16.05.2012

Seltene Erden – oder die Angst des Westens vor Chinas Stärke

Kommentar von James Woudhuysen

Die Drohung der US-Regierung, China vor der WHO zu verklagen, weil es wertvolle Mineralien bunkert, ist mehr als nur ein Handelsstreit. Seltene Erden gibt es genug. James Woudhuysen meint, es geht vielmehr um die Angst des Westens vor Rohstoffknappheit und dem Aufstieg Chinas

Anfang März kündigte US-Präsident Barack Obama an, seine Regierung werde einen Fall vor die Welthandelsorganisation (WHO) bringen, der die chinesischen Exportquoten für Seltene Erden zum Thema habe – die Bezeichnung für 17 natürlich vorkommende Elemente. Der eigentliche Antrieb für diesen Handelsstreit ist Angst: Eine Mischung aus Angst vor Rohstoffknappheit und vor Chinas wachsender industrieller Macht.

Wie Obama richtig beobachtet hat, werden Seltene Erden von US-amerikanischen Herstellern benötigt, um High-Tech-Produkte wie Batterien für Hybridautos und Mobiltelefone herzustellen. Er führte aus: „Die Fähigkeit, fortschrittliche Batterien und Hybridfahrzeuge herstellen zu können, ist zu wichtig für uns, um nicht untätig zuzuschauen. Wir müssen die Zukunft unserer Energieversorgung selbst in die Hand nehmen und können nicht zulassen, dass die Energiewirtschaft in einem anderen Land Wurzeln schlägt, weil sie dort die Regeln brechen darf. Darum wird unsere Regierung heute Klage gegen China erheben.“

Ist dies eine neue Phase des „Wie du mir, so ich dir“ in einer immer protektionistischer werdenden Weltwirtschaft? Auf jeden Fall. Ist es ein billiger Anflug von Sinophobie, wie wir sie nur allzu häufig bei den Demokraten beobachten – und die allzu offensichtlich ein Wahlkampfmanöver ist? Kein Zweifel. Hinter dem Streit über Seltene Erden steckt aber mehr, als man vielleicht glauben mag.

Gehen uns die Seltenen Erden aus?

Was sind Seltene Erden, und warum scheinen sie so wichtig zu sein? Scandium, Yttrium und die 15 Lanthanoide, die im Periodensystem von Lanthan bis Lutetium reichen, sind Schlüsselelemente für aktuelle Technologien, sowohl auf dem kommerziellen als auch auf dem militärischen Markt. Wenn man Samarium mit Kobalt mischt und Neodym mit Eisen und Bor, kann man damit Dauermagnete herstellen, die keine Elektrizität benötigen, um ein Magnetfeld zu generieren. Wie das Institute for the Analysis of Global Security (IAGS), ein Washingtoner Think Tank, feststellte, kann dies dazu beitragen, Computer schneller zu machen. Im Fall des hitzebeständigen Samarium-Kobalt-Magneten macht es Samarium zu einer Schlüsselkomponente in militärischen Flugzeugen, Raketen und intelligenten Bomben.

Eine aktuelle Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT), die jüngst in der Zeitschrift Environmental Science and Technology publiziert und bereits oft zitiert wurde, fügt hinzu, dass Seltene Erden ebenfalls für Dauermagneten wichtig sind, die in den Synchronantrieben von Windenergieanlagen zum Einsatz kommen, und für die Sorte Batterien, die sowohl die CO2-sparenden Hybridfahrzeuge (Benzin-/E-Motor) der Gegenwart als auch die Nur-Elektro-Autos der Zukunft antreiben werden. Tatsächlich haben die Forscher des MIT festgestellt, dass die Nachfrage nach solchen grünen Energietechnologien „zu einer Steigerung [des Bedarfs] um mehr als 700 % bzw. 2600% für Neodym und Dysprosium führen könnte.“

Moment mal. Dies ist die erste einer Reihe spekulativer Annahmen. Als das MIT den künftigen Bedarf an Seltenen Erden prognostizierte, stellten sich zwei der fünf gewählten Szenarien als besonders gefährlich heraus. Szenario C basierte auf zwei in London und Den Haag publizierten Fachartikeln zur Zukunft der Seltenen Erden, jedoch stellte das MIT fest, dass Insider der Industrie „systembedingt voreingenommen“ sein könnten. Ähnlich war Szenario D gelagert, basierend auf einer Betrachtung der Internationale Energie-Agentur (IEA), „Blue Map“, und der Annahme, dass Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen sich bei einer Stabilisierung der weltweiten CO2-Emissionen bei 450 parts per million (ppm) durchsetzen würden. Als die gleiche IEA jedoch am 9. November 2011 ihren „Globalen Energie-Ausblick 2011“ veröffentlichte, bestand sie darauf, dass das Ziel von 450 ppm, das in internationalen Verhandlungen über den Klimawandel als mit einem Temperaturanstieg von 2°C über dem vorindustriellen Niveau einhergehend angesehen wird, nur sehr schwer erreichbar sein würde. Darüber hinaus ist es unwahrscheinlich, dass Windkraftanlagen in den nächsten Jahren einen überwiegenden Anteil der Stromerzeugung liefern können. Kohle- und Gaskraftwerke werden deutlich wichtiger bleiben, insbesondere nachdem die Explosionen im japanischen Fukushima im März 2011 der Kernenergie einen Dämpfer versetzt haben.

Ähnlich stellt sich die Situation bei Hybrid-Fahrzeugen (und erst recht bei Elektro-Fahrzeugen) dar. Auf der Pressekonferenz zur Veröffentlichung des „Globalen Energie-Ausblicks 2011“ in London hörte ich den Chefökonomen der IEA Fatih Birol sinngemäß sagen, dass elektrische Antriebe „noch für lange Zeit“ keine Chance gegen den Verbrennungsmotor haben werden. Und das ist entscheidend, da die MIT-Projektionen für die rasch steigende Nachfrage an Seltenen Erden eine im Vergleich zu Windkraftanlagen wesentlich höhere Nachfrage nach Elektrofahrzeugen unterstellen.

Um das alles noch zu überbieten, nehmen die MIT-Projektionen an, dass es keine technologischen Entwicklungen geben wird, die den Bedarf an Seltenen Erden senken könnten und ebenso wenig das Recycling oder die Wiederverwendung solcher Materialien. Weit davon entfernt, eine realistische Bewertung der Verfügbarkeit und des Verbrauchs Seltener Erden zu sein, sind die MIT-Modelle schon von Anfang an von Pessimismus durchsetzt.

Wie man China zum Schurken macht

Wir betrachten hier, wie das bei den von Öko-Aktivisten oft so geliebten Computermodellen der Fall ist, die Vorhersage einer vermeintlichen Apokalypse in einer recht entfernten Zukunft (2035). Darum ist es unehrlich, wenn Präsident Obama unterstellt, dass eine durch China regelwidrig ausgelöste Knappheit an Seltenen Erden Amerikas Industrie bedrohe. Die USA – die in der Vergangenheit selbst die eine oder andere Regel verletzt haben – versuchen ganz offensichtlich, die Möglichkeit einer Knappheit an Seltenen Erden in den kommenden Jahrzehnten dazu zu nutzen, China schon heute als Schurken darzustellen.

Glaubt man der nüchternen Prosa der New York Times, so begann das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie bereits Mitte der 2000er Jahre damit, „seinen eisernen Griff um den Markt für die seltensten und wertvollsten Mineralien der Welt zu schließen“. Nach Ansicht der NYT produziert China derzeit 93 % der Seltenen Erden und mehr als 99 % an Dysprosium und Terbium, die zur Herstellung von Raketen notwendig sind. Im Jahre 2005, so ein Artikel im Wall Street Journal, begrenzte China seinen jährlichen Export an Seltenen Erden auf 65.000 Tonnen; heute steht Chinas Exportquote bei etwa 30.000 Tonnen pro Jahr, und die Preise bewegen sich auf historischem Höchststand.

Aus diesem Grund wollen also die USA solcherlei Exportkontrollen nicht zulassen. Sie stellten eine Verletzung international konsentierter Prinzipien des freien Handels dar. Nach den Worten des führenden linken Ökonomen der USA, Paul Krugman, eröffnet die Kontrolle über die Seltenen Erden China eine Monopolposition, die „die wildesten Träume nahöstlicher Öl-Tyrannen übersteigt“.

Was für ein charmantes Stück Diplomatie! Die Anklage gegen China reicht aber noch weiter. Glaubt man der Analystin der US Army, Cindy Hurst, so gewinnt und verarbeitet China diese Seltenen Erden unter fragwürdigen sozialen und Umweltbedingungen – tatsächlich hat die Chinesische Gesellschaft für Seltene Erden selbst festgestellt, dass eine Tonne Seltene Erden gewaltige Mengen an Fluor, Flusssäure, Schwefelsäure und radioaktivem Restmüll produziert. Rund um Baotou in der Inneren Mongolei, dem Zentrum der chinesischen Seltene-Erden-Produktion, werden enorme Mengen Abwasser produziert, aber nicht behandelt. Ebenso fallen bei der Verarbeitung Seltener Erden feste Abfälle an, die das radioaktive Thorium enthalten.

Es sind aber nicht nur die USA, die ein Problem mit dem Chinesischen Umgang mit Seltenen Erden haben. Am 7. September 2010 ließ eine Kollision zwischen einem chinesischen Fischerboot und zwei japanischen Küstenwacheschiffen im Südchinesischen Meer einen seit langer Zeit schwelenden Territorialkonflikt über die Senkaku-/Diaoyou-Inseln wieder aufleben. Nachdem die Japaner den Kapitän des chinesischen Trawlers festgenommen hatten, unterbrach China seinen Export Seltener Erden nach Japan, was Tokio dazu zwang, ein Extra-Budget von 650 Millionen US-Dollar auf die Seite zu legen, um die Versorgung nicht abreißen zu lassen. Dazu hat Deutschland, wie Japan ein rohstoffarmes Land, eine ebenso starke Position zu Seltenen Erden eingenommen. Im Oktober 2010 beschloss die Bundesregierung eine neue Strategie, die darauf ausgelegt ist, die Versorgung mit Seltenen Erden und anderen wichtigen Rohstoffen sicherzustellen. In diesem Jahr haben deutsche Industrieunternehmen eine Allianz zur Sicherstellung Seltener Erden gebildet; Kanzlerin Merkel hat einen Vertrag über Seltene Erden mit Kasachstan unterzeichnet.

Dies unterstreicht den zweiten großen Trugschluss der „China nimmt sich alles“-Dystopien, die die Seltenen Erden umgeben. Der Westen ist nur in der momentanen Produktion von China abhängig. Wie das MIT unterstrich, sind die Seltenen Erden trotz ihres Namens nicht selten. Obwohl nahezu die Hälfte der Reserven in China liegt, existieren bedeutende Vorkommen auch in den USA und der früheren Sowjetunion. Beim derzeitigen Verbrauch reichen die Reserven etwa 870 Jahre – im Gegensatz etwa zu Kupfer (34 Jahre). Es ist nicht zu erwarten, so die Autoren der MIT-Studie, „dass es bei den bekannten Reserven an Seltenen Erden in den nächsten 25 Jahren zu Einschränkungen kommen wird“.

Selbst das US-Militär ist bezüglich der Seltenen Erden nicht sonderlich besorgt. Eine neue Studie des Verteidigungsministeriums, „Seltene Erden in Rüstungsanwendungen“, sagt aus, dass die USA im Jahr 2013 in der Lage sein werden, von den sieben Seltenen Erden, die es für militärische Anwendungen nutzen will, sechs in ausreichenden Mengen selbst produzieren zu können. Lediglich das extrem seltene Yttrium, das für Präzisionslaser und zur Raketenstabilisation benötigt wird, könne ein Problem darstellen.

Die wahre Geschichte über Seltene Erden ist die, dass die USA mit ihrer Mountain Pass Mine in Kalifornien einst zu deren größten Produzenten gehörten, sich Anfang des Millenniums aber dazu entschieden, die Produktion dort einzustellen, zum Teil aus Umweltschutzgründen. Nun beschweren sich die USA über den Mangel und fügen hinzu, dass China seine dominante Position nur erreichen konnte, weil es seine Kostensenkungen niedrigen sozialen und Umweltstandards verdankt.

Besonders schändlich ist es, dass der Westen China wegen seiner laschen sozialen und Umweltstandards bei der Produktion von Seltenen Erden geißelt. Warum? Weil China für Produktion und Export von Seltenen Erden die Obergrenzen unter anderem deshalb eingeführt hat, um diese Missstände beseitigen zu können.

Wenn es ein Land gibt, das bei Windkraftwerken und Elektrofahrzeugen die Führung übernehmen wird, dann ist das wahrscheinlich eher China als die USA. Deshalb, so beobachtet Cindy Hunt, „hat die chinesische Regierung mit dem Ziel, ihre Ressourcen zu schützen, ihre Binnenindustrie in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt: Höchstquoten für den Export Seltener Erden, Schließung illegaler Produktionsstätten Seltener Erden, Konsolidierung größerer Produktionseinrichtungen zum Zwecke erhöhter Kontrolle, der Versuch der Implementierung strikterer Umweltauflagen bei der Produktion Seltener Erden und das Anlegen einer Vorratshaltung. Ein Großteil der entwickelten Welt hält diese Maßnahmen für eine Bedrohung“.

Dabei erscheint Chinas Verhalten auf diesem Gebiet vollkommen logisch. Die chinesische Regierung will für viele weitere Jahre ein Wachstum ermöglichen, wobei sie sich der Sicherheits- und Umweltrisiken bei der Gewinnung und Verarbeitung von Seltenen Erden bewusst ist. Was sonst sollte sie unter den gegebenen Bedingungen tun? Selbstverständlich, so unterstreicht Hunt, „bleibt abzuwarten“, ob die Auflagen des chinesischen Ministeriums für Umweltschutz für die Abfallbeseitigung bei der Produktion von Seltenen Erden jemals voll umgesetzt werden. Aber kein Umweltschützer kann China fairerweise dafür kritisieren, dass es versucht, der Produktion von Seltenen Erden Grenzen zu setzen.

Was allerdings am wichtigsten ist, ist der Umstand, dass die chinesischen Begrenzungen des Exports Seltener Erden weit davon entfernt sind, erreicht zu werden. In den ersten 11 Monaten des Jahres 2011 betrugen die tatsächlichen Exporte Seltener Erden weniger als die Hälfte der erlaubten Exportquote.

Darum muss folgendes klargestellt werden: Die Klage gegen China wird geführt wegen seines angeblichen Monopols bei Metallen, die für militärische, zivile und grüne Technologien Schlüsselbedeutung haben. Dieses Monopol ist aber angesichts neu entstehender Produktionsstätten wahrscheinlich von absehbarer Dauer. Mehr noch: Es wird gegenüber der entwickelten Welt auch nicht annähernd auf spürbare Weise ausgeübt – mit der Ausnahme der Vergeltungsaktion gegen Japan, das seine Importe aus China übrigens bereits 2007, also fünf Jahre zuvor, zu drosseln begonnen hatte. Und jetzt, wo China seine Produktion wegen der Nebeneffekte vor allem beim Umweltschutz zurückfahren will, wird dieses Vorgehen als inakzeptabel hingestellt. Der Westen braucht Seltene Erden für sein Militär, seine IT und für die vage Möglichkeit, irgendwann Millionen von Autos auf grünen, elektrischen Antrieb umstellen zu können. Im Gegensatz dazu betrachtet man Chinas militärische, wirtschaftliche und umweltbezogene Pläne schlicht als illegitim.

Seltene Erden als natürliches Hindernis der Entwicklung

Die letzte Rate der Doktrin der Seltenen Erden versucht, diese in einem größeren Kontext naturalistischer Angst zu platzieren. Michael Klare, Professor am Hampshire College, einer privaten Schule der freien Künste in Amherst im westlichen Massachusetts, hat sich dieses Themas intellektuell angenommen. Für Klare sind die Seltenen Erden Teil einer umfassenderen Ressourcenkrise, die zu Kriegen um eben diese Ressourcen führen werde. Wie mein Co-Autor und ich in unserem Buch Energise: A Future for Energy Innovation bemerken, verfolgt Klare dieses Dogma schon seit 2001.

In einem Interview im letzten Herbst sah sich Klare angesichts der neuen Minen für Seltene Erden, die rund um den Globus entstehen, gezwungen zuzugeben, dass Amerikas Abhängigkeit von China „für sich genommen kein Grund für Alarm“ sei. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, trotzdem pessimistisch zu orakeln: „Was viel beunruhigender ist, ist Chinas Entschlossenheit, in allen Bereichen grüner Energietechnik, inklusive Wind- und Solarkraft und Elektroautos, die Führung zu übernehmen. Solange die USA die essentielle Bedeutung der Führerschaft auf diesem Gebiet nicht erkennen und die notwendigen Mittel zur Entwicklung der neuesten Technologien nicht bereitstellen, sind wir dazu verdammt, eine zweitklassige Industriemacht zu werden, während China uns mit Vollgas überholt.“

Aus der simplen Perspektive des amerikanischen Patriotismus ist dies vielleicht richtig. Klare nahm hier schlicht die Argumente Obamas vorweg. Doch jüngst, in einem Rolling-Stone- Interview über das „Ende von Allem“ mit dem Titel: „Das tödliche Gerangel um die letzten Ressourcen der Welt“ warnte Klare vor „mehr Konflikten, mehr Krisen, mehr vergifteten Beziehungen mit Ländern wie China, wegen des Wettbewerbs zwischen uns“ über unsere Ressourcen.

Weiter erklärte Klare, dass Hybridfahrzeuge „voller Seltener Erden“ sind. Das bedeute, so fuhr er fort, dass wir „womöglich noch radikaler denken müssen, um Lösungen zu finden… Wir Menschen haben uns immer so benommen, als wenn neue Energiequellen die, die wir verbrauchen, einfach ersetzen und als bräuchten wir nicht über Erhaltung, Effizienz oder Alternativen nachzudenken. Doch am Ende dieses Prozesses können wir so nicht mehr weitermachen, weil es keine unerschöpflichen neuen Energiequellen mehr gibt, die wir uns leisten können… Innovative Forschung und Entwicklung der Zukunft wird sich um Effizienz drehen.“

Da haben wirs: Der beste Weg, um die Abhängigkeit von ökologisch bedenklichen Seltenen Erden zu vermeiden, ist, sie gar nicht erst haben zu wollen. Wie Klare hinzufügt: „Wir werden mehr schlimme Umweltkrisen zu erwarten haben…, wenn wir unser Verhalten nicht heute zu ändern beginnen.“

Was Klare sich offenbar vorstellt, ist, dass die USA dort, wo immer Seltene Erden zu finden sind – in militärischer Hardware, in Mobiltelefonen, in Elektroautos, in Windkraftanlagen und Solarzellen –, diese Güter aufgeben sollten, und zwar so lange, bis entweder die Nutzung Seltener Erden reduziert oder Ersatz für sie gefunden werden kann.

Dies wäre ein irrsinniges Programm für eine ausgesprochen verquere Art von Technologievorsprung. Es zeigt, dass der Hass von Umweltschützern auf „schmutzige“ Rohstoffe nicht auf Kohle, Öl und Atommüll begrenzt ist, sondern sich über Kohlenstoff auf weitere 17 natürlich vorkommende Elemente erstreckt. Im grünen Weltbild ist dann auch nicht nur Chinas Vorgehen im Fall der Seltenen Erden abzulehnen, sondern das der gesamten Menschheit. Es übersteigt die Fähigkeiten des Menschen, Seltene Erden auf umweltschonende Weise zu gewinnen, und wir täten gut daran, uns grundsätzlich von ihnen fernzuhalten, so die deprimierende Vision.

Fazit

Der Markt für Seltene Erden ist nur ein paar Milliarden Dollar wert. Wirtschaftliche Gründe werden also kaum der Anlass für die Rede des Präsidenten gewesen sein. Ebenso wenig fühlt sich, wie wir gesehen haben, der gigantische Militärapparat der USA durch Chinas angeblich übermächtige Kontrolle über die militärisch wichtigen Seltenen Erden bedroht. Und obwohl China, wie Klare und andere feststellen, sich in hohem Maße grünen Technologien verschrieben hat, bleibt es höchst fraglich, wie groß die amerikanische Nachfrage nach Seltenen Erden für grüne Technologien tatsächlich ist.

Natürlich ist das Potential für internationale Konflikte um Seltene Erden vorhanden, so wie das auch bei Erdöl der Fall ist. Seltene Erden jedoch als die neue und treibende Kraft hinter den Kriegen von morgen darzustellen, ist genau so dumm wie die Behauptung, dass Großbritannien seine Ansprüche auf die Falklands nur deshalb verteidigt, weil es dort Öl gibt, oder dass Obama nur wegen des dortigen Erdöls Truppen in Uganda habe. Dies ist eine vulgäre, eindimensionale Form von Materialismus. Sie vermag hinter den Kriegen des Westens um Libyen oder Afghanistan keinen fehlgeleiteten, humanitären Impuls und keine Irrationalität zu erkennen, sondern sieht kalte westliche Berechnung bezüglich der in diesen Regionen verfügbaren Bodenschätze am Werk.

In diplomatischen Kreisen und auf westlichen Dinnerparties wird auch in Zukunft eine Menge über Chinas Taktik der Stärke in Bezug auf Seltene Erden geredet werden. Und obwohl China bei diesen Rohstoffen zweifellos das Heft in der Hand hält, hat der Ärger des Westens hierüber nur wenig mit den 17 Elementen selbst zu tun. Eigentlich verbirgt sich dahinter die Verzweiflung über Chinas Bodenschätze im Allgemeinen, aber auch und hauptsächlich über Chinas industrielles Wachstum.

Angst, Neid, Missgunst und Kraftlosigkeit, nicht Physik oder Chemie, sind der Grund dafür, dass der Westen sich um Seltene Erden Sorgen macht.