23.03.2010

Fauna, Flora, Volkswirtschaft

Analyse von Michael Miersch

Kann die Artenvielfalt gerettet werden? Während eine Weltkonferenz in Bonn über die schwindende Vielfalt diskutiert, brennen die Tropenwälder, werden die Ozeane leer gefischt, und kein Mensch weiß, wie viele Arten es überhaupt gibt.

Das Quagga war eine braune, nur am Vorderkörper gestreifte Unterart des Steppenzebras. Europäische Siedler im südlichen Afrika schossen so viele wie möglich davon ab, weil sie Nahrungskonkurrenten ihrer Rinder waren. Manchmal auch nur zum sportlichen Vergnügen. Aus den Häuten ließen sie ihre Arbeiter Getreidesäcke nähen. 1870 waren die Quaggas in Afrika ausgerottet. 1883 starb das letzte Zootier in Amsterdam. Heute gibt es noch 23 präparierte Exemplare in Museen. Die Ausrottung hat eigentlich niemandem geschadet. Südafrika ist das reichste und mächtigste Land südlich der Sahara. Der Tourismus floriert auch ohne Quagga. Warum sind wilde Tiere und Pflanzen überhaupt wichtig? Was würde passieren, wenn das Sumatra-Nashorn aus dem Dschungel Südostasiens verschwindet? Wahrscheinlich nichts. Zwar gibt es Lehrbuchbeispiele, wo der Verlust der einen Art den Tod anderer Arten nach sich zieht (etwa von Pflanzen, die nur von dem verschwundenen Tier bestäubt wurden). Aber so extrem spezialisiert sind die meisten Organismen nicht. Schließlich starben im Laufe der Evolution 99 Prozent aller jemals existierenden Arten aus, lange bevor der erste Mensch auf die Jagd ging. Seit es Leben auf der Erde gibt, kam es zu fünf großen Massensterben. Beim letzten, vor 65 Millionen Jahren, verschwanden die Saurier.

Ende des 20. Jahrhunderts wurden wirtschaftliche Argumente für den Naturschutz populär. Womöglich ist der Regenwald die größte Apotheke der Welt. Tatsächlich entdeckte man in Pflanzen und Tieren immer wieder medizinische Wirkstoffe. Große Pharmaunternehmen schickten Expeditionen in die Tropenwälder auf der Suche nach neuen Arzneien. Doch nur wenige Funde waren pharmazeutisch verwertbar. Molekulares Design am Computer erwies sich als wesentlich erfolgreicher. Auch die Landwirtschaft kommt mit geringer Artenvielfalt zurecht. Von den zirka 3000 möglichen Nahrungspflanzen kultivierten unsere Vorfahren 200. Nur drei davon sind die Haupternährer der Menschheit: Mais, Weizen und Reis. Von den 4630 Säugetierarten der Erde werden 14 landwirtschaftlich genutzt. Die ernüchternde Wahrheit lautet, dass die Menschheit das Sumatra-Nashorn weder für die Ernährung noch für Arzneien braucht und dass sein Verschwinden auch nicht das Ökosystem Regenwald zusammenbrechen ließe. So wenig, wie das Quagga für den Weiterbestand der südafrikanischen Savanne notwendig war.

Warum es also erhalten? Vielleicht gibt es gar keinen vernünftigen Grund dafür. Aber den Kölner Dom zu erhalten, ist auch nicht ökonomisch sinnvoll. Immerhin, wenn er morgen durch ein Erdbeben zerstört würde, könnte man ihn wenigstens nachbauen. Die Ausrottung des Nashorns ließe sich nicht rückgängig machen. Artenschutz rettet Unwiederbringliches. Das unterscheidet ihn von anderen Feldern des Umweltschutzes. Die Verschmutzung der Luft kann abgestellt werden, Flüsse gereinigt, Wälder neu anpflanzt – aber es gibt keinen Weg, eine verlorene Art zurückzuholen. Heute gibt es überall auf der Welt Menschen, die Nashörner ebenso wichtig finden wie Kathedralen oder Gemälde großer Künstler. Sie teilen ein Gefühl, für das der Philosoph Erich Fromm ein Wort prägte, das später der Soziobiologe Edward O. Wilson übernahm: „Biophilie“, Liebe zum Lebendigen. Religiös Veranlagte mögen es Respekt vor der Schöpfung nennen, Ungläubige Respekt vor der Komplexität des Lebens. Dieses Gefühl tritt hauptsächlich in reichen Gesellschaften auf, die die schlimmsten materiellen Nöte hinter sich gelassen haben. Nach Jahrtausenden der Angst vor der Natur und Jahrhunderten des Raubbaus steht die Menschheit vielleicht am Beginn einer biophilen Zivilisation. Einer Zivilisation, die wilde Tiere, Wälder und Wasserfälle nicht mehr allein als Ressource betrachtet, sondern als Bestandteil des Wohlbefindens und des Wissensschatzes der Menschen.

In Bonn tagt vom 19. bis 30. Mai die 9. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD). Die ca. 5000 Teilnehmer bilanzieren dort Fortschritte und Rückschläge im Artenschutz. Auf der CBD-Konferenz von Den Haag im Jahr 2002 hatten sie als Ziel formuliert, die gegenwärtige Verlustrate an biologischer Vielfalt bis zum Jahr 2010 signifikant zu reduzieren. Fraglich ist, ob seither praktische Fortschritte erzielt wurden oder es bei der guten Absicht geblieben ist. Die CBD wurde auf der Rio-Konferenz der Vereinten Nationen im Jahr 1992 beschlossen. 190 Staaten haben sie unterzeichnet. Ihre Ziele sind der Schutz der biologischen Vielfalt und die nachhaltige Nutzung von Lebensräumen, Arten und genetischen Ressourcen. Dabei geht es vorrangig um Zugangsregelungen und einen gerechten Ausgleich für die Gewinne, die aus der Nutzung entstehen. Wenn z.B. ein Pharmakonzern aus einer Tropenpflanze ein Medikament entwickelt oder ein Agrarunternehmen irgendwo in Afrika eine Kaffeesorte mit nützlichen Eigenschaften entdeckt, dann sollen die Herkunftsländer daran beteiligt werden. Dies ist nicht immer einfach, da Pflanzen und Tiere keine nationalen Grenzen respektieren. Daneben werden die Bonner Delegierten noch etliche andere Themen behandeln, darunter „Tourismus und Biodiversität“ und das Cartagena-Protokoll über biologische Sicherheit. Dieses Protokoll regelt den Handel und Transport gentechnisch veränderter Organismen. Sie dürfen nur mit dem Einverständnis des Ziellandes über die Grenzen gebracht werden.

Die CBD-Konferenz ist Teil eines weltweiten Netzes. Um den Erhalt wilder Tiere und Pflanzen kümmern sich mittlerweile Tausende Institutionen: Regierungen, Behörden, wissenschaftliche Institute, Stiftungen, Vereine und Privatpersonen. Die Dachorganisation, in der die meisten von ihnen versammelt sind, heißt IUCN und sitzt in der kleinen Gemeinde Gland am Genfer See. Heute nennt sich die Organisation World Conservation Union, die alte Abkürzung IUCN wurde jedoch beibehalten (sie steht für International Union for Conservation of Nature and Natural Ressources). Die IUCN gibt die Roten Listen heraus, die den Status einer Art in ein neunstufiges System von „ausgestorben“ bis „nicht gefährdet“ einordnen. Auch die Schutzgebiete der Welt ordnet die Organisation in sieben Kategorien ein. Ebenfalls in Gland liegt die Zentrale des WWF (World Wide Fund for Nature), der weltweit größten und wichtigsten Nichtregierungsorganisation, die sich dem Artenschutz widmet. Den WWF gibt es seit 1961. Zu den Gründern zählten viele reiche Unternehmer, Vertreter des Hochadels und passionierte Großwildjäger, die bemerkt hatten, wie die Wildtierbestände in aller Welt schwinden. Heute ist der WWF in 90 Ländern aktiv, und ca. fünf Mio. Unterstützer spenden über 120 Mio. US-Dollar pro Jahr.

Die Bedrohungen der Vielfalt haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts gewandelt. Während in früheren Jahrhunderten die übermäßige Jagd im Vordergrund stand, ist die Hauptursache für den Rückgang vieler Arten heute der Lebensraumverlust. Dabei geht es nicht so sehr um menschliche Siedlungen, Industriegebiete und Straßen, sondern um die riesigen Agrarflächen, die die Menschheit für ihre Ernährung benötigt. Besonders in den Entwicklungsländern frisst sich die Landwirtschaft immer tiefer in die letzten Wildgebiete hinein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die anhaltende Rodung der Tropenwälder und die Überfischung der Meere Hauptursachen des Artenschwundes. Über das Ausmaß der Verluste gibt es nur Schätzungen, denn wie viele Arten tatsächlich verloren gehen, ist unbekannt. Niemand weiß auch nur annähernd, wie viele Tier- und Pflanzenarten auf der Welt existieren. Der Wissenschaft bekannt sind bisher 1,75 Mio.,  wobei auch diese Zahl nicht sicher ist, weil noch immer nicht alle beschriebenen Spezies zwischen den verschiedenen Museen und Forschungsinstituten abgeglichen wurden. Es können also durchaus doppelte darunter sein. Auch die neuen Möglichkeiten der Genforschung wirbeln die Beschreibung vieler Arten durcheinander: Neue Spezies werden definiert, andere gestrichen.

Die mit großem Abstand meisten bekannten Arten sind die Insekten (etwa eine Mio.). Unter den Insekten weisen wiederum die Käfer die größte Vielfalt auf. „Er scheint eine übertriebene Vorliebe für Käfer zu haben“, antwortete der britische Biologe John Haldane, als er gefragt wurde, wie er sich Gott vorstellt. Fast 400.000 Käferarten wurden bisher beschrieben. Die Säugetiere umfassen nur zirka 5500 Arten, die Vögel 9800. Die meisten unbekannten Arten – zumindest auf dem Festland – sind vermutlich ebenfalls Insekten. Anfang der 80er-Jahre entdeckte der Insektenforscher Terry L. Erwin in den Kronen einiger Tropenbäume in Panama erstaunlich hohe Zahlen zuvor unbekannter kleiner Käfer. Nachdem dieser sensationelle Fund bekannt wurde, schätzten einige Biologen die Anzahl der unentdeckten Arten extrem hoch ein: Über 100 Mio. Arten könnten möglicherweise auf der Erde leben, hieß es damals. Heute sind die meisten Wissenschaftler von den äußerst hohen Schätzungen abgerückt und rechnen mit 10 bis 20 Mio.

Da man nicht weiß, wie viele Arten es gibt, liegt auch die Aussterberate im Dunkeln. Schon in der Vergangenheit sagten Experten ein gewaltiges, durch den Menschen verursachtes Artensterben voraus. Der Biologe und Bestsellerautor Norman Myers prophezeite, dass zwischen 1975 und 2000 eine Mio. Spezies verschwinden werden. Sein Kollege Paul Ehrlich behauptete, dass bis zum Jahr 2000 die Hälfte aller Arten verschwinden und es ab 2025 praktisch gar keine wildlebenden Tiere mehr auf der Welt geben wird. Die apokalyptischen Schätzungen haben einen wahren Kern: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben ständig Arten aus – nur kein Mensch kennt sie, denn es sind nicht die aus Zoos und Naturfilmen bekannten. Der chinesische Flussdelfin Baiji, den die IUCN 2007 als „vermutlich ausgestorben“ einstufte, war der erste Verlust eines großen Säugetiers seit über einem halben Jahrhundert. Zwar verschwanden seither einige regionale Unterarten (z.B. des Tigers), doch der letzte Fall einer komplett ausgelöschten Großtierart war die Karibische Mönchsrobbe, die 1952 letztmals gesehen wurde. Anders bei den Kleinlebewesen: Da in den Regenwaldgebieten im Norden Südamerikas, in Zentralafrika und Südostasien nach wie vor heftig gerodet wird, verschwinden dort höchstwahrscheinlich permanent kleine Käfer und andere Arten, die noch nie ein Biologe zu Gesicht bekam. Wie viele es genau sind, ist kaum festzustellen. Die Schätzungen schwanken zwischen unter einem Dutzend pro Jahr und mehreren Hundert am Tag. Die meistzitierte stammt von Edward O. Wilson, der annimmt, dass täglich 70 Arten verloren gehen. Beim Treffen der G8-Umweltminister im März 2007 in Potsdam wurde von Sigmar Gabriel eine noch pessimistischere Schätzung offiziell verkündet: 150 pro Tag. Doch der Öffentlichkeit wird dabei verschwiegen, dass es sich um Hochrechnungen von Hypothesen handelt.

Wie kommen solche Behauptungen zustande? Ausgehend von einer angenommenen sehr hohen Zahl unbekannter Insekten im Regenwald rechnet man diese auf eine grob geschätzte Waldverlustrate um. Dann kommt die 90/50-Regel aus der Inselökologie zum Zug. Werden 90 Prozent des Lebensraums auf einer Insel zerstört, verschwinden 50 Prozent der Arten. Doch was für Inseln gilt, muss nicht für die weiten Landflächen der Kontinente gelten, denn dort haben Tiere bessere Möglichkeiten auszuweichen. So wurde der atlantische Regenwald Südamerikas schon vor längerer Zeit zu über 90 Prozent gerodet – doch Biologen fanden keine Hinweise, dass dadurch Arten ausgestorben sind.

In den letzten Jahren wird immer häufiger der Klimawandel als Ursache für den Rückgang der Biodiversität genannt. Ein Bericht des Weltklimarats IPCC von 2007 behauptet, dass ein Fünftel aller Tier- und Pflanzenarten den Klimatod sterben werde. Andere Wissenschaftler, darunter der Zoologe und Naturschutzexperte Josef H. Reichholf, widersprechen dieser Prognose. „Weltweit wird wärmeres Klima sicherlich nicht zu einem großen Artensterben führen“, sagt er. „Die wirklich große Gefahr für die Lebensvielfalt ist die fortschreitende Vernichtung der tropischen Regenwälder.“ Zwei bekannte Befunde aus der Natur sprechen gegen die These vom Artensterben durch Klimaerwärmung und für Reichholfs Kritik. Erstens nimmt die Biodiversität von den Polen zum Äquator hin immer mehr zu. Je wärmer, desto reichhaltiger das Leben. Die geringste Artenvielfalt herrscht an den Polen und in der Kälte der Hochgebirge. Zweitens waren die Warmzeiten im Laufe der Erdgeschichte immer die artenreichsten, während in den Eiszeiten die Vielfalt der Tiere und Pflanzen zurückging.

Allerdings gibt es einen Aspekt der globalen Erwärmung, der die Existenz vieler Arten tatsächlich bedroht: die Förderung von Biosprit aus Gründen des Klimaschutzes. Weil Treibstoffe aus Raps, Schilfgras, Zuckerrohr oder Ölpalmen beim Verbrennen nur so viel Kohlendioxid freisetzen, wie die Pflanzen vorher gebunden hatten (also CO2-neutral sind), gelten sie als klimafreundlich. Doch die Fixierung der Umweltpolitik auf das Klima hat dazu geführt, dass die Nebenwirkungen des Anbaus verdrängt werden. Um die europäische Nachfrage nach Biotreibstoffen zu befriedigen, brennen Unternehmen in Indonesien und Malaysia die Regenwälder ab. Auf den riesigen Kahlflächen pflanzen sie Ölpalmen an. Hunderte seltener Arten verlieren dadurch ihren Lebensraum.

Die Bundesregierung und die EU-Kommission wollen mit einer „Nachhaltigkeitsverordnung“ sicherstellen, dass nur solche Biotreibstoffe gefördert werden, die aus nachhaltigem Anbau stammen. Auch darüber werden die 5000 Delegierten bei der großen Konferenz in Bonn beraten. „Wir müssen möglichst rasch zu international anerkannten Mindeststandards kommen“, sagt Sigmar Gabriel, „damit tatsächlich wirksam verhindert wird, dass für das richtige Ziel der Bioenergie-Ausweitung falsche Wege beschritten werden.“ Während Gabriel Mindeststandards für Biotreibstoffe einführen will, schwinden die Regenwälder in Indonesiens und Malaysias im Rekordtempo. Die Wälder Borneos, Sumatras, Javas, Sulawesis und der malaiischen Halbinsel zählen zu den artenreichsten der Erde. Auch heute noch entdecken Forscher dort ständig neue Pflanzen- und Tierspezies. Doch leider werden nirgendwo auf der Welt die restlichen Waldgebiete so schnell gerodet wie dort. Der Biosprit-Boom hat der Plantagenwirtschaft heftigen Auftrieb gegeben. Eines der Tiere, die dadurch für immer verloren gehen könnten, ist das Sumatra-Nashorn, die kleinste aller Nashornarten. Es existieren nur noch etwa 300 Exemplare dieser bräunlich behaarten Rhinozerosse. In menschlicher Obhut sind sie äußerst heikle Pfleglinge. Versuche, sie zu züchten, blieben bis auf zwei Ausnahmen erfolglos.

Die Flächen der Ölpalmenplantagen wuchsen schon vor dem Biodiesel-Boom Jahr für Jahr. Damals wurde das wertvolle Pflanzenöl lediglich zu Margarine, Waschmittel und Kosmetik verarbeitet. Die zusätzliche Nachfrage nach Treibstoff steigerte das Rodungstempo rapide. Malaysia und Indonesien planen eine jährliche Ausdehnung der Plantagen von bis zu zwölf Prozent. Bis zum Jahr 2020 will Malaysia auf über fünf Mio. Hektar Land Ölpalmen anbauen, Indonesien auf 16,5 Mio. Hektar. Die Zeit wird knapp für das Sumatra-Nashorn. Wie absurd die vermeintliche Klimarettung durch Biotreibstoffe ist, zeigt die Klimabilanz des Ölpalmenanbaus. Um weitere Plantagenflächen zu gewinnen, werden die letzten Torfmoorwälder gerodet. Dabei entweichen gigantische Mengen CO2 in die Atmosphäre. Zirka vier Prozent der globalen Treibhausgase stammen aus der Vernichtung indonesischer Torfwälder. Indonesien ist dadurch hinter den USA und China der drittgrößte Treibhausgasverursacher der Welt. Dazu kommen die Emissionen durch Brandrodung. Immer wieder werden riesige Waldflächen abgefackelt und dadurch viele Millionen Tonnen CO2 freigesetzt.

Jenseits aller Spekulation um das Klima und hypothetische Aussterbezahlen bleibt unbestritten, dass der Einfluss von 6,6 Mrd. Menschen die Natur immer mehr an den Rand drängt. Von den bekannten Tier- und Pflanzenarten sind nach Angaben der Weltnaturschutzunion IUCN (2007) weltweit 16.306 bedroht. Seit dem 16. Jahrhundert starben – größtenteils durch menschlichen Einfluss – 785 Arten aus, von deren Existenz man weiß. Der historische Höhepunkt der Ausrottungen lag im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Damals diente die Artenvielfalt als Warenhaus, in dem man sich kostenlos bedienen durfte: Öl, Fett, Häute, Felle, Dünger, Fleisch, Arzneien, Werkstoffe. Gewaltige Flotten verfolgten Wale, Robben und Seevögel und schlachteten sie zu Tausenden ab. Ihr Fett war der Schmierstoff und das Lampenöl der industriellen Revolution. Gleichzeitig massakrierten Großwildjäger die Steppentiere Nordamerikas, Asiens und Afrikas.

Das ist vorüber, doch auch im 21. Jahrhundert werden Tropenwälder gerodet und die Fischbestände der Ozeane heftiger geplündert denn je. Zwar tun die Länder Europas und Nordamerikas heute viel für den Erhalt ihrer schönen Landschaften und Wildtiere. Sie richten Reservate ein, betreiben nachhaltige Forstwirtschaft und erlassen Schutzgesetze für Flora und Fauna. Auf den Ozeanen dagegen ist es noch nicht weit her mit der Nachhaltigkeit. Dort beuten die Flotten der Industrienationen und Schwellenländer die Fischbestände aus. Ökonomen führen die anhaltende Plünderung der Meere auf fehlende Eigentumsrechte zurück. Sie nennen es das „Allmende-Dilemma“. Früher gab es in vielen Dörfern Allmenden, Gemeinschaftsweiden, die allen und keinem gehörten. Alle Bauern des Dorfs durften ihr Vieh dort grasen lassen. Doch Rinder, Schafe und Ziegen konnten oftmals kaum ein Hälmchen finden, weil jeder möglichst viele Tiere dorthin trieb aus Angst, ansonsten zu wenig vom Gemeinschaftsgut abzubekommen. Diese psychologische Falle ging als „Allmende-Dilemma“ in die ökonomische Fachliteratur ein. Auf dem offenen Meer herrscht eine vergleichbare Situation: Was das norwegische Schiff nicht fängt, holt sich das japanische und umgekehrt.

Auch die Nutzung der Tropenwälder steckt in einer ökonomischen Zwickmühle. Plantagen, Felder und Viehweiden, die auf dem gerodeten Flächen entstehen, bringen weitaus mehr ein als der Erhalt des Waldes, auch mehr als eine forstliche Dauernutzung. Die brennenden Regenwälder Südostasiens zeigen dieses Dilemma sehr deutlich. Schwierigerweise existiert die größte Artenvielfalt dort, wo die Menschen am ärmsten sind. Sie roden Wälder und jagen Wildtiere, um zu überleben. „Der wichtigste Grund für den Verlust an Biodiversität und Arten“, schrieb der Umweltökomom Michael Norton-Griffiths, „liegt in der Ökonomie der Landnutzung. Ungenutzte Flächen können mit genutzten nicht konkurrieren.“ Dass zahlreiche „Dienstleitungen“ einer intakten Natur gratis in Anspruch genommen werden, setzt ein falsches ökonomisches Signal. Wälder filtern Trinkwasser, Insekten bestäuben Nutzpflanzen, Gras ernährt Rinder und Schafe. Doch all das schlägt nirgends zu Buche. Würde man die dadurch geschaffen Werte summieren, kämen viele Milliarden Euro dabei heraus. Doch außer Holz und Fisch taucht kaum ein Naturservice in den ökonomischen Bilanzen der Staaten auf. In Bonn wollen die Delegierten neue Ansätze diskutieren, wie das geändert werden kann, etwa durch Abgaben für die Nutzung von Umweltgütern.

Schon heute ist der Artenschutz dort am erfolgreichsten, wo der Erhalt der Natur mehr einbringt als ihre Zerstörung. Eines der wichtigsten Instrumente dafür ist die Tourismuswirtschaft. Wo Urlauber Geld bezahlen, um Tiere oder schöne Landschaften zu sehen, funktioniert die Bewahrung am besten. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Schutzgebiete der Welt sich seit 1962 verzehnfacht hat. Es sind heute über 100.000, die etwa zwölf Prozent der Landfläche des Planeten umfassen. In den 60er-Jahren stieg der Wohlstand in Europa und Nordamerika so an, dass sich erstmals viele Menschen Fernreisen leisten konnten. Dadurch lohnte es sich für Entwicklungsländer, Wälder und Steppen für Wildtiere zu reservieren, anstatt sie in Ackerland oder Viehweiden umzuwandeln. Ohne zahlende Besucher wäre die Serengeti wahrscheinlich tatsächlich gestorben. Schade eigentlich, dass die CBD-Konferenz in Bonn stattfindet. Viele bedrohte Naturschönheiten der Erde könnten 5000 zahlende Touristen gut gebrauchen.