23.04.2012

Pseudowissenschaftliche Vorurteilskonstruktion

Analyse von Tobias Prüwer

Eine Studie behauptet, gepiercte und tätowierte Menschen neigen eher zu „risikoreichem Verhalten“, wie erhöhtem Alkoholkonsum oder ungeschütztem Sex. Tobias Prüwer zeigt, dass dieser pseudowissenschaftliche Unsinn keine Ausnahme bildet: Die Stigmatisierung von Tätowierten hat Tradition

„Wer sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder degenerierter Adliger“ – das unbekümmerte Diktum des Architekturtheoretikers Adolf Loos ist beispielgebend für den Umgang mit Piercing und Tattoo. Es ist so falsch wie oft zitiert. Loos plappert ein Ressentiment nach, das auch Generationen nach ihm fortwirkt. Selbst wenn hinsichtlich kleinerer Piercings und Tattoos Akzeptanzschübe in der Gesellschaft stattgefunden haben, normal sind solche Körperveränderungen bei weitem nicht. Aus unerklärlichen Gründen besitzen insbesondere Medienvertreter eine enorme Aufklärungsresistenz, was die schmückenden Hautstiche betrifft. Jüngstes Beispiel dafür ist ein uninformierter Text auf Focus Online, der einen Zusammenhang zwischen Köperschmuck und Alkoholismus herstellt.  Mal wieder werden Tätowierte und Gepiercte – der Einfachheit halber und weil es eben ein Stigma ist, sollen sie im Folgenden „Markierte“ genannt werden – zum Menetekel der Moderne und läuten den Untergang des Abendlandes ein.


Im pseudowissenschaftlichen Fokus
Im Focus heißt es: „[N]icht nur gesundheitlich ist der Körperschmuck aufgrund des hohen Infektionsrisikos bedenklich, auch das Verhalten einiger Jugendlicher mit Tattoos und Piercings ist besorgniserregend. Eine neue Studie aus Frankreich untersuchte den Zusammenhang zwischen Tätowierungen, Piercings und Alkoholkonsum und stellte fest, dass gepiercte und tätowierte Jugendliche vergleichsweise mehr Alkohol konsumieren, [sic!] als Gleichaltrige, die auf den dauerhaften Körperschmuck verzichten.“ Vom Herbeifantasieren einer tatsächlichen Gefahr – das Infektionsrisiko ist minimal, wenn man sich in professionelle Hände begibt – einmal abgesehen, hätte der Autor oder die Autorin spätestens bei der Erläuterung der Untersuchungsmethode stutzen müssen: An vier Samstag-Nächten wurden vor beliebten Bars insgesamt 1710 Männer und 1260 Frauen gefragt, ob sie Markierte sind. Dann wurde ihre Atemalkoholkonzentration gemessen. Der Studienleiter wird wie folgt zitiert: „Das ist das erste Mal, dass wir [...] einen Zusammenhang zwischen Tattoos, Piercings und Alkoholkonsum feststellen konnten.“

Konstruieren ist wohl das bessere Wort, denn warum haben sie nicht nach Brillenträgern gefragt oder den Fahrern von Autos mit einem Hubraum größer als 2000 Kubikzentimetern? Man hätte das Trinkverhalten nach Geburtsdaten sortieren können, daraus hätten sich bestimmt auch erstaunliche Zusammenhänge ergeben. Dass ein Atemgerät nicht die sicherste Methode zum Messen des Alkoholpegels ist und man Trinkgewohnheiten nicht in einer Nacht feststellen kann, sei hier nur erwähnt. Der unsinnige Ansatz der Studie geht viel tiefer und ist wissenschaftstheoretischer Natur, denn sie setzt eine Unterscheidung voraus, die sie empirisch erst finden will (klassischer Scheinbeweis: Petitio principii).

Ein geradezu schreiend lächerliches Beispiel für solchen Unfug gab eine Studie über die vorgeblich herausragenden sexuellen Aktivitäten von Tätowierten. Auch sie zog medial große Kreise. So wollen die oft bemühten US-Wissenschaftler im Jahr 2000 herausgefunden haben, dass Menschen mit Tattoo mehr Sex haben als andere, eben weil sie bunte Haut tragen. Cum hoc ergo propter hoc?: Der logische Fehlschluss, aus gemeinsam auftretenden Ereignissen Kausalität abzuleiten, verhinderte nicht das Aufsehen, dass die Studie erregte. Dabei sollte sich die über eine Koinzidenz hinaus nicht existente Beziehung von Störchen und Menschenbabys auch in der Wissenschaftsgemeinde herumgesprochen haben. Vielleicht sind Menschen, die sich Farbe in die Haut stechen lassen, einfach offener gegenüber anderen Aktivitäten, in denen der Körper eingesetzt wird? Eventuell haben Menschen mit mehr Sex eher Lust auf bunte Hautbilder? Gegebenfalls neigen Tätowierte zu Übertreibungen, wenn es um das alte Rein-Raus-Spiel geht? Man erfährt es aus der Studie nicht, die allen Ernstes in einer Fachzeitschrift publiziert wurde.

Dass sich der Verfasser des Focus-Artikels nicht auskennt, merkt man bereits im ersten Absatz, wenn am Steißbein eingebrachter Schmuck „Piercing“ genannt wird – gemeint sind Implantate, Microdermals genannt. Warum wird nicht erwähnt, dass man sich in Deutschland erst ab 18 Jahren tätowieren und nur mit Einwilligung der Eltern piercen lassen darf? So entsteht ein verzerrtes Bild, wenn zu lesen ist: „Bereits jeder vierte Mann im Alter von 14 bis 24 Jahren trägt ein Tattoo oder ein Piercing, von den jungen Frauen dieser Altersgruppe ist es sogar jede zweite.“ Nun werden sich gewiss ein paar junge Menschen selbst tätowieren und piercen und ein paar Scratcher mögen illegal ohne Alternachweis tätowieren. Aber das sind Ausnahmen, die verallgemeinert werden, um so richtig Panik zu schieben. Und kommt im Original-Abstract, auf das sich der Focus bezieht, immerhin auch eine kritische Stimme zu Wort, die vor Stereotypisierung warnt,  bleibt diese in der Focus-Zusammenfassung außen vor. Das hätte ja die „Nachricht“ abgeschwächt und die scheint in der aktuellen Fassung schon entschärft: Die Link-Adresse enthält folgende Botschaft „alkoholmissbrauch-und-riskantes-verhalten-bei-jugendlichen-tattoos-und-piercings-als-zeichen-fuer-selbstzerstoerung“. Dass es um Skandalisierung statt Aufklärung geht, erkennt man auch am Umfeld des Artikels: „Das könnte Sie auch interessieren“: „Rechtsradikale haben am meisten Sex“, „Chantal und Mandy – kein Sex mit diesen Namen“, „Der verpönte One-Night-Stand“. Die angebliche gesundheitliche Aufklärung war nicht das Ansinnen der Veröffentlichung.


Pathologisierung mit Tradition
Dabei gehört es seit Ewigkeiten zum guten Ton, sich in der Stigmatisierung der Markierten zu üben. Nicht wenige Wissenschaftler gleichen Wanderern im Nebelmeer, die aus so großer Distanz auf ihr Sujet spähen, dass sie die eigenen Vor-Urteile nicht bemerken. Solche wirken weiter und desinformieren andere. Selbst wenn man heute von Randgruppen nicht mehr sprechen kann, so umweht den Körperschmuck ein schlechter Ruf und er tritt in der dominanten wissenschaftlichen Wahrnehmung und medialen Darstellung weiterhin als Ausdruck von Denaturierung, Verzerrung, Störung, Deformation auf.

Als hoffnungslose Fälle etwa wurden die Tätowierten betrachtet, als sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft für sie zu interessieren begann. Analog zum ebenfalls frisch mit Neugier bedachtem Wahnsinn, erachteten die Gelehrten den Hautstich als normabweichend und deviant. Federführend auf dem Feld der Diskriminierung war der Psychiater Cesare Lombroso, dessen einflussreiches Werk L’Uomo delinquente in vielen Sprachen Leser fand. Darin entfaltet er das Theorem vom geborenen Verbrecher, einem rückständigen Menschen von niedriger Intelligenz und mit gestörter Persönlichkeit. An der Tätowierung könne man solche kriminellen Kreaturen erkennen: „Das Tätowieren ist eine der auffälligsten Erscheinungen beim Menschen im rohen, im Urzustande, bei dem sogen. Wilden, vor Allem in bezug auf die Bereitwilligkeit, mit der er dieser schmerzhaften Operation sich unterwirft. Bezeichnend ist schon, daß der Name dafür einer ozeanischen Sprache entlehnt ist.“

Das Tattoo wurde zum Thema der Forensik. An gesellschaftsfernen Orten fanden die wissenschaftstheoretisch absurden Untersuchungen statt, die zu zum Erkenntnisinteresse passenden Ergebnissen führten: in Gefängnissen und Psychiatrien. Dem Methoden-Murks zum Trotz stießen die denunzierenden Schriften von Lombroso und seinen Kollegen auf große Zustimmung unter ihren Zeitgenossen – und darüber hinaus. Noch 2004 definiert ein Autor die soziale Außenseiterposition des markierten Subjekts: „Tätowierungen sind [...] Merkmal und Dokument eines Desintegrationsprozesses, weil mit ihnen ein Entwicklungsprozess, der sein Ziel verfehlt hat, seinen Abschluss findet.“  Einblick in den biopolitischen Hintergrund bei der Suche nach dem Konnex von Devianz und BodyMod gibt „Tätowierung und Kriminalität“ (2009): „Die meisten Tätowierten treten wegen Rauschgift-, Diebstahls und Körperverletzungsdelikten in Erscheinung; allgemein lassen sich Tätowierungen deliktisch aber kaum genauer zuordnen.“  Hervorragend, dass das überprüft wurde. Diese oft pathologisch orientierte Auseinandersetzung folgt der Grundannahme, dass mit den Tätowierten etwas nicht stimmen kann. Ein Vor-Urteil, das selbst nur aus der axiomatischen Überzeugung heraus plausibel erscheint, dass ein „normaler“ Mensch so etwas nicht tut, das mehr über das Verständnis des Körpers der „Normalen“ aussagt denn über die Markierten. Aufgrund der Intensität der Forschungen darf vermutet werden, dass mehr als die „ästhetische Abwehr“ hinter der Diskriminierung steckt.

Auch wenn sich die Gesellschaft gemeinhin tolerant gibt und Focus & Co. Tätowierung und Piercing manchmal als hip bezeichnen, wenn sie ein Star trägt, oder wenn es etwas Kleines ist: Stigmatisierung und negative Bewertung finden de facto noch immer statt. Das zeigen nicht nur Versuche mit Bewerbungsphotos, bei denen in vielen Berufsbereichen Bewerber und Bewerberinnen mit Augenbrauenpiercing durchweg schlechtere Bewertungen ihrer Persönlichkeiten erhielten.  Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 erfahren Tätowierte in Deutschland keine vollständige soziale Akzeptanz, werden teilweise gezielt ausgeschlossen, und das, obwohl das Tattoo in allen Milieus, Schichten etc. zu finden ist.  Es ist also trotz der Pluralisierung und auch Individualisierung der Gesellschaft lange nicht so, dass Normierungsprozesse nicht mehr stattfinden. Die im Focus zitierte Studie und der auf eine reißerische Pointe getriebene Artikel reihen sich folglich in ein anhaltendes Ressentiment ein.

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