01.05.2008

„Erniedrigt China!“

Analyse von Brendan O’Neill

Die Tibeter wollen frei sein. Jetzt haben sie aus den Hauptstädten des Westens grünes Licht für Krawalle erhalten. Deren Unterstützung wird allerdings mehr von Gehässigkeit und Neid als von Freiheitsliebe getrieben.

Die grobkörnigen, heimlich gemachten Filmaufnahmen von randalierenden Tibetern in Lhasa und Teilen Chinas enthüllen vor allem eines ganz klar: Die Demonstranten fordern mehr Kontrolle über ihren Alltag und ihre Lebensgestaltung. Frustriert vom Leben unter der freiheitsfeindlichen und undemokratischen chinesischen Regentschaft schlagen sie auf das ein, was für sie die chinesische Herrschaft verkörpert: Geschäfte von Han-Chinesen und Häuser von chinesischen Beamten.


Aber hinter den weltweit übertragenen Bildern der Instabilität steckt ein wesentlich komplexeres, gefährlicheres und schwer zu durchschauendes Geflecht zynischer politischer Schachzüge. Westliche Kräfte haben gewissermaßen die Tibeter zu Krawallen ermutigt, nicht, weil es ihnen um Freiheit und Demokratie geht, sondern weil sie die Chinesen fürchten und verabscheuen. Die westliche Unterstützung für Unruhen in Tibet mag sich in die Parole „Freiheit für Tibet“ hüllen, ihr eigentliches Anliegen aber ist „Erniedrigt China!“ Die wütenden Ausschreitungen der tibetischen Demonstranten verdeutlichen deren tief sitzende Unzufriedenheit mit dem Leben unter dem stalinistischen Regime. Trotzdem können die Proteste ebenso als physischer und gewalttätiger Ausdruck westlicher China-Beschimpfung gesehen werden, die in dem Maße zunimmt, in dem die Olympischen Spiele näher rücken.

In den letzten Monaten haben westliche Regierungsbeamte und Nachrichtensprecher indirekt und manchmal direkt die Tibeter und andere aufgefordert, „die Olympischen Spiele zu nutzen, um China zu demütigen“.1 Zumindest teilweise als Reaktion auf diesen von Sinophobie und Misstrauen befeuerten Aufruf haben die Tibeter mit Protesten begonnen, die mehr dem Wohlgefallen westlicher Beobachter zu dienen scheinen als der Durchsetzung wichtiger realer Veränderungen in Tibet und China. Sowohl bei der Wahl des Zeitpunkts als auch beim Ablauf scheinen die Proteste mehr ein Produkt westlicher Überredungskunst als ein Ausdruck unabhängigen stürmischen Freiheitsverlangens der Tibeter gewesen zu sein. Es ist kein Zufall, dass die den Berichten nach größten tibetischen Proteste seit den späten 80er-Jahren ausgerechnet parallel zum Fackellauf nach Peking begannen. Zahlreiche politische Akteure und Aktivisten versuchten, die Olympischen Spiele in eine Plattform für moralische Belehrung und Chinakritik zu verwandeln. Laut International Herald Tribune führt die aufgeregte Politisierung der Olympischen Spiele durch offizielle Vertreter und Kampagnen des Westens zur Verunsicherung der Athleten darüber, welches Anliegen sie unterstützen sollten. Sie stehen urplötzlich vor einem überbordenden Hauptmenü und einer unüberschaubaren Kleiderauswahl: Sollen sie nun eine Armbinde tragen mit der Aufschrift „China, bitte“, um gegen Chinas Verbindung mit dem Sudan zu protestieren, oder ein gelbes „Livestrong“-Armband, um ihren Wunsch nach Olympia ohne Umweltverschmutzung und bleifreies Spielzeug auszudrücken? Ein amerikanischer Triathlet beschwerte sich unlängst: „Ständig versucht da jemand, über irgendwas eine Erklärung abzugeben.“2 Die Politisierung der Spiele durch westliche Kräfte und die weit verbreitete Diskussion über die Möglichkeiten, China anlässlich der Spiele zu erniedrigen, haben dazu beigetragen, dass in den unruhigeren Teilen Chinas und den angrenzenden Gebieten, einschließlich Tibet, eine unberechenbare Stimmung entstanden ist.

Wenn die Protestierenden medienwirksam englischsprachige Slogans benutzen und ihre Handy-Filmaufnahmen schnellstens weiterreichen, weist das darauf hin, dass die Demonstrationen sich sehr stark an das westliche Publikum richten. Bei dem Marsch tibetischer Mönche in Nordindien und während der schärferen Proteste in Tibet und China am Wochenende zeigten die Tibeter Schilder mit englischsprachigen Forderungen wie „Tibet braucht dich“. Sie trugen Stirnbänder mit der Aufschrift „Befreit Tibet“ – dem Lieblingsspruch der westlichen Mittelklassen und sogar adliger Tibet-Sympathisanten wie etwa dem britischen Thronfolger Prinz Charles.3 Tibetische Mönche im indischen Dharamsala, wo die tibetische Regierung im Exil unter Führung des Dalai Lama residiert, haben englische Plakate aufgestellt mit der Aussage: „Peking 2008: ein Fest der Verletzung von Menschenrechten“.4 Eine britische Zeitung bejubelte die „Verwendung der gefährlichsten Waffe der Welt durch die Demonstranten – ihre Handykameras“.5 Viele westliche Beobachter, die die Tibeter dafür rühmen, dass sie diese „Waffe“ zur Übertragung der Bilder ihres Kampfes nutzen, würden sich wahrscheinlich sehr unwohl fühlen, wenn es zur Anwendung von echten Waffen durch Tibeter käme, um ihre stalinistischen Herrscher zu Veränderungen oder Zugeständnissen zu zwingen.

Es scheint, als wenn die Proteste ihre Legitimation und ihren Schwung aus der heutzutage weit verbreiteten Negativbewertung Chinas ziehen und für den westlichen Genuss aufbereitet wurden. Hier zeigt sich, in welchem Maß die Tibeter inmitten eines weltweiten Tauziehens zwischen dem Westen und China gefangen sind. Zweifellos fühlen sich viele Menschen angesprochen von den tibetischen Unruhen, aber viele westliche Kräfte, die die tibetische Sache unterstützen und die Tibeter aufrufen, China zu demütigen, werden weniger von echter Liebe zur Freiheit und Demokratie angetrieben als vom tiefen zynischen Wunsch, den Chinesen das Leben schwer zu machen.

Die aktuellen tibetischen Proteste finden in einem ziemlich finsteren politischen Umfeld statt: der westlichen Umwandlung Chinas in ein kulturelles und politisches Feindbild. Im Laufe der letzten Jahre wurde China unaufhaltsam – und teilweise auch unbewusst – zum Prügelknaben des Westens stilisiert. Antichinesische Vorurteile ziehen sich quer durch die politischen Lager: Sowohl bei der alten Rechten als auch bei der neuen Linken gehört es zum guten Ton, China wegen seines Wirtschaftswachstums, seiner Menschenrechtspolitik, seiner Umweltzerstörung oder seiner Unterdrückung des tibetischen Volkes zu attackieren. Es ist ein unausgesprochener Konsens unter westlichen Offiziellen, Kommentatoren und radikalen Aktivisten, dass China eine weltweite Bedrohung darstellt, die mit einer scharfen Aburteilung auf ihren Platz zurückverwiesen gehört. Weit mehr als bei der Dämonisierung der Sowjetunion als „Reich des Bösen“ im Kalten Krieg wird China in allen politischen Kreisen des Westens unkritisch mit dem Etikett des schmutzigen, unkontrollierbaren, gewalttätigen Untiers versehen.

Für Konservative wurde die China-Kritik zu einer Gelegenheit, alte Rechnungen aus dem Kalten Krieg zu begleichen. Sympathisanten der amerikanischen Rechten und Offizielle scheinen Trost im vertrauten Gefühl zu finden, vor einem alten „kommunistischen Gegner“ zu stehen. Durch das Ende des Kalten Krieges ihres Erzfeindes im Osten beraubt, stehen sie verunsichert vor der Unvorhersehbarkeit breit gefächerter globaler Entwicklungen. Sie klammern sich ans altmodische Feindbild China wie zu Zeiten, als die Politik noch einfacher und schwarz-weiß war; sie versuchen, diese Ära mit einer neuen weiß-gelben Kluft zwischen dem barbarischen China und den zivilisierten USA wieder auferstehen zu lassen.6 Mitte März sorgte das Pentagon mit seinem Jahresbericht vor dem US-Kongress über die Bedrohung durch das chinesische Militär für Furore. Es fiel schwer, hier nicht zumindest teilweise dem Sprecher des chinesischen Außenministeriums zuzustimmen, der das Pentagon beschuldigte, dem „Denken des Kalten Krieges“ verhaftet zu sein.7

In den Attacken des rechten Flügels auf das neuzeitliche China findet sich auch eine große Portion Neid. Während Amerikas Wirtschaft von einer Krise in die nächste schlittert und dabei auf verschiedenste Art von ostasiatischem Bargeld abhängig wird, um sie abzufedern, betrachten traditionell denkende Wirtschaftsexperten Chinas Wachstum als Problem und Bedrohung. Indem sie die Sprache des Ökologismus benutzen – weil sie deutlich spüren, dass der altmodische Protektionismus heute nicht mehr gut ankommen würde –, veröffentlichen gestandene Printmedien in den USA Artikel mit Titeln wie „Am Wachstum ersticken“. Sie argumentieren, dass in China mit einer Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes (d.h. Verlangsamung seines Wachstums) ein umfassender Bewusstseinswandel in der chinesischen Bevölkerung ausgelöst werden müsse.8 Bücher wie The River Runs Black: The Environmental Challenge to China’s Future sind vergriffen und werden von traditionellen amerikanischen Denkern und Wirtschaftsleuten gepriesen.

Von linksgerichteten Aktivisten und Autoren wird China wegen seiner als grenzenlos betrachteten Industrialisierung zum Buhmann Nummer eins stilisiert. Viele, die der Gedanke an Wachstum an das 19. Jahrhundert erinnert, sprechen offen über China als „Vergifternation“, die nicht nur ihre eigenen Leute umbringt, sondern möglicherweise auch den gesamten Planeten. Liberale grüne Autoren sehen nichts als „Staub, Müll und Schmutzwasser“ im modernen, gierigen China. Grüne Aktivistengruppen rufen die westlichen Nationen auf, ihre politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zu China zu kappen, und instruieren westliche Verbraucher, dass sie „Made in China“ nicht kaufen sollen. Nur dann, behaupten sie, werde „der weltweit größte CO2-Verursacher und Kohleverbraucher“ (so sehen alle diejenigen China, die nicht die trendigen diskriminierenden Ausdrücke zur Verunglimpfung benutzen) gezwungen, seine Politik zu ändern.9 Sie preisen diese Haltung als radikal, aber im heute üblichen Konsens der China-Kritik sind die Grünen lediglich der protestierende Flügel der rückwärts gerichteten, ängstlichen und protektionistischen Politik eines sich über die „chinesische Bedrohung“ sorgenden Westens.

In vielerlei Hinsicht projizieren westliche Aktivisten und Kommentatoren ihre eigene Abscheu vor dem „westlichen Way-of-life“ auf China. Sie sehen in dem Land alles, was sie an der Neuzeit generell anzweifeln oder verabscheuen. Bei allem und jedem, vom Wirtschaftswachstum über den sportlichen Wettbewerb, vom Kohleverbrauch bis zum Bau von Wolkenkratzern, ist die aktuelle China-Kritik einerseits durch westlichen Selbsthass motiviert und andererseits durch Bosheit und Neid gegenüber den anscheinend erfolgreichen Chinesen. Ironischerweise wird China als „anders“ bewertet, weil es zu westlich erscheint: Es sind Chinas Ehrgeiz, Wachstum, seine Fortschritte – Dinge, die ein selbstbewussterer Westen früher begrüßt hätte –, die aber westlichen Beobachtern nun fremdartig vorkommen. Sie messen lieber CO2-Konzentrationen in der Luft, anstatt Fabriken zu bauen, und bauen lieber Mautstellen statt Straßen.

Es ist dieser weitreichende Konsens, dass China gefährlich und zugleich todkrank sei, der das Thema Tibet für westliche Beobachter so interessant macht. Sowohl linke als auch rechte Kräfte im Westen nutzen Tibet als Möglichkeit, um auf China Druck auszuüben. Die Tibeter müssen daher als Projektionsfläche für allerlei politische Motivationen herhalten: Für konservative Kommentatoren sind sie Freiheitskämpfer gegen den stalinistischen Giganten, ihre Proteste erinnern an die tschechische Revolution im Jahre 1989.10 Für grüne Aktivisten gilt Tibet als Symbol natürlicher und mystischer Reinheit und Sanftheit im Gegensatz zum ungezügelt konsumorientierten westlichen und chinesischen Lebensstil. Wie ein Autor hervorhebt, bietet die tibetische Kultur „kraftvolle, unverdorbene und schlüssige Alternativen zum egoistischen westlichen Lifestyle und dem immer sinnloseren Verfolgen materieller Interessen“.11 Vielfältige politische Fraktionen im Westen nutzen die Tibetfrage, um ihre eigenen Einwände gegen ein modernes China zu formulieren. Sie unterstützen die tibetischen Unruhen nicht, weil sie die Tibeter befreien wollen, sondern in der Hoffnung, dass die Proteste ihrer persönlichen Abneigung gegen China eine real-existierende Stimme verleihen.

Es hat unter westlichen Politikern und Aktivisten Tradition, Tibet als Druckmittel gegen China zu benutzen. In dem faszinierenden Buch Prisoners of Shangri-La: Tibetan Buddhism and the West zeigt Donald S. Lopez jr., wie laut westlicher Vorstellung „der Einmarsch in Tibet als Invasion einer undifferenzierten Masse gottloser Kommunisten dargestellt wurde und wird, die ein friedliches Land überrennen, das sich einzig himmlischen Zielen widmet … Tibet verkörpert das Geistige und das Überlieferte, China das Materialistische und Moderne. Tibeter sind Übermenschen, Chinesen Untermenschen.“12 Auch heute betrachten pro-tibetische Aktivisten die Chinesen oft als Untermenschen. In der Tat kann der allumfassende Konsens über China die alte Taktik der Dämonisierung Chinas gut verwenden. Ein Poster der Aktivistengruppe „Free Tibet“ zeigt die Tibeter als gelassen und friedlich und Chinesen als Qualm produzierende Modernisierer mit überdeutlichen Schlitzaugen und großen Zähnen.13 Man muss kein Freund des chinesischen Regimes sein, um zu erkennen, dass diejenigen, die Unruhen bei der Vorbereitung auf Olympia unterstützen, indem sie Tibeter und andere ermutigen, China im Alltag zu provozieren, während der Westen sich auf Worte und Propaganda beschränkt, ein gefährliches Spiel spielen. Die größten Verlierer dieses Spiels werden wahrscheinlich die Tibeter sein: Sie werden Freiheit und Gleichheit nicht dadurch gewinnen, indem man sie in demonstrierende Marionetten für die Interessen eines sinophoben Westens verwandelt.