01.01.2009

Die Politik ist verantwortlich für die Finanzkrise!

Kommentar von Malte Tobias Kähler

Nicht die vermeintlich freien Märkte, sondern politische Eingriffe ins Wirtschaftsleben gehören reglementiert.

„Finanzkasino schließen“, fordert die globalisierungskritische Plattform attac und befindet sich dabei in prominenter Gesellschaft. Auch Bundespräsident Horst Köhler verlangte, dass die Finanzmärkte „in die Schranken gewiesen werden“ sollten.1 „Was wir derzeit erleben, sind Exzesse der Märkte“, pflichtet ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel bei.2 Das „Kasino“ wird jedoch nicht durch freie Märkte verursacht. Verantwortlich für die Spekulationsblasen sind vielmehr politische Eingriffe ins Wirtschaftsleben, die die Zinssätze manipulieren.

Expansive Geldpolitik, wie sie nach dem Platzen der „New-Economy-Blase“ zu Beginn des Jahrtausends vor allem von der US-amerikanischen Notenbank (Fed) betrieben wurde, sollte die Zinsen senken und einen künstlichen Wirtschaftsboom erzeugen. Auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten ergoss sich der Großteil der nun extrem günstigen Kredite in die Immobilienmärkte. Als sehr problematisch stellte sich heraus, dass dieser Boom nicht durch tatsächlich erwirtschaftete Ersparnisse ermöglicht wurde. Hinter dieser Erkenntnis verbirgt sich ein simples volkswirtschaftliches Prinzip: Durch Konsumverzicht erzeugte Ersparnisse bewirken, dass gesellschaftliche Ressourcen in der Höhe dieses Verzichts nicht benötigt werden. Ein Investor hat nun die Möglichkeit, diese freien Ressourcen zur Kapitalanlage zu nutzen, sofern er bereit ist, dem Sparer einen Zins zu zahlen, der den Erwartungshaltungen beider Seiten entspricht. Der Sparer verzichtet und lässt sich dies durch Zinserträge vergüten. Der Investor hingegen hofft, mit den Ersparnissen mindestens so arbeiten zu können, dass er den mit dem Sparer vereinbarten Zins erwirtschaften kann.

Die Interventionen der Zentralbanken, die die Geldmenge in den letzten Jahren durch verschiedene Maßnahmen erhöhten, gaukelten den Wirtschaftsakteuren nur Scheinersparnisse vor. Sie führten zu einer Ausweitung der Kreditvergabe, ohne dass jemand auf Konsum verzichtet hätte. Durch eine solche Form der Geldpolitik werden also sowohl Fehlinvestitionen als auch Überkonsumption begünstigt. Die künstliche Kreditausweitung hat Investitionen im amerikanischen Immobilienmarkt bewirkt, die es unter unverzerrten Marktbedingungen so nie hätte geben können. Die künstlich geweckte Nachfrage nach Immobilien wuchs, was schließlich auch die Häuserpreise in die Höhe trieb. Genau hierin bestand das Ziel der US-Regierung im Zusammenspiel mit der Fed: Man wollte sowohl den Konsum als auch die Investitionsbereitschaft stimulieren. Anders formuliert: Man wollte den Kuchen haben und ihn essen.

Verstärkt wurde der Negativeffekt durch die amerikanische Sozialpolitik. Strikte Regulierungen drängten die Banken zur Kreditvergabe an diejenigen, die sich dies mangels eigener Ersparnisse früher nicht hätten leisten können. Die halbstaatlichen Kreditinstitute Fannie Mae und Freddie Mac wurden bereits vor Jahrzehnten zu dem Zweck gegründet, bonitätsschwachen Bürgern Immobiliendarlehen zu ermöglichen. Mit staatlichen Garantien im Rücken und dem billigen Geld der Fed in den Taschen wurden diese Institute schließlich in die Lage versetzt, günstig und kurzfristig Kapital zu akquirieren, um den Geschäftsbanken Eigenheimdarlehen abzukaufen, diese zu bündeln und als Zertifikate in die ganze Welt weiterzuverkaufen. So schuf die Politik einen Markt für die Subprime-Derivate. Schließlich hatten Fannie und Freddie über die Hälfte aller Immobilienmarktschulden aufgekauft, verbrieft und weiterverkauft.

Das Luftschloss aus gedrucktem Papiergeld brach zusammen, als ab 2004 die durch die Geldmengenerweiterung verursachte Preisinflation drohte, aus dem Ruder zu laufen. Die Fed sah sich nunmehr gezwungen, die Gäule wieder einzufangen und den Leitzins anzuheben, wodurch die günstigen Kreditlinien zur kurzfristigen Refinanzierung ausblieben und die Pleitewelle ihren Lauf nahm. Freien Märkten für diese Entwicklung die Schuld zuzuschreiben, lenkt vom eklatanten Versagen der Politik ab, die die Kreditvergabe weit über das Marktniveau hinaus ausweitete. Werden vermehrt Kredite nachgefragt, ohne dass gleichzeitig mehr gespart wird, steigen auf freien Märkten die Zinsen. Hierdurch wird ein künstlicher Boomeffekt gedrosselt, denn es hält diejenigen von Kreditgeschäften ab, die es sich schlicht nicht leisten können. Eine solche „Blase“ kann unter freien Marktbedingungen also gar nicht erst entstehen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Anhänger der dominierenden Wirtschaftsschulen das Debakel nicht kommen sahen oder nicht kommen sehen wollten. Doch einige Wirtschaftsliberale wie die der „Österreichischen Schule“ hatten bereits seit 2002 vor extremen Marktmanipulationen durch die Politik gewarnt und dabei explizit auf die Rolle von Fannie und Freddie verwiesen.3 Sogar im US-Repräsentantenhaus wurde diese Ansicht durch den Abgeordneten Ron Paul thematisiert.4 Dennoch behauptete der spätere Fed-Vorsitzende Bernanke noch im Oktober 2005, es gäbe keine „Immobilienblase“ und die steigenden Häuserpreise würden „die fundamentale Stärke der Wirtschaft wiedergeben“.5 Eine Gruppe warnender Ökonomen sprach bereits früh die Sorge aus, dass die Politiker auf die aktuelle Krise bloß mit weiteren Interventionen und „Gelddrucken“ antworten würden.6

Fatalerweise scheint sich auch diese Befürchtung zu bewahrheiten. Die Zentralbanken haben erneut die Zinsen gesenkt und die Geldmenge weiter aufgestockt. Zusätzlich verzerren willkürliche Rettungspakete an bestimmte Branchen die Korrektur des Marktes. Der britische Premier Gordon Brown übt sogar weiter Druck auf die Banken aus, „um diese zu einer freizügigeren Kreditpolitik zu drängen“.7 Hieß es nach 2001 noch „Jedem ein Haus zu einem angemessenen Preis“, auch, wenn genau dies zur Inflationierung der Geldmenge und der Kreditblase auf dem Immobilienmarkt führte, so lautet der irrige Schlachtruf heute: „Jedem sein Auto zu einem angemessenen Preis. Rettet die Fahrzeugindustrie!“ Dabei kann nur durch die in der Rezession übliche Konsumzurückhaltung ein Puffer an Ersparnissen als Basis für zukünftige Investitionen aufgebaut werden. Daher ist es fatal, dass die Politik sich erneut anschickt, Investitionen und Konsum mit dem Öffnen des Geldhahns zu finanzieren. Solche planerischen Experimente der staatlichen Währungsbehörden sind das Kernproblem. Deshalb sollte ihnen das Monopol über die Geldproduktion und die Möglichkeit, Zinssätze zu manipulieren, genommen werden. Nicht der Markt gehört weiter reguliert, sondern der Politik gehört verstärkt auf die Finger geschaut.