01.07.2008

Kindische Angst um Kinder

Analyse von Helene Guldberg

Häufig werden heute unsere Kinder als passive, unbeteiligte und undynamische Wesen beschrieben. Diese Sichtweise ist jedoch von Nostalgie getrieben, manchmal sogar von Snobismus.

Kinder sind heutzutage angeblich in sich gekehrt, apathisch und nicht in der Lage, kreativ und spielerisch ihre Freizeit zu gestalten. Durch die vielen Stunden vor der Glotze und vor dem PC sei ihre Vorstellungskraft stumpf geworden. Konsum und Werbung hätten sie korrumpiert. So oder ähnlich klingt das unentwegte Lamentieren über die heutigen Kinder. Viele neue Bücher wollen uns weismachen, dass unsere Kinder durch die moderne Welt negativ beeinflusst werden. Die Autoren entwickeln dabei häufig eine recht romantische und nostalgische Sicht auf ihre eigene Kindheit. Man gewinnt den Eindruck, als seien sie selbst stark geprägt von einer Abneigung gegenüber dem modernen Leben, dem Wohlstand im Allgemeinen und gegenüber den vermeintlich ignoranten und materialistisch orientierten Eltern.

Marita Vollborn und Vlad Georgescu bringen diese Haltung in ihrem Buch Konsumkids. Wie Marken unseren Kindern den Kopf verdrehen zum Ausdruck: „Unmengen von Spielzeug lassen Regale ächzen und die Tapete hinter Bergen an Playmobil, Barbie-Puppen, Kuscheltieren, Kisten voller Gameboys, Pokémon- und Yu-Gi-Oh!-Karten, Diddle-Blöcken, Hörspielkassetten und CDs verschwinden – nicht zu vergessen all die verstümmelten Plastikautos, fragmentarisch erhaltenen Gesellschaftsspiele, die Relikte vergangener Kindergeburtstage und Happy Meals, großelterlicher Spendierwut und elterlicher Nachgiebigkeit.“ Die Autoren behaupten, Forscher hätten mittlerweile die „Verdummung von Menschen durch uneingeschränkten Konsum in der Kindheit“ nachgewiesen. In seinem neuesten Buch The Power of Play: How Imaginative, Spontaneous Activities Lead to Healthier and Happier Children schreibt David Elkind, Professor der Entwicklungspsychologie von Kindern an der US-amerikanischen Tufts-Universität: „Das Spielen von Kindern – bei dem deren angeborene Anlage zu Neugier, Fantasie und Ideenreichtum herauskommt – wird von der kommerzialisierten High-Tech-Welt, die wir geschaffen haben, zum Schweigen gebracht.“ Er vertritt die Auffassung, dass die Kraft des fantasiereichen Spielens von „billigen Spielzeugen, die es in großen Mengen und scheinbar grenzenlosen Variationen gibt“, „sitzendem Spielen vor dem Bildschirm“ und „einem Lehrplan, der immer mehr von Tests bestimmt wird“ zerstört werde. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff beschreibt in seinem Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit sehr plastisch, wie negativ die Gesellschaft das Leben der heutigen Kinder sieht. „Statt aktiv und intuitiv zu handeln, scheint die moderne Gesellschaft in eine Art Angststarre verfallen zu sein … In den Redaktionen scheint es eine stillschweigende Übereinkunft zu geben, dass es das Wichtigste sei, immer neue Katastrophen zu präsentieren, immer aufs Neue zu beweisen, wie schlecht die Welt geworden sei.“ Oder, wie es die englische Journalistin Libby Brooks in The Story of Childhood: Growing Up In Modern Britain schreibt: „Die Kindheit ist zum Schmelztiegel aller Ängste der erwachsenen Gesellschaft geworden – Sex, Konsum, Technologie, Sicherheit, Leistung und Erfolg. Wir befinden uns inmitten einer Kinderpanik.“ Wie ernst sollten wir diese panische Literatur über den Zustand unserer Kinder nehmen?

Garstige kleine Racker


Viele der Probleme, die in der aktuellen Diskussion über Kinder zusammengetragen werden, sind wenig besorgniserregend und sollten uns nicht übermäßig beschäftigen. Nehmen wir das Beispiel Mobbing: Es gibt zweifelsfrei traurige Einzelfälle von Kindern, die von anderen schikaniert wurden und sich daraufhin das Leben genommen haben. Doch dies passiert sehr selten. Wo es vorkommt, muss es von Erwachsenen in einer sensiblen und ernsthaften Weise unterbunden werden. Tatsächlich sind Kinder manchmal maßlos selbstsüchtig, gedankenlos und naiv. Aber sie können in dieser Naivität auch außerordentlich charmant sein. Das liegt daran, dass sie in einem Lernprozess stecken und dabei sind herauszufinden, wie man ein soziales Wesen wird: ein Mensch mit Sinn für Zugehörigkeit, der anderen Menschen vertraut, von ihnen lernt und mit ihnen teilt. Und genau deshalb muss man ihnen die Möglichkeit geben, Konflikte auszutragen und zu lösen. Lässt man sie nicht frei miteinander interagieren, können sie weder lernen, welche Konsequenzen garstiges oder gedankenloses Verhalten hat, noch wie mit solchem Verhalten umzugehen ist.

Viele Kinder haben mehr Spielzeug, als sie brauchen. Den Überblick über den Puppenbestand meiner vierjährigen Nichte habe ich bereits vor geraumer Zeit verloren. Völlig unabhängig davon, wie teuer und fantastisch ihre letzte Puppe war: Ihr Appetit für weitere Errungenschaften scheint unersättlich. Andererseits hat jede ihrer Puppen einen Namen und eine Geschichte. Ihre Fantasie und Neugier sind anscheinend nicht durch ihren Puppenbestand beeinträchtigt worden. Auch kann sie viele Stunden lang – entrückt von der Realität – in ihrer Fantasiewelt spielen, genau so wie ich es in ihrem Alter konnte. Auch Computerspiele sollte man nicht per se als Problem betrachten. Studien belegen, dass junge Leute heute die Technologien für das nutzen, was sie immer getan haben: Kontakte knüpfen, herumalbern und Spiele miteinander spielen. Ich habe zwar selbst nie wirklich verstanden, was an Computerspielen so faszinierend ist, aber nach alledem, was ich gehört habe, machen sie Spaß, sind herausfordernd und haben manchmal sogar Bildungswert und sind lehrreich. Wenn Kinder heute tatsächlich zu viel Zeit vor den Bildschirmen verbringen, sollten wir uns fragen, warum dies so ist. Vielleicht sind die neuen Technologien so attraktiv für Kids, weil diese ihnen die Möglichkeit geben, mit ihren Freunden abzuhängen – was sie draußen in unserer übervorsichtigen Welt selten tun dürfen.

Kinder ohne Kindheit

In vielerlei Hinsicht hat sich die Lebensqualität von Kindern im Lauf der Zeit erheblich verbessert. Noch vor ein paar hundert Jahren konnte man nicht von einer „Kindheit“ im eigentlichen Sinn sprechen. Der französische Historiker Philippe Ariès zeigte in seinem Klassiker Geschichte der Kindheit, dass die Vorstellung einer Kindheit im Mittelalter schlicht und ergreifend nicht existierte: „Sobald die Kinder eigenständig waren und nicht mehr der ständigen Betreuung der Mutter oder Kinderfrau bedurften, gehörten sie zu den Erwachsenen“, schrieb er. Im zarten Alter von sieben Jahren traten die Kinder in die Erwachsenenwelt ein – wo sie sich verhalten mussten und so behandelt wurden wie kleinere Versionen von Erwachsenen. Ariès beschreibt, dass Säuglinge unter zwei Jahren relativ emotionslos umsorgt wurden, weil nur eine geringe Wahrscheinlichkeit bestand, dass sie den zweiten Geburtstag erleben würden. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich langsam das moderne Verständnis von Kindheit, aber es dauerte noch bis ins späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, bis die Schulpflicht eingeführt wurde und die Kinderarbeit entsprechend abnahm, also Kindheit im modernen Sinn tatsächlich existierte. Die heutige, völlig separate Welt der Kinder mit einer eigenen Mode, Spielen und Bildung ist ein Phänomen neueren Datums. Noch im 19. Jahrhundert mussten Kinder im Alter von sechs Jahren viele Stunden am Tag und unter unzumutbaren Bedingungen arbeiten – mehr als einige Erwachsene heute schaffen würden. Sie litten häufig unter Krankheiten und schrecklichen Verletzungen. In den großen Fabriken waren unfallbedingte Amputationen die Regel, weil die Kinder in die Maschinen hineinkriechen mussten. Junge Schornsteinfeger litten unter chronischen Atemproblemen und hatten häufig gebrochene und deformierte Glieder und Knochen. Dass die Kinder von heute – zumindest in der entwickelten Welt – nicht mehr arbeiten müssen und die Freiheit haben zu spielen, Unsinn zu treiben und eine ordentliche Bildung zu genießen, sollten wir als Errungenschaft begrüßen. Aber wir müssen uns auch die Frage stellen, ob wir nicht zu weit gegangen sind und bei einer „Infantilisierung von Kindern“ angekommen sind, wie es Frank Furedi, Autor des Buches Die Elternparanoia: Warum Kinder mutige Eltern brauchen, nennt.

Kinder brauchen Raum, um sich zu entwickeln und zu wachsen. Das bedeutet, ihnen graduell mehr Freiheit und Verantwortung zu geben. Es ist die Verantwortung von Erwachsenen, Kinder auf ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben vorzubereiten und sie nicht vor jedem theoretisch möglichen Risiko in der Welt zu beschützen. Michael Ungar, ein amerikanischer Sozialarbeiter und Familientherapeut, beschreibt in Too Safe For Their Own Good: How Risk And Responsibility Helps Teens Thrive eine Dinner-Party, auf der sich Besucher an die eigene Kindheit erinnerten und sie mit der heutigen Kindheit verglichen: „Jeder von uns kann Geschichten darüber erzählen, wie wir regelmäßig Risiken ausgesetzt waren, denen wir unsere Kinder niemals aussetzen würden. Morgens wurden wir vor die Tür geschoben mit dem Hinweis, nicht vor dem Mittagessen wiederzukommen. Wir durften mit zwölf Jahren unbeaufsichtigt Motorrad fahren. Wir gingen allein in die Schule.“ Ungar argumentiert, dass wir den Kindern am besten dadurch helfen, wenn wir ihnen Möglichkeiten geben, allein herauszufinden, was sie können. Eltern sollten den Kindern eine Struktur geben, „um die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen sicher zu steuern“, schreibt er. „Es ist unsere Verantwortung, ihnen von Anfang an zu helfen, Abenteuer und Verantwortung anzunehmen … Besorgte Eltern sollten die Grundlage für das Wachsen der Kinder legen und nicht nur eine Sicherheitsschwimmweste bereitstellen.“

Auch David Elkind argumentiert, dass wir nicht versuchen sollten, eine risikofreie Spielumgebung für Kinder zu schaffen, „weil wir aus Erfahrungen lernen und eben auch aus schlechten Erfahrungen. Wir lernen, mit Scheitern umzugehen“. Elkind zeigt, dass amerikanische Kinder innerhalb des letzten Jahrzehnts zwölf Stunden freie Zeit in der Woche verloren haben, darin inbegriffen acht Stunden unstrukturiertes Spiel und Aktivitäten im Freien. Im Gegenzug hat sich die Zeit, die Kinder im organisierten Sport verbringen, verdoppelt. Er schreibt: „Kinder dürfen nicht mehr in dem Ausmaß alleine spielen, wie es früher der Fall war. Ein Großteil des Spielens wird von Erwachsenen organisiert und durchgeführt. Das beraubt Kinder der Möglichkeit, aus risikoreichem Verhalten zu lernen. Selbstverständlich können Kinder heute immer noch alleine spielen, aber es ist eher die Ausnahme als die Regel.“

Die Bedeutung des freien Spiels

Das freie Spiel, das weit weg von der elterlichen Betreuung und Aufsicht stattfindet, fehlt den heutigen Kindern. Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget verbrachte viele Stunden damit, Kinder beim Spielen zu beobachten. Er schloss daraus, dass das kindliche Gehirn und sein Verstand sich durch die Interaktion – und durch Streitigkeiten – mit Gleichaltrigen entwickeln. Durch die Konfrontation mit den Meinungen anderer Kinder werden sie angespornt, ihre eigene Meinung und Gedanken zu entwickeln. In seinem wegweisenden Werk Sprechen und Denken des Kindes erklärt Piaget die Rolle des Egozentrismus – der Unfähigkeit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten als der eigenen – im kindlichen Denken. Während Piaget damals noch davon ausging, dass Kinder bis zum Alter von sieben Jahren grundsätzlich egozentrisch seien, herrscht heute generell die Meinung vor, dass Kinder im Alter von vier Jahren bereits das Verständnis entwickeln, dass andere Menschen Meinungen haben können, die von ihren abweichen.

Im Rahmen meiner Doktorarbeit über den kindlichen Entwicklungsprozess führte ich einen Test mit Kindern zwischen drei und vier Jahren durch. Ich zeigte den Kindern eine Packung Smarties. Als ich eines der Kinder (ich werde es im Folgenden Mark nennen) fragte, was sich denn wohl in der Packung befinde, erhellte sich sein Gesicht, und er rief „Smarties!“. Ich gab ihm die Packung und bat ihn hineinzuschauen. Sein Gesichtsausdruck zeigte Enttäuschung, als er entdeckte, dass sich in der Packung nicht Smarties, sondern Buntstifte befanden. Ich schickte Mark zurück zu den anderen Kindern und bat ihn, ein Mädchen, Mary, in das Zimmer zu schicken. Vorher fragte ich ihn noch: „Ich werde Mary diese Packung zeigen und sie fragen, was sie glaubt, was sich darin befindet. Was denkst du, wird sie sagen?“ Wie viele Kinder seines Alters es getan hätten, antwortete er: „Buntstifte.“ Er wusste ja nun, dass sich Buntstifte in der Packung befanden, also nahm er selbstverständlich an, dass Mary das auch sagen würde. Als ich ihn fragte, was er gedacht habe, was in der Packung sei, bevor er sie geöffnet hatte, antwortete er ebenfalls „Buntstifte“. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Gedanken nicht der Realität entsprechen. Oder anders gesagt: Er war nicht in der Lage, über einen Gedanken nachzudenken – Gedanken und Realität sind für kleine Kinder dasselbe.

Piaget betrachtete bestimmte soziale Erlebnisse – insbesondere in der Beziehung zwischen Gleichaltrigen – als zentral für die Fähigkeit der Kinder, den Egozentrismus in ihrem Denken zu überwinden. Die Beziehung zwischen Gleichaltrigen bringt unterschiedliche Sichtweisen hervor, und das hilft Kindern, über das Denken nachzudenken. Piaget schrieb, dass „die soziale Interaktion notwendig ist, wenn das Individuum sich über das Funktionieren des eigenen Verstandes bewusst werden soll … Wenn man es sich selbst überlässt, glaubt das Kind jeden Gedanken, der sich bei ihm entwickelt, anstatt ihn als eine Hypothese zu betrachten, die verifiziert werden muss. Im selben Maße zweifelt das Kind an nichts, was ihm Erwachsene erzählen.“ Für ein Kind hat das, was Erwachsene sagen, eine Art mystische Macht, argumentierte Piaget. Das Spiel zwischen Gleichaltrigen ist daher notwendig, um das Kind zu sozialisieren, d.h., es erfolgreich „aus der mystischen Macht der Erwachsenenwelt zu befreien“. Lev Semenovich Wygotski, der bedeutende russische Entwicklungspsychologe, erkannte ebenfalls die wichtige Rolle des Spiels in dem Entwicklungsprozess des Kindes. Er beschrieb das kindliche Spiel als sowohl befreiend als auch beschränkend. Vorschulkinder haben die „Freiheit“, neue Rollen im Spiel zu erforschen, aber gleichzeitig ist das Rollenspiel mit den Gleichaltrigen eine wechselseitig unterstützende Aktivität, bei der sie ein noch nie da gewesenes Niveau an Selbstkontrolle besitzen müssen. In seinem bahnbrechenden Buch Geschichte der höheren psychischen Funktionen schreibt Wygotski: „Im Spiel benimmt sich das Kind immer älter, als es tatsächlich ist und als es sich normalerweise im täglichen Leben verhält. Im Spiel ist es einen Kopf größer.“

Wygotski entwickelte das Konzept der „Zone of Proximal Development (ZPD)“ um zu illustrieren, wie Kinder lernen und sich entwickeln. Es ist ein Konzept, das in erziehungswissenschaftlichen Kreisen inzwischen sehr populär geworden ist, zumeist, um die modische Idee des „kindzentrierten Lernens“ zu unterstützen – wenngleich es in diesem Prozess fatalerweise seines eigentlichen Sinngehalts beraubt wurde. Hinter vielen Modeerscheinungen in den Erziehungswissenschaften – wie z.B. in der des „personalisierten Lernens“ – steht die Vorstellung, dass wir die Begrenzungen des kindlichen Denkens akzeptieren bzw. Kinder nicht zu sehr fordern sollten. Dies steht jedoch in krassem Gegensatz zu der Idee des ZPD, die Wygotski wie folgt definierte: Das „Actual Development Level“ repräsentiert die aktuellen Fertigkeiten des Kindes, also Herausforderungen, welche ohne fremde Hilfe gemeistert werden können. Das „Potential Development Level“ beinhaltet all die Aufgaben, welche das Kind (noch) nicht selbstständig lösen kann. Die Grenze zwischen diesen beiden Zonen bildet die „Zone of Proximal Development“. In Wygotskis Worten handelt es sich um „die Diskrepanz zwischen dem aktuellen Entwicklungsniveau, das durch selbstständiges Problemlösen definiert ist, und dem Niveau einer potenziellen Entwicklung, das bestimmt ist durch Problemlösen unter der Anleitung von Erwachsenen oder im Zusammenwirken mit weiter entwickelten Kindern.“ Anders formuliert: Grundlage für die Entwicklung ist das Überwinden des Widerspruchs zwischen den Herausforderungen einer bestimmten Situation, die das Individuum zwingt, neue Formen des Verhaltens anzunehmen, und den Unzulänglichkeiten der existierenden Gedankenwelt des Individuums, um mit den Aufgaben fertig zu werden. Spielen kann so ein ZPD für das Kind schaffen. Wygotski argumentierte, dass sich „die größten Errungenschaften des Kindes im Spiel eröffnen; Erfolge, die morgen die Grundlage seiner Handlungen und Moral werden“.

Als ich kürzlich an einem regnerischen Tag mit meinem Mann ein Geschäft betrat, hörten wir das qualvolle Jammern eines Kleinkindes aus einem Buggy. Man hätte meinen können, der Junge würde gefoltert. Tatsächlich wurde ihm nur ein Stück Schokolade verweigert, das er haben wollte. Es ist erstaunlich, was für Wutanfälle Dreijährige haben können, wenn sie nicht sofort bekommen, was sie wollen. Schon Wygotski schrieb: „Keiner hat je ein Kind unter drei Jahren getroffen, das etwas wollte, das ein paar Tage in der Zukunft liegt.“ Zum Glück kann man kleine Kinder von dem ablenken, was sie wollen – und je jünger das Kind, desto leichter ist das. Wenn sie älter werden, fällt dies zunehmend schwerer, und die Spiel- und Fantasiesituationen erfüllen die Funktion, diese unrealisierten Wünsche zu befriedigen. Für das kleine Kind ist die Erwachsenenwelt voller Hindernisse und Restriktionen. Das Spiel gibt ihm eine Chance, diese Barrieren zu überwinden.

Kinder ins Erwachsensein begleiten


Wenn kleine Kinder nicht spielen, ist ihr Verhalten durch die Situation bestimmt, in der sie sich gerade befinden. Ihr Verhalten, ihre Motivationen und Wünsche sind durch ihre unmittelbare Wahrnehmung bestimmt, durch das, was sie in einem bestimmten Moment sehen und hören. Aber im fantasiereichen Spiel können Kinder zum ersten Mal Bedeutungen von Gegenständen oder Handlungen trennen. Für ein kleines Kind sind Worte und Gegenstände (und in gleichem Maß auch Worte und Handlungen) keine getrennten Gebilde, sondern ein und dasselbe. Als Erwachsenen wissen wir, dass „Tasse“ das Wort für einen Gegenstand ist, aus dem man trinken kann. Für ein kleines Kind ist eine „Tasse“ eine Tasse. Das Wort ist der Gegenstand. Das Kind hat keine abstrakte Vorstellung eines Wortes, das unabhängig von einem konkreten Gegenstand existiert; es kann nur konkret die Sache sehen, die das Wort repräsentiert. Im Spiel jedoch fängt das Kind von selbst an, Bedeutungen von Gegenständen getrennt zu betrachten – allerdings ohne sich darüber bewusst zu sein. Erst wenn Kinder lernen zu schreiben, wird ihnen bewusst, dass Wörter einen repräsentativen Charakter haben und unabhängig von konkreten Gegenständen existieren. Wygotski betrachtete daher das Spiel als eine Vorbereitungsstufe in der Entwicklung der geschriebenen Sprache des Kindes.

Leider stellen einige der kürzlich erschienen Bücher den pädagogischen Wert des Spiels dem reglementierten Schulleben, besonders den Tests, gegenüber. Aber nicht nur das Spiel ist wichtig: Erwachsene können Kinder durch Anleitung und Führung viel weiter bringen, als ihre Entwicklungsstufe es ihnen erlauben würde. Das Spiel ist sehr wichtig, aber das durchaus strenge und fordernde Lehren durch Erwachsene ist es ebenso. Wygotski würde sagen, dass ein guter Lehrer von seinen Schülern mehr erwarten sollte, als sie alleine – ohne erwachsene Unterstützung – bewerkstelligen können. Was die Entwicklung unserer Kinder heute am ehesten behindert, ist die Kultur der Angst, unsere Besessenheit von Sicherheit sowie die niedrigen Erwartungen, mit denen wir unseren Kindern begegnen. Kinder brauchen mehr Freiheit, um zu spielen und verrückte Sachen zu tun. Aber das sollte keine Entschuldigung dafür sein, dass man die Bildungsansprüche an sie herunterschraubt.