01.07.2008

Der Krieg der Postmoderne

Rezension von Matthias Heitmann

In seinen beiden neuen Büchern, Media, War & Postmodernity und Framing Post-cold War Conflicts entmystifiziert Philip Hammond das Machtverhältnis zwischen Medien und Politik und zeigt zugleich auf, was von der „postmodernen“ Lesart des Krieges gegen den Terror zu halten ist.

„Der Golfkrieg hat nicht stattgefunden.“ Als Jean Beaudrillard Anfang der 90er-Jahre diesen Satz über den als „erster Golfkrieg“ in die Geschichte eingegangenen Konflikt zwischen dem Irak und den US-geführten westlichen Truppen kundtat, erntete er vielfach Kopfschütteln. Der Theoretiker der Postmoderne stilisierte die „Operation Desert Storm“ zum reinen Medienspektakel, dessen Hauptadressat die westliche Öffentlichkeit gewesen sei. Als Begründer des Begriffs der „Postmoderne“ gilt Beaudrillards Landsmann Jean-François Lyotard. In dieser der Moderne nachfolgenden Epoche, so die Annahme, hätten die philosophischen Systeme und Erklärungsmuster – die großen oder „Meta-Erzählungen“ – der modernen Vergangenheit ihre Relevanz verloren und müssten für gescheitert erklärt werden. Für das Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen hat diese sich in den letzten Jahren immer mehr durchsetzende Sichtweise enorme Konsequenzen: Hätten in der Moderne die „Metaerzählungen“ noch dazu gedient, die gesellschaftlichen Institutionen, politische Praktiken, Ethik und Denk- und Handlungsweisen zu legitimieren, so gehe in der Postmoderne dieser Konsens in eine Vielzahl von nicht miteinander zu vereinbarenden Wahrheits- und Gerechtigkeitsbegriffen verloren, was wiederum den auf Rationalität und eindeutiger Erkenntnis begründeten Begriff des handelnden menschlichen Subjekts als ein reines Konstrukt ad absurdum führe. Beaudrillards Behauptung, der Golfkrieg habe nicht stattgefunden, ist indikativ für diese ironische und mit Skepsis gegenüber der „Realität“ unterfütterte Annäherung an ein postmodernes Potpourri verschiedener Weltbilder.

Philip Hammond ist durchaus kein Postmodernist. Dennoch konstatiert er, dass die weite Verbreitung postmodernistischen Gedankenguts nicht von ungefähr kommt, denn in der Tat habe mit dem Ende des Kalten Krieges das alte politische Kategoriensystem endgültig seine Relevanz verloren. Postmodernistisches Denken reflektiert diesen Sinnverlust des alten politischen Denkens und ist somit eine Konsequenz aus dem um sich greifenden Nichtverstehen der neuen Welt. Allerdings, und diesen Punkt macht Hammond in der Einleitung seines Buches Media, War & Postmodernity deutlich, trägt der postmodernistische Ansatz nicht zur Überwindung dieses Unverständnisses bei, sondern erklärt es vielmehr als in der multiplen Wirklichkeit der Welt begründet; die Ablösung der modernen Ratio erscheint mithin als Annäherung an die vielfältige Welt. Die Moderne, der wir uns also nach Ansicht von Beaudrillard und anderen Postmodernisten entledigen sollen, ist die Moderne der Aufklärung, der Rationalität, der Wissenschaft sowie des politischen Subjekts.

Die Abkehr vom humanistischen Weltbild und von alten Gewissheiten, die sich im Postmodernismus und seinen Spielarten manifestiert, ist für Hammond Ausgangspunkt seiner Analyse. Die humanitären Interventionen der 90er-Jahre beschreibt er treffend als verzweifelte Versuche westlicher Eliten, das sich mit dem Niedergang des Kommunismus auftuende ideologische Vakuum mit einem neuen Selbstverständnis zu füllen, das auch den eigenen Gesellschaften ein neues stabilisierendes Gedankengerüst liefern soll. Es sind diese zwar „draußen“ stattfindenden, aber eigentlich auf Wirkung nach innen abzielenden Missionen, die dem Krieg ein neues, beinahe unwirkliches Gesicht und den Medien eine weitaus mächtigere Rolle verleihen.

Die Hoffnung mancher Konservativer, in der Folge des 11. September würden die nihilistischen und skeptischen Einflüsse des Postmodernismus am Schwung verlieren, hielt, wie Hammond am Beispiel des Krieges gegen den Terror systematisch nachweist, nicht lange vor. Vielmehr entwickelte sich der Kollaps der New Yorker Zwillingstürme selbst zum Synonym für den endgültigen Zusammenbruch dessen, was in früheren Zeiten als auf konkreten Visionen und Werten basierende Politik bezeichnet worden wäre. Hammond legt dar, wie die Konzentration auf Image und PR die narzisstische westliche Sinnsuche prägt und Politik als solche sich immer stärker zu einem reinen Krisen- und Risikomanagement fortentwickelt. In diesem Szenario nehmen Kriege – und insoweit wäre Beaudrillards Beobachtung tatsächlich zuzustimmen – immer surrealere Formen an. Postmoderne Kriege, postmoderne Staaten, ein postmodernes Europa und die Aushöhlung von modernen, sprich: den alten Prinzipien der nationalen Souveränität sowie der demokratischen Rechenschaftspflicht transformieren „Politik“ in ein zusammenhangloses Wirrwarr aus Spektakeln, deren Hauptakteure immer weniger die eigentlich politischen Verantwortlichen sind, sondern diejenigen, die das mediale Feuerwerk entzünden.

Den Konsequenzen dieser Entwicklungen auf die Berichterstattung – insbesondere im Bereich der internationalen Beziehungen – hat Hammond mit Framing Post-cold War Conflicts ein weiteres Buch gewidmet. Hier vollzieht er anhand einer Vergleichsstudie nach, wie in britischen Medien im Kontext von sechs verschiedenen internationalen Krisen (Somalia, Bosnien, Ruanda, Kosovo, Afghanistan und Irak) nach Erklärungen für Konflikte nach dem Ende des Kalten Krieges gesucht wird und welche angeboten werden. So zeigt er u.a. auf, dass Kriegsberichterstattung in den meisten Fällen nicht vorsätzlich regierungsfreundlich im Sinne einer klassischen Kriegspropaganda ist, sondern die beschriebenen Veränderungen im Machtverhältnis zwischen Medien und Politik dazu führen, dass sich Medienvertreter in der Pflicht sehen, gemeinsam mit der Politik nach einem Sinn für ihr Handeln zu suchen. Dass es hierbei zu Differenzen und Kritik am politischen Handeln kommt, stellt insofern keinen Ausbruch aus der gemeinsamen Sinnsuche dar, als dass die grundlegende Sichtweise, der Westen habe das moralische Recht und sogar die Pflicht, in lokale Konflikte einzugreifen und sinnstiftend aktiv zu werden, hierdurch keine Schwächung, sondern im Gegenteil eine Stärkung erfährt.

Immer wieder weist Hammond jedoch darauf hin, dass es nicht die ureigene Kraft der Medien oder die natürliche Anziehungskraft des Spektakels, sondern die Selbstaufgabe westlicher Politik ist, die diese Entwicklung antreibt. Mit dieser Analyse widerspricht der Medien- und Kommunikationswissenschaftler den insbesondere in der Medienwelt gängigen Selbstüberschätzungen auf wohltuend sachliche Art. In seiner Schlussbetrachtung unterstreicht Hammond, dass all diese Trends, und mögen sie noch so „human“ dargestellt werden, dem eigentlichen Gehalt von Ideen wie „Universalismus“ oder „Demokratie“ zuwider laufen. Beide bedürfen eines selbstbestimmt handelnden und die Möglichkeit von Erkenntnisgewinn in Betracht ziehenden Subjekts. Wenn Hammond am Ende von Media, War & Postmodernity die Überwindung der Postmoderne als Ziel formuliert, meint er damit nicht die Rückkehr zu alten „Meta-Erzählungen“, sondern in erster Linie die Rehabilitierung des vom Postmodernismus für „tot“ proklamierten Subjekts, ohne das es keine menschliche Politik geben wird.