01.03.2008

Wie ich aufhörte, mich zu sorgen, und begann, Fett zu lieben

Kommentar von Thilo Spahl

Über die Kunst, nicht dick zu werden, und das Recht, dick zu bleiben.

Gary Taubes ist kein Diät-Guru, sondern einer der erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der USA, der bereits dreimal den „Science in Society Journalism Award“ des Nationalen Verbandes der amerikanischen Wissenschaftsautoren gewonnen hat. Doch vor fünf Jahren hat er sich Feinde gemacht. Damals erschien im New York Times Magazine sein Aufsatz „What if It’s All Been a Big Fat Lie?“, in dem er argumentierte, es gebe keinen Grund für eine fettarme Ernährung, da die „Low-Fat“-Bewegung wahrscheinlich entscheidend zur wachsenden Zahl übergewichtiger Menschen beitrage. (1) Auch wegen der harschen Angriffe entschied sich Taubes, an dem Thema intensiv weiterzuarbeiten. In sechs Jahren befragte er über 600 Experten, um dann ein Buch vorzulegen, das die theoretische und empirische Basis des weltweiten Kampfes gegen Fett infrage stellt, der von Ulla Schmidt bis George W. Bush fast alle Politiker und das sie beratende Heer der „Public-Health“-Experten zu einen scheint.

In seinem Buch Good Calories, Bad Calories. Challenging the Conventional Wisdom on Diet, Weight Control, and Disease zeichnet Taubes die letzten 150 Jahre Ernährungsforschung und die daraus abgeleiteten Empfehlungen für die Bevölkerung nach. Besonders unter die Lupe nimmt er jene Entwicklungen, die in den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts dazu führten, dass die bis dahin geltende und den Älteren unter uns noch wohlbekannte Lehrmeinung, vor allem Süßkram und zu viele Kohlenhydrate führten zu Übergewicht, gekippt und durch das neue „Low-Fat“-Dogma ersetzt wurde. Im ersten Abschnitt des Buches, überschrieben mit „Die Fett-Cholesterin-Hypothese“, beschreibt Taubes, wie es dazu kam, dass sich trotz dürftiger Belege die Meinung etablierte, Herz-Kreislauf-Krankheiten würden durch zu fette Ernährung und dadurch erhöhte Cholesterinkonzentrationen im Blut verursacht. Der zweite Abschnitt widmet sich der „Kohlenhydrat-Hypothese“. Konzentrierte Kohlenhydrate in rauen Mengen sind für Taubes das wesentliche Charakteristikum der heutigen westlichen Ernährungsweise und damit der wichtigste Verdächtige, wenn es darum geht, nach Ursachen für die Zivilisationskrankheiten Adipositas, Diabetes, aber auch Krebs und Alzheimer zu suchen. Taubes zeigt auf, wie in über 100 Jahren Forschung eine große Beweislast aufgebaut worden ist, die insbesondere im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts jedoch marginalisiert wurde und erst seit wenigen Jahren wieder mit neuen Erkenntnissen weiter verfolgt und gefestigt wird.
Der dritte Abschnitt schließlich widmet sich dem Thema Übergewicht, wie es entsteht und welche Chancen bestehen, es wieder loszuwerden. Taubes nimmt sich die wissenschaftlichen Studien vor, mit denen die Effektivität von Diäten untersucht wurde. Sein Resümee ist eindeutig: Der Königsweg zu einem dauerhaften Gewichtsverlust ist nicht, insgesamt weniger zu essen und mehr Sport zu treiben, sondern gezielt auf Kohlenhydrate zu verzichten, und zwar insbesondere „auf Zucker, Mehl, weißen Reis und vielleicht Bier“. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Fruchtzucker (Fructose) zu, der heute in einer Vielzahl von Softdrinks, von Cola bis zum naturbelassenen Apfel- oder Orangensaft, aber auch in Fertiggerichten aller Art enthalten ist. (2) Allein in den USA war der Verzehr von fructosehaltigem Mais-Sirup in den letzten beiden Jahrzehnten um mehr als 1000 Prozent angestiegen. (3) Im gleichen Zeitraum ist der Anteil an Fett in der Ernährung der US-Bürgern von 45 Prozent auf 35 Prozent gefallen. Gleichzeitig wurde jene Entwicklung beobachtet, die oft als Adipositas-Epidemie bezeichnet wird. Während der Anteil stark Übergewichtiger bis Mitte der 80er-Jahre bei 12 bis 14 Prozent lag, stieg er seitdem auf heute über 30 Prozent an.

Taubes stellt einige scheinbare Selbstverständlichkeiten infrage. Die wissenschaftliche Kernthese findet sich aufs Äußerste verkürzt im Titel des Buches: Gute Kalorien, schlechte Kalorien. Es ist nicht einfach die Zahl der Kalorien, die entscheidet, ob man dick oder dünn ist. Die verschiedenen Nahrungsbestandteile unterscheiden sich nicht nur in ihrem Energiegehalt, sondern werden auf verschiedene Art und Weise vom Körper verarbeitet und haben verschiedene Wirkungen auf dessen Regulationsmechanismen. Taubes plädiert dafür zu akzeptieren, dass der Mensch ein biologisches Wesen ist und dass somit das Mantra fast aller „Übergewichtsexperten“ falsch gedacht ist. Es lautet: Wer abnehmen will, muss schlicht mehr Kalorien verbrennen, als er durch Essen zu sich nimmt. Simpel, plausibel, scheinbar unanzweifelbar. Aber falsch! Warum?

Selbstverständlich gelten für Lebwesen auch die Gesetze der Physik und damit der Energieerhaltungssatz. Zwar verliert unser Körper an Gewicht, wenn er mehr Kalorien verbrennt, als er aufnimmt, und umgekehrt. Er tut es aber nach seinen eigenen Gesetzen. Unser Stoffwechsel ist ein komplexes, durch eine Vielzahl von Hormonen gesteuertes System, das sich selbst reguliert. Daher gibt es Dünne, die wie Scheunendrescher futtern und trotzdem dünn bleiben, und Dicke, die den ganzen Tag mit knurrendem Magen Kalorien zählen und dennoch dick bleiben bzw. ein paar verlorene Pfunde schnell wiedergewinnen. Ein Dünner schafft es nur mit äußerstem Fresseinsatz, dick, ein Dicker meist nur unter schwersten Entbehrungen, dünn zu werden, da sich ihre Körper hartnäckig dagegen wehren, ihre Energiereserven abzubauen. Und die Aufgabe der Medizin ist es zu verstehen, wie der Körper des Einzelnen sich auf ein Gewicht einstellt und dieses in aller Regel trotz aller Schwankungen bei der Kalorienzufuhr hält. Taubes trägt die Erkenntnisse über Fettspeicherung und Fettstoffwechsel zusammen und zeigt auf, weshalb das Fett, das wir in der Nahrung aufnehmen, mit dem Fett, das wir ansetzen, denkbar wenig zu tun hat.
Das Erschreckende an dem Buch ist zu sehen, wie auf wahrlich tönernen Füßen ein riesiger Apparat an Wissenschaftlern und Ernährungsberatern entstanden ist, die entgegen aller Evidenz und trotz der offensichtlichen Nutzlosigkeit ihrer Rezepte an ihrem Glauben festhalten und dabei die öffentliche Meinung so nachhaltig geprägt haben, dass kaum ein Widerwort möglich ist.

In seinem Beitrag „Adipositas in Form gebracht. Vier Problemwahrnehmungen“ im Buch Kreuzzug gegen Fette formuliert es der Soziologe Friedrich Schorb von der Universität Bremen auf Seite 65 so: „Die Argumentation ähnelt … strukturell der Debatte um die demographische Entwicklung oder das Weltklima. Wer auf Partikularinteressen Rücksicht nimmt, Zweifel an Zahlen, Prognosen oder Analysen äußert, riskiert, verantwortlich gemacht zu werden: verantwortlich für die Unansehnlichkeit und Widernatürlichkeit des dann dominierenden Homo Adipositas, für den Rückgang der Lebenserwartung und den finanziellen Kollaps sozialer Sicherungssysteme.“
Bezeichnend für ein weit verbreitetes, wissenschaftlich dürftig fundiertes, aber nichtsdestotrotz autoritär intolerantes Sendungsbewusstsein ist etwa die Position der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die in einer in besagtem Buch auf Seite 11 zitierten Pressemitteilung vom Juni 2007 mit Blick auf abweichende Meinungen verlautbarte: „Widersprüchliche Berichte über die Ursachen dieser Entwicklung [gemeint ist die steigende Prävalenz von Übergewicht und Adipositas; Anm. d. A.] mögen zwar unterhaltsam sein, bestärken aber die Menschen darin, ihre Essentscheidungen und ihr Bewegungsverhalten auch weiterhin aus dem Bauch heraus mit den bekannten Folgen für den Bauchumfang zu treffen.“
Es ist das Verdienst der Autoren in dem Sammelband Kreuzzug gegen Fette, gegen dieses Meinungsdiktat jener Experten, die laut Taubes auf der ganzen Linie versagt haben, anzuschreiben. Die verschiedenen Beiträge beschäftigen sich aus soziologischer Sicht mit dem Problem der sogenannten „Adipositas-Epidemie“ und gehen insbesondere der Frage nach, weshalb Übergewicht in solch hohem Maße politisiert worden ist und welche Probleme der große Kampf gegen fettes Essen und die Diskriminierungskampagnen gegen fette Mitbürger mit sich bringen.