01.11.1999

Sechs Milliarden Menschen? Hoch die Tassen!

Essay von Frank Furedi

Eine Bedrohung soll das Wachstum der Weltbevölkerung sein – vor allem in Entwicklungsländern. Projekte für Menschenrechte oder Frauengesundheit, werden benutzt, um Frauen ihre Familienplanung zu diktieren. Über Bevölkerungs-Lobbyisten, die es mit dem Menschenrecht auf freie Entscheidung nicht sehr genau nehmen.

Falls Sie es nicht bemerkt haben sollten: Der 12. Oktober war der “Tag der Sechs Milliarden” – der “historische Moment”, an dem die menschliche Bevölkerung dieses Planeten die Sechs-Milliarden-Grenzen überstieg. Bei der weltweiten Diskussion darum handelte es sich um eine erfolgreiche Inszenierung einiger wohlhabender malthusianischer Organisationen, die darauf abzielen, Ängste vor der vermeintlichen Überbevölkerung der Erde zu schüren.

“Eigentlich sollte das Erreichen der Sechs-Milliarden-Grenze Anlass zum Jubeln und nicht zum Klagen sein”

Einiger dieser Organisationen schlugen einen explizit alarmistischen Ton an. “Zero Population Growth” versuchte beispielsweise, den Terminus “Y6B” zu popularisieren – ähnlich dem Ausdruck “Y2K”, dem Synonym für das “Jahr-2000-Computerproblem”. “Zero Population Growth” behauptete, das Bevölkerungswachstum stelle eine noch viel größere Gefahr dar als das Computerproblem.
Eine etwas besonnenere Version dieses demografischen Alarmismus wird von der UN-Bevölkerungskommission (UNFPA) vertreten. Doch auch ihr Jahresbericht 1999 enthält die Art “balancierter” Situationsbeschreibungen, wie wir sie schon von der übrigen Bevölkerungslobby kennen: In einer einleitenden Textzeile erfolgt der kurze Hinweis, das Erreichen der Sechs-Milliarden-Grenze könne auch einige positive Effekte haben. Die folgenden 76 Seiten sind dann jedoch ausschliesslich seinen negativen Folgeerscheinungen gewidmet. Der Ton des Berichtes über das Erreichen der Sechs-Milliarden-Grenze rückt dieses Ereignis in den Rang einer globalen Gesundheitskatastrophe. Aber eigentlich sollte das Erreichen der Sechs-Milliarden-Grenze Anlass zum Jubeln und nicht zum Klagen sein.

Welche Probleme die Menschheit auch immer haben mag: Gerade die demografischen Entwicklungen sind ein eindrucksvoller Beleg für die Errungenschaften der Menschheit und für ihre Kreativität. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts belief sich die Weltbevölkerung auf eineinhalb Milliarden. In den 60er-Jahren war sie auf drei Milliarden angewachsen und hat sich seitdem erneut auf nunmehr sechs Milliarden verdoppelt. Dieses Bevölkerungswachstum wurde durch große Fortschritte in Technologie, Medizin und dem öffentlichen Gesundheitssystem ermöglicht. Die zunehmende Verfügbarkeit elementarer sanitärer Versorgung, sauberen Trinkwassers und moderner Gesundheitsvorsorge hatte eine Revolution der menschlichen Lebenserwartung zur Folge. Wie der Bericht der UN-Bevölkerungskommission konstatiert, hat sich seit 1950 die globale Sterberate halbiert, von etwa 20 auf 10 Todesfälle jährlich pro eintausend Menschen. Gleichzeitig hat sich die weltweite durchschnittliche Lebenserwartung von 46 Jahren auf 66 erhöht. Sogar die ärmsten Regionen der Welt profitierten von dieser Revolution.

Bevölkerungslobbyisten hingegen sehen Menschen eher als Bürde denn als zusätzliche Quelle von Kreativität. Wie Thomas Malthus schon vor 200 Jahren argumentieren Verfechter der Geburtenkontrolle heute, die Welt könne die große Anzahl Menschen, die auf ihr leben, nicht verkraften. Ein ums andere Mal stellten sich diese apokalyptischen Voraussagungen als haltlos heraus. Sogar im UN-Jahresbericht wird dies zugegeben: “Die menschliche Genialität und die ständige Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Techniken haben bisher ermöglicht, dass die Nahrungsmittelproduktion mindestens genau so stark gewachsen ist wie die Weltbevölkerung”. Aber nur widerwillig wird ab und an die Schwäche des malthusianischen Arguments akzeptiert. Und dabei werden die phänomenalen Fortschritte in der Nahrungsmittelproduktion sogar noch weit unterschätzt. Aufgrund moderner Technologien ist die Nahrungsmittelversorgung der Weltbevölkerung heute um vieles einfacher, als dies vor 100 oder 200 Jahren bei einer weitaus kleineren Bevölkerungszahl der Fall war.

“Sogar Apologeten der Bevölkerungskontrolle geben mittlerweile zu, dass es keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Armut gibt”

Woher kommt also die Aufregung der UN-Bevölkerungskommission um den “Tag der Sechs Milliarden”? Sogar Apologeten der Bevölkerungskontrolle geben mittlerweile zu, dass es keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Armut gibt. Zwar wird in den Medien weiterhin Bevölkerungswachstum mit Entwicklungsproblemen, Hungersnöten und Nahrungsmittelknappheit in Verbindung gebracht. Dennoch belegen wissenschaftliche Studien, daß dieser Zusammenhang so nicht existiert.
Der Bericht der Kommission räumt ein, dass das schnelle Wachstum der Weltbevölkerung “nur eines von vielen Problemen” ist. Anschliessend setzt es jedoch die magische Zahl “Sechs Milliarden” mit nahezu jedem nur erdenklichen sozio-ökonomischen Problem in Verbindung: Armut, Unterernährung, Krankheit, Frauendiskriminierung und Umweltverschmutzung. Zwar wird zutreffend darauf hingewiesen, dass die jährliche Bevölkerungswachstumsrate in den letzten Jahrzehnten von 2,4 auf 1,8 Prozent zurückgegangen ist und wahrscheinlich weiter zurückgehen wird. Dieser Hinweis fällt jedoch sofort dem vorherrschenden Dogma zum Opfer, demzufolge alles immer schlimmer wird, wenn Regierungen nicht umgehend Programme zur strikten Geburtenkontrolle entwickeln.
Organisationen wie die UNFPA beharren auf ihrer Forderung nach globaler Geburtenkontrolle, trotz der offensichtlich gegenteiligen Faktenlage. Es erhebt sich der Eindruck, dass nicht das Wohlergehen der Menschen in den Entwicklungsländern der eigentliche Beweggrund ihrer Forderung ist, sondern etwas Anderes. Scheinbar gilt diesen Organisationen die Geburtenkontrolle als unabänderliche Notwendigkeit, unabhängig von der tatsächlichen Faktenlage. Über die Jahre hinweg hat die Bevölkerungslobby auf der Suche nach neuen Begründungen für ihr Anliegen die Argumentationslinien verändert. Als Konstante aber blieb die Forderung nach weniger Menschen, wenn auch verpackt in wohlklingende Phrasen.
Ein traditionelles Argument der Bevölkerungslobby war, ohne eine kontrollierte Bevölkerungsentwicklung gäbe es keine ökonomische Entwicklung. Seit einiger Zeit jedoch ist es in diesen Kreisen unpopulär geworden, das eigene Anliegen mit dem Streben nach Wirtschaftswachstum zu verbinden. Tatsächlich sind einige der führenden Persönlichkeiten der Bevölkerungslobby – so z.B. Lester Brown und Virginia Abernethy – erbitterte Feinde wirtschaftlichen Wachstums. Sie und andere rechtfertigen ihre Aktivitäten damit, sich um die Verbesserung der Frauengesundheit oder um den Umweltschutz zu kümmern. So widmet sich auch der UNFPA-Bericht in weiten Passagen der Gesundheit von Frauen, dem Recht auf Kontrolle der eigenen Fruchtbarkeit und der Gleichstellung der Geschlechter. Eine Auseinandersetzung mit der traditionell betonten Verbindung von Bevölkerungspolitik und Entwicklung findet hingegen nicht mehr statt.

Die malthusianische Lobby meidet nicht nur ihre alte Pro-Entwicklungs-Rhetorik – sie wagt es sogar nicht einmal mehr, ihre Politik in der Sprache der Bevölkerungskontrolle zu formulieren. Als Kofi Annan den “Countdown zum Tag der Sechs Milliarden” einleitete, wies er noch darauf hin, dass es nicht um nackte Zahlenspiele, sondern “um Menschen, um Individuen” gehe. Zuvor jedoch war die öffentliche Aufmerksamkeit erfolgreich auf die Zahl 6.000.000.000 gelenkt worden, dass es schwer fällt zu glauben, es gehe um etwas Anderes als um nackte Zahlen. Nette Sätze über “Menschen und Individuen” dienen in diesem Kontext lediglich PR-Zwecken, um von dem eigentlichen Ziel der Öffentlichkeitskampagne, die Zahl der auf diesem Planeten geborenen Menschen zu reduzieren, abzulenken.
Scheinbar haben die Kreuzritter der Bevölkerungskontrolle das Vertrauen in die Stärke ihrer Argumente verloren und sehen sich deshalb gezwungen, ihre Politik neu zu präsentieren. Der Trend geht dahin, Bevölkerungspolitik in andere, neutralere Politikbereiche zu integrieren, wie z.B. in Gesundheitsfürsorge, Bildung und “Empowerment” von Frauen.
Man kommt kaum umhin festzustellen, dass die malthusianische Lobby Themen für ihre eigenen Zwecke manipuliert. Viele dieser Angelegenheiten wie Frauenbildung, Gleichberechtigung und Frauengesundheit sind ehrenwerte Ziele. Jedoch sollten sie als solche unterstützt werden und nicht aufgrund ihrer angeblichen demographischen Zusammenhänge. So haben Bevölkerungslobbyisten das Thema Müttersterblichkeit als zentralen Schwerpunkt dessen auserkoren, was sie “reproduktive Gesundheitsfürsorge” nennen. Tatsächlich sind die Zahlen erschreckend: Weltweit sterben jährlich 580.000 Frauen während oder infolge von Schwangerschaften. Wenn es aber wirklich um die Reduzierung der Müttersterblichkeit und nicht um Bevölkerungsprogramme ginge, warum werden dann Programme zur Familienplanung durchgesetzt und keine Krankenhäuser gebaut?

“Die sozialen und kulturellen Wertvorstellungen westlicher Aktivisten verhindern, dass Frauen in Afrika oder weiten Teilen Asiens tatsächlich frei über ihre Fruchtbarkeit bestimmen”

Die Diskussion über Frauengesundheit in den Entwicklungsländern ist ein Paradebeispiel dafür, wie Bevölkerungspolitik heute präsentiert wird. Selbstverständlich stehen viele Befürworter des Rechts von Frauen auf Selbstbestimmung ihrer Fruchtbarkeit den Programmen zur direkten Bevölkerungskontrolle feindlich gegenüber. Sie sehen ihre Initiativen in gänzlich anderem Licht. Sie plädieren überdies dafür, dass eine Frau das “absolute Recht auf körperliche Unversehrtheit besitzt und über Fragen der Sexualität und des Kinderkriegens ohne Einmischung von aussen, von Seiten des Partners, der Familie, des Staates oder sonst wem” entscheiden können soll. Leider wird dieses ehrenhafte Bekenntnis zur Selbstbestimmung nur selten verwirklicht. Die Erfahrung zeigt, dass es die sozialen und kulturellen Wertvorstellungen dieser westlichen Aktivisten verhindern, daß Frauen in Afrika oder weiten Teilen Asiens tatsächlich frei über ihre Fruchtbarkeit bestimmen.

Ein Beispiel hierzu zeigt die folgende Problematik: In zahlreichen Ländern ist es eine weit verbreitete Praxis, weibliche Föten abzutreiben, um mehr Söhne zu gebären. Einer Studie zufolge empfinden es deshalb viele Feministinnen hierzulande schwierig, sich konsequent für die individuelle Entscheidungsfreiheit der Menschen vor Ort einzusetzen. Obwohl Feministinnen also “theoretisch jede Form von Zwang ablehnen”, ist es praktisch ihrem Engagement zuzuschreiben, dass “die Forderung nach staatlicher Intervention zur Beendigung derartiger Praktiken pränataler Geschlechtsselektion” in das Aktionsprogramm der UN-Bevölkerungskonferenz von Kairo aufgenommen wurde (siehe dazu: D. Hodgson / S. Watkins: “Feminists and neo-Malthusians: Past und present alliances”, Population and Development Review, Vol.23, Nr.3, 1997, S.507). Wenn Entmündigung und Nötigung von Frauen in diesem Punkt akzeptabel erscheinen, ist nicht verständlich, warum entsprechende Interventionen in anderen Zusammenhängen unethisch sein sollen.
Viele Aktivisten legen eine selektive Herangehensweise bezüglich Fragen der Selbstbestimmung von Frauen an den Tag. Zwar klingen ihre generellen Forderungen gut. In der Praxis werden jedoch nur die Wahlmöglichkeiten gefördert, die zu einer Reduzierung des Bevölkerungswachstums beitragen: Geburtenkontrolle und Familienplanung. Wenn eine Frau sich entscheidet, viele Kinder zu bekommen, wird sie rasch merken, dass ihren Mutterrechten weitaus weniger Respekt entgegengebracht wird.

Mit zunehmender Intoleranz stehen Aktivisten den ihrer Ansicht nach inakzeptablen kulturellen Widerständen in Afrika und Asien gegenüber. Eine gemeinsame Publikation der britischen Tageszeitung The Guardian und der Organisation “Marie Stopes International” bringt die autoritären Neigungen der Aktivisten zum Ausdruck. Eine der Autorinnen, Yasmin Alibhai-Brown, fordert verstärkte internationale Interventionen, um Gesellschaften auf die Implementierung von Mütterrechten vorzubereiten – ob sie dies wollen oder nicht. Die westlichen Geber-Institutionen müssten die Instrumente der Menschenrechte rigoroser nutzen, schreibt sie. Und lokaler Widerstand solle durch eine Politik des “Social Engineering” gebrochen werden: “Wir brauchen eine Unterscheidung zwischen den kulturellen Werten, die Teil einer Lösung sein können, und solchen, die den Kern des Problems ausmachen.” (Earth Mothers: Birth Mothers: a Special Supplement in Reproductive Health in the Developing World.). Dieser in der Sprache der Menschenrechte formulierte Ansatz birgt noch ein anderes Recht in sich: das Recht der “aufgeklärten” Menschen, diejenigen kulturellen Werte zu zerstören, die ihnen missfallen.

Viele Menschen, die sich in solchen Initiativen engagieren, behaupten, es ginge ihnen in erster Linie um das Sammeln und Bereitstellen von Informationen und um Bewusstseinsbildung, so dass Menschen – insbesondere Frauen – in den Entwicklungsländern sich für eine bessere Familienplanung entscheiden können. Tatsächlich geht es jedoch immer um die Beeinflussung individueller Verhaltensweisen – und immer in eine ganz bestimmte Richtung. Carol Riedmans Untersuchungen über entsprechendes Engagement westlicher Organisationen in Afrika zeigen, wie systematisch versucht wird, moralische Wertvorstellungen, die von der Überlegenheit der westlichen Kleinfamilie ausgehen, zu verankern. Riedman zufolge sind die Veränderungen im Verhalten von Frauen bezüglich ihrer Reproduktion nicht nur Ausdruck der Auflösung alter kultureller Werte, “sondern das Resultat exakt kontrollierter kultureller Zwangsmaßnahmen” (siehe dazu: Carol Riedman: Science that Colonises: a critique of fertility studies in Africa, 1993).

Jeder, der weiss, welche Formen die Beziehungen zwischen einer internationalen Organisation und einer kleinen ländlichen Bevölkerungsgruppe annehmen können, kann sich vorstellen, welchen enormen Druck westliche Aktivisten auf die Menschen vor Ort auszuüben imstande sind. Da Bevölkerungsprogramme das Ziel verfolgen, das Bevölkerungswachstum zu verringern, geht es ihnen nicht darum, den Menschen die Wahl zu lassen, sondern sie im Sinne der eigenen Zielsetzungen zu beeinflussen. Ein Dorf, das sich “in freier Wahl” dafür entscheidet, seine Geburtenrate zu erhöhen, würde innerhalb eines solchen Programms kaum als erfolgreiches Beispiel gelten. Der Druck geht immer nur in eine Richtung – und die Grenze zwischen Druck und Zwang ist fließend.
Wie ungleich das Verhältnis zwischen der internationalen Bevölkerungslobby und ihrer Zielgruppe in den Dörfern Afrikas und Asien ist, wurde mir klar, als ich eines Abends im Juni 1995 in Sambia in den Nachrichten einen Bericht über angolanische Flüchtlinge im Mayeba-Flüchtlingslager im Nordwesten Sambias sah. Mit entrüsteter Stimme berichtete der Reporter, die Führer der Flüchtlingsgruppe hätten sich geweigert, an einem Bevölkerungsprogramm teilzunehmen. Viele ihrer Landsleute seien in den letzten Jahren gestorben, argumentierten sie, und deshalb wolle man die eigene Anzahl wieder vergrößern, anstatt sie zu verkleinern. Der Bericht schloss mit dem viel sagenden Kommentar: “Es wird berichtet, dass es in Mayeba keinerlei Familienplanung gibt!” Der Tonfall des Berichts lud förmlich zur moralischen Verurteilung der Flüchtlinge ein. Er suggerierte, dass jeder, der die wohl wollenden Hinweise der Bevölkerungsexperten ignoriere, die Verantwortung für seinen Niedergang trage – eine moralische Lektion für ganz Sambia, die anhand einer “fehlgeleiteten Volksgruppe” deutlich macht, was tatsächlich von den “Rechten” und “Wahlmöglichkeiten” einfacher Leute gehalten wird.

Seit der Internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung in Kairo im Jahre 1994 wird die malthusianische Botschaft zusehends in der Sprache der Menschenrechte vermittelt. Der Konferenzbericht der UN-Bevölkerungskommission stellte fest, dass eine “Stabilisierung der Bevölkerung nur erreicht werden könne, wenn die individuellen Perspektiven der Menschen berücksichtigt werden”. Auch wurde das “grundlegende Menschenrecht aller Individuen und Paare, eigenständig und frei über die Zahl ihrer Nachkommen zu entscheiden”, betont. Dennoch ging es in dem Bericht nicht so sehr um das Tolerieren “individueller Perspektiven der Menschen”, sondern darum, sie zu manipulieren. Offensichtlich war den Autoren der Widerspruch zwischen dem Menschenrecht auf freie Entscheidung und dem Belehren über “das verantwortliche Verhalten” nicht bewusst.

“Das künstliche Eingreifen in die Lebensweise von Menschen durch Druck von aussen zerstört die moralische Grundlage einer Gesellschaft”

Internationale Organisationen, die Fortpflanzungspraktiken in den Entwicklungsländern erforschen, kümmern sich wenig um die Ansichten der Menschen. Ergeben ihre Untersuchungen, dass die Menschen im Allgemeinen in Großfamilien leben, scheuen sie sich nicht, deren Verhaltensweisen zu beeinflussen.
Studien über das “ungeweckte Bedürfnis nach Verhütung” bringen unverblümt zum Ausdruck, dass es darum geht, bei den Menschen dieses Bedürfnis überhaupt erst zu schaffen. Der aktuelle UNFPA-Bericht schlägt nicht nur die Bereitstellung von Familienplanungshilfen vor, sondern fordert auch Kampagnen, um die Ansichten der Menschen zu beeinflussen. Die Notwendigkeit, diese oder jene Volksgruppe zu lehren, welche Ansichten über Sexualität und die Größe der Familie sie anzunehmen haben, zieht sich wie ein roter Faden durch den Bericht. Die Bevölkerungskommission stellt ihre Propagandakampagne als “Hilfe für Frauen und Männer dar, Familien in der von ihnen gewünschten Größe zu gründen”. In Wirklichkeit will sie Frauen und Männern vermitteln, welche Art der Familienplanung sie sich zu wünschen haben.
Für Familienplanungsexperten stellen kulturelle Normen und Werte der betroffenen Völker Barrieren dar, die überwunden werden müssen. Dabei ist es zu einem zentralen Ansatz geworden, Frauen zu ermuntern, sich aus den traditionellen kulturellen Zusammenhängen zu lösen und neue Identitäten und Lebensstile anzunehmen. Die weitreichenden Konsequenzen dieses Einwirkens werden jedoch nur selten benannt. Das künstliche Eingreifen in die Lebensweise von Menschen durch Druck von aussen zerstört die moralische Grundlage einer Gesellschaft. Die Verfechter der neuen Moral scheren sich aber nicht darum, ob eine Gesellschaft diesen Belastungen stand halten kann. Das Recht der Menschen, nach ihren Sitten und Gebräuchen zu leben, scheint eines der Rechte zu sein, das von Bevölkerungsaktivisten nach Belieben mit Füßen getreten werden darf.

Als jemandem, der das Recht der Frauen auf freie Entscheidung über alle Fragen und Bereiche ihres Lebens verteidigt, erscheint mir solches Engagement verlogen. Frauen sollten das Recht auf sichere Verhütung und Abtreibung haben, da es existentiell für ihre individuelle Unabhängigkeit ist. Dieses Recht darf jedoch nicht durch die Bevölkerungslobby manipuliert werden.
Die Bevölkerungslobby hat es erfolgreich verstanden, mit ihren Anliegen auf den Zug der Frauenthemen aufzuspringen. Schnell wird jedoch deutlich, dass ihre Beteuerung der Wahlfreiheit wenig mit dem Recht der Frauen auf Selbstbestimmung ihrer Fruchtbarkeit zu tun hat. Für die Bevölkerungskommission bedeutet “Wahlfreiheit”, der Bevölkerungslobby die Möglichkeit zu geben, “aufgeklärte” Entscheidungen für Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu treffen. Solange Frauen sich dem Diktat der Bevölkerungskontrolle unterwerfen, haben sie die “freie Wahl”. Andernfalls laufen sie Gefahr, von Gott spielenden, UN-geprüften Kreuzrittern bis in die intimsten Aspekte ihres Lebens hinein “empowered” zu werden.