08.07.2011

Reizwörter einer törichten Debatte

Kommentar von Günter Ropohl

Um weder Fortschrittshörigkeit noch -verdrossenheit anheim zu fallen, bedarf es eines sinnvollen Umgangs mit Begriffen. Die Begriffe "Fortschritt" und "Wachstum" sollten dabei weder pauschal verurteilt, noch undifferenziert und kritiklos gebraucht werden

Theologen sagen, Religion wäre eine natürliche Anlage der Menschen; das erkenne man daran, dass fast alle, die keinem förmlichen Bekenntnis anhängen, doch in irgendeiner Afterreligion befangen blieben. Man könnte wohl dagegenhalten, dass ein solcher Religionsersatz bloß ein schaler Aufguss jener Illusionen ist, die den Menschen in früher Kindheit eingepflanzt wurden. Wie immer: Es gibt weltanschauungsartige Auffassungen, die sich kaum mit vernünftigem Denken rechtfertigen lassen, sondern eher religiöse Züge tragen.

1. Fortschritt oder Verfall?

Zwei besonders wirkmächtige Strömungen, die sogar von namhaften Geschichtsphilosophen gestützt wurden (1), sind die unerschütterliche Heilsgewissheit des Fortschrittsglaubens und die ebenso unbedingte Unheilsgewissheit der Endzeiterwartung. Die Fortschrittsideologie ist davon überzeugt, die Menschen könnten durch kühne und kraftvolle Taten die säkulare Erlösung von allem Übel erreichen. Die Endzeitideologie dagegen behauptet, die Menschen hätten mit ihrer anmaßenden Weltbemächtigung die Übel längst ins Übermaß drohender Zerstörung gesteigert und könnten nur noch mit Selbstbescheidung und Entsagung das Allerschlimmste verhüten.

Das sind die quasireligiösen Tiefenströmungen, die, meist unerkannt, den Richtungsstreit über die Wege der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung unterspülen. Gewiss würde jeder, dem immer ich sie zuschreibe, weil er ja vorgeblich allein mit sachlichen Gründen argumentiert, diese „Unterstellung“ energisch zurückweisen. Doch der „sachlichen Gründe“ gibt es unendlich viele. Technik und Wirtschaft lassen sich nur als äußerst komplexe Systeme verstehen, und viele Menschen sind nicht imstande, solche Komplexität auch nur annähernd zu durchdringen. (2) Wer aus verwickelten Wirkungszusammenhängen einzelne Ursachen und Wirkungen herausgreift und diese isolierten Bedingungen und Folgen für das Ganze hält, ist bei seiner Auswahl von Vormeinungen geprägt. Und die Vormeinungen wurzeln oft in ideologischen Mustern, in denen atavistische Versatzstücke einer früh erworbenen unreflektierten Religiosität eine bedeutende Rolle spielen.

„Wachstum“ und „Fortschritt“ sind die einschlägigen Beschwörungsformeln: Die einen erwarten davon das Paradies auf Erden, und die anderen sehen darin das Teufelswerk, das geradewegs in die Katastrophe führt. Tatsächlich aber lebt dieser Glaubenskrieg davon, dass „Wachstum“ und „Fortschritt“ höchst schillernde Ausdrücke sind, die per se keinen genauen Sinn enthalten. Ohne ernsthafte Klärung bleiben sie ideologische Leerformeln. Dem lässt sich nur mit der Anstrengung des Begriffs begegnen.

2. Wachstum

Hätte Jakob Fugger II, genannt „der Reiche“, der erste deutsche Großbankier, im Jahr 1510 ein bescheidenes Kapital im Wert von 1000 Euro zu einem Zinssatz von 5 Prozent angelegt, dann wäre dieses Kapital inzwischen auf 39 Billionen Euro angewachsen. Das ist mehr als das Dreifache des jährlichen Bruttoinlandsprodukts aller 27 EU-Staaten und mehr als das Fünffache ihrer gegenwärtigen Schulden. Was wundersamer Geldvermehrung gleichkommt, ist nichts anderes als das Ergebnis eines exponentiellen Wachstums, das um eine jährlich größer werdende Rate steigt. Nur so kann eine anfangs überschaubare Geldsumme in 500 Jahren derart gewaltig zunehmen.

Das fingierte Rechenexempel illustriert eine merkwürdige Facette des Wachstums, die ungehemmte Geldvermehrung allein durch ein finanzwirtschaftliches Gesetz. Das ist das Wachstum, dem im „House of Finance“ gehuldigt wird, und womöglich ist es auch die eigentliche Triebfeder, die überhaupt das Wirtschaftswachstum bewegt. An sich wäre ja die Kapitalakkumulation nicht zu verurteilen, solange die Zuwächse wirklich produktiv investiert würden. Tatsächlich aber hat sich, wie die Spekulationsblasen der letzten Jahre zeigten, die Finanzsphäre von der Produktionssphäre weithin abgelöst.

„Wachstum“ bedeutet die quantitative Zunahme einer kennzeichnenden Messgröße im Verlauf der Zeit. Dieses Konzept ist der Natur entlehnt worden. (3) Die Bäume wachsen jedoch nicht in den Himmel, und kein Lebewesen überschreitet eine typische Größe. Das gilt auch für Populationen, also die Gesamtzahl der Lebewesen einer bestimmten Art. Wenn sie sich übermäßig vermehren, erreichen sie ökologische Grenzen, sei es die kritische Verknappung der Nahrungsmittel oder die intolerable Verdichtung der Artgenossen je Flächeneinheit. (4) Natürliches Wachstum verläuft in Form einer „logistischen“ Kurve. Auf zögerlichen Beginn folgt eine Phase raschen Anstiegs, der freilich später abflacht, um sich schließlich einem unüberschreitbaren Höchstwert anzunähern. Mit einem Wort: Natürliches Wachstum hat eine endliche Grenze.

Seit die Nationalökonomie die Idee des Wachstums auf die Wirtschaft übertragen hat, ist freilich von Grenzen kaum noch die Rede. (5) Als kennzeichnende Messgröße wird durchweg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gewählt. Als Wachstum ermittelt man den Mehrbetrag, der gegenüber dem Vorjahr erwirtschaftet wird, und berechnet ihn in Prozent der Vorjahresleistung. Diese Prozentsätze sind recht klein, aber ergeben doch absolute Beträge, die Jahr für Jahr größer werden, weil sie sich auf einen ständig steigenden Basiswert beziehen. Wirtschaftswachstum ist also ein exponentielles Wachstum, das in der Theorie keine Grenze kennt.

Dieses Wirtschaftswachstum ist zum Fetisch der Wirtschaftspolitik geworden. Wer freilich diese Strategie pauschal verfolgt, vernachlässigt kritische Einschränkungen, die den Ökonomen längst bekannt sind:

  • Das Bruttoinlandsprodukt ist eine hochaggregierte monetäre Größe, die über die Qualität der damit bewerteten Waren und Dienstleistungen überhaupt nichts aussagt.
  • Das Bruttoinlandsprodukt besteht allein aus Erträgen der formellen, in Geldeinheiten abgerechneten Wirtschaftstätigkeit. Die sogenannte Schattenwirtschaft wird ebenso wenig erfasst wie die Eigenarbeit der Menschen in Haushalt, Familie und Ehrenamt. (6)
  • Die Magie der Zuwachsraten täuscht darüber hinweg, dass auch Steigerungen, die in absoluten Zahlen gleich bleiben, Wachstum bedeuten, das dann bloß linear ist. Die meisten Wirtschaftsauguren aber sähen darin bereits einen Wachstumsrückschritt, weil der Prozentsatz bei allmählich steigender Basis natürlich sinken würde. (7)
  • Wachstumsgewinne kommen nicht allen Menschen mit gleichen Anteilen zugute, denn das BIP pro Kopf ist nur eine Durchschnittsgröße. Wirtschaftswachstum und Einkommensverteilung haben grundsätzlich nichts miteinander zu tun. (8) Wachstum an sich ist kein umstandsloser Wohlstandsautomatismus.

Das herrschende Konzept des Wirtschaftswachstums ist als Indikator viel zu problematisch, als dass man es zur alleinigen Zielgröße erklären dürfte. Aussagekräftiger wären Kaufkraftwachstum, Beschäftigungswachstum oder Bildungswachstum. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts mag eine notwendige Bedingung für solche konkreten Wachstumsgewinne sein, aber hinreichende Bedingungen werden nur durch gezielte Arbeits-, Sozial- und Bildungspolitik geschaffen. Mit einem Wort: Wer allein auf schieres Wirtschaftswachstum setzt, verkennt, dass Lebensqualität etwas anderes ist als ein paar Prozentpunkte in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Ebenso abwegig wäre es aber auch, Wachstum grundsätzlich zu verteufeln. Selbst in den reichen Ländern gibt es Bevölkerungsminderheiten, die mehr Wohlstand brauchen könnten. Die Mehrheiten aber erfreuen sich guter Lebensbedingungen; wachsen würden da bloß der Konsum luxuriöser Nonsensprodukte und immer raffiniertere Spielarten der Verschwendung – „Innovationen“, die wohl eher als Vehikel der Kapitalakkumulation dienen denn als Garanten der Lebensqualität. Wenn aber zurzeit eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen hat, wäre es zynisch, dem Wachstum der Lebensmittelproduktion entgegenzutreten.

Wachstum an sich ist aber eine nichtssagende Leerformel. Alles kommt darauf an, welchen Menschen in welchen Lebensdimensionen welches Wachstum an Waren und Dienstleistungen zuteil wird. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes, die einst Adam Smith beschworen hat, scheint da recht untätig zu bleiben.

3. Fortschritt

Gleichwohl gilt Wachstum umstandslos als „Fortschritt“, und dieses Schlagwort ist noch unschärfer als das „Wachstum“. Die Idee des Fortschritts hat ihren Siegeszug mit der europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert angetreten. (9) Von Anfang an ist diese Idee mit den anspruchsvollsten Erwartungen überladen worden, und so entzünden sich daran immer wieder heftige Streitigkeiten. Darum muss man die pauschale Fortschrittsidee auf die einzelnen Gedanken hin prüfen, die, teils zusammenhängend und teils untereinander widersprüchlich, damit verbunden werden.

Mit einem deskriptiven Fortschrittsbegriff behauptet man, das historisch Spätere stelle lediglich ein Mehr dar, während man es im normativen Sinn auch für das Bessere hält. Was man pauschal als „Fortschritt“ bezeichnet, umfasst genau genommen die folgenden Elemente:

  • den Zuwachs an Wissen und Können (wissenschaftlich-technischer Fortschritt);
  • die Steigerung des materiellen Wohlstands (wirtschaftlicher Fortschritt);
  • die Zunahme von Freiheit und Gerechtigkeit (gesellschaftlicher Fortschritt);
  • die Zunahme individueller Moralität und Vernunft;
  • die Steigerung emotionaler und ästhetischer Sensibilität;
  • die Vermehrung des persönlichen Glücks.

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt ist eine offenkundige Tatsache. Selbstverständlich wissen und können die Menschen heute unendlich viel mehr als vor 300 Jahren. Allerdings ist das eher ein kollektiver als ein individueller Fortschritt. Die Wissenskapazität des einzelnen Durchschnittsmenschen nämlich dürfte gegenüber seinen Vorfahren kaum zugenommen haben. Vielmehr gilt das „Gesetz der fallenden Wissensrate“: Der Anteil des individuellen Wissens am kollektiv verfügbaren Wissen wird immer kleiner – ein Phänomen, das den Propagandisten der „Wissensgesellschaft“ zu denken geben müsste, (10) zumal die ungleiche Verteilung des Wissens die gesellschaftliche Verbundenheit schmälert und die Abhängigkeit der „Laien“ von den „Experten“ vergrößert. Allerdings wohnt dem technischen Fortschritt die Besonderheit inne, dass neue Produkte individuelles Wissen und Können sachtechnisch vergesellschaften und auf diese Weise anderen Menschen an die Hand geben, die es aus eigener Kraft kaum erwerben könnten: Die Aneignung von Wissen und Können wird durch die Aneignung von Sachen ersetzt. (11)

Natürlich soll der wissenschaftlich-technische Fortschritt die Lebensbedingungen verbessern und kann so zum zweiten Element der Fortschrittsidee beitragen, zur Steigerung des materiellen Wohlstands. Man misst das als Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, also jene Wachstumsgröße, von deren Problematik schon die Rede war. Diese Werte sagen nichts über die Verteilung der wirtschaftlichen Gewinne unter den Menschen aus, aber die nackten Zahlen geben auch keine Auskunft über die wirklichen Veränderungen der menschlichen Lebenslage. So hat die Technisierung, jetzt normativ betrachtet, ein Großteil körperlich anstrengender und monotoner Arbeit überflüssig gemacht – freilich auch viele Arbeitsplätze, die früher damit beschäftigt waren –, und sie hat faszinierende Mobilitäts- und Informationsmöglichkeiten geschaffen, die den Erfahrungshorizont der Menschen enorm ausweiten konnten.

Zum materiellen Wohlstand muss man allerdings auch die lebensnotwendigen Umweltgüter rechnen, die von der herkömmlichen Wirtschaftsrechnung gar nicht erfasst werden. Da hat der technische Fortschritt bislang höchst unerfreuliche Nebenwirkungen gehabt, die den Wohlstand im weiteren Sinne schmälern. So schränken Schadstoffbelastungen, Lärmemissionen und unabwendbare Deponate die Lebensqualität deutlich ein. Man kann nun diesen Befund gegen die Technisierung ausspielen und den Bankrott der Fortschrittsidee ausrufen. Man kann aber auch – was ich empfehle – auf den berühmten Leitsatz zurückkommen, den Francis Bacon zu Beginn der Neuzeit dem technischen Fortschritt anempfahl: „Man kann die Natur nur beherrschen, indem man ihr gehorcht!“

Wenn heute Ökosysteme durch die bisherige Technisierung ernsthaft gefährdet sind, bedeutet das nur, dass wir die Natur noch nicht genügend beherrschen. Und wir beherrschen sie nicht, weil wir ihren ökologischen Gesetzmäßigkeiten aus Unkenntnis nicht gehorcht haben. Die ökologischen Probleme sprechen nicht gegen jeden technischen Fortschritt, sondern lediglich gegen jene Formen der Technisierung, denen das erforderliche ökologische Wissen fehlt. Wir brauchen daher weiteren Zuwachs an Wissen und Können, also weiteren technischen Fortschritt, der sich freilich nicht länger auf isolierte Maschinen und Apparate beschränken darf, sondern die umfassenden Ökosystemzusammenhänge einbeziehen muss.

Daran werden besonders die Entwicklungsländer zu beteiligen sein. ?n diesen Ländern hungern Menschen, während sich in den reichen Ländern in den letzten drei Jahrhunderten die materiellen Lebensbedingungen derart verbessert haben, dass der Durchschnittsmensch heute komfortabler lebt als früher der König von Frankreich. Auch in den armen Ländern sähe es besser aus, wenn sich nicht dort die Bevölkerung schneller vermehren würde als die Wirtschaftsleistung, ein Umstand allerdings, der großenteils den Verbesserungen in Hygiene und medizinischer Versorgung zuzuschreiben ist. Aber natürlich ist das Wohlstandsgefälle zwischen Nord und Süd eine bleibende Herausforderung, solange es wirtschaftlichen Fortschritt nur in einem Teil der Welt gibt.
Ein drittes Element der Fortschrittsidee behauptet die Zunahme von Freiheit und Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben. Freiheit, verstanden als Abwesenheit von Zwang und Vorhandensein von realen Handlungsmöglichkeiten, scheint, abgesehen von zwischenzeitlichen Rückschlägen, immer mehr Menschen zuteil zu werden. Schwieriger verhält es sich mit der Gerechtigkeit, die schon begrifflich im Spannungsfeld zwischen Gleichheits- und Leistungsprinzip steht. Allerdings weckt jede Verteilung von Lebenschancen, die gegen beide Prinzipien verstößt, in modernen Gesellschaften öffentliche Missbilligung. Benachteiligungen und Bevorzugungen wegen Geschlecht, Abstammung, Rasse, Religion und politischer Anschauung werden in Menschenrechtskatalogen und Staatsverfassungen ausdrücklich verworfen, und wo immer sie noch vorkommen, gibt es entschiedene Gegenkräfte. (12) So ist die Fortschrittsidee auch in dieser Hinsicht nicht völlig erfolglos geblieben. Freilich hat sie sich in den verschiedenen Gesellschaften keineswegs gleichmäßig verwirklicht, und im Verhältnis zwischen den Staaten ist, das zeigen das Friedensproblem und die Spannung zwischen den reichen und den armen Ländern, von einem globalen gesellschaftlichen Fortschritt wenig zu erkennen.

Diese Fortschrittselemente sind zu verschiedenartig, als dass man sie umstandslos in eins setzen könnte. Nicht jede technische Neuerung schafft von allein mehr Wohlstand und Freiheit, nicht jeder Zuwachs des Sozialprodukts verbürgt technischen Fortschritt und soziale Gerechtigkeit, und nicht jeder gesellschaftliche Fortschritt ist auf technischen und wirtschaftlichen Fortschritt angewiesen. Es gibt nicht den Fortschritt schlechthin.

Die Philosophen der Aufklärung hatten noch anspruchsvollere Visionen; sie erwarteten auch den individuellen Fortschritt aller Menschen, die Zunahme individueller Moralität und Vernunft, die Steigerung emotionaler und ästhetischer Sensibilität sowie die Vermehrung des persönlichen Glücks. Nüchtern muss man feststellen, dass sich die Menschen keineswegs derart vervollkommnet haben. Zu viele lassen sich von Habgier, Machtlust, Unduldsamkeit und Streitsucht leiten, zu wenige folgen der Stimme der Vernunft und dem Mitgefühl zwischenmenschlichen Wohlwollens. Man hat zwar mit vernünftigen Argumenten eine universelle Moral begründen können, doch sie ist gegen die dunklen Seiten der menschlichen Natur praktisch kaum durchzusetzen. Gerade angesichts rapide fortschreitender Technisierung bleibt die alte Klage aktuell, die schon Sophokles in jenem berühmten Chorlied der „Antigone“ erhoben hat: die Diskrepanz zwischen technischer und ethischer Kompetenz. (13)

Und glücklicher scheinen die Menschen auch nicht geworden zu sein. Der kollektive Fortschritt hat die äußeren Glücksbedingungen wirklich verbessert, aber das individuelle Glückserleben ist ein höchst fragiler Bewusstseinszustand, der nicht allein von technischem Komfort, ökonomischem Wohlstand und politischen Freiheitsrechten abhängt. Schließlich gibt es Konstanten der menschlichen Lebenslage, Erfahrungen der Ohnmacht, des Verlustes und des Todes, die ohnehin dem ungetrübten Glück entgegenstehen. Man kann mithin vom kollektiven Fortschritt, soweit es ihn denn gibt, keinesfalls eine zwangsläufige Steigerung des persönlichen Glückserlebens erwarten.

Dadurch aber wird die Idee des Fortschritts zur Ideologie: dass sie nämlich alle Elemente der Fortschrittsidee unreflektiert miteinander vermengt. Die Fortschrittsapostel meinen, mehr Technik und Wohlstand brächten selbsttätig mehr Freiheit, Moral und Glück mit sich. Damit arbeiten sie den Fortschrittsfeinden in die Hände, die, weil Freiheit, Moral und Glück nun wirklich nicht notwendig aus Technik und Wohlstand folgen, damit ihre radikalen Angriffe gegen jeden technischen und wirtschaftlichen Fortschritt rechtfertigen.

4. Intelligenz und Augenmaß

Wer „Wachstum“ und „Fortschritt“ pauschal verurteilt, ohne anzugeben, welche besonderen Facetten er meint, schürt geheime Ängste und raubt den Menschen den Antrieb, mit Ideenreichtum und Tatkraft daran zu arbeiten, dass die Lebensbedingungen auf dieser Welt für immer mehr Menschen immer erträglicher werden. Und er ruft die anderen falschen Propheten auf den Plan, die an diesen Reizwörtern auf Biegen und Brechen festhalten, ohne zu differenzieren, wer welches Wachstum braucht und welche technischen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen wirklich als Fortschritte zu bewerten sind. Darauf gibt es selbstverständlich keine einfachen Antworten. Die gesellschaftliche Diskussion dieser Fragen muss weitergehen, aber mit abwägender Intelligenz und klugem Augenmaß.

Das Aufklärungsdenken ist in seinem Fortschrittspathos zu relativieren, nicht aber mit seinem Vermächtnis unbedingter Rationalität: Wir dürfen uns nicht irgendwelchen Glaubensillusionen hingeben, weder den Unheilsorakeln noch den Heilsgewissheiten. Immer wieder müssen wir größtmögliche Vernunft anstrengen, also Klarheit, Genauigkeit, allseitiges Denken und kritische Reflexion kultivieren. Nichtssagende Beschwörungsformeln gehören nicht dazu!