01.09.2008

Globalisierung und Denkfaulheit

Rezension von Alexander Horn

Über das Buch Der globale Countdown.

Wie schon in seinem bekannten Werk Die Globalisierungsfalle aus dem Jahr 1996, mit dem Harald Schumann zum Bestsellerautor wurde, wettert der ehemalige Spiegel-Redakteur nun zusammen mit Christiane Grefe in Der globale Countdown erneut gegen den sogenannten Neoliberalismus. Jahrzehntelang, so die beiden Autoren, die dem Umfeld von Attac zuzurechnen sind, hätten westliche Regierungen die Selbstregulierung der Märkte propagiert und die Gesellschaften so in die „Globalisierungsfalle“ manövriert. „Unternehmen und Kapitalverwalter wuchsen zu weltweit agierenden Mächten heran, während die Politik im nationalen Korsett gefangen blieb.“ (S. 28) Die Autoren meinen, weitgehend unregulierte und folglich chaotische Marktentwicklungen erzeugten Krisen und Spannungen, die die Welt in die Selbstzerstörung, ja sogar in einen dritten Weltkrieg stürzen könnten. Hauptauslöser der globalen Instabilität sind nach ihrer Auffassung das „anarchische und störanfällige Finanzsystem“, die Gefahr, dass Massenvernichtungswaffen in die Hände nichtstaatlicher Akteure geraten, der „Lebensstil der … weltweiten Verbraucherklasse“ und natürlich allen voran der Klimawandel. Mit dieser ebenso düsteren wie pauschalierenden Lagebeschreibung liegen die Autoren zweifellos im Trend, doch genau das mag das Problem sein, denn zum Verständnis wirklicher globaler Zusammenhänge und Interdependenzen trägt diese Sicht der Dinge wenig bei. Die vorgeschlagenen Problemlösungen werden zum Teil von westlichen Regierungen schon länger umgesetzt. Sie sind also nicht gerade originell und erweisen sich in der Praxis schon jetzt in manchen Schlüsselbereichen als kontraproduktiv.

Die Autoren betrachten Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung als Voraussetzung für eine gerechtere Welt, in der genug für alle verfügbar wäre und somit auch Konflikte vermieden werden könnten. Wenn man genügend Öl spare, auf regenerative Energien umstelle und die Wohlstandsländer durch Konsumverzicht ihren Ressourcenverbrauch drosselten, ließen sich, so die Autoren, Knappheit, Verteilungsungerechtigkeit und Umweltzerstörung zumindest entschärfen. Damit schließt sich Der globale Countdown der ebenso verbreiteten wie irrigen Auffassung an, wonach die Reduktion der sowohl konsumtiven als auch produktiven Verwendung von Ressourcen zur Lösung sozialer wie wirtschaftlicher Probleme beitrage. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Die bereits angelaufene ökologische Wende, für die die Autoren sozusagen nachholend nochmals die Trommel rühren, hat eine künstliche Verknappung der Ressourcen zur Folge. Durch Ökosteuern und -abgaben verteuerte Rohstoffe (oder künstlich subventionierte alternative Energieträger) bewirken eine Erhöhung der Preise von Waren, mit denen Menschen ihre Grundbedürfnisse decken. Anbaumethoden in der Landwirtschaft, die gezielt auf den Einsatz industrieller und moderner Methoden wie den Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden oder Gentechnik verzichten, führen zu geringerer Ertragskraft und folglich zu einer entsprechenden Verteuerung der Grundnahrungsmittel. Der ökologische Umbau wird – man mag das wünschen oder nicht – die Ungleichheit national wie international folglich eher verstärken als lindern. Und die steigenden Kosten für diese Nachhaltigkeitsstrategie tragen dann alle Menschen – vor allem aber die wirtschaftlich Schwachen.

Ebenso fragwürdig ist die Annahme, die „Soft Power Europa“ sei der Schlüssel zur Rettung der Erde. Hier mischt sich gängiger Antiamerikanismus mit einer arg vereinfachenden Sicht globaler Zusammenhänge. Dies gilt insbesondere für die Ausführungen der Autoren zu den Problemen an den Finanzmärkten. Laut Schumann und Grefe stehen die USA und Großbritannien für eine forcierte Liberalisierung der Finanzmärkte, der durch umfassende internationale Regulierung ein Ende bereitet werden müsse, um künftig Ereignisse wie die Kreditkrise des vergangenen Jahres zu verhindern. Tatsache ist, dass die Regulierung der Finanzmärkte schon seit einigen Jahren sowohl in Europa als auch international enorm zugenommen hat – ohne dass man deshalb Probleme wie die durch den Handel mit durch US-Hypotheken schlechter Bonität unterlegten Derivaten 2007 verursachten Verwerfungen in den Griff bekommen hätte. Eher ist sogar das Gegenteil der Fall: Die Überregulierung, etwa durch die Eigenkapitalrichtlinien unter Basel II, hat in diesem Fall nach Beurteilung mancher Experten die Führungskräfte in Banken dazu verführt, ihren mit enormem Investitionsaufwand eingerichteten elektronischen Risikomanagementsystemen mehr zu vertrauen als ihrem eigenen Sachverstand. In einer Marktwirtschaft ist es nun einmal Fakt, das flüssige Mittel dort angelegt werden, wo am meisten Gewinn zu erwarten ist; gleichzeitig haben Finanzinstitute im wohlverstandenen Eigeninteresse darauf zu achten, sich dabei nicht zu vergaloppieren, denn sonst droht ihnen der Verlust des Vertrauens der Kunden und Investoren und schließlich der Zusammenbruch. Insofern bietet der Markt selbst Disziplinierungsinstrumente. Die wirklich interessante Frage ist, ob und in welcher Art und welchem Umfang man diesen Selbstregulierungskräften staatliche an die Seite stellen soll, um mehr Kontrolle zu sichern, ohne damit die Selbstdisziplinierungseffekte des Markts zu lähmen. Das ist gewiss ein weites Feld, doch man würde sich wünschen, die Autoren würden anerkennen, dass hier hochbrisante ökonomische und gesellschaftliche Fragen eingehender Erforschung harren, statt bloß ein weiteres Echo des allseits populären Rufs nach Sicherheit zu liefern.

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