01.03.2009

Politik, Probleme und Papiergeld

Kommentar von Michael Wiederstein

Was Alan Greenspan von Mephisto hätte lernen können.

Die Kassen sind leer, die Renten nicht mehr sicher, die Infrastruktur verkommt, und Investitionen in die Zukunft können kaum mehr getätigt werden. Politiker klagen ihr Leid: Die Gesellschaft breche auseinander, es herrschten Egoismus, Neid, moralischer, finanzieller und materieller Notstand. Die „Schere zwischen Arm und Reich“ öffne sich weiter, und der Unmut der Bevölkerung sei mittlerweile so groß, dass man in gewissen Kreisen bereits den Bürgerkrieg, wenn nicht gar die gewalttätige Revolution fürchte. Was klingt wie eine Zusammenfassung eines Krisentreffens im Kanzleramt, stammt aus der Feder Goethes und findet sich zu Beginn seines Faust II: Kaiser, Kanzler, Heermeister, Schatzmeister und Marschall fürchten um Leib, Leben und nicht zuletzt um ihre Diäten. In die Atmosphäre des drohenden Staatsbankrotts platzt Mephisto, der, als Hofnarr verkleidet, seine Kompetenz als Krisenmanager anbietet: Er legt nah, Papiergeld unters Volk zu bringen, welches mit den ungehobenen Schätzen des Reiches „gedeckt“ – und somit beliebig vermehrbar – ist. Dieser scheinbar einfache Weg aus der Misere ist den Staatsmännern zunächst suspekt, doch nachdem der teuflische Experte versichert, es könne nichts schiefgehen, setzt der Kaiser seine Unterschrift auf das Papier, und über Nacht wird das Volk von Mephisto mit bunten Scheinen – „Zauber-Blättern“ – versorgt. Der Plan geht auf. Die Untertanen konsumieren und investieren übermäßig, sorgen für eine rauschende Konjunktur und freuen sich zunächst am neuen gesellschaftlichen Wohlstand.

Faust II galt aufgrund seiner monumentalen Ausmaße lange Zeit als unaufführbar. Die Rezeption des Werkes trieb dennoch in unterschiedlichen Fakultäten bunteste Blüten. Lässt sich Goethe auch als Ökonom betrachten, der die Möglichkeiten und Gefahren des Papiergeldes bereits vor fast 200 Jahren erkannte?1 Unter den sich für seine Wirtschaftskompetenz interessierenden Wissenschaftlern finden sich bedeutende Ökonomen wie Röpke und Däbritz, welche den Klassiker in verschiedene ökonomische Schulen einzuordnen versuchten. Weiterhin lassen sich unzählige Versuche ausmachen, den Klassiker für die eine oder andere politische oder ideologische Lehre zu vereinnahmen: Es gibt marxistische, konservative, liberale und nicht zuletzt auch grüne Lesarten. Es scheinen sich offenbar viele Weltanschauungs- und Wirtschaftsmodelle mit Goethe belegen oder – besser – schmücken zu lassen. Auch das hohe Aufkommen an Goethe-Zitaten im politischen Diskurs, etwa in Bundestagsreden, liegt begründet in der einmaligen, metapolitischen Auslegungsmöglichkeit seiner Texte.

Der Befund „Auslegungssache“ trifft auch auf den Papiergeldtopos in Faust II zu, welcher historisch und hochgradig aktuell gelesen werden kann: Unstrittig ist, dass die Einführung des Kreditwesens und die Etablierung des Papiergeldes das Ende der Feudalherrschaft einläutete, was Goethe im zweiten Teil seiner Faust-Tragödie mit Genuss ausführt. Weiterhin war dem ökonomisch gebildeten Autor bewusst, dass Experimente mit ungedecktem Papiergeld zum Scheitern verurteilt sind und nicht selten in bürgerkriegsähnliche Zustände münden.2 Interessanter ist deshalb dieser zweite, aktuelle Bezug: Das von Mephisto ausgegebene Papiergeld provoziert im 4. und 5. Akt des Faust II den Zusammenbruch des Staatssystems, nachdem offenbar wird, dass die Scheine trotz kaiserlichen Siegels nichts wert sind.3 Dennoch erkennend, dass Besitz einen Schlüssel zur Freiheit darstellt, begehrt das Volk auf. Der Konflikt gipfelt in einer gigantischen Schlacht, die der Kaiser nur dank weiterer mystischer Eingriffe Mephistos für sich entscheiden kann. Die erwähnten Eingriffe dienen Mephisto ausschließlich dazu, möglichst viel Verwirrung zu stiften um sich im Chaos stets aufs Neue als willfähriger Helfer anzubieten.

Was seit Herbst 2008 zunächst auf den Finanzmärkten und anschließend mit der Weltwirtschaft passierte, lässt sich vor diesem Hintergrund analysieren. Die Entwertung (Inflationierung) des Dollars unter Alan Greenspans FED-Vorsitz4 (fortgesetzt von Ben Bernanke), die Herrschaft und Deutungshoheit vermeintlicher Experten wie etwa Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der bis 2005 leugnete5, dass eine „Immobilienblase“ überhaupt existiert, und auch die überrascht-aktionistisch anmutenden Reaktionen der Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft zeigen zweierlei. Erstens: Wirtschaftspolitische Entscheidungen werden nicht mit Blick auf bereits gemachte Erfahrungen getroffen. Redundante Erscheinungen wie wirtschaftliche Krisen scheinen aufseiten der politisch Verantwortlichen und ihrer Hofökonomen jedes Mal von Neuem bewertet zu werden, um daraufhin stets wieder zum wohlfeilen Instrument der staatlichen Regulierung zu greifen. Ein Blick in die Vergangenheit lehrt, dass diese Regulierungen und Eingriffe meist zu neuen Turbulenzen führen und eine Marktbereinigung, denn nichts anderes ist eine Wirtschaftskrise, bis zuletzt blockiert wird. Dass zu diesem Zweck staatlicherseits Ökonomen als Experten zurate gezogen werden, die letztlich das marode System mit entworfen und gesteuert haben, ist ein trauriges Beispiel für ineffiziente und fahrlässige Politik. Sie erinnert an den beinahe kindisch-naiven Umgang des Kaisers aus Goethes Tragödie mit seinem „Experten“ Mephisto, der „fratzenhaft am Throne kniend“ geradezu darum bettelt, alles gewitzt in Schutt und Asche legen zu dürfen.

Zweitens: Goethe ist zwar diskursiv stets höchst präsent, die eigentlichen Themen seiner Dichtung schimmern hingegen bestenfalls durch. Jeder „sollte zwei Bücher gelesen haben: die Bibel und Goethes Faust“, sagte der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily. Für Guido Westerwelle ist der Faust wie „Sekt für den Kopf“, und Goethes „andauernde Aktualität verdankt sich“ laut Exkanzler Helmut Kohl besonders „seiner vorurteilslosen Neugier und der Genauigkeit seiner Beobachtungsgabe“. Niemand derer, die den Faust stets hoch loben, wenn Champagnerduft in der Luft liegt und Kanapees bereitstehen, hat sich die Mühe gemacht, darauf hinzuweisen, dass der eigentliche Kern der aufziehenden Weltwirtschaftskrise schon Thema des vermeintlichen Lieblingsklassikers der Deutschen war: Massenhafte, staatlich dekretierte Kreditvergabe ohne Sicherheiten und damit einhergehende Inflationierung des Papiergeldes.6 Keiner der vermeintlichen Kenner hätte überrascht oder gar betroffen sein dürfen, als die Kreditkartenhäuser zusammenbrachen.

Stattdessen empfiehlt es sich nun, diejenigen zu befragen, die das Problem bereits früher ausgiebig erforschten und ungehört mahnten.7 Diejenigen, die angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht schockiert oder überrascht sind und die auch nun nicht im Chor mit allen anderen singen. Zu diesen Stimmen zählt auch noch immer die des alten Goethe, welche allerdings gerade zu diesem Thema ausnahmsweise nicht oder nur sehr selten zitiert wird.8 Nun hat man große Teile des „unaufführbaren Klassikers“, wenn auch unwissentlich, auf der Bühne der Welt mit prominentesten Darstellern und unter größtmöglicher Beachtung des Publikums aufgeführt. Und noch immer scheinen ihn nur die wenigsten verstanden zu haben.