27.10.2014

„Abtreibungsverbot macht Frauen zu Staatseigentum“

Interview mit Ari Armstrong

In den USA tobt ein Streit zwischen radikalen Lebensschützern und jenen, die ein Recht auf Abtreibung verteidigen. Philosoph Ari Armstrong erklärt im Gespräch mit Andreas Müller, wie ein Verbot der Abtreibung die Rechte der Frauen verletzt – und zu drastischen Konsequenzen führt

Andreas Müller: Herr Armstrong, Sie argumentieren seit Jahren gegen die sogenannte „Personhood“-Bewegung. Ähnlich wie die katholische Kirche ist diese Bewegung der Auffassung, dass eine „neu befruchtete Eizelle eine vollständige menschliche Person ist – mit dem absoluten Recht, biologische lebenserhaltende Maßnahmen von einer Frau zu bekommen“, wie Sie es in Ihrem Grundsatzpapier ausdrücken. 1 Abtreibung wäre demnach Mord. Der ehemalige Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner brachte die katholische Position so auf den Punkt, dass bereits der befruchteten Eizelle der „Schutz der Menschenwürde“ zukomme. 2 Benedikt XVI. sagte dazu: „Abtreibung kann kein Menschenrecht sein – sie ist das Gegenteil davon.“ 3 Die Position der Kirche hat sich seitdem nicht grundsätzlich verändert. Die „Personhood“-Aktivisten versuchen also im Grunde, die katholische Auffassung in Gesetzesform zu gießen. Sie sind hingegen der Überzeugung, dass ein solches Gesetz verheerende Folgen für das Leben einer Frau haben kann. Was meinen Sie damit?

Ari Armstrong: Bedenken Sie all die Implikationen, die sich daraus ergeben, eine befruchtete Eizelle als eine Person mit vollen Rechtsansprüchen zu behandeln. Normalerweise wird die Schwangerschaft als ein Zeitraum der embryonalen Entwicklung definiert, der mit der Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter beginnt. „Personhood“ behandelt die befruchtete Eizelle bereits vor der Einnistung als eine Person. Das bedeutet, dass alles, was eine Frau tut, um die Einnistung einer solchen Eizelle in ihrer Gebärmutter zu verhindern, wie Mord behandelt werden muss. Man bedenke: Der Gebrauch bestimmter Arten von Verhütungsmitteln dient diesem Zweck.

„Man müsste jede verdächtige Fehlgeburt zum Gegenstand einer strafrechtlichen Ermittlung machen“

Diese Bewegung hält offensichtlich auch jede Abtreibung nach der Einnistung für Mord. Selbst wenn eine Frau durch Vergewaltigung oder Inzest geschwängert wurde, darf sie demnach nicht abtreiben. Und falls sie es tut, muss sie wegen Mordes angeklagt werden. Alle freiwilligen Abtreibungen würde man verbieten, selbst im dritten Trimester, selbst bevor ein Embryo menschliche Organe entwickelt hat. Man müsste jede Fehlgeburt, welche die Behörden für verdächtig halten – wenn sie also glauben, dass die Frau sie absichtlich eingeleitet haben könnte – zum Gegenstand einer strafrechtlichen Ermittlung machen.

„Personhood“ würde die Abtreibung selbst für solche Fälle untersagen, wenn die Gesundheit einer Frau durch den Verzicht auf eine Abtreibung gefährdet ist. Und wenn das Leben einer Frau bedroht ist, dann wären die Ärzte gesetzlich dazu gezwungen, die Risiken für das Leben der Frau gegen die Möglichkeit, einen lebendigen Fötus auf die Welt zu bringen, abzuwägen. Daraus folgt unter anderem, dass Bürokraten jeden Schritt eines Arztes auf diesem Gebiet hinterfragen würden und auch Ärzte könnten wegen Mordes angeklagt werden, falls sie eine Abtreibung durchführen.


Sie schreiben, dass Menschen von Geburt an Rechte haben. Worin besteht der grundlegende Unterschied zwischen einem Fötus vor der Geburt und einem Säugling nach der Geburt?

Man sollte beachten, dass fast alle Abtreibungen früh in der Schwangerschaft stattfinden und, zumindest in den USA nur etwa 1,2 Prozent der Abtreibungen – laut dem Guttmacher-Institut – später in der Schwangerschaft vorgenommen werden und dann unter mildernden Umständen. [Anm. der Red.: In Deutschland ist es ähnlich: 97 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche werden bis einschließlich der 14. Woche vorgenommen].

„Der Entwicklungszustand eines Fötus ist für die Entscheidung über eine Abtreibung von ethischer Bedeutung.“

Offensichtlich gibt es in Hinblick auf die biologische Entwicklung einen großen Unterschied zwischen einer gerade befruchteten Eizelle und einem Fötus spät in der Schwangerschaft. Biologisch ist ein älterer Fötus beinahe so weit entwickelt wie ein geborener Säugling. Einige geborene Säuglinge – vor allem die Frühgeburten – können sogar biologisch jünger sein als Föten in den letzten Schwangerschaftswochen. Der Entwicklungszustand eines Fötus ist für die Entscheidung über eine Abtreibung von ethischer Bedeutung. Eine Frau sollte nicht ohne guten Grund bis spät in die Schwangerschaft warten, um eine Abtreibung vorzunehmen. Das geschieht aber auch so gut wie nie.

In Hinblick auf die „Personhood“-Bewegung sprechen wir über Rechte in einem politischen Zusammenhang. Die Frage lautet also, ob die Regierung eine Frau mit Gewalt davon abhalten soll, irgendwann in der Schwangerschaft eine Abtreibung vorzunehmen und ob die Regierung eine Frau für Mord anklagen soll, wenn sie abtreiben lässt? Die Antwort lautet nein. Der entscheidende Unterschied zwischen einem Fötus im Mutterleib und einem geborenen Säugling besteht darin, dass ein Fötus vollkommen im Körper der Mutter enthalten und biologisch von diesem abhängig ist. Rechte – um Ayn Rands Beschreibung anzuführen – sind Prinzipien, welche die angemessene Handlungsfreiheit einer Person in einem gesellschaftlichen Zusammenhang definieren. Und als solche beziehen sich Rechte nur auf geborene Säuglinge, nachdem sie den Körper der Frau verlassen und eine biologisch unabhängige Existenz begonnen haben.


Abtreibung wird von den Menschen – auch in Deutschland – gemeinhin akzeptiert, falls die Frau vergewaltigt wurde oder falls ihr Leben durch die Schwangerschaft gefährdet ist. Wenn keine Verhütungsmittel benutzt wurden oder wenn sie nicht verantwortungsvoll benutzt wurden, neigen die Menschen dazu, die Abtreibung abzulehnen. Sie schreiben, dass dies kein guter Grund ist, gegen eine Abtreibung zu sein. Könnten Sie Ihre Gründe nennen?

Im Allgemeinen sollte man Dinge tun, die das eigene Leben und Glück fördern und Dinge vermeiden, die das eigene Leben und Glück untergraben. Verantwortungsloser Sex, mit dem man eine ungewollte Schwangerschaft riskiert, untergräbt das eigene Leben und Glück, also sollte man es nicht tun. Eine ungewollte Schwangerschaft führt üblicherweise zu erheblichem Stress, zu Kosten und zu gesundheitlichen Schwierigkeiten. Falls Sie nicht möchten, dass Sex zu einer Schwangerschaft führt, dann sollten Sie angemessene Vorkehrungen treffen.

„Es ist falsch, die Kindsgeburt als eine Art Strafe für den Verzicht auf Verhütungsmittel anzusehen.“

Wenn ein Paar jedoch Sex nicht verantwortungsbewusst praktiziert und die Frau schwanger wird, dann ist es falsch, die Kindsgeburt als eine Art Strafe für den Verzicht auf Verhütungsmittel anzusehen. Ist eine Frau nicht darauf vorbereitet, ein Kind auszutragen oder es aufzuziehen, dann sollte sie eine Abtreibung erwägen, wenn es das Beste für ihr Leben zu dieser Zeit ist, selbst wenn die Schwangerschaft von dem Fehler herrührt, auf Empfängnisverhütung verzichtet zu haben.

Und man sollte auch beachten, dass keine Methode zur Empfängnisverhütung zu 100 Prozent effektiv ist. Abtreibung bei mangelhafter Verhütung zu verbieten bedeutet, dass sexuell aktive Paare, die keine Kinder wollen, in ständiger Angst leben müssen, dass ihr Verhütungsmittel nicht funktioniert.


Angenommen, man würde die Abtreibung einer befruchteten Eizelle für Mord erklären. Der Staat wäre dann angehalten, einen solchen Mord zu verhindern. Wie muss man sich das vorstellen?

Wenn eine Frau nicht über ihren eigenen Körper verfügen darf, dann bedeutet das, dass die Regierung darüber verfügt. Wenn Abtreibung Mord ist und eine Frau abtreiben lassen möchte, dann müssen Regierungsbeamte die Frau festnehmen, sie wortwörtlich an ein Bett fesseln, wenn nötig, und sie dazu zwingen, gegen ihren Willen zu gebären. Ein völliges Abtreibungsverbot bedeutet auf eine sehr reale Art im Grunde, eine Frau während ihrer Schwangerschaft zu Staatseigentum zu machen.