01.11.2008

Die Welt als Spielball dunkler Mächte

Analyse von Frank Furedi

Frank Furedi erklärt, warum sich Verschwörungstheorien nicht allein durch Fakten widerlegen lassen.

Manchmal scheint es, als hätten sich die westlichen Gesellschaften weltanschaulich ins Mittelalter zurückentwickelt. Für die Menschen damals waren Unglücke und Katastrophen das Werk dunkler Mächte. So etwas wie einen Unfall gab es nicht – alles in der göttlichen Ordnung hatte einen tieferen Sinn. Auf diese primitive Sicht der Welt stößt man heute immer häufiger. Mit Verschwörungstheorien wird zu erklären versucht, was am 11. September geschah oder warum Hurrikan Katrina New Orleans verwüstete. Die Verschwörungstheoretiker messen dem Unsichtbaren größere Bedeutung bei als dem Sichtbaren. Der Bericht über die Ursachen für den Einsturz von „Turm sieben“ am 11. September 2001, den das National Institute of Standards and Technology (NIST) im Sommer 2008 vorgelegt hat, wird entsprechend nur wenigen Freunden wirrer Zusammenhänge ein Aha-Erlebnis bescheren.

Der 47 Stockwerke hohe „Turm sieben“ des World-Trade-Center-Gebäudekomplexes in New York war das dritte Hochhaus, das am 11. September einstürzte. Im Unterschied zu den benachbarten Zwillingstürmen wurde es aber von keinem Flugzeug getroffen. Verschwörungstheoretiker glauben, die US-Regierung habe das Gebäude gesprengt, da sich dort Büros der CIA und des FBI befanden, von denen aus die Anschläge geplant worden seien. „Turm sieben“ wurde gesprengt, um Spuren zu verwischen. Wie sonst ließe sich der plötzliche Einsturz eines so großen Gebäudes erklären?1

Krise der Sinnzusammenhänge

Für Freunde von Verschwörungstheorien ist der Mensch nur ein Spielball dunkler Kräfte. Alles, was auf der Welt geschieht, wird als Agentenfilm wahrgenommen, in dem wenige graue Eminenzen die Fäden ziehen. Diese Weltsicht hat sich in den letzten Jahren immer stärker verbreitet. Der Grund: Den westlichen Gesellschaften gelingt es immer weniger, sich selbst zu begreifen. Fast jeder Aspekt unseres Lebens wird heute infrage gestellt, kritisiert, angezweifelt. Zu den Ursachen der Probleme gehen die Meinungen weit auseinander. Es ist eine Krise der Sinnzusammenhänge, eine Krise, in der beständig jede offizielle Version von dem, was vorgefallen ist, Skeptiker auf den Plan ruft. Sicherlich ist es nicht verkehrt, offizielle Verlautbarungen zu bezweifeln – aber nicht dadurch, dass einfältige Geschichten von Verschwörungen gestrickt werden, in denen wenige Mächtige das Schicksal der gesamten Welt diktieren. Die Krise der Sinnzusammenhänge führt dazu, dass viele glauben, der Lauf der Welt werde von verborgenen Kräften gesteuert. Wir scheinen, ähnlich wie in der Matrix-Trilogie, in einer Welt zu leben, in der sich alles um die Fragen dreht, wie wir wissen können, was real und was eine Simulation ist und wer wen manipuliert.

Verschwörungstheorien als Mainstream

Früher begegnete man Verschwörungstheorien vor allem bei rechten Populisten, die hinter allem den Einfluss von Juden, Freimaurern oder Kommunisten vermuteten. Heute sind Verschwörungstheorien Mainstream, und viele ihrer Anhänger gehören eher Protestbewegungen oder der kulturellen Linken an. Als Hillary Clinton vor einigen Jahren vor einer „ausgedehnten rechten Verschwörung“ gegen ihren Mann warnte, war klar: Verschwörungstheorien waren in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Heute findet man derartige Theorien im gesamten politischen Spektrum – von Globalisierungskritikern bis zu Neonazis. Sie zerstören das öffentliche politische Leben. Statt sich kritisch mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen und die entscheidenden Fragen zu stellen, wird lieber nach verborgenen Motiven gesucht und im Privatleben von Politikern nach Spuren gefahndet, die auf angeblich düstere Zusammenhänge hindeuten. Niemandem scheint man glauben zu können, und hinter allen Handlungen werden andere vermutet, die diese fernsteuern.

Die Krise der Sinnzusammenhänge führt nicht nur dazu, dass es schwierig wird zu verstehen, wie es zu bestimmten Ereignissen kam. Wir tun uns auch immer schwerer damit, die Bedeutung von Abläufen zu erkennen, sie erscheinen uns vermehrt als zusammenhanglos. Besonders die Interpretation bereitet Probleme, weshalb Fakten oft wenig zur Aufklärung beitragen. Viele schenken den offiziellen Erklärungen zum Tod von Prinzessin Diana, dem 11. September und dem Irakkrieg keinen Glauben. Selbst wenn die Fakten alle vorliegen, gelingt es der Gesellschaft nicht, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen – weshalb viele anderswo nach Erklärungen suchen. Ist die Welt unbegreifbar, suchen Menschen nach Verschwörungstheorien. In einer Wirklichkeit, die aus zahllosen, chaotisch umherkullernden Perlen zu bestehen scheint, ist eine Verschwörungstheorie der Faden, an dem sie sich übersichtlich allesamt aufreihen lassen. Das Beste dabei: Das Ganze ist so einfach, dass ohne große Anstrengung jeder selbst dazu in der Lage ist.

Unfälle gibt es nicht

Der Verlust der Sinnzusammenhänge hat dazu geführt, dass Unfälle oder Katastrophen vermehrt mit bösen Absichten in Verbindung gebracht werden. Als Schuldige werden ausgemacht: Politiker, Geschäftsleute, Ärzte, Wissenschaftler. Der Verlust der individuellen politischen Subjektivität drückt sich auch darin aus, dass mehr und mehr Ereignisse als Emanation einer objektiven, aber fernen und verborgenen Macht verstanden werden. Viele Menschen schreiben unklare körperliche oder psychologische Symptome Nahrungsmitteln zu und erklären sie durch Kontaminationen oder den Einfluss neuer Technologien und unsichtbarer Prozesse. Der US-amerikanische Professor Timothy Melley beschreibt dieses Phänomen als „Handlungspanik“: Sie „ist die gesteigerte Furcht vor einem scheinbaren Verlust an Autonomie, die Überzeugung, dass das eigene Handeln von anderen kontrolliert wird beziehungsweise dass man selbst von anderen, externen Kräften ‚konstruiert‘ wird“.2

Der Eindruck, unser Verhalten werde vermehrt von außen bestimmt, ist symptomatisch für einen weit verbreiteten Fatalismus, der sich aus dem Verlust an Subjektivität ergibt. Das Gefühl, manipuliert und kontrolliert zu werden – Basis aller Verschwörungstheorien – hat seine Ursache in dem Gefühl, der Welt ohnmächtig gegenüberzustehen. Die Geschichte zeigt, dass nichts furchterregender ist, als wenn es einer Gemeinschaft an einem Bedeutungssystem mangelt, mit dessen Hilfe sie ihren Problemen einen Sinn verleihen kann. Ist das der Fall, fühlen sich die Menschen ohnmächtig, sie sind verwirrt und neigen nicht selten zu schlichten Interpretationen, in denen die ganze Welt nur aus schwarz und weiß, gut und böse besteht. Eben deshalb erscheint der Einsturz von „Turm sieben“ als ein Werk des Bösen – daran wird der Bericht des NIST nicht viel ändern. Ist man einmal davon überzeugt, das Böse lauere überall, wird man in einem Bericht, der das anzweifelt, nichts weiter sehen als ein weiteres Werk des Bösen.