08.03.2010

Verzehrserziehung für Anfänger

Essay von Christina Rempe

Die Einführung des Ampelsystems zur Lebensmittelkennzeichnung ist unwissenschaftlicher Aktionismus.

„Deutschland ist zu dick.“ Diese plakative wie gleichermaßen unkritische Botschaft schafft es in regelmäßigen Abständen auf die Titelseiten der Gazetten. Für gesellschaftliche Akteure jedweder Couleur – ihres Zeichens Politiker, Verbraucherschützer oder Industrievertreter – ist die drohende, vielleicht auch bereits existierende Übergewichtsepidemie offenbar eine ausgezeichnete Spielwiese, um durch medienwirksame Aktionen die Gunst von Wählern, Käufern oder Fördermitgliedern zu gewinnen. Ob es nun steigende Gesundheitskosten immer älter und dicker werdender Burger-Bürger sind, die Idee der Gesundheitsförderung oder auch gesunde Ernährungsweisen als Leistungssteigerungsmaßnahmen diskutiert werden – zweifellos bedarf das Thema Ernährung der Auseinandersetzung im gesellschaftspolitischen Kontext.

„Verbraucherinformation“ lautet das Zauberwort und soll gleichzeitig die Lösung allen Übels sein. Sie ist ohne Frage ein wesentlicher Baustein, wenn es darum geht, dem Verbraucher die Grundlage für sachgerechte Entscheidungen zu liefern. Jedoch erscheint der Plan, der Bevölkerung so den „richtigen“ Weg auf dem Pfad der Ernährungstugend ebnen zu wollen, mit Blick auf die jüngsten Maßnahmen überambitioniert – er geht schlicht an den Realitäten des Marktes vorbei. So werden in der öffentlichen Diskussion Halbwahrheiten und Scheinlösungen präsentiert, die der Kernproblematik – sofern ein scheinbar zunehmendes Abweichen der Bevölkerung vom Diktat der schlanken Linie als Problem begriffen werden will – kaum zweckdienlich sind. Zumal das Übergewichtsmaß der Dinge der „Body-Mass-Index“ (BMI) sein soll, eine Rechenübung, die wenig Raum für individuelles Körperdesign wie breite Schultern, muskuläre Waden oder weibliche Formen lässt. Allein die Tatsache, dass nicht jeder, der durch das strenge Raster fällt, krank oder potenzieller Dauerkunde medizinischer Einrichtungen ist, legt die Kritik an der öffentlichen Übergewichtsdebatte nahe. Auch kann der Versuch, durch das Jonglieren mit Zahlenmodellen mögliche Risiken für die Gesundheit zu prognostizieren, grundsätzlich kritisiert werden.

Gut informiert auf den Pfaden der Ernährungstugend

Seit der „Agrarwende“ gilt die Verbraucherinformation als Zugpferd moderner Verbraucherschutzpolitik. Einst propagiert als Rettungsanker, um das durch die BSE-Krise verloren gegangene Verbrauchervertrauen wiederherzustellen, lässt sich der Bogen heute weiter schlagen: Begriffe wie „Ernährungswende“ oder „Konsumwende“ prägen den Zeitgeist und stellen sich die Aufgabe, einen nachhaltigen Umgang mit dem Nahrungswohlstand zu entwickeln. Dazu zählt auch die Frage, wie sich Über- und Fehlernährung der Bevölkerung in den Griff bekommen lassen. Das Instrument der Verbraucherinformation spielt hier naturgemäß eine große Rolle, die ihr kaum streitig gemacht werden kann. Doch muss sich die Art und Weise der Informationsgestaltung stets an der Frage messen, inwieweit sie die freie Selbstbestimmung des Verbrauchers möglicherweise untergräbt, ihn bevormundet oder gar zu erziehen versucht. Gleichermaßen sind die Rechte und Freiheiten anderer Wirtschaftsteilnehmer zu berücksichtigen, deren Informationsgebaren nicht unnötigerweise beschnitten werden darf. Eine übertriebene gesetzliche Reglementierung des Konsums ist daher aus Gründen der Verhältnismäßigkeit abzulehnen und läuft den Zielen gesellschaftlicher Pluralität und individueller Freiheiten klar zuwider.

Neben einer Vielzahl interdisziplinärer Aktivitäten zur Förderung eines gesundheitsfördernden Lebensstils, die in Kitas und Schulen ihren Anfang finden und in Betrieben oder sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern fortgeführt werden, gilt die Lebensmittelkennzeichnung als zentrales Instrument der Verbraucherinformation und als Teil der Ernährungsaufklärung. Sie beschränkt sich auf eine überschaubare Zahl von Pflichtangaben, die über die Art des Produktes, seine Zusammensetzung und seine Haltbarkeit informieren. Hinzu kommt eine Reihe ergänzender Kennzeichnungselemente, über deren Sinn und Zweck sich im Einzelfall streiten lässt. Streiten lässt sich zudem über zusätzliche Angaben, die bislang nicht Teile der gesetzlich verpflichtenden Lebensmittelkennzeichnung sind. Zankapfel aktueller Debatten in Politik, Wirtschaft und verbrauchernahen Einrichtungen ist die Gestaltung einer erweiterten Nährwertkennzeichnung. Befürworter verknüpfen mit ihr die Vision einer nahezu umfassenden Ernährungsaufklärung, die den Verbraucher gleichzeitig zu vernunftorientiertem Handeln bekehrt, während Kritiker – insbesondere in dem derzeit diskutierten Ampelmodell zur Nährwertkennzeichnung – eine Entmündigung und Gängelung des Verbrauchers sehen, die in Bezug auf die gewünschte Beeinflussung des Ernährungsverhaltens der Bevölkerung der Ideologie einer sozialistischen Planwirtschaft mit staatlicher Überwachung kaum nachsteht. Ein neues System der Nährwertkennzeichnung soll dem Verbraucher künftig die Bewertung der ernährungsphysiologischen Qualität eines Lebensmittels erleichtern. Die Vorschläge beginnen bei einer schlichten Pflichtkennzeichnung der Gehalte an Fett, Kohlenhydraten, Salz sowie des Brennwertes. Entsprechende Angaben sind bislang innerhalb Deutschlands wie Europas freiwillig, finden sich aber Marktforschungsstudien zufolge auf über 60 Prozent aller Packungen. Der Kritik an Schriftgröße und Lesbarkeit zum Trotz, der interessierte Verbraucher dürfte in den meisten Fällen auf seine Kosten kommen. Doch fällt es ebenfalls nicht schwer, über die Nährwertangaben hinwegzulesen.

Der Blick nach Amerika zeigt anschaulich, dass die Vision, durch Nährwertangaben in tabellarischer Darstellung eine gesundheitsfördernde Verhaltensänderung des Verbrauchers herbeiführen und dadurch der Übergewichtsproblematik entgegenwirken zu können, an der Realität vorbeigeht. Denn dort gab es bereits 1938 erste gesetzliche Bestimmungen zur Produktkennzeichnung, ein System zur Nährwertkennzeichnung folgte 1973. Seit Jahren sind amerikanische Hersteller verpflichtet, den Nährwert ihrer Produkte in einer gesetzlich vorgegebenen Tabellenform zu kennzeichnen. Nun sind die USA jedoch nicht nur Vorreiter in der Lebensmittelkennzeichnung. Sie tun sich ebenfalls gewichtig hervor, wenn es darum geht, die meisten Pfunde auf die Waage zu bringen. Für den Kampf gegen Über- und Fehlernährung müssen offenbar größere Geschütze aufgefahren werden.

Die Industrie als Wegweiser im Nährwertdschungel

Angriff ist bekanntermaßen die beste Verteidigung. Der europäische Verband der Lebensmittelindustrie CIAA hat den Braten frühzeitig gerochen und daher ein eigenes System zur freiwilligen Nährwertkennzeichnung – die sogenannten „Guidelines Daily Amounts“ (GDA) – entwickelt, das Lebensmittelhersteller künftig europaweit nutzen wollen. Nach dem GDA-System wird auf der Produktvorderseite über den Energiegehalt pro Portion in Kalorien informiert. Angaben über den Gehalt an Zucker, Eiweiß, Fett, gesättigten Fettsäuren und Natrium pro Portion finden sich auf der Rückseite der Verpackung. Zu jedem einzelnen Nährstoff wird außerdem die Menge in Prozent angegeben, die ein Erwachsener insgesamt pro Tag verzehren sollte. Grundlage für die GDAs sind die Daten der „Eurodiet Nutrition Population Goals“, eines Projekts der EU-Kommission, das wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen für die europäische Bevölkerung entwickeln soll.

Auf dem ersten Blick ein seriöser Ansatz, zeigt das GDA-System dennoch bei näherer Betrachtung Mängel. So basieren die Zufuhrempfehlungen für die einzelnen Nährstoffe zwar auf den Eurodiet-Daten, eine Beteiligung der dafür verantwortlichen Wissenschaftler fand jedoch nicht statt. Für die empfohlene Fettzufuhr wurden die Maximalwerte zugrunde gelegt, für Zucker gibt es nach Eurodiet gar keine tägliche Zufuhrempfehlung. Organisationen wie die WHO setzen als Zuckerrichtwert deutlich geringere Mengen an. Ebenso wenig gibt Eurodiet eine Empfehlung für die täglich aufzunehmende Energiemenge – mit gutem Grund, schließlich handelt es sich hier um eine sehr individuelle Größe, die von mehr abhängt als nur vom Geschlecht des Konsumenten. Zentraler Kritikpunkt des Systems aber ist die willkürlich erscheinende Festlegung von Portionsgrößen. Von Verbraucherschützern als „Verniedlichungstaktik“ angeprangert, ist es tatsächlich fraglich, ob eine halbe Pizza den üblichen Verzehrgewohnheiten der Bevölkerung Rechnung trägt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) resümiert, das gesamte GDA-System sei wissenschaftlich nicht logisch. So lobenswert also das Vorstoßen der Lebensmittelindustrie zu mehr Information und Aufklärung sein mag, so liegt doch bei kritischer Betrachtung der Aktivitäten der Verdacht nahe, dass es vorrangig darum geht, durch eigeninitiatives Handeln die Gemüter zu beruhigen und schlimmere Konsequenzen für das eigene Lager zu verhindern.

Ein Landwirtschaftsminister sieht bunt

Schon Otto von Bismarck wusste Gesetzgebungsprozesse mit der Herstellung von Würsten zu vergleichen – wer Wurst und Gesetze mag, sollte nicht dabei zusehen, wie sie hergestellt werden. Der Schlingerkurs des früheren amtierenden Landwirtschaftsministers Horst Seehofer (CSU) zeigt, dass diese Feststellung auch heute nicht an Wert verloren hat. Lautete seine Botschaft zunächst, gemeinsam mit der Lebensmittelindustrie für eine bessere Nährwertinformation einzutreten, verlor der Minister nach einigem Hin und Her das Gleichgewicht und unterwarf sich schließlich den öffentlichen Forderungen nach einem Farbleitsystem. Seine Idee ist ein erweitertes „1 plus 4“-Modell, das sich in weiten Teilen mit der GDA-Kennzeichnung deckt, zusätzlich jedoch eine Wertung durch farbliche Unterlegung in den Ampelfarben vornimmt. Hierfür wollte er sich auf europäischer Ebene einsetzen, wo derzeit die Debatte um den Entwurf einer Lebensmittelinformationsverordnung für Furore sorgt, die das Lebensmittelkennzeichnungsrecht revolutionieren und auch verpflichtende Angaben über den Nährwert beinhalten soll. Eine obligatorische Nährwertkennzeichnung ist bestimmt sinnvoll, doch ein möglicherweise gesetzlich manifestiertes Farbleitsystem auf Basis der GDA-Daten wäre ein denkbar fauler Kompromiss, denn schließlich ist die Ampelsystematik hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Fundiertheit mindestens so umstritten wie die GDA-Kennzeichnung.

Bunte Lichtzeichen im Nährwertdunkel

Rot, Gelb, Grün – Signalfarben, deren Bedeutungen aus dem Straßenverkehr hinlänglich bekannt sind, sollen Kalorienbomben, versteckte Zucker und Fettfallen entlarven und im Labyrinth vernünftigen Essverhaltens den verlässlichen Wegweiser mimen. Entwickelt wurde das System von der britischen Lebensmittelbehörde „Food Safety Agency“ (FSA) und findet sich in Großbritannien bereits auf zahlreichen Produkten. Die einheitliche Bezugsgröße der Gehalte an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz auf 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter sichert die Vergleichbarkeit der Angaben und bietet damit einen Vorteil gegenüber dem GDA-System.

Doch muss sich die Ampel letztlich derselben Kritik stellen wie der Vorschlag der Lebensmittelwirtschaft: Die pauschale Bewertung wird der Lebensmittelvielfalt nicht gerecht. Wesentliche Informationen über den Gesundheitswert einzelner Produkte bleiben im Verborgenen. Rote Punkte signalisieren Verbote – was für einige Verbraucher möglicherweise den Reiz steigert, andere vollkommen kaltlässt und bei wieder anderen Konsumenten vollkommen unnötige Ängste schürt. Das Ampelsystem unterminiert außerdem wenig verarbeitete Produkte natürlichen Ursprungs. Fruchtsäfte enthalten naturgemäß viel Zucker und kämen daher in der Bewertung schlechter weg als Softdrinks mit Süßstoffen. Das kann kaum politisch gewollt sein, zumal es doch eigentlich um eine sachgerechte Verbraucherinformation gehen sollte. Es ist nicht angemessen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse über die ernährungsphysiologische Qualität eines Lebensmittels zum Zwecke einer vereinfachten Präsentation bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden.

Der mündige Verbraucher bleibt ein Phantom

Der Verbraucher ist der große Unbekannte in der Geschichte. Wurde dem Leitbild des flüchtigen, unmündigen, an der Grenze zur Debilität verharrenden und einer umfassenden Betreuung bedürftigen Verbrauchers erst Mitte der 90er-Jahre der Rücken gekehrt, ist eben dieser Spezies mit den jüngsten Maßnahmen zur Nährwertkennzeichnung wieder Tür und Tor geöffnet. Kaum anders lässt es sich erklären, dass Nährwertinformationen vorgekaut präsentiert werden sollen, damit sie der Verbraucher auch richtig verdauen kann. Oder sollte sich vielleicht hinter den verwirrenden und zunehmend kontraproduktiven Diskussionen um die Nährwertkennzeichnung eine Masche verbergen, die den Verbraucher dazu einladen soll, sich einzumischen? Die Organisation foodwatch hat jedenfalls nachgefragt und titelte in einer Pressemitteilung vom September 2008, dass 84 Prozent der Deutschen eine verpflichtende Ampelkennzeichnung befürworten. Sie stützt sich mit dieser Erkenntnis auf eine repräsentative Emnid-Umfrage. Ein überraschendes Ergebnis, lieferten doch ähnliche Erhebungen längst nicht so eindeutige Quoten. Ein ausführlicherer Blick auf das Umfragedesign bringt Klarheit: Die Befragten hatten sich zwischen zwei Varianten zu entscheiden: einer Kennzeichnung ohne einheitliche Vorgaben und auf freiwilliger Basis oder einer verpflichtenden Kennzeichnung mit einheitlichen Symbolen nach den Ampelfarben Rot, Gelb und Grün. Die Frage lautete: „Welche der beiden finden Sie besser?“ Ein bisschen geschönt ist die Schlussfolgerung von foodwatch also schon, doch scheint der Wunsch der Bevölkerung nach mehr Nährwertinformationen gegeben. Denn nach einer Meinungsumfrage des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz bewerteten 82 Prozent der Befragten eine farbliche Unterlegung der Nährwertinformation als informativ, 55 Prozent sähen sich in ihrem Einkaufsverhalten beeinflusst.

Erste Untersuchungen und Erfahrungen aus Großbritannien vermögen dies im Ansatz zu bestätigen. Nach Äußerungen der britischen Supermarktkette Sainsbury beeinflusst die Ampel das Kaufverhalten der Konsumenten; Produkte mit roten Punkten würden weniger gekauft. Ähnlich berichtet Tesco, dessen Produkte die GDA-Kennzeichnung tragen, von Erfahrungen, wonach fettreiche Produkte nach Einführung der GDAs gemieden würden. Allerdings scheinen die Käufer nach der ersten Euphorie wieder zu ihrem gewohnten Verhalten zurückzukehren – mittlerweile nimmt in Großbritannien der Umsatz fettreicher Lebensmittel wieder zu. Eine Studie der niederländischen Universität Maastricht aus dem Jahr 2007 zeigt außerdem, dass Kinder mehr von rot betupften Snacks essen, wenn sie vorher informiert wurden, dass die roten Punkte das Signal für gemäßigten Verzehr sind. Prof. Joachim Westenhöfer, Ernährungs- und Gesundheitspsychologe an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hamburg, resümiert, dass zwar eine Ampelkennzeichnung in einigen Fällen hilfreich sein könne, unterm Strich jedoch keinen Einfluss auf die tägliche Ernährungsweise habe. Das grundsätzliche Problem sei, dass Wissen und Verhalten eben nicht immer korrelieren. Die meisten Verbraucher wissen in der Regel genau, was Teil einer gesunden beziehungsweise ungesunden Ernährungsweise ist. Doch genauso wie nicht jeder Tag Sonntag sein kann, ist auch nicht jeder Tag „Tag der gesunden Ernährung“.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee, der Übergewichtsproblematik via Nährwertkennzeichnung auf den Leib rücken zu wollen, zum Scheitern verurteilt, nicht zuletzt auch, da das reale Kaufverhalten des durchschnittlichen Verbrauchers kaum Raum und Zeit für umfassende Aufklärungsmaßnahmen im Supermarkt lässt. Gerade der Kauf von Lebensmitteln zeichnet sich durch einen hohen Grad an Habitualisierung und eine geringe kognitive Involvierung aus. Zudem herrscht Einvernehmen, dass ein Zuviel an Information langfristig zu Verweigerung und Desinteresse führt, und einzelne Informationen auch ganz bewusst ignoriert werden. Schließlich stellt die Missachtung von Nährwertangaben bei Produkten, die einen eher geringen Anteil an einer gesunden und ausgewogenen Ernährung haben sollten, ein aus informationsökonomischer Sicht durchaus sinnvolles Verhalten dar.

Nährwertkennzeichnung hat Übergewicht

Rechnungen mit zu vielen Unbekannten gehen bekanntermaßen nicht auf. Eine gesunde Ernährungsweise, ein unterm Strich vernunftorientiertes Kaufverhalten und die Entstehung von Übergewicht sind viel zu komplex, als dass sich ihre positive Beeinflussung auf drei Farben oder eine farblos bewertende Nährwertkennzeichnung reduzieren lässt. Der Stellenwert, der der Nährwertkennzeichnung in der öffentlichen Diskussion eingeräumt wird, erscheint als viel zu groß. Eine Kategorisierung von Lebensmittel in „gut“ und „schlecht“ widerspricht jedweden Grundsätzen einer wissenschaftlich fundierten Ernährungslehre. Diese pauschale Einordnung von Lebensmitteln ist vielmehr ein System, das Menschen nutzen, die als essgestört gelten. Da werden Lebensmittel als gesunde Schlankmacher gelobt und ungesunde Dickmacher angeprangert, ohne dass sich dies wissenschaftlich logisch belegen ließe. Dabei ist der Streit zwischen Ampelkennzeichnung und GDA-System ohnehin vollkommen konstruiert, denn letztlich handelt es sich in beiden Fällen um eine bewertende Nährwertkennzeichnung. Wenn auch eine farbliche Unterlegung der Informationen eine größere Signalwirkung haben mag, so müssen sich beide Systeme den Vorwurf einer Bevormundung des Verbrauchers hinsichtlich dessen, was Teil einer gesunden beziehungsweise ungesunden Ernährungsweise sein soll, gefallen lassen, insbesondere wenn ein solches bewertendes System tatsächlich Teil der gesetzlich verpflichtenden Lebensmittelkennzeichnung werden sollte.

Solange die Studienlage zum Nutzen einer erweiterten Nährwertkennzeichnung derart dürftig ist, drängt sich das Fazit auf, dass die ganze Diskussion auf reinem Aktionismus beruht und in Effekthascherei abdriftet, während gleichzeitig eine rechtspolitisch unterstützte Steilvorlage für die Fortentwicklung einer essgestörten Gesellschaft geliefert wird. Als nüchternes Resümee der ganzen Debatte gewinnt ein mittlerweile über 15 Jahre altes Zitat des ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Prof. Volker Pudel, erneut an Aktualität. Er äußerte zum 40. Jubiläum der DGE im Jahr 1993, es käme ihm so vor, als hätten 40 Jahre Ernährungsaufklärung vor allem eins bewirkt – die Menschen essen, was sie immer gegessen haben, jedoch tun sie es jetzt mit schlechtem Gewissen.