01.01.2009

Arme Kinder, arme Eltern!

Essay von Sabine Beppler-Spahl

In der Kinderarmutsdebatte werden Eltern entmündigt.

Im Durchschnitt sind laut EU-Kommission 19 Prozent der europäischen Kinder einem Armutsrisiko ausgesetzt.1 Diese Angaben entsprechen etwa den Zahlen, die auch das Bundesfamilienministerium im Mai 2008 veröffentlicht hat: Dem „Kinderarmutsdossier“ zufolge sind in Deutschland 2,4 Millionen Kinder, also jedes sechste Kind, armutsgefährdet.2 Doch stimmt es wirklich, dass Millionen von Kindern bei uns in Armut leben? Und vor allem, warum der eingeschränkte Blick auf Kinderarmut, wenn Kinder doch selber keine wirtschaftlich aktiven Subjekte in unserer Gesellschaft sind? Ist es nicht letztlich der Mangel an Ressourcen und Möglichkeiten, denen Erwachsene (also die Eltern) ausgesetzt sind, der die Armut der Kinder verursacht?

Offizielle Armutsstatistiken für europäische Länder sprechen ganz bewusst von „armutsgefährdeten“, statt von „armen“ Kindern, denn die Zahlen bedeuten natürlich nicht, dass bei uns Millionen von Kindern auf den Straßen betteln müssen. Es geht bei der Kinderarmut immer um die relative materielle Armut, die sich im Vergleich zum jeweils herrschenden allgemeinen Wohlstand ergibt. Das „Kinderarmutsdossier“ drückt materielle Armut z.B. durch die Armutsrisikoquote aus. Diese gibt den Anteil an der Bevölkerung an, deren bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen pro Kopf weniger als 60 Prozent des statistischen Mittelwertes der Gesellschaft beträgt. Da dieser derzeit bei 870 Euro netto liegt, wären z.B. die beiden Kinder einer vierköpfigen Familie mit einem Nettofamilieneinkommen von weniger als 2088 Euro armutsgefährdet. Trotzdem werden die Kinder weiterhin zur Schule gehen, in wohltemperierten Wohnungen leben, medizinisch versorgt werden usw. Kurzum: Das 50- oder 60-Prozent-Leben ist hart, aber es ist kein Leben in Slums.

Auch stimmt es nicht, dass pauschal „die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher“ werden. Es mag sein, dass die Schere zwischen Arm und Reich in den nächsten Jahren noch weiter auseinanderklaffen wird. Dennoch hat sich der absolute Lebensstandard für fast alle Teile der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Auch wer heute arm ist, dem steht weit mehr zur Verfügung als den Armen vor 20 oder 30 Jahren. Diese nüchterne Darstellung der Entwicklung der Armut in Deutschland zeigt, welche Probleme sich ergeben, wenn über „Armut“ als ein abstraktes Problem gesprochen wird – losgelöst von einer Debatte darüber, wie der Lebensstandard insgesamt, also für alle, weiter erhöht werden kann. Wenn wir nicht das bestmögliche Leben für alle fordern, reduziert sich unser Engagement für „Arme“ auf einen moralisierenden Mitleidsappell. Diejenigen, die in relativer Armut leben, werden als hilflose Individuen abgeschrieben, die der Gönnerschaft anderer bedürfen.

In diesem Sinne ist die Armutsdebatte ein Ausdruck niedriger Erwartungen an die Wohlstandsentwicklung der Zukunft. Ohne die Vorstellung, dass sich eine Gesellschaft insgesamt weiterentwickeln muss, bekommt die Armutsdebatte fatalistische Züge, weil sie sich zwangsläufig auf Fragen der bloßen Verteilung beschränken muss. Schnell schleicht sich dann ein vorwurfsvoller, überheblicher Tonfall ein. Das beste Beispiel hierfür lieferte jüngst Thilo Sarrazin (SPD). Bei einer Fraktionsklausur sagte der Berliner Finanzsenator, dass ein armer Mensch im Jahr 2005 inflationsbereinigt über mehr Geld als der Durchschnitt der Bevölkerung im Jahr 1960 verfügt habe. Daraus schloss er, dass die Probleme, die wir mit Armut verbinden, „mangelnde Bildung, soziale Defizite“ usw. nichts mit Geld zu tun hätten.3 Der hierdurch insinuierte Vorwurf, arme Menschen seien selber schuld, sorgte für einen Aufschrei der Empörung. Doch die eingeschränkte Sichtweise, die der Senator mit seiner Äußerung zum Ausdruck brachte, teilt er mit anderen.

Auch die vermeintliche Gegenseite beschränkt sich nicht auf eine offene, wertneutrale Diskussion über die materielle Seite der Armut. Letztlich teilen viele die Position Sarrazins und sehen das Problem der Armut in sozial unerwünschtem Verhalten. Ihr eigenes Armutsprogramm legitimieren sie damit, „soziale Ausgrenzung“ bekämpfen zu wollen: „Kinderarmut bedeutet vor allem soziale Ausgrenzung und verbaute Lebensperspektiven“, heißt es z.B. in einem Standpunktepapier der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di.4 Auch für die EU-Kommission ist das vorderste Ziel, „gesellschaftliche Ausschließung“ von Bürgern zu bekämpfen und auf „soziale Integration“ aller hinzuwirken.5 „Soziale Ausgrenzung“ wird dabei zu einer vielschichtigen Beurteilung darüber, inwieweit sich jemand von den sozialen Normen entfernt hat. Keineswegs geht es in erster Linie darum, Wohlstandsunterschiede auszugleichen. Ziel ist, dass sich die „sozial ausgegrenzten“ Eltern der betroffenen Kinder trotz geringem Einkommen so verhalten, wie es Mittelklasse-Eltern für richtig befinden.

So forderte Heinz Hilgers (SPD), ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes und Bürgermeister der Stadt Dormagen, neben der Erhöhung des Harz-IV-Satzes auch „persönliche Unterstützung“. Er möchte Eltern Kochkurse anbieten, denn „wenn die Leute nur kommen, um Lebensmittel abzuholen, und später wieder nur Fertigtüten kaufen … wird es teuer“. Auch die „Tugend des Sparens“ will er diesen Leuten beibringen.6 In Dormagen, so Hilgers, bekommen alle Familien nach einer Geburt Besuch von Mitarbeitern seiner Behörde: „Sie … interessieren sich, halten den Kontakt.“ Deutet dies nicht eher auf soziale Kontrolle als auf Armutsbekämpfung hin? Vor diesem Hintergrund macht auch die Konzentration auf Kinderarmut (statt Armut als solcher) Sinn. Im Grunde gibt es keine Kinderarmut – ein Kind ist nur arm, weil seine Eltern arm sind. Doch die Einschränkung auf Kinderarmut macht es möglich, die wirklich harten Fragen über die Ursachen von Armut zu umgehen. Sich damit zu beschäftigen hieße, sich mit der Ursache von Arbeitslosigkeit, der Gestaltung der Sozialhilfesysteme, mit Fragen der individuellen Wahlfreiheit usw. auseinanderzusetzen. In der jetzigen Debatte über Kinderarmut werden arme Menschen dagegen nur als unfähige Opfer dargestellt, die mehr Taschengeld und eine lenkende Hand benötigen.

Wenn Regierungsvertreter oder Hilfsorganisationen behaupten, sie müssten die Kinder vor Armut schützen, dann implizieren sie damit, dass man den Eltern die adäquate Versorgung ihrer Kinder nicht zutraut und nicht überlassen darf. Dies zeigt, wie sehr Kinder in unserer heutigen Zeit zu einem moralischen Druckmittel geworden sind, mit dem soziale Steuerung vorgenommen wird. Was mit dem Ruf nach einem höheren Harz-IV-Satz für Familien beginnt, endet mit der Forderung nach obligatorischen Koch-, Spar- oder Erziehungskursen für Eltern. Die eigentliche, unausgesprochene Botschaft der Kinderarmutsdebatte lautet: Arme Eltern sind ein Risiko, und ihre Kinder müssen vor ihnen geschützt werden. Grund genug, die Debatte über Armut von der kurzsichtigen Fixierung auf Kinder abzukoppeln.