03.07.2013

Sexualisierung: Leben in der Pornowelt

Von Brendan O’Neill

Sex ist in unserer Kultur omnipräsent. Jeder hat Zugang zur „pornofizierten“ Welt, auch Kinder. Kampagnen sollen den Zugang zu Sexbildern im Internet erschweren. Doch das Problem liegt woanders, findet Brendan O’Neill, Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked.

Versinken unsere Kinder und die ganze britische Gesellschaft in der Pornografie? Claire Perry, Abgeordnete der britischen Konservativen, bejaht diese Frage. Sie ist die Beraterin des Premierminister Cameron Brown in Fragen der „Prävention von Sexualisierung und Kommerzialisierung der Kindheit“. Im vergangenen Jahr machte Perry mit ihren Kampagnen [1] von sich reden, mit denen sie den Zugang britischer Kinder zur grenzenlosen Freizügigkeit unterbinden wollte, sei es nun die Internetpornografie oder die halbnackte Rihanna im Fernsehen. Anti-konservative Stimmen halten die Befürchtung einer zügellosen Sexualisierung oder Pornofizierung dagegen für überflüssig. Sie glauben, weder Kinder noch die Gesellschaft im Allgemeinen würden durch freizügige Bilder oder anstößige Liedtexte verdorben. In dem Kreuzzug der Konservativen gegen die Sexualisierung sehen sie lediglich einen Versuch zur „Verleumdung liberaler Wertvorstellungen“.

Aber wer hat nun die richtige Haltung zur Pornofizierung? Die Panikmacher oder die Abwiegler mit ihrem Aufruf zu mehr Gelassenheit? Keiner von beiden. Die „Sexualisierung“ ist ein Problem. In unserer Kultur ist Sex in Film und Fernsehen generell allgegenwärtig. Man muss nicht verklemmt und prüde sein, um es besorgniserregend zu finden, wenn siebenjährige Mädchen mit Erdnussflips vor dem Fernseher sitzen und Lady Gaga zusehen, wie sie ihre Hintergrundsänger auspeitscht. Aber die Ursachen der so genannten „Pornofizierung“ der Gesellschaft sind weder die Schattenseiten des Internet, MTV, Rihannas Stringtanga oder die anderen Dinge, an denen konservative Tugendwächter Anstoß nehmen. Sie ist das Resultat eines fundamentalen sozialen Wandels, der sich vor allem in der zunehmenden Verunglimpfung von Intimität und Romantik zeigt, und der letztlich zu einer unaufhaltsamen Fetischisierung von Sex geführt hat.

Heute kennt scheinbar jeder eine Anekdote zur Pornofizierung der Kultur. Bei mir ist es die acht Jahre alte Nichte, die heute genauso unbeschwert singt „I love it when you get up on me“ (Rihanna), wie ich mit acht Jahren „Scooby Dooby Doo, where are you?“ gesungen habe. Aber genau hier liegt das Problem der heutigen Debatte über die zunehmende Sexualisierung: der Glaube an Anekdoten und die auffällige Besessenheit durch Bilder. Wenn es nach Perry und anderen geht (wie beispielsweise Dianne Abbot, Mitglied der sozialdemokratischen Labour-Partei, die der „Hypersexualisierung“ ebenfalls den Krieg erklärt hat), dann müsste man glauben, die britische Gesellschaft und die Einstellung der Briten sei vor allem durch die Medien geprägt – etwa durch SM-inspirierte Popsongs oder die allgegenwärtigen BH-Werbungen auf den Reklametafeln. Tatsächlich ist es aber eher anders herum: Das zunehmende Ausmaß medialer Sex-Darstellungen ist viel mehr die Reaktion auf eine langfristige Veränderung der gesellschaftlichen und individuellen Einstellung zur Sexualität innerhalb der westlichen Welt.

Prüde Regierungskampagnen

Da Perry & Co erkannt haben, dass sich in unserer Gesellschaft ein Problem manifestiert (das sie „Sexualisierung“ nennen), sie aber nicht begreifen, wo es herkommt, sind sie dazu übergegangen, eine abstruse Theorie über die „Wirkung der Medien“ zu verbreiten. Sie ist vergleichbar mit der Argumentation der Horrorfilm-Gegner, die (völlig willkürlich) behaupteten, verdorbene Filme produzieren verdorbene Menschen. Laut Perry und ihren Mitstreitern vergiften sexualisierte Bilder und Werbespots die Köpfe und die Einstellung der Menschen, und zwar vor allem die der Kinder. Sie schreiben ihnen auch einen Einfluss auf unser Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht zu. Weil sie aber weder den Ursprung noch die Bedeutung dieser „Pornofizierung“ kennen, klingen sie teilweise wie Verschwörungstheoretiker. „Wir werden Zeugen, wie die unsichtbare Hand des Marktes eine fremdartige und verzerrte Auffassung von Sexualität in unserer Gesellschaft verankert, die zunehmend zur Norm wird“, sagt Abbott. „Unsere Töchter werden von der Porno-Kultur missbraucht“, bemerkt ein Kommentator, als sei Pornografie ein eigenständiges Wesen, das junge Mädchen raubt.

Aufgrund ihrer zwanghaften Konzentration auf die bildliche Darstellung von Sex fordern solcherart Kritiker dann etwa im Internet die Einführung von Bildblockersoftware und damit letztlich nichts anderes als Zensur. Im Jahr 2011 veröffentlichte die Regierung den so genannten „Bailey Review“ [2] zum Thema Sexualisierung der Kindheit. Er sprach sich für die verstärkte Einhaltung der „21-Uhr-Grenze“ aus, also die klare Trennung des kindgerechten Vorabendprogramms vom Abendprogramm für Erwachsene. Weiter heißt es, die „Musik-, Einzelhandel- und Zeitschriftenindustrie solle weniger sexuell-aufgeladenes Zeug produzieren“. Leute wie Perry wollen die Jugend davon abhalten, pornografische Internetseiten aufzurufen (viel Erfolg). Weil sie aber sehr genau wissen, dass sie dabei prüde und zensurwütig wirken, verteidigen sie sich nur umso aufgebrachter gegen diese Anschuldigung. „Ich bin kein Puritaner“ [3], stellt Perry entschieden fest, und ein Beobachter geht sogar noch weiter: „Keiner will eine Mary Whitehouse sein.“ Dennoch will er härter gegen Pornografie durchgreifen. Aber dieser überspannte Protest könnte mit seinen Kampagnen tatsächlich dazu führen, dass letztlich übervorsichtige Kulturproduzenten vor übermäßig strengen Wachhunden kuschen.

Am Ende stehen wir dann mit dem Schlechtesten aus beiden Welten da: mit einer engstirnigen Zensurkultur, die zugleich den von der Regierung als „Sexualisierung“ bezeichneten Trend nicht aufhalten wird – meiner Ansicht nach sollten wir aber ohnehin eher von einer Fetischisierung von Sex sprechen. Um den Ursprung dieser Kultur zu ergründen, sollte unsere Regierung den Blick eher auf das Private richten, statt tadelnd mit dem Finger auf Rihanna zu zeigen. Denn unsere derzeitige abstruse Einstellung zu Sex und seiner Darstellung ist untrennbar mit der Angst- und Misstrauens-Kultur verwoben, die heute für verbindliche intime Verhältnisse sowie das Zwischenmenschliche überhaupt prägend ist – eine Kultur, zu deren Ausbreitung die Bürokratie erheblich beigetragen hat. Letztlich hat genau diese Intimitäts-Problematik und die ihr entsprechende Krise der Romantik dazu geführt, dass wir Sex als eine Fetisch-Kategorie betrachten – ja, beinahe als eine Ware, einen Beziehungsersatz.

Sex als Ersatz für Intimität

Wir leben in einer Ära, in der Intimität als gefährlich und Bindungen als krankhaft gelten. In Kultur und Politik besteht die deutliche Tendenz, Nähe und Liebe als gefährlich und für das Individuum potentiell schädlich darzustellen. Laut staatlicher Aufklärungskampagnen für Teenager in Großbritannien birgt Intimität neben zahllosen Fallen nicht nur das Risiko „emotionaler Gewalt“ (was auch immer das sein mag), sondern auch die generelle Gefahr, zum Narren gehalten zu werden. Auf einer an Jugendliche gerichteten und staatlich finanzierten Webseite zum Thema Beziehungen [4] mit dem Namen „This is Abuse“ („Das ist Missbrauch“), werden die vermeintlichen Nachteile zwischenmenschlicher Nähe aufgelistet: von „Wut und Eifersucht“ bis hin zu „Beschimpfung“. Und mit der düsteren Metapher „hinter verschlossenen Türen“ werden zunehmend häufig die privaten und intimen Beziehungen Erwachsener verleumdet – Ehepaare eingeschlossen. Von der therapeutischen Welt (wo die Experten das neue Krankheitsbild „zu sehr lieben“ erfunden haben), über den Polizeibereich (wo man stark darum bemüht ist, Misshandlungsbeziehungen aufzudecken) bis hin zur Gesellschaft im Allgemeinen (wo keiner je glücklich verheiratet ist): Das Unbehagen unserer modernen Gesellschaft gegenüber Intimität ist offenkundig.

Diese tiefgreifenden sozialen Veränderungen und moralistischen Kampagnen hatten einen großen Einfluss darauf, wie wir über Sex sprechen, Sex betrachten und erleben. Christopher Lasch, ein bekannter amerikanischer Historiker und Sozialkritiker, analysierte diesen Trend bereits 1979 in seinem Buch Culture of Narcissism. Die westliche Gesellschaft stelle „emotionale Distanz in einer Beziehung“ zunehmend „als Tugend“ dar, was zu einer „starken Trennung von Sex und Gefühl“ führe. Heute ist „Intimität flüchtiger denn je“, sagt Lasch. Aufgrund einer „Abneigung gegen enge emotionale Bindungen“ will man den Sex „seiner emotionalen Intensität berauben, die letztlich doch von Natur aus unweigerlich mit ihm verbunden ist“.

Dieser Prozess hat sich in den letzten Dekaden nur intensiviert, indem er für eine ganz und gar fetischisierte Form von Sex Platz gemacht hat, die frei von jeglichen gefährlichen emotionalen Verwicklungen oder sogar Empfindungen ist. Einerseits nutzen wir zur sexuellen Befriedigung zunehmend die Medien, sei es durch Pornos oder durch die Pop-Kultur. Dabei wollen wir jegliche zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion vermeiden und stattdessen nur nach sexuellen Vergnügen streben. Aber sogar der eher respektable Bereich fachlicher Diskussionen über „sexuelle Gesundheit“ und „sexuelles Wohlbefinden“ – Dinge, bei denen man erwartet, dass wir sie heutzutage kultivieren – fördert häufig eine fetischisierte Form von Sex. Heute haben Menschen nicht deshalb Sex, weil sie eine Bindung eingehen wollen, sondern um genau dies zu vermeiden. Sex ist bloßer Ersatz für Intimität. Unter solchen Umständen mussten geradezu unausweichlich Kulturformen entstehen, die diese unermüdliche Fetischisierung von Sex in Musik und Film reflektieren und die (durch zunehmende Internet-Pornografie und Porno-Identitäten) Gelegenheit zu emotions- und risikoloser sexueller Aktivität bieten.

Die Gegner sexualisierter Bilder sitzen einem grundsätzlichen Missverständnis auf. Es sind nicht die Bilder, die unsere Auffassung von Sex verändert und uns voneinander isoliert haben. Die Bilder dokumentieren lediglich den bereits existierenden, tief verwurzelten Prozess individueller, sozialer und sexueller Entfremdung. Ich will damit keineswegs sagen, Sex dürfe ausschließlich durch Liebe motiviert in festen Beziehungen stattfinden. Den früheren Generationen war bei ihren diesbezüglichen Experimenten jedoch durchaus bewusst, dass sie Grenzen überschritten. Sie konnten ihre sexuelle Begegnung – positiv oder negativ – an dem auf einer breiten Basis stehenden kulturellen Konsens messen, demzufolge Sex der innige Gefühlsausdruck zwischen zwei Menschen ist. Heute gibt es keine Grenzen, keine Regeln mehr. Es gibt nur den Zerfall der ehemaligen Bedeutung von Sex. Und diesen Zerfall nennen einige dann „Pornofizierung“ und andere (irrtümlich) „sexuelle Befreiung“. Diese offenbar liberalistische Pro-Sex-Argumentationslinie ist besonders absurd. Aber bereits Lasch hielt den früheren Vertretern dieser Ansicht entgegen, das sei lediglich „ein als Fortschritt getarnter Rückschritt“.