21.02.2013

Au wei, au wei!

Analyse von Bernd Muggenthaler

Der Hype um den chinesischen Künstler und „Freiheitskämpfer“ Ai Weiwei reißt nicht ab. Warum eigentlich? Im Rummel um diesen Kunstclown spiegelt sich die westliche Angst vor dem Aufstieg Chinas

Ein unermüdlicher Kämpfer für die Menschenrechte, genialer Architekt des „Vogelnests“, der Olympia 2008 in Beijing prägte, kurz und gut, der wichtigste Kunstaktivist der Welt. So jedenfalls wird Ai Weiwei in den meisten westlichen Medien präsentiert und die Dokumentation Ai Weiwei Never Sorry des Amerikaners Alison Klayman setzt in der allgemeinen Jubelwelle nur einen weiteren Höhepunkt. Begeistert wurde der Film auf der Berlinale als eine herausragende Dokumentation gefeiert, beschreibt sie doch direkt die Wurzeln von Ai Weiweis unangepasstem und zugleich inspirierendem Wesen. Er scheint nicht nur gewitzter Provokateur und Twitter-Virtuose, sondern auch Popstar und ästhetischer Feingeist in Personalunion zu sein, einer, der sich mittlerweile als eine eigene Marke für freiheitliches Denken versteht. Bei so vielen Superlativen kann einem schon mal der Atem stocken und vor lauter Bewunderung zumindest temporär die kritische Vernunft versagen.

„Staatsfeind“ mit goldenem Mercedes und Polizeieskorte

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Ai Weiwei in eine Unternehmung involviert war, die zumindest höchst zweifelhaft war, mit Sicherheit aber mit dem allseits präsenten Bild eines selbstlosen Freiheitskämpfers wenig gemein hat: das Projekt „Ordos 100“, über das im Jahr 2008 nahezu alle großen Architekturzeitschriften der Welt berichteten. Dabei handelte es sich um eine Flächenstadt mit einem Ausmaß von ca. 87 Quadratkilometern in einem ansonsten unbesiedelten Wüsten- und Steppengebiet der inneren Mongolei, welche zu China gehört. „Ordos 100“ (chinesisch: Erduosi) war die Idee des Multimillionärs Cai Jiang, der sein Vermögen als Großzulieferer des mongolischen Molkereigiganten Meng Niu machte, welcher wiederum in den Melamin-Milchskandal verwickelt war, der mehrere Kleinkindern das Leben bzw. die Gesundheit kostete. Cai Jiangs aus heutiger Sicht größenwahnsinnige Idee bestand darin, mitten in der Steppe von Ordos ein Kunstmuseum und darum herum hundert generös gestaltete Villen zu errichten, Indoorpools und Dienstbotenquartiere inklusive. Die bekannten Schweizer Architekten Herzog & de Meuron wurden mit der Planung beauftragt, als Projektkurator wurde, man höre und staune, Ai Weiwei verpflichtet, der letztendlich den Masterplan für die neue Luxussiedlung erstellte. Er selbst war es auch, der die insgesamt 100 Architekten einlud, von denen jeder wiederum genau eine Villa bauen sollte. Bemerkenswerterweise stammte ein Großteil der Firmen, die Ai Weiwei beauftragte, aus den USA und der Schweiz und keine einzige aus China. Seine bevorzugte Verbindung zur Schweiz ist schnell erklärt. So war es der Kunstsammler und frühere Schweizer Botschafter Uli Sigg, der neben anderen chinesischen Underground-Künstlern eben auch Ai Weiwei entdeckte und förderte. Dem Luzerner Galeristen Urs Meile wiederum hat er zu verdanken, dass er in Europa Fuß fassen konnte und zu dem aufgebaut wurde, was er heute ist.
Doch zurück zu „Ordos 100“: Vor Ort wurden die eingeladenen Architekten fürstlich in goldfarbenen Mercedesbussen chauffiert, Polizeieskorte und Regierungsvertreter inklusive. Die chinesische Regierung hatte also rein gar nichts gegen das Prestigeprojekt einzuwenden, ja, sie unterstützte und protegierte es sogar. Ein Foto zeigt Ai Weiwei inmitten des Architekturparks eingerahmt von Regierungsvertretern, ganz offensichtlich in bester Laune.

Der Financier Cai Jiang indes verteilte am letzten Tag der Veranstaltung an die angereisten Architektenvertreter dicke Geldumschläge. Sie enthielten zwischen 12.500 und 14.300 US-Dollar und sollten so etwas wie eine Auftragserteilung symbolisieren. Cai plante, das investierte Geld durch den Verkauf der Villen wieder hereinzuholen, wobei ihm ein Preis von rund 1,5 Millionen US-Dollar pro Objekt vorschwebte. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass die am Bau beteiligten Arbeiter ungefähr 800 Yuan im Monat verdienten, was umgerechnet etwa 80 Euro entspricht.
„Ordos 100“ wurde nie fertiggestellt. Heute erinnern lediglich ein paar Ruinen in der Steppe an das fragwürdige Projekt, dem Flugsand und dem Verfall preisgegeben. Der Financier Cai Jiang gilt seit 2009 als verschwunden. In diesem Kontext stellt sich die Frage, wieso Ai Weiwei ein Staatsfeind sein soll, wo er doch offensichtlich über lange Zeit bestens mit dessen Vertretern kooperierte und das auch noch bei mehr als fragwürdigen Projekten.

Galionsfigur der Freiheitsbewegung – aber nur im Westen

Das vergangene Jahr wiederum zeigt sehr gut, wie weit Ai Weiweis Nimbus hierzulande schon fortgeschritten ist. Ohne die genauen Umstände und Anschuldigungen zu kennen, wegen denen Ai Weiwei im April 2011 verhaftet wurde, ging ein Aufschrei durch die westlichen Medien. Politiker aller Couleur verlangten umgehend seine Freilassung, die diplomatischen Beziehungen waren aufs Äußerste gespannt. Dabei war der Vorwurf von Seiten der chinesischen Behörden klar formuliert: Ai Weiwei hatte Steuern in Höhe von über einer Million Euro hinterzogen, was auch hierzulande nicht gerade ein Kavaliersdelikt ist. Der Künstler gestand und bis heute gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass das Vergehen nur ein erfundener Vorwand der chinesischen Regierung gewesen sein soll. Ganze zweieinhalb Monate verbüßte Ai Weiwei dafür in Haft und wurde danach, wie seine Schwester Gao Ge berichtete, bei bester Gesundheit gegen Kaution freigelassen. Das klingt eigentlich eher nach kulanter Jurisprudenz als nach menschenverachtender Diktatur, wo man für gewöhnlich für wesentlich weniger schon mal sehr viel länger einsitzt. Den Protesten im Westen tat das jedenfalls keinen Abbruch.

Ebenso merkwürdig erscheint es, dass offenbar niemand die hierzulande immer wieder gerne zitierte Behauptung überprüfte, Ai Weiwei wäre in seiner Heimat mit einem Ausstellungsverbot belegt. Noch im September 2009 wurde er in der Pekinger Galerie Faurschou mit einer Einzelausstellung geehrt und zeigte sich dabei äußerst entspannt und aufgeräumt inmitten seiner internationalen Verehrer. Dass Ai Weiwei in China selbst so gut wie nie ausstellt, liegt eher daran, dass er in seiner Heimat nahezu ein Unbekannter ist und vom Großteil der Bevölkerung eher als befremdlicher Kauz wahrgenommen wird. Dies ist eigentlich merkwürdig für eine Galionsfigur einer Freiheitsbewegung, der nichts wichtiger scheint, als die Befreiung von über einer Milliarde geknechteter Chinesen.

Zu erklären ist dieses scheinbare Paradox nur damit, dass sich offensichtlich die meisten Chinesen so reglementiert gar nicht fühlen, sondern wachsende Freiheiten, Fortschritt und Entwicklung in ihrem Land als Chance auf ein besseres Leben sehen. Auch die angeblich so stringente Zensur entpuppt sich in der Realität eher als Farce. Zwar wird von Seiten der Behörden immer wieder versucht, bestimmte Verbindungen zu sperren, in der Praxis lässt sich das aber mit einem Auto-Proxy, der auch in den meisten Internetcafés vorinstalliert ist, spielend leicht umgehen. Ai Weiwei selbst meinte sogar einmal: „Für das, was ich an einem einzigen Tag auf Twitter veröffentliche, hätte mein Vater zwanzig Jahre Lagerhaft bekommen.“

Dekadenter und perspektivloser Lebensstil

Doch betrachten wir Ai Weiweis „Kunst“ einmal genauer. An dieser Stelle sei vielleicht die Frage erlaubt, was an ein paar Säcken, gefüllt mit Sonnenblumenkernen aus Porzellan, die er von armen Dorfbewohnern mit bleihaltiger Farbe bemalen ließ, systemzersetzend sein soll, dies gilt ebenso für die großen Löcher, die er in ein paar Schränke sägen ließ. Was bleibt eigentlich von Ai Weiweis Kunst, wenn man den Anteil des „Regimekritischen“ einmal abzieht? Wie sieht Ai Weiweis Vision für eine bessere Welt eigentlich aus? Villen für die Reichen und 80 Euro im Monat für die Arbeiter? Ein Blick in seine Vergangenheit mag hierbei ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Es ist die Vergangenheit eines Mannes, der unvergessliche Werke schuf, indem er seinen nackten, fetten Oberkörper mit dem Wort „Fuck“ präsentierte, oder ebenso nackt, nur mit einem Stofftier vor seinem Geschlechtsteil, in die Luft sprang. Nicht zu vergessen das Foto, das ihn dabei zeigt, wie er eine 2000 Jahre alte Vase aus der Han-Dynastie fallen lässt. Andere wertvolle Vasen aus der Ming-Dynastie beschmierte er mit dem Coca Cola-Schriftzug. Eine Aktion gegen das Regime, oder vielmehr eine primitive antichinesische Haltung, die sich gegen die Kultur und vielleicht sogar die chinesischen Bürger selbst richtet?

Um sich dem Phänomen Ai Weiwei zu nähern, macht es durchaus Sinn, dem Offensichtlichen die gebührende Beachtung zu schenken. Beispielsweise seinem Namen: Der bedeutet übersetzt eigentlich „nichts“, „noch gar nicht“ oder „überhaupt nichts“, wobei „Weiwei“ einer doppelten Negation entspricht. Der Künstler selbst hat damit nicht nur kein Problem, sondern zeigt sich sogar ganz im Gegenteil hoch erfreut: „Der Name passt“, wird Ai Weiwei im Schweizer Kulturmagazin Du zitiert und weiter: „ Ich bin weder stolz darauf, Chinese zu sein, noch darauf Mensch zu sein. Ich habe keine Vergangenheit und keine Zukunft.“ Das klingt philosophisch schwergewichtig, hat aber relativ triviale Ursachen, wenn man sich die Mühe macht, seinen Lebensweg ein wenig auszuleuchten.
Seine Lehr- und Wanderjahre in den USA verbringt er hauptsächlich mit Gelegenheitsjobs in Fabriken, dem Schwarzhandel mit Kameras und dem Blackjack-Spiel in Atlantic City. Ein Studium der Kunstgeschichte bricht er, wie er sagt, „aus Desinteresse“ ab. Nun, das haben andere Künstler auch schon getan, aber hauptsächlich aus dem Grund, weil sie ihr Talent eher in der aktiven, künstlerischen Arbeit sahen und nicht in der akademischen Wissenschaft. Anstatt nun den Beginn einer künstlerischen Entwicklung zu starten, hängt Ai Weiwei nach eigenem Bekunden „zwölf Jahre lang herum wie ein Idiot“, frei nach dem Motto: „Ich habe eine Hoffnung für mich, und das ist ein schönes Schläfchen.“ Als Liebhaber fernöstlicher Philosophien mag man das als Daoismus in Reinkultur glorifizieren, andere würden einen solchen Lebensstil eher als dekadent und perspektivlos beschreiben.

Projektionsfläche westlicher China-Angst

Sein direktes Umfeld bezeichnet Ai Weiwei nicht unbedingt als auffällig talentiert und man müsste über ihn auch kein Wort verlieren, wäre er eben nicht zum bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler hochgejazzt worden, dessen Kunst hauptsächlich darin besteht, zu provozieren, vorzugsweise das chinesische Regime, und das gelingt ihm mit einer verblüffenden Einfachheit.
Als 2008 ein schweres Erdbeben Sichuan traf, machte er sich nicht etwa die Mühe, zu dem Thema eine Skulptur oder eine Installation anzufertigen, sondern raunte nur etwas von „Pfusch am Bau“ in die Kameras, um schließlich 5000 Kinderrucksäcke im Münchner Haus der Kunst auszustellen, die die toten Kindern aus der Schule in der Erdbebenprovinz symbolisieren sollten, als Mahnmal quasi. Fragt sich nur, als Mahnmal wogegen? Gegen die Naturgewalten? Das Erdbeben in Sichuan hatte eine Stärke von 7,9 auf der Richterskala und zählt damit zu den stärksten, die je gemessen wurden. Unglücklicherweise traf es ausgerechnet eine der bevölkerungsreichsten Regionen Chinas, wobei insgesamt mehr als fünf Millionen Gebäude dem Erdboden gleich gemacht wurden. Selbst eine solide „deutsche“ Ziegelbauweise wäre unter dem immensen Beben wie ein Papierhaus zusammengefallen.

Aber solche Fakten kümmern die internationale Fangemeinde offenbar wenig, auch nicht, dass auf dem Rücken von Toten eine ziemlich unappetitliche und primitive PR inszeniert wird, die weder den Menschen in China etwas nützt, geschweige denn ein künstlerisches Erlebnis offenbart. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass das aufstrebende China den Westen regelrecht in Panik versetzt und jedes Mittel recht scheint, das Land und seine Regierung zu diskreditieren und sich damit selbst moralisch zu überhöhen. Leistungsbereitschaft und Fortschrittsbegeisterung, wie es hunderte Millionen Chinesen täglich vorleben, erscheinen dem Westen eher als eine Bedrohung denn als Chance und so jubelt man dankbar einem Kunstclown zu, dessen einziges Werk darin besteht, Ressentiments und Klischees zu verbreiten.

Die Berliner Kunstakademie will Ai Weiwei übrigens unbedingt für eine Gastprofessur gewinnen und es sieht so aus, dass er sie wahrnehmen wird. Bleibt die Frage, was er seinen zukünftigen Studenten beibringen will.