01.09.2008

Wenn Geschichte zur Opfertherapie wird

Essay von Frank Furedi

Ist es verwunderlich, wenn in Zeiten, in denen das Leiden gefeiert wird und wir alle dem Opfer glauben müssen, die Leute wilde Geschichten über Wölfe und Nazis erfinden?

Immer wieder beherrschen gefälschte Erinnerungen die Schlagzeilen. Im Frühjahr wurde Margaret B. Jones’ „autobiografischer“ Bericht Love and Consequenses über ihre Kindheit und Jugend als Mischling und Waise auf der falschen Seite der Gesellschaft als Werk der Inspiration bejubelt. Eine der führenden amerikanischen Literaturkritikerinnen, Michiko Kakutani, bezeichnete es als „menschliche und zutiefst berührende Biografie“. Mittlerweile wurde die Autorin als sehr weiße Margaret Seltzer enthüllt und ihre Geschichte als reine Fiktion entlarvt. Wenigstens behauptete sie nicht, eine Holocaust-Überlebende zu sein, und bezog deren Leid sowie deren Art, damit umzugehen, nicht in den allgemeinen Opferkult ein. Dass selbst derartige Schicksale mitunter frei erfunden werden, zeigte der Fall Misha Defonsecas: Ihre Biografie über ihre Flucht vor den Nazis als junges Mädchen und belgische Jüdin, die es schaffte, ins Warschauer Ghetto hinein- und auch wieder herauszugelangen, und die unter Wölfen überlebte, stellte sich ebenfalls als Fantasieprodukt heraus.

Defonsecas Buch war nicht die erste erlogene Holocaust-Biografie, die sich hervorragend verkaufte. 1999 erwiesen sich Benjamin Wilkomirskis Fragmente als Fantasieprodukt. Offensichtlich ist die Bereitschaft zur Skepsis gegenüber den Erinnerungen eines Opfers tatsächlich sehr gering. In einer Welt, in der die Fantasien einer jungen Jüdin über ihr Leben unter Wölfen als inspirierender Überlebensbericht begrüßt werden und sich in einen Spielfilm verwandeln lassen, hat die Opferliteratur ihre Berufung gefunden. Heutzutage glauben Leute, die sich „jüdisch fühlen“ und die behaupten, „den Schmerz der Gefangenen im Konzentrationslager zu spüren“, dass ihre Gefühle ihnen ein Mandat dafür geben, die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu verwischen. Sie haben sich der wachsenden Gruppe von Leuten angeschlossen, die sich selbst als alles Mögliche neu erfinden, angefangen vom amerikanischen Gefangenen in Vietnam bis zum Verwandten der Opfer eines Terroranschlags. Bevor wir jedoch Defonseca und andere Fantasten einfach als Huren der Literatur abtun, sollten wir uns klarmachen, dass die aktuelle Kultur einen starken Anreiz auf Einzelne ausübt, ihr Gedächtnis zu modulieren und sich selbst als traumatisierte Opfer darzustellen. Der Akt des Erinnerns hat sich in zunehmendem Maße in einen öffentlichen Auftritt verwandelt, bei dem Einzelne in ihren Biografien „zugeben“, angebliche Misshandlungen erlebt zu haben. Defonsecas Holocaust-Fantasie ist das Produkt einer kulturellen Befindlichkeit, die uns anregt, das Überleben von Misshandlung zu feiern. Diese Biografie-Produzenten, die ihre erfundenen Leiden stolz zur Schau tragen, werden kontinuierlich mit Anerkennung und moralischer Autorität belohnt.

Im gegenwärtigen kulturellen Klima ist es unvermeidlich, dass die Opfer-Biografien die Tendenz haben, die Grenze zwischen Fakt und Fiktion aufzuweichen. Kritiker und Leser fühlen sich unbehaglich und gehemmt, wenn sie den Wahrheitsgehalt solcher Biografien infrage stellen. Skepsis ist unerwünscht im Zeitalter des therapeutischen Ethos. „Glaube dem Kind“, „Glaube dem Patienten“, „Glaube dem Missbrauchten“ – diese Beschwörungsformeln sprechen heutzutage die Ansprüche von Opfern heilig. Gewöhnlich braucht man Familienmitglieder, die direkt an einem historischen Fantasiedrama beteiligt waren, um die Authentizität der Geschichten zu hinterfragen. Constance Briscoes Geschichte über die grausame Vergewaltigung, die sie als Heranwachsende in Süd-London erlitten hatte, wurde von einigen Familienmitgliedern bestritten. Kathy O’Beirnes schrecklicher Bericht von einem durch sexuellen Missbrauch und Grausamkeit zerstörten Leben wurde öffentlich von ihrer Familie zurückgewiesen. In den USA erwies sich James Freys „Biografie“ A Million Little Pieces als Betrug, nachdem sie im Jahre 2005 auf Platz zwei der Bestsellerlisten gestanden hatte. Und David Pelzers gefeierter Verkaufserfolg A Child called It – eine Geschichte über extremen Hunger, Folter und Misshandlung durch eine grausame Mutter – wurde von seinen Brüdern angefochten.

Trotzdem nehmen sich erfundene Holocaust-Schicksalsberichte wie respektable Dokumentationen aus, wenn man sie mit manchen der bizarren, hysterischen Biografien über Misshandlung im Zuge von satanistischen Kultritualen vergleicht. 1980 wurde Michelle Remembers ein Bestseller und regte einen großen Teil der amerikanischen Medien dazu an, ernsthaft die Vorstellung zu verbreiten, Satanisten würden Jagd auf Amerikas Kinder machen. Michelle Remembers war von einem kanadischen Psychiater und seiner Patientin Michelle geschrieben worden, die er später heiratete. Das Buch beschreibt in fast pornografischen Details die Folter und Erniedrigung, die Michelle als Kind bei satanistischen Kulthandlungen in Kanada erlitten hatte. In der Geschichte gab es keine Wölfe, nur Satanisten. Und obwohl jeglicher juristische Beweis fehlte, berichtete die amerikanische Presse in den 80er- und 90er-Jahren über Dutzende Fälle ritueller Misshandlung.

Zweierlei Maß und die Wahrheit

Die Annahme, dass die Version eines Opfers über ein Geschehen nicht infrage gestellt werden sollte – wie sie viele Therapeuten und Sozialarbeiter vertreten –, drückt die Vorstellung aus, dass ein sich so bezeichnendes Opfer einen privilegierten Zugang zur Wahrheit besäße. Wenn sie spüren, dass ihre Aussagen anders bewertet werden, beginnen sie verständlicherweise damit, ihre Vergangenheit entsprechend aktuellen Wertvorstellungen und Erwartungen umzudeuten, anstatt bei den Fakten oder der Wahrheit zu bleiben. Tatsächlich versuchte Margaret Seltzer in einem Interview mit der New York Times, sich für ihre ausgedachte „Biografie“ als armes Mischlingskind damit zu rechtfertigen, dass ihre Geschichte das umfassen würde, was viele ihrer Freunde durchgemacht hätten, und dass sie deshalb über eine Art „höhere Wahrheit“ berichten würde.1 Diese Leute fühlen sich berufen – frei nach George Orwell –, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, eine Vergangenheit, die von den Werten der Gegenwart geprägt wird. Deshalb nehmen so viele Autoren die Geschichte durch das Prisma von Leid und Unglück wahr. In unserer Welt werden Opfer als moralisch überlegen betrachtet, und fürsorglich wird eine erhöhte Sensibilität für Traumata zur psychologischen Grundlage für den Gewinn an moralischer Autorität gemacht. Erfundene Holocaust-Biografien sind nicht nur einfach eine unehrliche Verzerrung der erlebten Vergangenheit, sondern drücken vielmehr die Wahrheit des aktuellen therapeutischen Kulturdrehbuchs aus.

Das deutlichste Zeichen des privilegierten Status, der Opfern heutzutage zugestanden wird, ist die weit verbreitete Ansicht, dass wir verpflichtet seien, ihnen zu glauben. Das „Recht, dass einem geglaubt wird“ stützt sich auf die Aussage, dass Opfer emotional verwundbar und darauf angewiesen sind, dass ihr Leid bestätigt und gewürdigt wird. Offensichtlich macht jegliches Misstrauen gegenüber ihren Geschichten sie noch mehr zum Opfer und bereitet ihnen weiteren emotionalen Schmerz. Diese gläubige Herangehensweise wird durch eine besondere Kompromisslosigkeit auf dem Gebiet der sexuellen Verbrechen noch verstärkt. Anwälte für Opfer von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung beklagen, dass selbst Versuche von Verteidigern, die Version des Opfers anzufechten, als eine Form emotionaler Schikane betrachtet werden. Sie argumentieren, dass verletzliche Zeugen besonderen Schutz vor aggressiver Befragung genießen müssten. Sie verlangen außerdem, dass normale Standards der Beweisaufnahme bei Sexualdelikten und in Vergewaltigungsfällen nicht angewendet werden. Der amerikanische Staatsanwalt Steve Chaney sagte auf einem nationalen Symposium über Kindesmissbrauch, dass er sich nicht so sehr für die Frage, ob das Kind missbraucht wurde, interessiere, sondern eher für die Frage, ob das Kind im Gerichtssaal aussagen könne. Chaney behauptete, dass im Gegensatz zu Erwachsenen, die im Gerichtssaal ständig lügen, Kinder zur Wahrheit neigen und es deshalb seine Aufgabe wäre, eine Umgebung zu schaffen, wo sie ihre Geschichte erzählen können.2

Im Laufe der Jahre hat diese Ansicht bei amerikanischen Politikern breite Unterstützung gefunden. Schritt für Schritt wurden Kinder als Zeugen aus den Gerichtssälen entfernt. Heutzutage dürfen sie per Video aussagen. In manchen Fällen zeigen die Gerichte Videobänder von Sozialarbeitern, die jüngere Kinder befragen. In anderen Fällen haben Eltern, Therapeuten und Ärzte erlaubt, Zeugen die Aussagen der Kinder wiedergeben zu lassen, die sie ihnen gegenüber gemacht hatten. Laut Debbie Nathan und Michael Snedeker, zwei Journalisten, die Vorwürfe von ritueller Misshandlung bis Mitte der 80er-Jahre untersuchten, ist das Recht eines Angeklagten auf eine Gegenüberstellung mit dem Kläger in Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch stark eingeschränkt worden. Gewöhnlich werden aussagende Kinder immer als Opfer betrachtet, selbst dann, wenn noch gar kein Gerichtsurteil gefällt wurde; sogar Bürgerrechtsgruppen erachten es als immer schwerer für den Beschuldigten, sein Recht auf eine detaillierte Untersuchung der Anschuldigungen und auf ein sorgfältiges Kreuzverhör wahrzunehmen. Die Meinung, dass Kinderaussagen immer die Wahrheit widerspiegeln, wurde intensiv von der Kinderschutzindustrie verbreitet. Dieser anmaßende Umgang mit Zeugenaussagen vor Gericht wurde anschaulich von Lucy Berliner dargestellt, einer amerikanischen Feministin und Sozialarbeiterin, die ausführlich über sexuellen Kindesmissbrauch geschrieben hat. Sie argumentiert: „Eine Gerichtsentscheidung sollte nie mit der Wahrheit verwechselt werden. Wenn wir das glauben, was Kinder sagen, werden wir in 95 bis 99 Prozent aller Fälle richtig liegen. Wenn wir uns auf Anzeichen und Symptome als Beweis verlassen, urteilen wir zu 70 bis 80 Prozent gerecht. Wenn wir medizinische Beweise erheben, werden wir zu 20 Prozent Recht haben und wenn wir auf einen Zeugen vertrauen, in einem Prozent der Fälle.“

Vor diesem Hintergrund beeinträchtigt die Frage nach Beweisen die unantastbare „Wahrheit“ des Missbrauchs. Aus therapeutischer Sicht werden selbst Fälle offensichtlich falscher Anschuldigungen als Ausdruck verborgener Wahrheiten betrachtet. Fälle falscher Beschuldigungen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs sind selten, aber „wenn sie vorkommen, sind sie fast immer ein Hilfeschrei“, heißt es dann. Offenbar ist es „klar, dass Kinder, die falsch aussagen, Hilfe und Unterstützung brauchen, und als solches sollten diese Anschuldigungen nicht ignoriert werden“.3 Diese Art Sympathie wird äußerst selten auf die Angeklagten übertragen – und weil selbst falsche Vorwürfe nicht ignoriert werden sollten, werden die Beschuldigten nach der Anklage nie völlig vom Verdacht frei sein. Für Opfer-Aktivisten ist die Verpflichtung „Glaube dem Opfer“ ein moralischer Imperativ. Sie argumentieren, Opfer hätten ein Anrecht darauf, dass ihnen geglaubt werde. Kreuzzügler gegen satanistische Misshandlungen versuchen, Skeptiker mit dem Argument zu entwaffnen, dass Zweifel an ihrer Aussage das Schlimmste wäre, was Opfern der Misshandlung bei sadistischen Kulten passieren könnte. Patrick Casement, Autor von Treating Survivors of Satanist Abuse, versuchte, Skeptikern Schuld zuzuweisen: „Es kann sein, dass manche Berichte über satanistische Misshandlungen Wahnvorstellungen sind, und die Erzähler mögen in der Tat in manchen Fällen an Psychosen leiden. Trotzdem müssen wir uns der schrecklichen Tatsache stellen, dass, wenn einige dieser Berichte wahr sind, wenn wir nicht den Mut haben, die eventuelle Wahrheit dahinter zu erkennen, … wir stillschweigend die Fortsetzung dieser Praktiken im Verborgenen gestatten, getragen von der allgemeinen Ablehnung, an ihre Existenz zu glauben.“4 Von diesem Standpunkt aus gesehen sind diejenigen, die sich weigern, an Vorwürfe von satanistischen Misshandlungen zu glauben, mitschuldig an den Verbrechen. Als in den 80er- und 90er-Jahren in Großbritannien die panische Angst vor Misshandlungen durch Satanskulte ausbrach, behaupteten eifrige Hexenjäger, dass eine „heimtückische und gefährliche“ Krankheit über das Land hinwegfegen würde: die Ungläubigkeit gegenüber der Existenz von rituellen Misshandlungen. Laut einer Beschreibung „nimmt diese Seuche die besänftigende Form von skeptischer und rationaler Untersuchung an, und ihre Botschaft ist ebenfalls beschwichtigend: sie soll ‚unschuldige Familienleben‘ gegen einen neuen urbanen Mythos von satanistischen Kindesmisshandlungen schützen“.5

Das therapeutische Moment

Die verworrene Umwandlung von Erinnerung in einen öffentlichen Auftritt ist mit dem Vorherrschen der „Therapiekultur“ verknüpft.6 Der therapeutische Zeitgeist unterstützt das Streben nach Geltung durch die öffentliche Erinnerung an zurückliegende Verbrechen. Er repräsentiert eine Suche nach dem Sinn, einen Versuch, seinem Leben eine Richtung zu geben, indem man die Vergangenheit als Schlüsselfaktor für aktuelle Erlebnisse behandelt. In zunehmendem Maße wird die eigene Persönlichkeit durch Beschäftigung mit den positiven und negativen Seiten der Vergangenheit definiert. Im Laufe dieses Prozesses wird Geschichte zu einem Instrument individueller Therapie umfunktioniert. Die Menschen werden ständig dazu aufgefordert, einen Sinn in ihrer Existenz zu suchen, indem sie sich auf Vergangenes stützen. In schicksalsgläubiger Weise wird uns immer wieder geraten, alle unsere aktuellen Probleme als unvermeidliche Folgen vergangener Ereignisse zu interpretieren. Die Geschichte wird als eine Art Therapie benutzt. Traurigerweise ist es für manche Leute nicht wichtig, was sie in der Gegenwart leisten, sondern was ihnen vor langer Zeit widerfuhr. Der Aufbau der Identität durch therapeutische Verarbeitung der Geschichte wird als mutige Anstrengung gesehen, vergangene Fehler zu korrigieren und sich selbst auf neue und dramatische Art und Weise auszudrücken. Jürgen Habermas schrieb, dass diese Anstrengungen den Wunsch nach „Wiederbelebung von Lebensweisen und Traditionen repräsentieren, die verdrängt wurden“.7 Unübersehbar neigt diese Interpretation dazu, Geschichte rückwärts zu lesen, und übersieht die ausgeprägten aktuellen Tendenzen der Heiligsprechung von Erinnerungen. Es sind nicht die Fehler der Vergangenheit selbst, die zum heutigen Gebrauch und Missbrauch von Geschichte führen, sondern die schwindende Fähigkeit neuzeitlicher Einrichtungen – sowohl offizieller als auch inoffizieller –, die menschliche Identität im Hier und Jetzt zu diskutieren und zu bestätigen.

Die Vorstellung, dass verdrängte Ereignisse darauf warten würden, entdeckt und verstanden zu werden, basiert auf einem rückwärtsgewandten Verständnis menschlicher Probleme. Gesellschaftliche Konflikte werden nicht durch archäologische Ausgrabung der Vergangenheit gelöst. Im Gegenteil, der Versuch, die Vergangenheit hervorzuholen, wird motiviert von der A- priori-Betrachtung eines Problems, dem von der Geschichte her eine Bedeutung verliehen werden muss. Die soziologisch naive Vorstellung, dass diejenigen, die bisher keine Stimme hatten, jetzt eine neue mutige Bereitschaft zeigen, sich der Vergangenheit zu stellen, ist eine Form kollektiver Selbstschmeichelei. In Wahrheit ist der Akt der Erinnerung ein Versuch, sich mit der Gegenwart in der Sprache der Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Jeder Akt der Erinnerung ist interpretierbar, bestimmt von Sorgen oder Vorstellungen der Gegenwart“, schreibt der Psychiater Derek Summerfield. Er fügt hinzu: „Die Erinnerungen eines Überlebenden stellen keine einzelne individuelle Sicht dar, sondern schwanken zwischen Opfer- und Heldenperspektive und werden vom Kontext gestaltet, in dem die Erzählung angesiedelt ist, und dem Zweck, der damit verfolgt wird.“8 In ähnlicher Art und Weise ist die Sorge über historische Ungerechtigkeiten spürbar geprägt vom Selbstbewusstsein und den kulturellen Werten der heutigen Gesellschaft. Die ausgesprochene Sensibilität der Gesellschaft gegenüber der Geschichte von Individuen und Gruppen stützt sich auf die Vorstellung, dass die Leiden der Vergangenheit sich direkt auf die gegenwärtige Identität auswirken.

Das Verhältnis der Menschen zur Vergangenheit wird durch die Gegenwartskultur vermittelt, und wenn sie über Geschichte sprechen, benutzen sie den Wortschatz dieser Kultur. Permanent wird uns vermittelt, wir sollten uns unserer Vergangenheit stellen, um uns auf diese Art und Weise über unsere heutigen Empfindungen und unsere Identität klar zu werden. Dieser Druck, die Vergangenheit zu bewältigen, wird von den Massenmedien wie auch von öffentlichen Einrichtungen, internationalen Organisationen und NGOs ausgeübt. Viele dieser Einrichtungen glauben, dass Konflikte aus trauma-verursachten psychologischen und gesellschaftlichen Widersprüchen resultieren, und preisen die Vergangenheitsbewältigung als eine Art Heilung – daher die Einrichtung von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika und anderswo. Hier ist der Prozess der Verarbeitung historischer Ungerechtigkeiten ein eindeutiger Versuch, Identität zu verändern, indem das Individuum als Teil einer Opfergruppe eingeordnet wird. Die Fälschung einer Holocaust-Biografie ist nur eine extreme Version dieser Tendenz der Sinn- und Identitätsstiftung durch die Verwendung von Geschichte als Therapie. Dies ist eine falsche Geschichtsschreibung und -deutung, weil sie jede missliebige Episode und jeden Akt von Grausamkeit mit den Standards der heutigen Gesellschaft misst. Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet gibt es keinen existenziellen Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wenn einmal ein Akt der Grausamkeit verübt wurde, wird das Trauma anscheinend bis zur Unendlichkeit existieren. Deshalb fühlen sich manche „Überlebende“ der zweiten und dritten Generation mehr vom Holocaust traumatisiert als ihre Vorfahren, die den ganzen Schrecken der Todeslager am eigenen Leib erlebten. Durch die therapeutische Manipulation der Erinnerung wird das Trauma immer wieder durchlebt und garantiert dem Einzelnen den Status eines Opfers auf Lebenszeit.

Geschichtstherapie lenkt die Menschen zunehmend vom Leben in der Gegenwart ab. Was sie auch tun, nichts kann den Schaden wieder gutmachen, der ihresgleichen vor Generationen zugefügt wurde. Im besten Falle wird die Veröffentlichung ihres Leidens anerkannt und gewürdigt. Statt sich dem Leben zuzuwenden, wird der auf die Geschichte ausgerichtete Mensch angeregt, Vergangenes immer wieder zu durchleben. Geschichte kann aber nicht im Nachhinein verändert werden, und Identitäten, die durch Opfer- und Ungerechtigkeitsempfinden gestiftet werden, schaffen Menschen, deren ganzes Leben von einem Gefühl der Verletzlichkeit geprägt ist. Sie glauben außerdem, dass sie die Vergangenheit als eine Art Zeichenbrett behandeln können, auf dem sie ihre eigene Biografie wieder und wieder umschreiben können – was sie dazu einlädt, mit gefälschten Biografien und falschen Fakten an die Öffentlichkeit zu treten. Trotzdem können sie nicht uneingeschränkt verantwortlich gemacht werden für die fantasievolle Umdeutung ihrer Lebensläufe; in gewisser Hinsicht sind sie nur Ausdruck einer Kultur, der es schwerfällt, der Wahrheit einen Sinn zuzugestehen und für ein zukunftsorientiertes Ethos zu sorgen, das die Menschen anregen könnte, vorwärts statt rückwärts zu schauen.