21.11.2018

Reaktionäre Kinder

Von Matthias Kraus

Titelbild

Foto: Aislinn Ritchie via Flickr / CC BY-SA 2.0

In der Kindererziehung sollen geschlechtsspezifische Stereotype und Klischees aufgebrochen werden. Doch der Nachwuchs lässt sich nicht dazu zwingen.

Kürzlich hat mein Facebook-Freund Tim ein Aufklärungsvideo geteilt. Es beweist, dass Jungen und Mädchen immer noch komplett unterschiedlich, nämlich geschlechtsspezifisch erzogen werden. Auf einem geteilten Bildschirm, links die Jungs, rechts die Mädchen, wird gezeigt, wie wir heutige Kinder in stereotype Geschlechterrollen drängen. Jungs tragen blaue Superhelden-T-Shirts, Mädchen rosafarbene mit Prinzessin Lillifee darauf. Jungs werden in ihrem Konkurrenzverhalten bestätigt, Mädchen in ihrer sozialen Wohlgefälligkeit. Jungs bekommen Nerf-Blaster zum Geburtstag, Mädchen My Little Pony.

Man kann sich nur wundern, wie sehr unser Land nach wie vor rückschrittlich durchdrungen ist, war doch bereits die 68er-Großelterngeneration mit emanzipatorischen Ideen vertraut. Simone de Beauvoirs Verdikt von 1949, das Patriarchat mache Frauen erst zu solchen, hatten sie längst verinnerlicht. Deren Kinder, wir heutigen Eltern, kennen es deshalb gar nicht anders. Dennoch scheinen wir unseren eigenen Nachwuchs nach wie vor in die ewig gleichen Rollen hineinzudrängen, so heißt es allenthalben. Es bleibt noch verdammt viel zu tun, um endlich wirklichen Wandel herbeizuführen, kommentieren entrüstete Facebook-Freunde das aufschlussreiche Filmdokument. Stevie aus der Nachbarschaft nimmt die Missstände nicht länger hin. Ihr Verein bekämpft den alltäglichen Sexismus neuerdings praxisnah und an der Wurzel. Mit Hilfe einer App kann man/frau ganz bequem Schmuddelwerbung dokumentieren und melden. Die Server werden hoffentlich überlaufen, das Patriarchat doch noch fallen.

Apropos Patriarch: Ich selbst habe zwei Kinder, Lilli (15, w) und Konrad (14, m). Eigentlich sogar vier, nämlich auch Charlotte (12, w) und Mattes (9, m). Wir sind typisch grün-urbaner Mainstream: Mittelschicht, Hochschule, beruflich was mit Medien und was mit Schule. Wie bei den meisten Eltern hier in Hamburg-Eimsbüttel, Berlin-Kreuzberg oder Köln-Nippes gilt auch bei uns zuhause, dass die Kinder später einmal jede Richtung einschlagen dürfen, in die es sie ziehen mag, unabhängig von äußeren Erwartungen. Familiäre Gängelung nach Stereotypen kennen sie nicht. Meine Generation musste noch begreifen, dass jene Bücher der subtilen Diskriminierung, die uns vorgelesen wurden, wie etwa „Die kleine Hexe“, worin Frauen entweder naive Dummchen sind oder böse Hexen, keine Vorbilder sein können. Vielleicht erklärt das unsere möglicherweise vorhandenen Reste an Rückständigkeit. Gut, immerhin gab es die „Rappelkiste“.

„Meine Tochter wehrt sich gegen den Druck der Gesellschaft, sich gefälligst klischeefrei zu verhalten.“

Zum Glück dekonstruieren heutige Kinderbücher von Anfang an solch überkommene Rollenbilder: Der freche, tapfere „Seeräuber-Moses“ ist, wie sich überraschend herausstellt, ein Mädchen. Willi Wiberg hat einen alleinerziehenden Vater und beide kommen super zurecht. Rico kann mit seiner „Tiefbegabung“ locker gegen den klugen, aber ängstlichen Oskar anstinken. Charlotte schenkten wir zum Geburtstag die „Good Night Stories for Rebel Girls“, aus dem Stand heraus ein Bestseller. Und dann ist da natürlich noch Pippi Langstrumpf, die Urmutter aller starken, anarchischen Mädchen.

Gab es bei uns zuhause einmal Tränen, ermutigte ich Konrad, zu weinen, alles rauszulassen. Auch Jungs dürfen das. Beobachteten wir gemeinsam einen Baggerführer auf einer Baustelle, stellte ich Lilli gegenüber klipp und klar, dass Mädchen das genauso gut können. Die Idee, dass vor allem das Mädchensein per se ein Nachteil sein könnte, ist, soweit ich weiß, beiden nur einmal in den Sinn gekommen. Es war, als sich Konrad in der Not an einem Baum stehend erleichterte.

Seit Lilli aufs Gymnasium geht, studieren wir alljährlich in Vorbereitung des Girls’ Day die Online-Listen typisch männlicher Berufe. Der Girls’ Day ist ein obligatorischer Praktikumstag zur „klischeefreien Berufs- und Studienwahl“. Von der Girls’ Day-Website des Bundesfamilienministeriums lächelt als Vorbild eine Kfz-Mechatronikerin. Ein Artikel auf der Homepage hat den Titel „Annedroids – Mädchen können doch alles!“ Man traut Mädchen wohl immer noch nichts zu. Frau Dr. Maja Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungszentrum, stellt in diesem Artikel über eine Kinderserie um die elfjährige Erfinderin Anne fest: „Eine Figur wie Anne ist in Kinderserien und -filmen noch immer sehr ungewöhnlich.“ Es gebe mittlerweile zwar immer mehr Serien und Filme, in denen Mädchen Technikfreaks mimen, aber „die sind dann meist superschlank, superblond und superschön“. Okay. Wenn Filmmädchen schon mal berufliche Schablonen aufbrechen dürfen, dann nur unter der Bedingung, dass sie wenigstens sexuelle Stereotype bedienen. Nichts ist gewonnen, alle Gleichstellung bleibt Trug und Schein. Den erzieherisch wertvollen Kinderbüchern und auch den aufgeklärten Elterngenerationen zum Trotz kriecht die Gleichstellung der Frau im Schneckentempo voran, besonders schleppend übrigens in Ländern wie Deutschland oder Norwegen, wo Mädchen frei wählen können.

Aber es kommt noch schlimmer: Lilli selbst hat die ihr von der Gesellschaft zugewiesene Rolle bereits verinnerlicht. Technische Berufe können sie nicht reizen. Sie geht ins Tierheim, weil sie kranke Meerschweinchen pflegen möchte. Im vorigen Jahr half sie in einer Konditorei beim Kuchenbacken. Unter der Rubrik „Gute Beispiele“ steht, man möge den Mädels „Die Scheu vor dem Programmieren nehmen“ und „Das technische Potenzial ‚herauskitzeln‘“. Hat bei uns die Erziehung versagt? „Mädchen sollten sich trauen, andere Wege einzuschlagen“, heißt es da auch. Traut sich Lilli nicht? Sie lasse sich nicht zu etwas zwingen, nur weil die Erwachsenen es gerne so hätten, mault sie. Aus ihrer Perspektive hat sich die Debatte um Geschlechterrollen um 180 Grad gedreht. Sie wehrt sich gegen den Druck der Gesellschaft, sich gefälligst klischeefrei zu verhalten. Das angebliche Klischee ist genau das, was sie will. Dass sie Schlagzeug und E-Gitarre spielt statt Geige oder Klavier, kann da nur ein geringer Trost sein. Konrad verbringt den genauso obligatorischen Boys’ Day übrigens am liebsten in einer Fahrradwerkstatt. Reaktionäre Brut!

Dieser Text erscheint als Teil der Reihe „Losing my religion” von Matthias Kraus.