Nach einer ungestümen Jugend voller Tatendrang erreicht sie ihre besten Jahre und schwingt sich zu Höchstleistungen auf. Doch dann folgt ein langsamer Abstieg, Verfall und schließlich der Tod. Deutschland sei dabei schon längst auf dem absteigenden Ast, wie etwa der Spiegel 2011 diagnostizierte: „Vergreisung: Deutschland ist das Altenheim der EU“. 1

Solche morbiden Phantasien sind nichts Neues – gerade in Deutschland, mal geschichtsphilosophisch aufbereitet in Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“, mal bürokratisch in Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Ginge es ab jetzt nur noch um Sterbebegleitung, so könnte man vielleicht ein Hospiz für das Land empfehlen. Doch das würde wohl als frivol abgetan werden. Denn während wir vergreisen, warten dynamische Gesellschaften nur darauf, „das Recht der jungen Völker“ zu reklamieren, wie der Konservative Arthur Moeller van den Bruck seine Kritik des Versailler Vertrags 1919 betitelte. Ihnen muss das Altenheim Deutschland weichen. Und das wird kein friedliches Einschlafen sein.

„Gesellschaftliches Altern ist der Intuition nur schwer zugänglich“

Wer einmal auf diese Weise individuelles mit gesellschaftlichem Altern identifiziert hat, der kommt davon nicht so leicht los. Schließlich sind für ihn „Erkenntnisse“ spielend möglich, die sonst unerreichbar wären. Was individuelles Altern bedeutet, kann jeder aus seiner Anschauung ermessen. Gesellschaftliches Altern ist hingegen der Intuition nur schwer zugänglich. Hier muss gerechnet werden. Wer also die Abkürzung über die Analogie gefunden hat, der spart sich viel Zeit und Arbeit. Tiefe Einsichten fliegen ihm zu. Nur sind die meisten von ihnen falsch.

Individuelles Altern

Wir werden mit null Jahren geboren und leben von da an, wenn es gut geht, hundert und mehr Jahre. Unaufhörlich schreitet das Alter voran, oder wie man auf Italienisch seufzend sagt: „Ogni anno ne passa uno“ (jedes Jahr geht eins vorbei). Es ist kein Geheimnis, dass die Findigkeit und Leistungsfähigkeit über das Leben zunächst ansteigt, ab einem gewissen Punkt aber auch wieder abnimmt.

In einer Untersuchung, in welchem Alter Nobelpreisträger und große Erfinder ihre Leistungen vollbracht haben, ergab sich die Verteilung in der Grafik (Abbildung 1) mit einer Spitze bei knapp 40 Jahren. 2 Eine ähnliche Beziehung findet sich auch für erfolgreiche Unternehmensgründer mit einem Mittelwert von 40 Jahren. 3 Für das Alter, in dem Patente angemeldet werden, liegt der Wert im Mittel bei 39,5 Jahren in Japan, 45,4 Jahren in Europa und 47,2 Jahren in den USA. 4

Abbildung 1: Altersverteilung von großen Erfindern und Nobelpreisträgern (Quelle: The
Review of Economics and Statistics 1 /2010. S. 2.)

Das Medianalter hierzulande – die Hälfte der Bevölkerung ist jünger, die andere Hälfte älter – beträgt gegenwärtig 46,5 Jahre. Deutschland ist damit knapp vor Japan das älteste Land der Welt, wenn man einmal von der untypischen Situation in Monaco mit 51,1 Jahren absieht. Es wird erwartet, dass das Medianalter über die nächsten Jahrzehnte auf 50 und mehr Jahre ansteigen wird. Per Analogieschluss kann man nun sehr leicht – aber falsch! – aus der obigen Grafik schließen, dass Deutschland seinen Zenit schon längst durchschritten hat. Mit 50 Jahren ist gegenüber der jüngeren Konkurrenz nur noch die Hälfte der Leistungen zu erwarten. Und wenn Deutschland dann noch weiter altert, müssen wissenschaftliche und technische Höchstleistungen beinahe ganz abgeschrieben werden.

Gesellschaftliches Altern

Eigentlich bräuchte man ein anderes Wort, um der Verwirrung von gesellschaftlichem mit individuellem Altern vorzubeugen; denn beide haben nur wenig miteinander zu tun. So kann das Medianalter einer Gesellschaft selbst unter extremen Annahmen kaum je unter 15 Jahre fallen. Und auch auf der anderen Seite ist bei nicht zu abwegigen Annahmen bei etwas mehr als 50 Jahren einfach Schluss. Es ist gar nicht möglich, dass die deutsche Gesellschaft noch viel älter wird und dann kollektiv im Altenheim landet. Noch weniger ist eine „Vergreisung“ der Gesellschaft im wörtlichen Sinne auch nur denkbar, solange es überhaupt noch ein paar Kinder gibt.

„Das Medianalter einer Gesellschaft ergibt sich aus den Gewichtungen in der Altersstruktur“

Eine Gesellschaft ist einfach kein einzelner Mensch. Sie umfasst immer alle Jahrgänge, und das Medianalter ergibt sich aus den Gewichtungen in der Altersstruktur, nicht durch eine Verschiebung auf der Zeitachse. Die Gewichtungen werden dabei von drei Größen bestimmt: der Sterblichkeit, der Fertilität, das heißt der Anzahl Kinder pro Frau über ihr Leben, sowie der Zu- und Abwanderung. Nicht allein der heutige Stand spielt dabei eine Rolle, sondern auch die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten wirken nach. Das macht eine Rechnung unerlässlich, niemand vermag das alles im Kopf zu jonglieren. Dennoch kann man einen intuitiven Zugang finden, wenn man sich auf die hauptsächliche Einflussgröße konzentriert: die Fertilität.

Die anderen Größen sind dabei nicht belanglos, nur von geringerer Bedeutung. Eine sinkende Sterblichkeit führt zu stärkeren Jahrgängen im höheren Alter. Da diese aber nur einen kleinen Anteil an der Bevölkerung stellen, ist die Gesamtwirkung begrenzt. Die Fertilität bewirkt hingegen auf Dauer Veränderungen in allen Jahrgängen. Ähnlich wirkt auch Einwanderung, die man als eine Art rückwirkende Erhöhung der Fertilität ansehen kann. Nur erscheinen die „Kinder“ dabei erst in der Statistik, wenn sie einwandern, durchschnittlich in einem Alter von 25 Jahren. Die Nachwirkungen der Vergangenheit spielen auf Dauer keine Rolle. Man kann sich deshalb auf den langfristigen Endzustand bei einer gewissen Fertilität konzentrieren, bei fester Sterblichkeit, ohne Ein- und Auswanderung und nach Abklingen zeitweiliger Effekte.

Auswirkung der Fertilität

In der Grafik (Abbildung 2) sind die Anteile der einzelnen Jahrgänge an der Gesamtbevölkerung – die eine Hälfte einer auf die Seite gelegten „Bevölkerungspyramide“ – dargestellt für drei Fälle:

  1. eine stabile Bevölkerung bei einer Fertilität von etwa 2,1 (durchgezogene Linie),
  2. Bevölkerungswachstum von einem Prozent pro Jahr bei einer Fertilität von etwa 2,8 (gestrichelte Linie)
  3. Bevölkerungsschrumpfung von einem Prozent bei einer Fertilität von knapp 1,6 (Linie mit Strich-Punkten).

Abbildung 2: Anteile der Jahrgänge an der Gesamtbevölkerung (Quelle: Grafik des Autors)

Der dritte Fall entspricht in etwa der Lage in Deutschland, der zweite ganz grob der Lage weltweit.

Die Form der Kurven ist erst einmal vielleicht nicht einsichtig, lässt sich aber wie folgt verstehen. Im Fall der stabilen Bevölkerung werden jedes Jahr genauso viele Kinder im nullten Jahrgang geboren, wie im Rest der Bevölkerung sterben. Jedes Jahr folgt ein weiterer gleich großer Jahrgang und der vorherige wandert weiter, wobei er mit der Sterblichkeit langsam schrumpft, zunächst sehr langsam, später schneller.

Für die wachsende Bevölkerung kommt jedes Jahr ein um ein Prozent größerer Jahrgang nach. Die älteren Jahrgänge schrumpfen deshalb aus zwei Gründen: einmal wegen der Sterblichkeit, die sich allerdings erst im höheren Alter wirklich bemerkbar macht, hauptsächlich aber deswegen, weil die älteren Jahrgänge noch zu einer kleineren Bevölkerung gehören. Umgekehrt ist es für die schrumpfende Bevölkerung, bei der die älteren Jahrgänge noch von einer größeren Bevölkerung herstammen. Sie wachsen deshalb zunächst an, bevor die Sterblichkeit diesen Anstieg letztlich doch unterdrückt. Für das Medianalter ergeben sich in den drei Fällen große Veränderungen, von 32 Jahren für die wachsende über 41 Jahre für die stabile bis hin zu 50 Jahren für die schrumpfende Bevölkerung. Doch wie dramatisch ist eine solche Veränderung für eine Gesellschaft und ihre Dynamik?

Auf die Mitte kommt es an
Ein Blick auf die Tabelle (Abbildung 3) zeigt, dass sich die Unterschiede zwischen den drei Fällen hauptsächlich an den beiden Enden des Altersspektrums ergeben. Die Kurven drehen sich fast genau um einen Punkt etwas oberhalb von 40 Jahren. Und hinzu kommt noch, dass sich die Bewegungen auf den beiden Seiten weitgehend ausgleichen: „Mehr Alte“ bedeutet „weniger Junge“ und umgekehrt. In der Mitte bleibt hingegen praktisch alles gleich. Damit kommt es im Wesentlichen zu Verschiebungen, wo sie am wenigsten Bedeutung haben: Senioren spielen für die Dynamik der Gesellschaft nur eine geringe Rolle, Kinder überhaupt keine.

  Schrumpfend Stabil Wachsend
Wachstum -1 % 0 % 1 %
Median Gesamt 50 41 32
Median 20 – 67 45 43 40
Anteil 20 – 67 56 % 56 % 53 %
Anteil 20 – 43 25 % 28 % 30 %
Anteil 43 – 67 31 % 28 % 23 %
Anteil 30 – 50 23 % 24 % 24 %

Abbildung 3: Anteil verschiedener Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung bei schrumpfenden, stabilen und wachsenden Gesellschaften. Grafik des Autors.

„Kann eine ältere Gesellschaft dynamischer sein als eine jüngere?“

Der relevante Teil ist die Bevölkerung im Erwerbsalter von etwa 20 bis 67 Jahren. Wegen der ausgleichenden Effekte auf beiden Seiten des Drehpunktes bleibt ihr Gewicht mit gut 50 Prozent fast völlig unberührt von der Veränderung der Fertilität und damit des Medianalters (siehe Abbildung 2). Wie wenig sich in der Mitte tut, kann man am Medianalter nur für die 20- bis 67-Jährigen ermessen. Dieses schwankt bloß um gut zwei Jahre zwischen benachbarten Fällen, nicht um neun Jahre wie für die gesamte Bevölkerung. Die Veränderung resultiert dabei aus mäßigen Verschiebungen von denen im Alter von 20 bis 43 Jahren zu denen von 43 bis 67 Jahren. Der Anteil derjenigen im Alter von 30 bis 50 Jahren bleibt dabei fast völlig gleich. Aber das ist gerade die Altersklasse, die den größten Beitrag zu wissenschaftlichen Höchstleistungen, Erfindungen, Unternehmensgründungen und Patenten leistet.

Die mäßige Verschiebung von den Unter-30-Jährigen und den Über-50-Jährigen bedeutet außerdem nur, dass man einen kleinen Teil von denen, die ihren Zenit noch nicht erreicht haben, durch solche ersetzt, die ihn schon hinter sich haben. Beide haben aber in etwa denselben Stand, womit sich das Mehr und Minder in seiner Auswirkung weitgehend aufhebt. Bedenkt man noch, dass die Senioren zwar nicht mehr viel beitragen, aber doch mehr als die Kinder, so sollte man sogar vermuten, dass eine ältere Gesellschaft ein wenig dynamischer als eine jüngere sein könnte. Die Unterschiede dürften aber in jedem Fall gering sein. Und das alles trotz der eindrucksvollen Umschwünge beim Medianalter für die gesamte Gesellschaft!

Innovation und Medianalter

Machen wir die Probe aufs Exempel. Gemeinsam schätzten 2009 die Boston Consulting Group und die National Association of Manufacturers die Innovationskraft von Ländern weltweit ein. Verdichtet wurden die Ergebnisse in eine Kennzahl, den „International Innovation Index“. In der beigefügten Grafik (Abbildung 4) sind die Ergebnisse für die großen Länder gegen das Medianalter nach dem „CIA World Factbook“ aufgetragen. 5 Der Zusammenhang ist klar positiv: Je höher das Medianalter, desto höher fällt der Innovationsindex aus. Die beiden Punkte ganz rechts sind dabei oben Japan und unten Deutschland, der Spitzenwert geht an Südkorea und auf etwa gleicher Höhe wie Japan liegen weiter links die USA.

Abbildung 3: Daten nach dem CIA World Factbook. Grafik des Autors.

Allerdings kann man hier zwei Gruppen von Ländern unterscheiden, die oben rechts und die unten links. Bei letzteren handelt es sich um solche, die erst zu den entwickelten Ländern aufschließen, wie etwa Indien, Brasilien, Mexiko oder die Türkei. Die entwickelten Länder bilden die andere Gruppe.

Man könnte nun nur die entwickelten Länder betrachten wollen, die vielleicht auch in anderen Hinsichten vergleichbarer sind. Tut man dies, so ergibt sich eine minimal negative Steigung. Allerdings ist das Resultat statistisch insignifikant, also nicht von zufälligen Schwankungen zu unterscheiden. Ganz ähnliche Schlussfolgerungen erhält man auch für andere Maßzahlen, wie etwa den „Bloomberg Innovation Index“ oder das „Innovation Union Scoreboard“ der Europäischen Kommission von 2014. Bei letzterem wurden die im Schnitt besonders alten Länder Schweden, Dänemark, Finnland und Deutschland als die Innovationsführer in Europa eingestuft. Die Auswertung mag man anfechten. Doch eines erscheint recht offensichtlich: Anzeichen für einen rapiden Absturz von Ländern wie Deutschland oder Japan lassen sich daraus kaum gewinnen.

Die große Divergenz des Medianalters

Es gibt noch einen anderen Grund, warum man skeptisch sein kann, ob ein höheres Medianalter zu geringerer Dynamik führt. Die Gesellschaften in den entwickelten Ländern altern nicht seit kurzem. Vielmehr steigt das Medianalter schon seit 150 Jahren und mehr, zunächst langsam, ab dem 20. Jahrhundert dann schneller. Vor dem Jahr 1800 hatten alle Länder seit ewigen Zeiten ein Medianalter von etwa 18 Jahren, ebenso wie es auch heute noch viele Länder vor allem in Afrika haben.

„Wenn überhaupt sollte man einen positiven Zusammenhang zwischen dem Alter einer Gesellschaft und ihrer Dynamik erwarten“

Das führt sofort zu einer Schwierigkeit für jede Behauptung, dass mit steigendem Alter einer Gesellschaft deren Dynamik abnimmt. Wenn das so wäre, dann hätten es die Länder richtig gemacht, die heute noch ein Medianalter von 18 Jahren haben. Die entwickelten Länder hingegen wären bereits im 19. Jahrhundert und noch mehr im 20. Jahrhundert gegen sie zurückgefallen. Doch tatsächlich kam es parallel zur Alterung der Gesellschaften zur „großen Divergenz“, bei der es in den entwickelten Ländern zu einer Beschleunigung in allen Lebensbereichen kam, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Man müsste also schlicht die ganze Wirtschaftsgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte auf den Kopf stellen, um sie mit der Hypothese in Einklang zu bringen. Wenn überhaupt sollte man einen positiven Zusammenhang zwischen dem Alter einer Gesellschaft und ihrer Dynamik erwarten.

Man könnte die Hypothese natürlich so zu retten versuchen: Zwar mag es über eine lange Zeit vielleicht einen positiven Zusammenhang gegeben haben, aber das ändert sich nun. Nicht selten wird etwa die gesellschaftliche Alterung als Erklärung für ein langsameres Wachstum seit den 1970er-Jahren oder die schleppende Entwicklung in Japan seit den 1990er-Jahren angeführt. Doch warum sollte es einen solchen Bruch geben? Mit einer langsam steigenden Größe wie dem Medianalter ist das nur schwer zu erklären.

Vielleicht gibt es einen Schwellwert, ab dem sich die Wirkung der Alterung umkehrt? Doch verwechselt man da nicht wieder individuelles mit gesellschaftlichem Altern? Die vor allem wichtige Altersgruppe von 30 bis 50 Jahren bleibt ja fast gleich stark. Leichte Verschiebungen von den etwas Jüngeren zu den etwa Älteren müssen in der Vergangenheit über eine lange Zeit positiv gewirkt haben. Wieso jetzt nicht mehr und sogar umgekehrt? Und seit wann sind Volkswirtschaften geschlossene Handelsstaaten, die nur im eigenen Saft schmoren können? Würden sich nicht eine etwas jüngere und eine etwas ältere Altersstruktur in verschiedenen Ländern ergänzen, sodass beide Seiten davon durch Handel mit einer größeren Dynamik profitieren könnten?

Fazit

Zum Schluss soll noch verraten werden, wen Arthur Moeller van den Bruck vor 100 Jahren für die dynamischen Völker hielt. Das waren die Deutschen, denen bloß die noch jüngeren Russen den Rang ablaufen könnten. Dem Untergang geweiht seien hingegen vor allem die Franzosen, die mit ihrer seit langem niedrigen Fertilität keine Zukunft hätten. Die Franzosen sind aber immer noch da und werden nun als Vorbild für die Deutschen hochgehalten. Wer weiß, wie es in 100 Jahren sein wird?